Wienforth | Passung in der Krise | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 298 Seiten

Wienforth Passung in der Krise

Eine rekonstruktive Studie zur Professionalisierung in den stationären Hilfen zur Erziehung mit geflüchteten jungen Menschen
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7799-8581-5
Verlag: Beltz Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Eine rekonstruktive Studie zur Professionalisierung in den stationären Hilfen zur Erziehung mit geflüchteten jungen Menschen

E-Book, Deutsch, 298 Seiten

ISBN: 978-3-7799-8581-5
Verlag: Beltz Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Migrationsbewegungen ab 2014 gingen mit Krisen der Verwaltungs- und Unterstützungssysteme einher und konfrontierten auch die Hilfen zur Erziehung mit vielfältigen Herausforderungen. Hier setzt die Studie mit einem praxeologischen Zugang an und rekonstruiert, wie der ?lange Sommer der Migration? von Fachkräften in stationären Hilfen zur Erziehung erlebt wurde und an welchem (impliziten) Wissen sie ihr berufliches Handeln orientierten. Hierbei zeigt sich, dass die Tätigkeit als Passungsarbeit verstanden wird. Zudem kommt es aufgrund der Krisenerfahrungen der Professionellen zu einer Transformation handlungsleitender Orientierungen.

Jan Wienforth, Dr. phil., ist Professor für Theorien, Organisationen und Geschichte Sozialer Arbeit an der Hochschule München. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Grundlagen Sozialer Arbeit, Diversität und Diskriminierung in der Sozialen Arbeit, Professionalisierung Sozialer Arbeit (insbesondere diversitäts- und diskriminierungssensible Professionalisierungsforschung) sowie rekonstruktive Forschung in der Sozialen Arbeit.
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1Einleitung


Ausgangspunkt der vorliegenden Studie sind die Fluchtmigrationsbewegungen ab dem „langen Sommer der Migration“ (Hess et al. 2017, S. 6), die insbesondere ab 2015 in Europa – wie auch global – den öffentlichen Diskurs prägten und weitreichende Folgen hatten. Vielfältige Krisen und kriegerische Auseinandersetzungen führten weltweit zu einem Anstieg der Migration, so dass die Zahl geflüchteter Menschen einen neuen Höchststand erreichte und weiter ansteigt – nach aktuellen Berechnungen waren im Jahr 2022 erstmals über 100 Millionen Menschen auf der Flucht (vgl. UNHCR 2022).

Die hohe Zahl neueinreisender und asylbeantragender Menschen wurde 2015 in den Ländern des globalen Nordens vielfach als Überraschung wahrgenommen, obwohl eine solche Zunahme angesichts der weltweiten Entwicklungen durchaus prognostiziert wurde und daher erwartbar war (vgl. Scherr/Yüksel 2016, S. 4). Diese im öffentlichen Diskurs häufig als ‚überraschend‘ gelabelte Zunahme geflüchteter Menschen führte in vielen gesellschaftlichen Bereichen – und so auch in der Sozialen Arbeit – zu weitreichenden Veränderungen, vor allem aber zu chaotischen und krisenhaften Situationen (vgl. Hess et al. 2017, S. 11; Lehmann 2015). In der Kinder- und Jugendhilfe standen vor allem unbegleitete, also ohne einen für sie verantwortlichen Erwachsenen reisende, minderjährige Geflüchtete, im Mittelpunkt der Diskussion. Diese Adressat*innengruppe wurde im Jugendhilfesystem in Obhut genommen und häufig – insbesondere in den stationären Hilfen zur Erziehung – weiter betreut. Die rapide ansteigenden Zahlen dieser jungen Menschen führten zu einem massiven Kapazitätsaufwuchs, in dessen Folge auch die Kinder- und Jugendhilfe von strukturellen Krisen und Überforderungen geprägt war (vgl. BMFSFJ 2017, S. 445).

Angesichts der neuen Migrationsdynamiken nahmen die Forschungsbemühungen zum Themenkomplex Flucht zu, auch im Kontext der Sozialen Arbeit. Dabei standen insbesondere die Lebenslagen der jungen Menschen, ihre Belastungen und Krisen, aber auch ihre Ressourcen und Handlungsmacht im Zentrum der Forschung. Die Angebote der Kinder- und Jugendhilfe jedoch, die diese jungen Menschen bei der Bewältigung ihrer alltäglichen Herausforderungen begleitet und unterstützt, sind bislang noch wenig beforscht. Angesichts der Tatsache, dass professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit grundsätzlich und unabhängig von akuten Krisensituationen eine anspruchsvolle Aufgabe ist, wird hier bereits ein Desiderat sichtbar. Mit Blick auf die strukturellen Umbrüche, Diskontinuitäten und Krisen in diesem Feld allerdings tritt die Dringlichkeit, den empirischen Blick auf Organisationen, Fachkräfte und deren Handeln zu lenken, noch deutlich klarer hervor.

Um einen Beitrag zur Professionsforschung in der migrationsbezogenen Sozialen Arbeit zu leisten, geht die vorliegende, rekonstruktiv angelegte Interviewstudie daher der forschungsleitenden Frage nach, wie der ‚lange Sommer der Migration‘ von Fachkräften in den stationären Hilfen zur Erziehung erlebt wurde und an welchem (implizitem) Wissen sie ihr berufliches Handeln orientierten.

