Wiggs Was der Winter verschwieg
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-86278-565-0
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 4, 432 Seiten
Reihe: Lakeshore Chronicles
ISBN: 978-3-86278-565-0
Verlag: MIRA Taschenbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Wenn ein einziger Moment ein ganzes Leben verändert. Nie hätte Sophie Bellamy gedacht, dass sie ihre Arbeit als Anwältin am internationalen Gerichtshof in Den Haag aufgeben würde. Bis zu dem Tag, der ihr gesamtes Leben verändert. Über Stunden wird sie von Terroristen als Geisel gehalten - und nach ihrer glücklichen Rettung hat sie nur noch einen Wunsch. Sie möchte bei ihrer Familie sein. Bei ihrem Sohn, ihrer Tochter und dem kleinen Enkel.
In einer schneeverwehten Nacht trifft sie in Avalon am Willow Lake ein. Dank der Liebe ihrer Familie und der Fürsorge ihres attraktiven Nachbarn Noah fangen die Wunden langsam an zu heilen. Doch kann die kleine Stadt im Herzen der Catskills wirklich ihr neues Zuhause werden?
Susan Wiggs hat an der Harvard Universität studiert und ist mit gleicher Leidenschaft Autorin, Mutter und Ehefrau. Ihre Hobbys sind Lesen, Reisen und Stricken. Sie lebt mit ihrem Mann, ihrer Tochter und dem Hund auf einer Insel im nordwestlichen Pazifik.
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1. KAPITEL
Jeder Sender in Noah Shepherds Autoradio brachte die gleiche Meldung. Der nationale Wetterdienst hatte eine Warnung vor heftigem Schnee, Eis und Wind herausgegeben – im Bereich der Seen war außerdem mit heftigen Schneeböen zu rechnen. Die Behörden empfahlen den Menschen, an diesem Abend zu Hause zu bleiben und die Straßen für Rettungsfahrzeuge frei zu halten. Der kleine Flughafen war schon vor Stunden geschlossen worden. Sogar das schwerste Schneeräumgerät hatte Schwierigkeiten, den Highway zu räumen. Nur Verrückte und Dummköpfe waren bei diesem Wetter unterwegs.
Nun, Verrückte, Dummköpfe und Tierärzte für Großtiere. Noah wünschte, sein Scheibenwischer hätte eine noch schnellere Stufe. Der vom Wind herumgewirbelte Schnee kam so heftig und schnell auf ihn zu, dass er das Gefühl hatte, direkt gegen eine weiße Wand zu fahren. Noah konnte kaum sagen, ob er sich überhaupt noch auf der Straße befand.
Die Legende besagte, dass während dieser besonderen Schneeböen am See Wunder geschahen. Ja klar, dachte er. Wenn das hier ein Wunder war, war ihm die Realität tausendmal lieber.
Nachdem er geholfen hatte, Osmonds Fohlen auf die Welt zu bringen, hätte er das Angebot annehmen und über Nacht bleiben sollen. Es wäre wesentlich klüger gewesen, abzuwarten, bis das Wetter aufklarte und die Straßen wieder gut befahrbar waren, bevor er sich auf den meilenweiten Rückweg zu seinem Haus und der Klinik begab. Aber wie dem auch sei, dem Wetterbericht zufolge könnte es noch mehrere Tage dauern, bevor der Sturm sich ausgetobt hatte, und er würde mit Sicherheit erst noch einmal schlimmer werden, bevor es besser wurde. In der Klinik warteten der alte Beagle von Palmquists, eine Katze, die sich von einer Wirbelsäulenoperation erholte, und Noahs eigene Tiere, zu denen derzeit ein ausgesetzter Welpe gehörte. Er wusste, er konnte jederzeit seine Nachbarin Gayle bitten, nach ihnen zu schauen, aber er belästigte sie nur ungern. Mit einem Ehemann in Übersee und drei kleinen Kindern hatte sie garantiert Besseres zu tun, als zu seinem Haus zu gehen und nach seinen Tieren zu sehen.
Außerdem war sein Arztkittel mit Blut und Geburtsflüssigkeiten befleckt, und er brauchte dringend eine Dusche. Er trug seine liebste Kopfbedeckung für diese Jahreszeit, eine Wollmütze mit Ohrenklappen. Sie stammte aus seiner „Früher Depp“-Phase, wie eine seiner Exfreundinnen es genannt hatte. Noah hatte eine ganze Menge Exfreundinnen. Frauen in seinem Alter neigten dazu, sich etwas anderes zu erträumen als ein Leben an der Seite eines Landtierarztes.
