E-Book, Deutsch, 180 Seiten
Wierlemann Endstation. Schwabenkrimi
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95573-196-0
Verlag: Klarant
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 180 Seiten
ISBN: 978-3-95573-196-0
Verlag: Klarant
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Plötzlich gerät der gemütliche Alltag der schwäbischen Kleinstadt Bärlingen aus den Fugen: In einem Lkw tauchen fünf Leichen auf, allesamt Bewohner des Altersheims Gertrudenstift. Dort wohnt auch Gerlinde Haller, die sofort ihre Spürnase einsetzt und sich daran macht, die kriminellen Machenschaften im so harmlos wirkenden Altersheim aufzudecken. Ihr Sohn, Hauptkommissar Georg Haller, übernimmt den Fall und merkt schnell, dass er es hier mit einem Gegner zu tun hat, der vor nichts zurückschreckt. Mit seiner Spezialeinsatztruppe hat allerdings niemand gerechnet und seine Oldies aus der Schubartstraße machen sich voller Eifer an die Ermittlungen für Spannung und Spaß ist also gesorgt! Und auch die Romantik kommt nicht zu kurz, denn im Laufe der Ermittlungen kommen sich Georg und seine Kollegin Lisa-Marie wieder näher. Doch die Hauptrolle ist einmal mehr für Gerda und Otto König vorgesehen. Das alteingesessene Friseurehepaar hatte sich eigentlich vorgenommen, die Polizeiarbeit künftig den Profis zu überlassen. Aber da sie ihre Friseurdienste traditionell auch im Gertrudenstift anbieten, haben sie eine Verbindung zu dem Fall. Ungewollt kommen sie dem Täter sehr nah, und geraten in tödliche Gefahr...
Autoren/Hrsg.
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1
Der Fund
Wie er das hasste, wenn jemand einfach so anrief, irgendwelche mehr oder weniger verständlichen Andeutungen machte und dann so schnell wieder auflegte, als ob er oder sie befürchtete, jeder Anruf zu ihm in die Dienststube würde über eine Fangschaltung nachverfolgt werden können. Das gab es vielleicht im Fernsehen, aber nicht in Bärlingen. Anrufe bei der Polizei gab es allerdings viele und gern auch anonym. Die einen schwärzten den ungeliebten Nachbarn an, die andere den entliebten Ehemann und wer niemanden zum Ärgern hatte, der suchte sich jemanden. Privat ernannte Ordnungshüter gab es zuhauf, denn in Bärlingen hielt man noch etwas auf diese etwas aus der Mode gekommenen Tugenden wie Recht und Ordnung. Nur manchmal schoss der eine oder andere eben übers Ziel hinaus, aber das kannte Georg. Dafür hatte er mit Bärlingen auch einen überaus angenehmen Dienstposten erwischt; jeder kannte jeden und die Welt war noch in Ordnung, bis auf ein paar Ausnahmen jedenfalls.
Heute Morgen war Polizeihauptkommissar Georg Haller gerade auf dem Weg zur Arbeit, als ihn der umgeleitete Anruf auf seinem Handy erreichte. Schnell hatte er die Bäckerei verlassen, in der er sich seit der Trennung von Lisa-Marie angewöhnt hatte, ein schnelles Frühstück auf die Hand mitzunehmen. Die Krümel in seinem alten grünen Opel Ascona waren ein beredtes Zeugnis dafür, dass ihm das Single-Leben überhaupt nicht bekam und seine Esskultur dabei war, vor die Hunde zu gehen.
„Ist da die Polizei?“, so hatte sich eine Frauenstimme unsicher gemeldet. Sie sprach leise, als ob sie es vermeiden wollte, dass jemand ihr Gespräch belauschen konnte. Georgs Schätzung zufolge handelte es sich um eine ältere Dame; unwillkürlich musste er an seine Mutter denken. Sie hatte schon immer eine blühende Fantasie gehabt und das Verbrechen witterte sie auch an jeder Ecke, zumal es in Bärlingen in den letzten Jahren immer wieder Vorfälle gegeben hatte, die solchen Verdächtigungen Vorschub leisteten. Aber seine Mutter würde immer den direkten Weg wählen und ihn nicht als geheimnisvolle Anruferin überraschen.
