E-Book, Deutsch, 396 Seiten
Wiener Wiener's G'schichten V
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7534-8842-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Von "Verbotene Melodie" bis "Über alle Meere"
E-Book, Deutsch, 396 Seiten
ISBN: 978-3-7534-8842-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Drei politische Theaterstücke plus Bonusversion Dieser fünfte Band der "Wiener's G'schichten" stellt 3 Theaterstücke vor, die in den Jahren 1946 bis 1967 entstanden. Die Komödie "Verbotene Melodie" zeigt die Möglichkeit auf, wie in der BRD-Demokratie eine Diktatur entstehen kann. In der Tragödie "Familie Bernstein" wird der Holocaust am Beispiel einer jüdischen Familie dargestellt. Schließlich noch das Stück "Es waren 23", welches die Mitschuld von Pädagogen im Dritten Reich an Kriegsverbrechen, die deren Schüler begannen, verdeutlicht. Ebenso ist es eine Anklage gegen die fehlende Vergangenheitsbewältigung nach dem zweiten Weltkrieg in der BRD. Das Stück wurde noch einmal umgeschrieben und ein Jahr später unter den Titel "Über alle Meere" den Theatern angeboten. Sozusagen ist dies hier als Bonusversion zu sehen, wie es in der Musikbranche üblich ist.
Der Schriftsteller Ralph Wiener - bzw. der promovierte Jurist Felix Ecke - ist seit über 90 Jahren in der Lutherstadt Eisleben zu Hause. Hier gründete er im Sommer 1945 als 21-jähriger Mann das erste Nachkriegstheater Deutschlands. Nach anschließendem Jurastudium wurde er Rechtsanwalt und schrieb nebenbei Satiren und Humoresken - zuerst für die LDZ und später hauptsächlich für den "Eulenspiegel". Wiener verfasste u.a. auch Kabaretttexte, ein Dutzend Theaterstücke, und veröffentlichte ca. 20 Bücher in verschiedenen Verlagen. Die Eulenspiegeleien sind alle im ersten Band der Reihe "Wiener's G'schichten" vereint. Der zweite Band enthält zusammengefasst alle Satiren, die in anderen Zeitungen, Büchern oder noch gar nicht veröffentlicht worden sind. Der dritte Band beschäftigt sich mit seinem Theaterstück "Geschichten meiner Frau", welches 1962 uraufgeführt wurde. Neben den Texten wurden auch alle Spielstationen des Stückes einschließlich der Programmhefte und Zeitungskritiken dokumentiert. Zusätzlich enthält Band 3 die Geschichte der Theatergründung vor 75 Jahren. Der vierte Band beschäftigte sich mit zwei weiteren heiteren Theaterstücken "Fragen Sie Sibylle" und "Ein himmlischer Abend". In diesem fünften Teil der "Wiener's G'schichten" geht es jedoch ernster zu, denn hier werden drei gesellschaftspolitisch Stücke vorgestellt.
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2. Bild Salon bei Bankier Hoyer (Links spielt Brigitte Hoyer Geige. Nach einiger Zeit tritt Frau Hoyer ein.) Frau Hoyer: Der Tee ist fertig, Brigitte! (Sie stellt drei Tassen und Gebäck zurecht.) Brigitte (bricht ihr Spiel ab): Ich hätte dir doch helfen können. (Sie legt die Geige weg.) Frau Hoyer: Nein‚ du musst üben. Das ist wichtiger. Brigitte (seufzt): Ich glaube, ich werde nie eine große Künstlerin. Frau Hoyer: Es ist Vaters Wunsch. „Als Tochter eines Bankiers“, hat er immer gesagt, „wirst du entweder eine Virtuosin oder ein Gassenmädchen.