E-Book, Deutsch, 180 Seiten
Wilder Die Cabala
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-10-403452-2
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 180 Seiten
ISBN: 978-3-10-403452-2
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Thornton Wilder wurde am 17. April 1897 in Madison, Wisconsin, als Sohn eines Zeitungsverlegers geboren, der als Generalkonsul nach Hongkong und Schanghai ging. Thornton Wilder erhielt für sein umfangreiches literarisches Werk zahlreiche Auszeichnungen, u. a. dreimal den Pulitzer-Preis und 1957 in Frankfurt am Main den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. Er starb am 7. Dezember 1975 in Hamden, Connecticut.
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Erstes Buch ERSTE BEGEGNUNGEN
Der Zug, welcher mich zum erstenmal nach Rom brachte, war verspätet, überfüllt und kalt. Es hatte mehreres Halten auf offener Strecke gegeben, und um Mitternacht bewegten wir uns immer noch durch die Campagna langsam auf die schwachgefärbten Wolken zu, die über Rom hingen. Bisweilen hielten wir an Bahnsteigen, wo grell flackernde Lampen für Augenblicke manch einen prächtigen wettergefurchten Kopf beleuchteten. Finsternis umgab diese Bahnsteige und ließ bloß ein Stück Straße und die Umrisse einer Hügelkette erkennbar werden. Es war Virgils Land, und der darüber herkommende Wind schien sich von den Feldern zu erheben und mit einem langen virgilischen Seufzer auf uns herabzuwehen, denn die Landschaft, die des Dichters Stimmung hervorruft, erhält zuletzt ihre Stimmung von ihm.
Der Zug war überfüllt, weil einige Vergnügungsreisende tags zuvor entdeckt hatten, daß die Bettler Neapels nach Karbolsäure rochen. Sie schlossen sogleich, daß die Behörden ein paar Fällen von indischer Cholera auf die Spur gekommen seien und die Unterwelt der Stadt durch ein System zwangsweiser Bäder zu desinfizieren suchten. Die Luft Neapels zeugt Legenden. Bei dem plötzlichen Exodus wurden Fahrkarten nach Rom fast unerhältlich, und Reisende erster Klasse fuhren dritter, und interessante Leute reisten in der ersten.
Im Waggon war es kalt. Wir saßen in unsern Mänteln gedankenverloren da, die Augen glasig von Resignation oder dem grellen Lampenlicht. In dem einen Abteil sprach eine Gesellschaft der Nation, die am meisten reist und am wenigsten Vergnügen davon hat, unermüdlich von schlechten Hotels; die Damen hatten die Röcke eng um die Beine gezogen, um Flöhen das Emporklettern zu verleiden. Ihnen gegenüber rekelten sich drei amerikanische Italiener, die nach zwanzig Jahren im Obst- und Juwelenhandel auf dem obern Broadway in ihr Heimatdorf im Apennin zurückkehrten. Sie hatten ihre Ersparnisse in den an ihren Fingern glitzernden Diamanten angelegt, und ihre Augen glitzerten nicht minder vor Freude auf die Wiedervereinigung mit ihrer Familie. Man konnte sich vorstellen, wie ihre Eltern sie anstarren würden, unfähig, die Veränderung zu begreifen, durch welche ihre Söhne die Anmut, die der Boden Italiens auch seinen unscheinbarsten Kindern verleiht, eingebüßt hatten, und bloß gewahrend, daß sie mit derben Zwiebelgesichtern wiedergekommen waren, sich barbarischer Redewendungen bedienten und für immer der witzigen Intuition ihrer Rasse beraubt waren. Es standen ihnen einige schlaflose Nächte ratloser Verwirrung über dem Lehmboden und den munkelnden Hühnern ihrer Mütter bevor.
