Wilhelmy | Weißes Harz | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 296 Seiten

Wilhelmy Weißes Harz

Roman
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-8438-0762-3
Verlag: marix Verlag ein Imprint von Verlagshaus Römerweg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 296 Seiten

ISBN: 978-3-8438-0762-3
Verlag: marix Verlag ein Imprint von Verlagshaus Römerweg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Im Norden Kanadas wächst das Mädchen Daã in grenzenloser Freiheit auf. Die 24 Nonnen des Konvents, in dem es geboren wurde, sind einst vor Elend und Missbrauch geflohen und schätzen nichts mehr als Eigenständigkeit. Daã darf sich voll entfalten, streunt täglich durch die Taiga, lernt die Sprache der Natur und entwickelt sich zu einer unabhängigen und selbstgenügsamen jungen Frau. Als ein Geistlicher ihre Vormundschaft übernehmen soll, bricht sie auf, um als Nomadin jahrelang allein durch die Wildnis zu ziehen - bis sie dem jungen Arzt Laure verletzt vor die Füße fällt. Laure, aufgewachsen zwischen Armut und Hunger in den Hütten der Kohle Co. und als Albino ein ewiger Außenseiter, pflegt die fremde Waldfrau. Trotz aller Gegensätze beginnen sie eine Beziehung, in der Daã sich ihre Identität bewahren kann. Selbst als sie ins Dorf ziehen, wo Laure eine Praxis übernimmt, und gemeinsame Kinder bekommen, verlangt er von ihr nicht, sich an die herrschenden Rollenbilder anzupassen. Bald wird Daã von den dortigen Frauen als Vertraute und Helferin geschätzt. Doch zu erfahren, welche Gewalt die Zivilisation Menschen antut, löst Wut in ihr aus. Ihren Kindern wünscht sie ein ungebundenes, wildes und selbstbestimmtes Leben, fern vom Unglück gesellschaftlicher Anpassung. Und so trifft sie eine Entscheidung, die schwerwiegende Folgen hat. Handlungsstark und voll schöpferischer Fantasie erzählt die Autorin vom Fremdsein und Lieben, von gesellschaftlicher Unerbittlichkeit und von den vielen Gesichtern Ina Makas, der Natur. »Weißes Harz« ist eine Mischung aus realistischem Märchen, romantischem Drama und feministischer Fabel. Audrée Wilhelmy entfaltet eine wilde Poesie von seltener Vorstellungskraft.

AUDRÉE WILHELMY wurde 1985 in Cap-Rouge (Québec) geboren. Sie gehört zur ersten Generation von Schriftstellerinnen aus Québec, deren akademische Ausbildung gänzlich dem kreativen Schreiben gewidmet war. Für ihr Werk, das auch in Frankreich veröffentlicht wird und bisher sechs Romane umfasst, wurde sie 2015 mit dem Prix Sade ausgezeichnet. Für Blanc Résine (Weißes Harz) wurde ihr der Prix Ouest-France Étonnants Voyageurs verliehen. Sie setzt sich für die Förderung von Québecer Künstlerinnen und Autorinnen ein. TABEA A. ROTTER geboren 1984, studierte Musik und Philosophie in Mainz, Zürich und Frankfurt. Sie arbeitet als Lektorin und Übersetzerin in Wiesbaden. Zu ihren Veröffentlichungen zählen Alice Zeniter: Ich bin eine Frau ohne Geschichte (2022) und Simone Weil: Von der Schwierigkeit, den Blick gen Himmel zu richten (2023). Für Weißes Harz wurde ihr ein Stipendium des Deutschen Übersetzerfonds verliehen.