“ Brigitte: Eine Virtuosin werde ich bestimmt nicht. Frau Hoyer: Warten wir ab! Übrigens können wir schon mit dem Tee beginnen. Vater kommt etwas später. (Sie nimmt sich Zucker und reicht Brigitte die Dose.) Denk aber nicht, dass wir dein Musikstudium umsonst bezahlen! Du hast damals selbst gesagt‚ Musik sei dein Hobby. Brigitte: Ist es auch. Nur, dass ich gleich eine Virtuosin werden soll … Frau Hoyer: Ich verstehe dich. Überlassen wir die Sache der Zeit! (Sie reicht ihr die Gebäckschale.) Magst du? Brigitte (bedient sich): Danke! Frau Hoyer: Was ist eigentlich aus deiner „großen Bekanntschaft“ geworden? Weißt du, ich will nicht neugierig sein - aber ein bisschen fühle ich mich für dich verantwortlich. Brigitte: Du brauchst dir keine Sorgen zu machen, Mutti. Bis jetzt weiß er weder meinen Namen‚ noch dass ich Musikstudentin bin. Frau Hoyer: Und er liebt dich? Brigitte: Wahnsinnig. Frau Hoyer (ironisch): Das ist allerdings beruhigend. Brigitte: Sei nicht schockiert, Mutti! Ich liebe ihn ja auch. Frau Hoyer (verschluckt sich). Brigitte: Hast du dich verschluckt? Frau Hoyer (fängt sich wieder): Nein, liebes Kind, die Sache ist mehr als bedenklich. Was weißt du von dem Mann? Was ist er? Was treibt er? Brigitte (etwas spöttisch, als ob sie ein Gedicht aufsagt): Also er heißt Fritz Lindblom, ist achtunddreißig Jahre alt‚ gehört irgendeiner neuen Partei an und steht am Beginn einer großen diplomatischen Karriere. Frau Hoyer (nickt): Am Beginn. Brigitte: Du kannst es glauben‚ Mutti! Er steckt voller Ideen. Allerdings dürfe er noch nicht darüber sprechen, sagt er, aber er wird es ganz bestimmt zu etwas bringen! Frau Hoyer: Wenn er jetzt achtunddreißig ist, Brigitte, dann hätte er es eigentlich schon zu etwas bringen können. Brigitte: Du sprichst von normalen Berufen. (Sie hebt possierlich den Zeigefinger.) Große Tätigkeiten erfordern eine lange Entwicklung! Frau Hoyer (lächelt): Meine Tochter ist eine kleine Philosophin. Brigitte: Das wird man zwangsläufig - durch den Umgang mit Herrn Lindblom. Frau Hoyer: Es muss ein wunderbarer Mann sein. Hoyer (tritt mit einem Buch in der Hand ein): Meine Lieben, jetzt stehe ich zu eurer Verfügung. (Er setzt sich.) Ist der Tee noch heiß? Frau Hoyer: Gerade richtig. (Sie schenkt ihm ein.) Hoyer (auf das Buch zeigend): Das ist ein Buch, kann ich euch sagen! Der größte Unsinn des Jahrhunderts! Ich hätte es nie gelesen, wenn es mir dieser anonyme Kerl nicht fünfmal zugesandt hätte. Jedes Mal mit der Aufforderung „Lesen Sie! Überzeugen Sie sich! Kämpfen Sie mit!“ Frau Hoyer (befremdet): Kämpfen? Gegen was? Hoyer: Gegen - - also es ist zu unsinnig. Gegen die Musik! Brigitte: Was hat die Musik verbrochen? Hoyer: Das frage ich mich auch. Aber der famose Herr Verfasser … (Er sieht auf den Titel.) … Herbert Kroll heißt er - gibt eine wunderbare Antwort: „Alles Unglück in der Welt kommt von den Musikanten!“ schreibt er. Und er begründet das. Wissenschaftlich. Das heißt pseudowissenschaftlich. Frau Hoyer: So einen Unsinn zu veröffentlichen! Hoyer: Und einem ins Haus zu schicken! Was ich nur mit dem Kram soll? - Na, trinken wir erst mal Tee! (Er bedient sich.) Brigitte: Weißt du was mich wundert, Vati? Dass du das Buch gelesen hast! Mir hätten sie so etwas zwanzigmal zuschicken können. Hoyer: Das glaube ich. Du liest außer Noten überhaupt nichts. Frau Hoyer: Jedenfalls stimmt es, wenn man sagt: „Steter Tropfen höhlt den Stein!