In einem andern Abteil lehnte eine Abenteuerin im Silberzobelpelz die Wange an die schütternde Fensterscheibe. Ihr gegenüber saß eine funkeläugige Matrone und starrte sie mit herausfordernder Beharrlichkeit an, bereit, jeden Blick abzufangen, den die Person auf den schlummernden Gemahl würfe. Zwei junge Offiziere lungerten eindrucksvoll im Seitengang und angelten nach ihrem Blick, wie diese Insekten in der schönen Schilderung Fabres unter aussichtslosen Verhältnissen das Ritual des Flirts vor einem Stein vollziehen, bloß weil assoziativ gewisse Impulse ausgelöst wurden.
Ferner war noch ein Jesuitenpater mit seinen Schülern da und füllte die Zeit mit lateinischer Konversation aus; ein japanischer Diplomat, der andachtsvoll über seine Briefmarkensammlung gebeugt saß; ein russischer Bildhauer, der düster den Knochenbau unsrer Schädel entzifferte; einige sorgfältig fürs Fußwandern gekleidete Oxforder Studenten, welche über das ergiebigste Wanderland Italiens im Eisenbahnzug dahinfuhren; das unvermeidliche alte Weib mit einer Henne; und der unvermeidliche glotzende junge Amerikaner. Eine Gesellschaft, wie Rom sie täglich zehnmal in seine Mauern aufnimmt und dabei Rom bleibt.
Mein Gefährte las eine betrampelte Nummer der Londoner : Realitätenmarkt, militärische Beförderungen und alles übrige. James Blair war mit seinen sechs Jahren klassischer Studien in Harvard nach Sizilien geschickt worden, als archäologischer Berater einer Filmgesellschaft, die vorgehabt hatte, die gesamte griechische Mythologie auf die Leinwand zu bringen. Die Gesellschaft war zugrunde gegangen und in alle Winde zerstoben, und Blair hatte sich sodann im ganzen Gebiet des Mittelmeers herumgetrieben, gelegentliche Anstellungen gefunden und dickleibige Merkbücher mit Beobachtungen und Theorien gefüllt. Sein Geist war randvoll von Spekulationen über die chemische Zusammensetzung der Farben Raffaels; über die Lichtverhältnisse, unter denen die Bildhauer der Antike ihre Werke sehen wissen wollten; über die Entstehungszeit der allerunzugänglichsten Mosaiken in Santa Maria Maggiore. Er gestattete mir, Aufzeichnungen über alle diese Theorien zu machen, ja ich durfte sogar einige Diagramme in Tuschfarben kopieren. Für den Fall, daß er samt seinen Merkbüchern auf hoher See verschollen bliebe – einen nicht unwahrscheinlichen Fall, da er den Atlantik auf obskuren und geldsparenden Fahrzeugen zu überqueren pflegte, die, sogar wenn sie untergingen, in keiner Zeitung erwähnt wurden, – erwüchse mir die einigermaßen Verlegenheit bereitende Pflicht, dieses Material der Bibliothek von Harvard zum Geschenk zu machen, wo seine Unverständlichkeit ihm vielleicht einen unschätzbaren Wert verleihen würde.
Blair legte alsbald seine Zeitung beiseite und entschloß sich zu reden: »Du bist zwar nach Rom gekommen, um zu studieren, aber ehe du dich in die Alten vertiefst, sieh zu, ob du nicht einige interessante Moderne findest!«
»Bis jetzt gibt es noch kein Doktorat der römischen Moderne; das wird erst unsre Nachwelt einführen. Was für Moderne meinst du übrigens?«
»Hast du jemals von der Cabala gehört?«
»Von welcher?«
»Einer Gruppe von Leuten, die in der Umgebung Roms leben.«
»Nein.«
»Sie sind sehr reich und haben Ungeheuern Einfluß. Alle Welt hat Angst vor ihnen. Alle Welt hat sie im Verdacht, umstürzlerische Pläne auszuhecken.«
»Politische?«
»Nein … Manchmal.«
»Spitzen der Gesellschaft?«