Er beugte sich über das Lenkrad und schaute blinzelnd auf die Straße. Im Licht seiner Scheinwerfer sah es aus, als wenn die Schneeflocken waagerecht auf ihn zuflogen. Es erinnerte ihn an , wenn der Millenium-Falke zu Lichtgeschwindigkeit überwechselte. Der Gedanke inspirierte ihn, die -Melodie zu pfeifen. Gelangweilt von seinem langsamen Vorankommen, stellte er sich vor, die Windschutzscheibe wäre ein Fenster in eine weit entfernte Galaxie. Er war Han Solo, und die Schneeflocken, die auf ihn zuflogen, waren Sterne. Er gab Befehle an seinen Kopiloten, der beim Klang der Stimme seines Herren die Ohren spitzte: „Bereite alles für die Beschleunigung vor, Chewie. Hörst du? Alles vorbereiten zur Beschleunigung.“
Rudy, der Hund auf dem Beifahrersitz, stieß ein heiseres Bellen aus, woraufhin die Fensterscheibe beschlug.
Noahs letzte Freundin Daphne hatte ihn kritisiert, ein Kind zu sein, das niemals erwachsen wurde. Und Noah, der die Feinfühligkeit eines Vorschlaghammers besaß, hatte halb scherzend vorgeschlagen, dass sie ein paar eigene Kinder machen sollten, damit er jemandem zum Spielen habe.
Das war das letzte Mal, dass er Daphne gesehen hatte.
Ja, er hatte wirklich ein Händchen für Frauen. Kein Wunder, dass er ausschließlich mit Tieren arbeitete.
„General Kenobi, Ziel in Sicht, ein thermischer Detonator“, sagte er. Vor seinem inneren Auge sah Noah eine galaktische Sklavin in einem knappen Kettenbikini. Wenn das Universum doch nur tatsächlich so jemanden vorbeischicken würde.
Dann schlug er einen wohlklingenden Bariton mit einem fürchterlichen englischen Akzent an. „Ich vertraue darauf, dass du findest, was du suchst. Und … Mist!“ Ein blasser Schatten schimmerte direkt vor ihm auf der Straße. Er schlug das Lenkrad ein wenig ein und nahm den Fuß vom Gas. Das Heck seines Trucks brach aus. Rudy versuchte, sich auf dem Sitz zu halten. Mitten auf der Fahrbahn stand ein großäugiges Reh, dessen Rippen durch das dicke Winterfell stachen.
Noah drückte auf die Hupe. Das Reh zuckte zusammen und sprang dann quer über die Straße, über den kleinen Graben und verschwand in der Dunkelheit. Mitten im Winter war die schlimmste Zeit für Wild – in diesen Wochen drohten die Tiere zu verhungern, weil sie nichts mehr zu fressen fanden.
Der Radiosender führte den üblichen Test für die Verbreitung von Notfalldurchsagen durch. Noah stellte das Radio aus.
Beinahe zu Hause. Es gab keine Anzeichen in der Landschaft, die darauf hindeuteten, nur sein Gefühl verriet ihm, dass er sich seinem Haus näherte. Abgesehen vom College und dem Veterinärstudium in Cornell, hatte er nie irgendwo anders gelebt. Jeder Briefkasten sollte eigentlich mit einem hohen Metallstab ausgerüstet sein, doch die Schneeverwehungen waren inzwischen zu hoch und hatten die Briefkästen samt der Stäbe unter sich begraben.
Er konnte den Willow Lake zu seiner Linken nicht sehen, aber er spürte ihn. Es war der schönste See im Landkreis, umgeben von der wilden Landschaft der Catskills. Im Moment war er hinter einem Vorhang aus Schnee verborgen. Noahs Zuhause lag auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Sees und ein wenig den Berg hinauf. Am Seeufer selbst gab es nur einige alte Sommerhütten, die im Winter unbewohnt waren.