Die empirischen Rekonstruktionen verweisen auf zwei zentrale Ergebnisse: Zunächst wird deutlich, dass die Fachkräfte auch ihre konkreten Arbeitsvollzüge als krisenhaft erleben. Die strukturellen Krisen und die psychosozialen Krisen der Adressat*innen wirken sich also auf die berufliche Praxis aus und führen dort zu handlungspraktischen Krisenerfahrungen (zur Differenzierung der Krisenebenen vgl. Kapitel 5.1). Dieses Krisenerleben speist sich einerseits daraus, dass bislang Orientierung gebende Rahmungen weggefallen sind, andererseits aus Divergenzen zu den – insbesondere politisch und administrativ – gegebenen Rahmenbedingungen.

Weiterhin konnte gezeigt werden, dass sich die Fachkräfte an der Idee von Passung orientieren bzw. Nicht-Passung (auf unterschiedlichen Ebenen) bearbeiten. Diese Passungsarbeit wird jedoch angesichts der erlebten Krise und des Wegfalls zentraler Strukturen und Routinen massiv erschwert: Passung und Passungsarbeit finden in der Krise statt und sind in der Krise. Um angesichts der Krise dennoch professionelle Handlungsfähigkeit abzusichern bzw. wiederzuerlangen, werden bisherige Handlungsorientierungen transformiert: In den Rekonstruktionen konnten drei Typen der Passungsarbeit und der Orientierungstransformation unterschieden werden, die jeweils eigene Modi des Verständnisses von Passung und Nicht-Passung, des darauf bezogenen Handelns, der Adressat*innen-Konstruktion und der Beziehung zu den jungen Menschen umfassen.

Allen drei Typen ist gemeinsam, dass sie darum ringen, angesichts der Krise handlungsfähig zu bleiben und Passungsarbeit leisten zu können. Die Art und Weise, wie sie dies umsetzen, unterscheidet sich dabei jedoch deutlich und ist nicht gleichermaßen als professionell einzustufen. Damit zeigen die Ergebnisse nicht nur, dass Passung und Passungsarbeit unter Krisenbedingungen erbracht werden, sondern auch, dass sich angesichts des ‚langen Sommers der Migration‘ und seiner Folgen Professionalisierung in der Krise befindet. Damit sind zwei weitere Befunde angesprochen: Einerseits muss Professionalisierung unter krisenhaften Strukturbedingungen erfolgen, was zu Veränderungen und Transformationen der handlungsleitenden Orientierungen führt. Andererseits führen die erlebten Krisen auch zu einer Krise der Professionalisierung, die sich sowohl im Erleben begrenzter Handlungsoptionen der Fachkräfte als auch in ihren teilweise problematischen (etwa paternalistischen, rassistischen oder grenzüberschreitenden) Orientierungen ausdrückt. Die Ergebnisse verdeutlichen dabei auch, dass sich Professionalisierung und Handlungsfähigkeit von Fachkräften nicht zwangsläufig entsprechen müssen und auch in Widerspruch zueinander stehen können.

Damit trägt die vorliegende Studie zur Professionalisierungsdebatte in der Sozialen Arbeit bei und zeigt exemplarisch auf, wie sich Handlungsorientierungen unter Krisenbedingungen transformieren und welche Folgen dies für professionelle Handlungsfähigkeit hat. Dies ist sowohl grundsätzlich für die Soziale Arbeit von Belang als auch spezifisch für migrationsbezogene Arbeitsfelder und die Kinder- und Jugendhilfe mit geflüchteten jungen Menschen. Denn auch wenn sich die Situation zwischenzeitlich wieder gewandelt hat und nicht mehr von einer akuten Krise gesprochen wird, ist die Frage nach den Möglichkeiten und Begrenzungen professionellen Handelns mit geflüchteten Adressat*innen weiterhin aktuell – nicht zuletzt aufgrund der derzeit wieder ansteigenden Zahlen Geflüchteter, die auch in der Kinder- und Jugendhilfe betreut und begleitet werden.

Die Arbeit ist in sieben Kapitel gegliedert. Nach dieser Einleitung wird in Kapitel 2 eine grundlegende Einführung zum Themengebiet der Studie gegeben. Dazu werden zunächst die Migrationsentwicklungen ab dem ‚langen Sommer der Migration‘ beschrieben. Anschließend wird in das Thema ‚Jugend‘ und zentrale Herausforderungen des Jugendalters (vgl. BMFSFJ 2017, S. 95 ff.) eingeführt, um darauf aufbauend die spezifische Form dieser Herausforderungen unter dem Vorzeichen einer Migrationserfahrung zu skizzieren. Weiterhin werden das Feld der Kinder- und Jugendhilfe sowie der stationären Hilfen zur Erziehung dargestellt und die dortigen Entwicklungen ab 2014 sowie die damit einhergehenden Veränderungen für professionelles Handeln aufgezeigt. Dabei wird die Kinder- und Jugendhilfe als eine Instanz der Krisenbearbeitung verdeutlicht, die durch die neueren Migrationsbewegungen mit eigenen Krisen konfrontiert ist.

Aufbauend auf der grundlagentheoretischen Perspektive der Praxeologischen Wissenssoziologie (vgl. Bohnsack 2017b) wird dann ein Verständnis von Handeln bzw. Handlungsorientierungen entwickelt, das menschliches Wissen und Handeln als sozial hervorgebracht, wesentlich durch Erfahrungen fundiert und implizit – also nur bedingt rational zugänglich – versteht. Zum Abschluss des Kapitels werden die Forschungsdesiderate und die zu bearbeitende Forschungsfrage herausgearbeitet.

Zur Beantwortung der in Kapitel 2 entwickelten Forschungsfrage wurde ein rekonstruktiv-praxeologischer Forschungszugang gewählt, der im Kapitel 3 dargestellt wird. Hierzu wird die methodologische und methodische Anlage der Studie vorgestellt. Die Erhebung erfolgte mittels narrativ fundierter und leitfadengestützter Interviews (vgl. Nohl 2017), für deren Auswertung ...



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