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OSTARA
LITHA
MABON
YULE
OSTARA
Wörterbuch


Bald bricht der Schmelz durch mein Zahnfleisch. Wo es vorher nur weiche Haut gab, bewaffnen mich nun Zähne. Kaum sind sie da, wollen meine Schneidezähne die Beschaffenheit der Gegenstände erkunden, und meine Zunge ihren Geschmack. Im Oktober zerbeiße ich alles, was man mir gibt und was ich finde; mein ganzes Wollen konzentriert sich auf die Bewegung von der Hand zum Mund. Ich verschlinge: Brotlaibe, Honig, Wein, Eier, tote Fliegen, Käse, Tonerde, Apfelbeeren, Preiselbeeren, Holunder und Heckenkirschen, Erde, Wurzeln, Humus, Rinde, Schnüre, Staub, Lachs, Borstenwild, Körperausscheidungen und essbare Vögel. »Sie schlingt ja«, sagt eine Stimme meiner Mutter. »Sie wächst doch«, antwortet eine andere. Einige weisen mich an, Spinnen und Blätter nicht hinunterzuschlucken, andere erwidern: »Lass sie ihren Kopf haben, sie wächst mit dem Mund.« In dem Moment des Durchbruchs, als ich aufhöre, an ihren Fingern zu nuckeln, beginnt meine Mutter, sich zu teilen. Die Zähnchen verleihen mir eine neue Macht: Sie schneiden und zerlegen und mit ihnen spalte ich meine Erzeugerin in mehrere, eigenständige Figuren auf. Mit einem Mal vervielfältigt sie sich, ich habe viele Eltern und eine jede hat ihre Bewegungen, ihre Anweisungen, ihre Legenden und ihre schwankenden Stimmungen. Indem ich allmählich Zugang zur gesprochenen Sprache gewinne, fasse ich sie in Gruppen zusammen. Einige von ihnen wenden sich an einen Vorfahren weit oben im Himmel, sie murmeln mehrmals am Tag »Vater Unser«, knien sich mit gefalteten Händen hin und richten ihre Augen zur Decke. Sie singen ihre Bitten, und ihre Stimmen steigen den Glockenturm hinauf und erreichen das väterliche Ohr. Die anderen unterhalten sich mit einer Mutter in unmittelbarer Nähe, die sie »Kybele« oder »Gaia« oder »Mari« oder »Ina Maka« nennen. Das Bitte und Danke, das sie ihr schicken, liegt in ihren Handflächen: um Baumstämme gewundene Blumengirlanden, auf die Felsen niedergelegte Gebeine von Feldmäusen, Brotkrumen, Flechtzöpfe oder unter den Wurzeln vergrabene Kieselsteine und mit Schlick vermengtes Frauenblut. Ohne es zu wollen, offenbaren sie mir meine Abstammung. Ich bin drei Jahre alt, mein Großvater hat blaue Arme und ich weiß, dass seine Launen die Form der Wolken bestimmen. Er umhüllt den fruchtbaren, üppigen Körper von Nunak, meiner grün geflankten Großmutter mit ihren bergigen Hängen und dem wallenden, flüssigen Haar. Ob meine Mütter nun diesen oder jenen Ahnen bevorzugen – ich habe sie alle gleich lieb. Wen ich allerdings um eine Brioche anbetteln, mit wem ich in den Fluss springen oder wie ein Wiesel die Bäume hinaufklettern und mich von Ast zu Ast schwingen kann, lerne ich, je älter ich werde. Meine Mutter Ondine erzählt mit ihrer heiseren Stimme schöne Legenden; meine Mutter Lénie kennt alle Insekten beim