„Ja, Sie sprechen mit Hauptkommissar Georg Haller.“
„Bitte, es geht um Leben und Tod. Wir sind alle in Gefahr!“
Georg hatte sofort die Bäckerei verlassen, denn schon reckte die Verkäuferin neugierig ihren Hals und die wartenden Kunden hatten sich umgedreht. Das hätte gerade noch gefehlt, dass er Öl ins Feuer einer neugierigen Menge goss. Vielleicht stellte sich die ganze Sache aber auch als weniger dramatisch heraus, als seine Anruferin ihn glauben machen wollte. Georg atmete tief durch und versuchte beruhigend auf die Frau einzureden und ihr konkrete Hinweise auf die Bedrohung zu entlocken. Da biss er allerdings auf Granit. Die alte Dame schien sich genau zurechtgelegt zu haben, was sie der Polizei mitteilen wollte, und davon wich sie keinen Deut ab. Fast kam es Georg so vor, als habe sie sich aufgeschrieben, was sie ihm zu sagen hatte, denn sie reagierte überhaupt nicht auf sein Gesprächsangebot, sondern flüsterte nur „Sie müssen sich beeilen, sonst war alles umsonst“ in den Hörer.
So friedlich, wie ihm sein Heimatstädtchen auf der Fahrt von zu Hause zum Bäcker erschienen war, so sehr hatte es für Georg sein Gesicht nach diesem Telefonat verändert. Plötzlich war er nicht mehr in einen Herbstmorgen gestartet, der hinter dem Frühnebel noch einen goldenen Sonnentag versprach, sondern die grauen Wolken hingen nun so dicht über den Häusern, dass Georg alles trist und grau vorkam. Auch sein Frühstück vermochte nicht, seine Stimmung zu heben. Es half nichts, er musste dieser Spur nachgehen, dafür war er da. Dass dieser Anruf kein Dummejugenstreich war, ahnte Georg; das ganze Ausmaß der Anzeige würde er allerdings erst beurteilen können, wenn er vor Ort war.
Ausgerechnet heute hatte sich seine Kollegin Lisa-Marie krankgemeldet. Sie war mit Schmerzen zum Zahnarzt unterwegs und Georg gestand sich ein, dass er sie jetzt gern dabeigehabt hätte. Als er ihr großzügig freigegeben hatte für den Tag, hatte er nicht ahnen können, dass er keine Viertelstunde später entgegen aller Vorschriften allein im Auto saß und mit Blaulicht einem Lkw nachjagte, der in Richtung Autobahn unterwegs sein sollte und um dessen Fracht seine Anruferin so ein großes Geheimnis gemacht hatte. Georg griff zum Handy und informierte seine Kollegin wenigstens über den Anruf und das Ziel seiner rasanten Verfolgungsfahrt. Er erreichte zwar nur den Anrufbeantworter, aber er fühlte sich gleich besser. Egal, was ihn da gleich erwartete, jemand wusste, wo er war und was er vorhatte.
Endlich konnte der alte Opel zeigen, was er unter der Haube hatte, und es gelang Georg tatsächlich, den Lkw in dem Waldstück vor der Autobahnauffahrt einzuholen. Er winkte ihn auf einen Waldparkplatz. Wieder einmal war er seinem Nachbarn, Herrn Ebert, dankbar für das hervorragende Tuning von Muttis altem Wagen. Seit sich Gerlinde Haller – für ihren Sohn völlig überraschend – in einem Altersheim eingemietet hatte, fuhr er den grünen Ascona. Er hatte Glück! Wäre Georg nur ein wenig später gekommen, dann wären seine Chancen, den Lkw zu erwischen, nur noch fünfzig zu fünfzig gestanden. Vielleicht hätte er die richtige Autobahnauffahrt gewählt, vielleicht wäre er aber auch in die falsche Richtung gefahren.