„General Azkanabi, wir brauchen Verstärkung“, sagte Noah und hörte, wie die eingebildete Musik in seinen Ohren anschwoll. „Schicken Sie mir jemanden her. Sofort!“
In diesem Augenblick bemerkte er … es: Etwas Rotes schimmerte im Schnee. Die gepfiffene Melodie erstarb Noah auf den Lippen. Er verlangsamte die Geschwindigkeit und hielt seinen Blick fest auf den roten Fleck gerichtet. Schließlich konnte er ein passendes Licht dazu ausmachen. Rücklichter, die zu einem Auto zu gehören schienen, das in einer Schneewehe feststeckte.
Er hielt seinen Truck in der Mitte der Straße an. Der Motor des anderen Wagens lief noch; Noah sah eine Abgaswolke aus dem in einem unnatürlichen Winkel nach oben ragenden Auspuff steigen. Die Rückleuchten warfen ein gruseliges Licht in die Nacht. Einer der Frontscheinwerfer war von Schnee bedeckt, der andere beleuchtete das Reh, das vom Auto erwischt worden war.
„Bleib, Junge“, befahl Noah dem Hund. Er packte seine Tasche, in der sich ausreichend Betäubungsmittel befanden, um das Reh zu erlösen. Dann schaltete er seine Stirnlampe an und begab sich in die stürmische Nacht hinaus.
Der herumwirbelnde Schnee und der heulende Wind schnitten wie Messer aus Eis in seine Haut. Er rannte zum Auto hinüber und sah, dass eine Frau darin saß. Sie schien mit einem Handy herumzufummeln.
Als sie ihn sah, ließ sie das Fenster herunter. „Gott sei Dank, dass Sie da sind“, sagte sie und stieg aus.
Für das Wetter war sie vollkommen unpassend gekleidet, so viel war mal sicher. Sie trug einen modischen Mantel und dünne Lederstiefel mit hohen, spitzen Absätzen. Keine Mütze. Keine Handschuhe. Blondes Haar, das wild im Wind wehte, verbarg teilweise ihr Gesicht.
„Wie sind Sie so schnell hierhergekommen?“, rief sie.
Noah nahm an, sie dachte, er wäre vom Pannendienst. Er hatte jetzt aber keine Zeit, ihr den Irrtum zu erklären.
Sie schien seine Eile zu teilen, denn sie packte seinen Ärmel und zog ihn von der Fahrertür weg zur Vorderseite des Autos, wobei sie auf ihren hohen Absätzen ein wenig schwankte. „Bitte“, ihre Stimme klang gestresst. „Ich kann nicht glauben, dass das passiert ist. Glauben Sie, es kann gerettet werden?“
Er richtete den Strahl seiner Stirnlampe auf das Reh. Es war nicht die Ricke, die er vorhin gesehen hatte, sondern ein junger Bock mit einem gerade durchgebrochenen Geweih auf der einen und einem noch flauschigen Dreiender auf der anderen Kopfseite. Seine Augen waren glasig, und sein Atem ging auf eine Weise, die Noah kannte – die panischen Atemzüge eines Tiers im Schockzustand. Er sah kein Blut, aber oft handelte es sich um tödliche innere Verletzungen.
Verdammt. Er hasste es, Tiere einzuschläfern, hasste es wie die Pest.
„Bitte“, sagte die Fremde erneut. „Sie müssen es retten.“
„Halten Sie mal.“ Er gab ihr eine weitere Lampe aus seiner Tasche, um den Strahl seiner Stirnlampe zu verstärken. Dann hockte er sich neben das Tier, wobei er beruhigende Geräusche von sich gab. „Ganz ruhig, Kleiner.“ Er zog seine Handschuhe aus und steckte sie in die Tasche seines Parkas. Das raue Fell des Rehs wärmte seine Finger, als er seinen Bauch untersuchte und keine Anzeichen von Flüssigkeit, keine abnormal weichen oder heißen Stellen feststellte. Vielleicht …
Ohne Vorwarnung rappelte der Rehbock sich auf und versuchte mit strampelnden Beinen, in dem tiefen Schnee Halt zu finden. Noah bekam einen Schlag auf den Arm ab und zog sich zurück. Das Tier sprang auf die Füße und setzte über eine Schneewehe. Instinktiv stellte Noah sich vor die Frau, um sie vor den Hufen des Bocks zu schützen, als der mit großen Sprüngen im Wald verschwand.
„Ich habe ihn nicht...