Namen; meine Mutter Nigel bestimmt Vögel anhand der Farbe ihrer Eier; meine Mutter Mélianne kann die Menschheitsgeschichte auf einen Karton zeichnen; und mit meiner Mutter May lerne ich, mich geschmeidig zu bewegen, mit Hüftschwung und fluidem Rumpf. Ich wachse, breite mich aus, bekomme langgestreckte, kräftige Muskeln; ich werde riesengroß und ich werde schnell. Sobald meine Beine mich weit genug tragen, gehe ich durch den Wald bis zur Kohlemine und wieder zurück, ohne zwischen dem Volk der Olbak, das im Herbst aus dem Norden herunterkommt, und den Bergleuten der Kohle Co. zu unterscheiden. Im Winter folge ich den Kindern der Nomaden, die ins Eis treten, es erzittern lassen und Wurzeln ausgraben. Im Sommer springe ich von Kluft zu Kluft im Takt der Keilhauen, zum Krachen der Steine und zum Einstürzen der Felsen. Und wenn die Waldmenschen ihre Jungen zusammentrommeln und die Arbeiter den schwarzen Staub abwischen, der ihren Kleinen im Gesicht klebt, gehe ich zwischen beiden hindurch und lege mich zum Schlafen an die behagliche Haut meiner Mütter, jeden Abend in ein anderes Bett. Ich teile mir die warmen Bäuche von Sainte-Sainte-Anne mit dem alten Hund. Ich gliedere die Welt in Schwarz, Braun und Rostrot. Schwarz die Bergleute, braun die Olbaks, rostrot alle anderen, die an Kopf oder Körper kupferfarben sind und schmutzig wie der Klosterturm. Die reinen Farben der Säugetiere verschmutzen auf Menschenhaut. So bei mir: Ich habe kein Fell, bloß Flaum wie der eines neugeborenen Vogels, wie Felsenmoos. Ich bin fünf Jahre alt und meine Haut, von den Seiten bis zur Stirn, von den Schenkeln bis zum Schambein, ist eine dünne Rinde, die unter dem Kinderhaar bedeckt ist mit Kohle, Flecken und Blasen, mit weißen Narben von alten Stichen, neuen Bissen von Stechmücken. Ich weigere mich, mein Schopfdickicht schneiden zu lassen: Ich nehme darin Bienen und Blätter, abgebrochene Zweige, Disteln und Raupen auf, die mir in den Weg gefallen sind. Ich bin braun, rostfarben und schwarz, Tochter des Waldes, der Mine, der vierundzwanzig Bäuche meiner Mutter, und meines Stammesvaters. Das allererste Mal, dass ich das Weiße entdecke, höre ich es, noch bevor ich es sehe. Ein vorbeiziehender Krach, Schritte, die den Farn zertrampeln, ein Körper, der Vögel, Eichhörnchen und Feldmäuse in Alarm versetzt. Ich bin in der Nähe eines Wasserfalls am Spielen. Ich sage »mein Liebling« zum Filet-aux-Truites-Fall und zum dicken Felsen im Geröll, ich paare mich mit Birken, reibe mich an der Rinde, sage »amiq ononhouoyse«, verspreche den Tannen wilde Babys, gehe weg und komme zurück, beuge mich über die Äste und flüstere, die Hände kegelförmig um meine Lippen gelegt, gegen den Stamm: »Jetzt werden sie geboren.« Ich hole Blattstücke und Knospen aus meinen Unterhosen, sage: »Unsere Nachkommen, Abazi, mein Liebling, schau zu, wie ich unsere Kinder gebäre.