»Ja, selbstverständlich. Aber sie sind auch mehr als das. Rasende intellektuelle Snobs, das sind sie. Madame Agaropoulos fürchtet sich nicht wenig vor ihnen. Sie sagt, daß sie von Zeit zu Zeit aus Tivoli herabkommen und mit allerlei Intrigen ein Gesetz im Senat durchdrücken oder eine Ernennung im Klerus bewirken oder irgendeine bedauernswerte Dame aus Rom vertreiben.«
»Tsch!«
»Einfach weil sie sich langweilen. Madame Agaropoulos behauptet, daß sie sich entsetzlich langweilen. Sie haben alles seit so langer Zeit besessen. Ihr Hauptmerkmal ist, daß sie alles hassen, was noch nicht lange besteht. Sie verbringen ihre Tage damit, neue Titel und neuen Reichtum und neue Ideen herabzusetzen. In vielen Dingen sind sie mittelalterlich; in ihrem Auftreten, zum Beispiel, und in ihren Anschauungen. Ich stelle es mir ungefähr so vor: Du hast gewiß von Forschungsreisenden gehört, die in der Nähe Australiens Inseln entdeckten, wo Tiere und Pflanzen vor Jahrtausenden aufhörten, sich weiter zu entwickeln; wo sich mitten in einer Welt, die weiter fortgeschritten ist, eine Nische archaischer Zeit findet. Nun, mit der Cabala muß es sich irgendwie ähnlich verhalten. Da lebt also eine Gruppe von Leuten, die schlaflose Nächte wegen einer Menge Ideen verbringen, denen die Welt schon seit Jahrhunderten entwachsen ist: das Recht einer Herzogin, vor einer andern eine Tür zu durchschreiten; die Wortfolge in einem Dogma der Kirche; das Gottesgnadentum der Könige, besonders der Bourbonen. Sie nehmen noch immer Dinge leidenschaftlich ernst, die wir andern als recht antiquarische Wissenschaft betrachten. Und was mehr ist, diese Leute, denen solche Ideen am Herzen liegen, sind nicht etwa Einsiedler und unbeachtete Sonderlinge, sondern Mitglieder eines so mächtigen und exklusiven Zirkels, daß ganz Rom mit angehaltenem Atem von ihnen als von der Cabala spricht. Laß dir sagen, sie gehn mit unglaublicher Spitzfindigkeit zu Werk und verfügen über unglaubliche Hilfsquellen an Vermögen und Ergebenheit. Ich zitiere bloß Madame Agaropoulos, die eine Art hysterischer Angst vor ihnen hat und sie für übernatürliche Wesen hält.«
»Aber sie muß doch einige von ihnen persönlich kennen?«
»Selbstverständlich; auch ich kenne einige.«
»Man fürchtet sich nicht vor Leuten, die man kennt. Wer gehört zu ihnen?«
»Ich werde dich morgen zu einer von ihnen, zu dieser Miss Grier, mitnehmen. Sie ist die Anführerin des ganzen internationalen Klüngels. Ich habe für sie ihre Bibliothek katalogisiert – oh, auf eine andre Weise hätte ich sie nie kennengelernt. Ich wohnte damals bei ihr im Palazzo Barberini und wurde mitunter von einem Hauch der Cabala gestreift. Außer ihr ist auch ein Kardinal dabei und die Prinzessin d'Espoli; sie ist verrückt. Und Frau Bernstein – aus der deutschen Bankiersfamilie. Jedes von ihnen besitzt irgendeine hervorragende Begabung, und alle zusammen stehn sie turmhoch über der nächst tiefern sozialen Schicht. Sie sind so fabelhafte Leute, daß sie sich einsam fühlen. Ich zitiere bloß. Sie sitzen abseits droben in Tivoli, und ein jedes bemüht sich, aus der Vortrefflichkeit der andern so viel Trost als möglich zu gewinnen.«
»Nennen sie selbst sich die Cabala? Sind sie organisiert?«
»So, wie ich es sehe, nicht. Wahrscheinlich ist es ihnen selbst nicht einmal aufgefallen, daß sie so etwas wie einen Zirkel bilden. Ich sage dir ja, studiere du diese Leute! Spüre es aus, das ganze Geheimnis! Mir liegt so etwas nicht.«
In der darauffolgenden Pause wehten Bruchstücke von Gesprächen aus benachbarten Abteilen in unsern...