Georg war sich sicher, dass er den richtigen Wagen angehalten hatte. Schließlich fuhren rund um Bärlingen nicht allzu viele Lkws mit russischem Kennzeichen und kyrillischer Schrift auf der Plane herum. Die Anruferin hatte den Transporter genau beschrieben. Der Hauptkommissar stieg aus und hoffte insgeheim darauf, dass er nach einer schnellen Kontrolle der Fahrzeugpapiere den Brummifahrer ziehen lassen konnte. Es wäre doch gut möglich, dass der anonyme Hinweis von einer Rentnerin stammte, die nicht mehr zwischen Realität und Fantasie unterscheiden konnte. Georg war solchen Damen schon im Gertrudenstift, in dem seine Mutter lebte, begegnet und er fühlte sich immer ein wenig befangen, wenn er in Kontakt mit solchen Heimbewohnern kam. Wenn er ehrlich zu sich selbst war, hätte er gut auf diese Begegnungen verzichten können. Jedenfalls war er heilfroh, dass seine Mutter noch so rüstig und geistig fit war und trotz Krimileidenschaft sicher Besseres zu tun hatte, als die Polizei aufgrund irgendwelcher abstruser Storys durch die Weltgeschichte zu schicken. Immerhin war seine Mutter frisch verliebt oder so ähnlich. Ganz genau wusste Georg nicht, wie sie ihr Verhältnis zu Herrn Mangold, ihrem neuen Nachbarn, bezeichnen würde. Heute Abend würde Georg vielleicht Näheres erfahren, denn ihren Jour fixe verbrachten Mutter und Sohn trotz des neuen Mannes im Leben von Gerlinde nach wie vor allein.
Georg hatte genügend Gelegenheit, den Lkw von vorne zu mustern, als er auf die Fahrerkabine zuging. Sicher, der Lastzug hatte schon bessere Zeiten gesehen und Georg fühlte sich auch ein wenig hilflos, weil er nicht entziffern konnte, was auf der Plane stand, aber hier gleich das organisierte Verbrechen zu vermuten, dagegen sträubte sich die lange Erfahrung des Polizisten. Er hatte schließlich unvoreingenommen zu sein und die abgebildeten Lebensmittel ließen ihn Zuversicht schöpfen, dass sich die Sache als harmlos erweisen würde. Trotzdem war er nur aus einem einzigen Grund hier auf diesem einsamen Waldparkplatz und näherte sich der Fahrertür, die immer noch verschlossen war. Jemand hatte behauptet, die Fracht des Fahrzeugs sei alles andere als in Ordnung und Leben seien in Gefahr.
Der Hauptkommissar musste vorsichtig sein. Weil er direkt von zu Hause kam, war er noch ohne Waffe unterwegs, die lag im Schließfach auf der Wache. Innerlich fluchte Georg und hätte jetzt viel lieber langweilige Akten in der Amtsstube bearbeitet, statt hier allein und unbewaffnet einer wie auch immer gearteten Überraschung ins Auge zu sehen. Der Hauptkommissar hatte es zwar jedes Mal genossen, wenn es wieder ein bisschen brenzliger und krimineller in Bärlingen geworden war und sein Spürsinn und Mut gefragt waren, aber ohne die Phasen der Erholung – unspektakulärer Dienst nach Vorschrift zwischen den Kriminalfällen – hätte Georg wohl den Glauben an das Gute im Menschen verloren. Diesen trug er jetzt wie einen Schutzschild vor sich her, als er an die Fahrertür trat und anklopfte.
Der Fahrer öffnete die Tür und gab Georg den Blick frei in einen Mikrokosmos des Kitschs: Fransengardine über der Frontscheibe und blinkende Lichtspiele rund um eine Ikone. Georg zeigte dem Fahrer seinen Ausweis und ließ sich die Fahrzeugpapiere geben. Der Fahrer, ein bulliger Typ mit rasiertem Schädel, wirkte nervös, er schien es eilig zu haben. Als Georg ihm sagte, dass die Papiere in Ordnung seien, war er sichtlich erleichtert und streckte bereits die Hand nach den Unterlagen aus. Georg allerdings wies mit dem Kopf in Richtung Ladefläche. Von der Fracht wollte er sich selbstverständlich auch noch ein Bild machen, bevor dieser zwielichtige Geselle irgendwo in den Weiten Osteuropas verschwand.
Nach dem reibungslosen Beginn der Fahrzeugkontrolle war...