« So wie meine Mütter mit mir niederkamen, so entbinde ich meine Taiga. Das Weiße stört die Geburt meiner Sträucher. Ich wittere es auf hundert Schritte. Noch nie habe ich etwas Ähnliches gerochen. Körperdüfte, völlig unter einem Geruch vergraben, der nicht aus dem Wald kommt, nicht vom Alkohol, von einer Pfeife oder von Erde und ebenso wenig von irgendeiner Blume. Ich verfolge den Geruch, während er sich durch ein Wäldchen am Pfad entlangwühlt. Er ahnt nichts: Meine Füße wissen seit jeher, wie sie verhindern, dass Zweige knacken, mein Atem geht leise und mein Herz entspannt sich. Zwischen den Zweigen erkenne ich zuerst den blassen Schein eines Hemdes und einer hellbraunen Leinenhose. Der Duft ist nicht der von Baumwolle, aber er haftet daran. Die Helligkeit der Kleidung verwirrt mich, ich muss die Augen zusammenkneifen, um hinter den Stoff zu blicken. Das Weiße hat das Gesicht eines jungen Mannes – fünfzehn, siebzehn Jahre alt – mit dichtem, schneeigem Haar, gelben Augen und den milchig rauen Wangen eines Rehbocks irgendwo zwischen Jugend und Vaterschaftsalter. Der Junge hat die Haut eines Flussgeistes, der unablässig ins Wasser taucht, glattgewaschen im Spiel der Kiesel. Ich beobachte ihn, er weicht nicht vom Weg ab. An der Stelle, wo mein Herz schlägt, spüre ich seine Nervosität. Aus einem Feldmäppchen hat er eine gusseiserne Schere mit langen Klingen und einen braunen Papierumschlag hervorgeholt und beugt sich über die Zeichnung eines Mutterkrauts. Um sich zu beruhigen, pfeift er. Er klemmt den Kopf eines Zweiges zwischen seine Finger und öffnet seine Schere über dem Stängel. Ich schreie: »Nein!« Ich springe vor ihm auf. »Was machst du da!« Ich habe meine Fäuste in die Seiten gestemmt, knotige Ellenbogen, geschmeidige Oberarme. Er hat sich drei Schritte von mir entfernt, hält seine Schere vor sich und mustert mich, ich habe graue Kniebundhosen an, mein Bauch ist frei, die Unterlippe zittert. Aus meinem Schritt ragen Knospen und Birkenkätzchen. Er runzelt die Augenbrauen, hält Abstand. Ich gehöre zu einer Spezies, die er nicht kennt. Er schaut sich um, als ob weitere meiner Artgenossen ihn angreifen könnten. Außer mir ist hier niemand von meiner Rasse. »Was du machst, habe ich gefragt.« »Guten Tag. Bist du das kleine Mädchen, das von den Nonnen adoptiert wurde?« Seine Stimme versucht, sanft zu klingen, er füllt seine Überraschung mit Worten. »Wie heißt du?« »Du bist hier in meinem Wald. Also sagst du mir deinen Namen.« Ich möchte wissen, was er da ausatmet und was mir die Nasenlöcher füllt; ich schaffe es nicht, mich auf seine Worte zu konzentrieren, mein Gehirn durchforstet die Bibliothek der Gerüche, ohne einen vergleichbaren Duft zu finden wie den, der seinen Menschengeruch überdeckt. »Laure Hekiel. Ich bin der Lehrling von Doktor Do. Er hat mir von dir erzählt.« Ich erkenne die Farbe seiner Behaarung, es ist die eines Hermelins, und seine Haut gleicht der der weißesten...