“ Das scheint ein ganz gerissener Kerl zu sein‚ dieser - - wie hieß er gleich? Hoyer (blickt noch einmal auf den Titel): Herbert Kroll. Frau Hoyer (etwas gedehnt): Herbert Kroll. Hoyer: Du sprichst den Namen aus wie ein Gedicht. Brigitte: Das macht Mutti mit allen Männernamen so. Frau Hoyer: Brigitte! Hoyer: Nun haben wir genug über diesen Fall geredet! Man kommt nicht mehr zur Besinnung. (zu Brigitte:) Was gibt's Neues in Studentenkreisen? Brigitte (zaghaft): Das Taschengeld geht zur Neige. Hoyer (nickt): Das Taschengeld. (zu Frau Hoyer:) Etwas anderes erfahre ich nicht. Brigitte: Und dann brauche ich eine neue Niethose. Hoyer: So, so. Vielleicht noch ein Mercedes 600 gefällig? Frau Hoyer (zu Brigitte): Du bist ungeschickt. Merkst du nicht, dass Vater heute seinen grauen Tag hat? Brigitte: Richtig‚ heute ist Dienstag. Hoyer: Lasst endlich die Albernheit, jeden Wochentag bei mir mit einer Farbe zu belegen! Ich kann das schon nicht mehr hören: Der „grüne Mittwoch“, an dem man alles von mir erhoffen kann; der „rote Donnerstag“, an dem ich mich vor meinen Angestellten in Acht nehmen muss; der „violette Freitag“‚ an dem ich mit Veilchen zu besänftigen bin; der „gelbe Samstag“, an dem ich ... Frau Hoyer: Wir wissen es, Walter. Und diese Planmäßigkeit ehrt dich. Sie garantiert uns, dass du nie von deinem Wege abweichst. Du bist die Korrektheit in Person. Brigitte (zu Hoyer): Und wenn du mir jetzt noch mein Taschengeld gibst ... Hoyer (lächelt): Am „grauen Dienstag“? Unmöglich. Frau Hoyer (zu Brigitte): Da hast du's! Brigitte (zu Frau Hoyer): Ich hab's aber eben nicht! Hoyer (zieht seine Brieftasche): Na, ich bin kein Unmensch. (Er gibt ihr einen Schein.) Hier! Zum vorbildlichen Familienvater gehört auch die Güte. Brigitte: Danke, Vati! (Sie gibt ihm einen Kuss auf die Wange.) Frau Hoyer (zu Hoyer): Ich hab den Eindruck, du verwöhnst Brigitte. Hoyer: Ist das so schlimm? Hausmädchen (kommt herein): Verzeihung! Ein Herr Lindblom wünscht den gnädigen Herrn zu sprechen. Frau Hoyer und Brigitte (erstaunt‚ wie aus einem Munde): Lindblom? Hoyer: Ihr kennt ihn? Frau Hoyer (fasst sich): Nein. Brigitte: Aber der Name ist so seltsam ... Frau Hoyer: ... dass man ihn einfach wiederholen muss. Hoyer (zum Hausmädchen): Was ist das für ein Herr Lindblom? Hausmädchen: Ich weiß nicht. Er hat nur gesagt: „Mein Name ist Fritz Lindblom. Ich muss unbedingt Herrn Bankier Hoyer sprechen.“ Hoyer: Wenn er nicht sagt, was er will, tut es mir leid. Hausmädchen: Ich habe ihn gefragt, ob er angemeldet ist. Aber er lässt sich nicht abweisen. Frau Hoyer (steht auf): Brigitte, wir gehen am besten in den Wintergarten! (leise:) Hier wird es mir etwas ungemütlich. Brigitte (ebenfalls leise): Mir auch. (Sie steht auf.) Frau Hoyer (zu Hoyer): Bis nachher, Walter! (Frau Hoyer und Brigitte gehen ab.) Hoyer (zum Hausmädchen): Also lassen Sie den Herrn Lindblom herein! Hausmädchen (macht einen Knicks): Sehr wohl! (Sie geht ab.) Lindblom (tritt ein und bleibt an der Tür stehen): Herr Bankier Hoyer? Hoyer (ohne aufzustehen): Der bin ich. Lindblom: Lindblom ist mein Name. (Er macht eine Verbeugung.) Meine Verehrung! Hoyer: Sie sind nicht angemeldet. Lindblom: Ich weiß. Hoyer: An sich pflege ich nur Personen zu empfangen‚ die ordnungsgemäß avisiert wurden. Lindblom: Ich bitte, den Verstoß gegen die Etikette zu entschuldigen!...