Zwischen den Zweigen erkenne ich zuerst den blassen Schein eines Hemdes und einer hellbraunen Leinenhose. Der Duft ist nicht der von Baumwolle, aber er haftet daran. Die Helligkeit der Kleidung verwirrt mich, ich muss die Augen zusammenkneifen, um hinter den Stoff zu blicken. Das Weiße hat das Gesicht eines jungen Mannes – fünfzehn, siebzehn Jahre alt – mit dichtem, schneeigem Haar, gelben Augen und den milchig rauen Wangen eines Rehbocks irgendwo zwischen Jugend und Vatertier. Der Junge hat die Haut eines Flussgeistes, der unablässig ins Wasser taucht, glattgewaschen im Spiel der Kiesel. Ich beobachte ihn, er weicht nicht vom Weg ab. An der Stelle, wo mein Herz schlägt, spüre ich seine Nervosität. Aus einem Feldmäppchen hat er eine gusseiserne Schere mit langen Klingen und einen braunen Papierumschlag hervorgeholt und beugt sich über die Zeichnung eines Mutterkrauts. Um sich zu beruhigen, pfeift er. Er kneift den Kopf eines Zweiges zwischen seine Finger und öffnet seine Schere am Stängel.
Ich schreie: »Nein!«
Ich springe vor ihm auf.
»Was machst du da!«
Ich habe meine Fäuste in die Seiten gestemmt, knotige Ellenbogen, geschmeidige Oberarme. Er hat sich drei Schritte von mir entfernt, hält seine Schere vor sich und mustert mich, ich habe graue Hosen an, den Bauch frei, die Unterlippe bebend. Aus meinem Schritt ragen Knospen, Birkenkätzchen. Er runzelt die Augenbrauen, hält Abstand. Ich gehöre zu einer Art, die er nicht kennt. Er schaut sich um, als ob noch andere wie ich ihn angreifen könnten. Außer mir ist hier niemand von meiner Rasse.
»Was du machst, habe ich gefragt.«
»Guten Tag. Bist du das kleine Mädchen, das von den Nonnen adoptiert wurde?« Seine Stimme versucht, sanft zu klingen, er füllt seine Überraschung mit Worten.
»Wie heißt du?«
»Du bist hier in meinem Wald. Also sagst du mir deinen Namen.«
Ich möchte wissen, was er da ausatmet und was mir die Nasenlöcher füllt, ich schaffe es nicht, mich auf seine Worte zu konzentrieren, mein Gehirn durchforstet die Bibliothek der Gerüche, ohne etwas Vergleichbares zu dem zu finden, was seinen Menschengeruch überdeckt.
»Laure Hekiel. Ich bin der Lehrling von Doktor Do. Er hat mir von dir erzählt.«
Ich erkenne die Farbe seiner Behaarung, es ist die eines Hermelins, und seine Haut ist genauso wie die der weißesten Schneeeulen. Ich behalte mir seinen Namen nicht, sondern nenne ihn sofort Ookpik. Alles an ihm ist keimfrei, sauber sind Wäsche, Haut, Nägel, selbst der Blick. Ich sage noch einmal: »Was machst du«, und da wird er sich der Schere bewusst, die er vor sich hochhält, lässt die Deckung sinken und fährt sich mit den Fingern durch seinen schneebedeckten Schopf.
»Ich wollte mich von den Nonnen verabschieden. Morgen verlasse ich Brón. Ich gehe in die Stadt. Wenn ich wiederkomme, bin ich Amtsarzt. Professor Rondeau vom Institut für Wildpflanzen hat mich gebeten, noch Einiges zu sammeln, bevor ich abreise. Dieses ist ein Sämling des Rhododendron groenlandicum.«
»Gegen Geburtsschmerzen.«
»Wie alt bist du?«
Ich öffne meine Faust vor seinem Gesicht, zeige ihm ihre fünf Äste, wedele damit unter seiner Nase herum. Seine strohfarbenen Augen weiten sich, dann lacht er, und sein Lachen ist so rein wie seine Haut, wie sein Haar, wie seine Wäsche: Es prallt von meinen Felsen ab, schlängelt sich zwischen meinen Bäumen hindurch. Ookpik wird still, aber der Klang setzt seinen Weg fort, schließt sich dem Lauf meiner Flüsse an, dringt in meine Ohren und in mein ganzes Revier. Der Junge nimmt seine Pflanzenkunde wieder auf. Ich möchte ihn am liebsten treten, mit beiden Füßen. Ich finde sein helles Lachen gemein.
Er arbeitet weiter. Er sieht nicht, dass der Strauch, für den er sich interessiert, noch ganz jung ist, er pflückt die Blätter, ohne zu wissen, wie alt der Saft im Stiel ist, ohne die Farbe der Triebe zu beachten, die von der Unreife der Pflanze zeugen, oder den spitz zulaufenden Schaft, der ohne sein Geäst nicht überleben wird. Er setzt seine Schere an, schneidet zu viel, schneidet schlecht. Auf einmal spüre ich die Schere an meinen eigenen Fingern, meinen Armen und Beinen, Ookpik zerschneidet uns beide, mich und das Mutterkraut, und merkt es nicht einmal.


Wilhelmy, Audreé
AUDRÉE WILHELMY wurde 1985 in Cap-Rouge (Québec) geboren. Sie gehört zur ersten Generation von Schriftstellerinnen aus Québec, deren akademische Ausbildung gänzlich dem kreativen Schreiben gewidmet war.

Für ihr Werk, das auch in Frankreich veröffentlicht wird und bisher sechs Romane umfasst, wurde sie 2015 mit dem Prix Sade ausgezeichnet. Für Blanc Résine (Weißes Harz) wurde ihr der Prix Ouest-France Étonnants Voyageurs verliehen. Sie setzt sich für die Förderung von Québecer Künstlerinnen und Autorinnen ein.

Rotter, Tabea A.
TABEA A. ROTTER geboren 1984, studierte Musik und Philosophie in Mainz, Zürich und Frankfurt. Sie arbeitet als Lektorin und Übersetzerin in Wiesbaden.
Zu ihren Veröffentlichungen zählen Alice Zeniter: Ich bin eine Frau ohne Geschichte (2022) und Simone Weil: Von der Schwierigkeit, den Blick gen Himmel zu richten (2023). Für Weißes Harz wurde ihr ein Stipendium des Deutschen Übersetzerfonds verliehen.



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