E-Book, Deutsch, 271 Seiten
Wieland Zeit der Wildschweine
Die Auflage entspricht der aktuellen Auflage der Print-Ausgabe zum Zeitpunkt des E-Book-Kaufes.
ISBN: 978-3-608-11626-7
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 271 Seiten
ISBN: 978-3-608-11626-7
Verlag: Klett-Cotta
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kai Wieland, geboren 1989 in Backnang. Nach dem Abitur absolvierte er eine Ausbildung zum Medienkaufmann, studierte anschließend Buchwissenschaft an der LMU in München und arbeitet seit 2016 für ein Verlagsbüro in Stuttgart. Mit seinem Debüt Amerika wurde er Finalist beim Blogbuster, dem Preis der Literaturblogger.
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U1
Ich nahm damals Unterricht im Kickboxen, weil ich ohnehin wie ein Kämpfer aussah. Nicht wirklich vielleicht, nicht beim Blick in einen Spiegel, denn mein Gesicht war in den Konturen zu weich, und ich hatte praktisch keinen Bartwuchs. Aber ich ging wie ein Kämpfer, mit durchgedrückten Schultern, jedenfalls wenn ich Musik im Ohr hatte, und ich fühlte mich wie ein Kämpfer, wenn ich Two Steps from Hell hörte. Ich war kein Kämpfer, ich fiel beim Schlagen immer nach vorne, selbst nach Wochen noch, als die anderen beim Sparring schon die Kicks dazunahmen.
Die Kampfsportschule befand sich im Untergeschoss eines ehemaligen Industriegebäudes. Der simple, aber mächtige Organismus hatte in ruhmreicheren Tagen Dachziegel produziert, diente mittlerweile aber bloß noch unzähligen Start-up-Unternehmen und Fitnessstudios als Wirt. Von den unverkleideten Decken der uniform grauen Räume hingen nun Aerial-Yoga-Tücher und Hängematten, und am Gebäudeeingang war ein Flickwerk aus bunten Schildern angebracht, von denen keines verriet, was im entsprechenden Gebäudeteil getan wurde.
Von irgendwelchen Yoga-Tüchern nichts ahnend, hatte ich mir eine Halle im kargen Industriedesign vorgestellt, mit dem klassischen Boxring in der Mitte. Eine rote Plane, blaue Eckpolster, weiße Seile und eine Handvoll Deutschrussen, die einander mit rustikal bandagierten Fäusten bearbeiteten. Tatsächlich waren es aber Studenten, Hausfrauen und Kinder, die barfuß über die Tatami-Matten hüpften und übergroß wirkende Boxhandschuhe spielerisch gegeneinander pufften, und allesamt Anfänger, allesamt Nichtskönner, genau wie ich.
Trotzdem spürte ich nach dem Training, wie sich meine Arm- und Schultermuskeln unter der eiskalten Dusche reflexhaft anspannten und Präsenz zeigten, ich verließ die Kabine aufrecht gehend, Zuversicht schwitzend. Auf dem Parkplatz drang die Nachtluft in meine Lungen und reicherte mein Blut mit Sauerstoff oder Adrenalin oder weiß der Teufel womit an. Ich fühlte mich unglaublich sicher in meinem Windbreaker, die Hände tief in den Taschen vergraben, und taxierte aufmerksam, aber unbeeindruckt die Umgebung. Mein feuchtes Haar, das in Strähnen unter der Mütze hervorfiel, fühlte sich an wie Draht, und ich schmeckte Blut, vielleicht von der Kälte, wahrscheinlicher aber, weil meine Sparringspartnerin mir bei einer Trockenübung versehentlich ins Gesicht geschlagen hatte. Mir war kurz darauf derselbe Fehler unterlaufen, aber ich glaube, wir trugen es einander nicht nach. Die Wahrheit ist: Wenn du das erste Mal mit einem Boxhandschuh zuschlägst, fühlst du dich wie Rocky Marciano. Es spielt dabei nicht wirklich eine Rolle, wessen Gesicht es ist.
Als ich Janko kennenlernte, fiel der Dritte auf den Dritten, auf einen Samstagabend im März, und die Menschen heirateten wie von Sinnen. Ich füllte im Waschraum der Kampfsportschule meine Wasserflasche, nicht unzufrieden damit, dass mein Vektor noch immer nach innen zeigte, als er plötzlich im Spiegel, eigentlich aber im Türrahmen erschien. Janko hatte mein Alter und meine Größe, aber dunklere Augen, mit denen er mir wortlos auf den Hinterkopf starrte. Kurzgeschorenes Haar, das Shirt zerknüllt in der hängenden Faust, sein nackter Oberkörper war hager, aber athletisch, die Haut tätowiert, voller Gesichter und Zitate.
Ich nickte ihm zu und murmelte dabei eine Belanglosigkeit, verstummte allerdings, als sich sein Gesicht in eine zornige Grimasse verwandelte. Ruckartig schleuderte er eine halbvolle Trinkflasche nach mir, und spiegelparadoxerweise drehte ich mich beim Versuch, dieser auszuweichen, geradewegs in ihre Flugbahn hinein.
»Tu das nie wieder«, zischte Janko und hob dann die Stimme: »Tu das verdammt noch mal nie wieder! Wag’ es nicht noch einmal, über den Spiegel zu mir zu sprechen. Ich bin nicht dein verfluchtes Spiegelbild!«
Er ging einige Schritte rückwärts, ohne den Blick abzuwenden, und verschwand aus dem Türrahmen wie zurückgespult. Ich verfiel in ein unkontrolliertes Blinzeln, meine Kontaktlinsen waren angetrocknet. Ärgerlich strich ich über die Gänsehaut an meinem Unterarm und hob die Plastikflasche vom Boden auf. Noch hatte ich ihm nicht in die Augen gesehen, nicht ungespiegelt, und trotzdem hatte er den feinen Schleier, der sich bei ersten Begegnungen zwischen den Menschen nur wenige Augenblicke lang hebt, bereits zerschnitten und es mir so unmöglich gemacht, ihn zu vergessen. Aber wollte man das? Von einem Fremden erinnert werden? Ich füllte beide Trinkflaschen und folgte ihm hinaus in die Halle.
Mit Janko ins Sparring zu gehen, schien mir nach diesem ersten Eindruck nicht ratsam, aber es überraschte mich nicht, dass er sich genau das in den Kopf gesetzt hatte. Sein spezielles Naturell war mir noch fremd, aber ich kannte Jungs wie ihn, die alles persönlich nahmen und es nachtrugen, sie gehörten nicht in eine Kampfsportschule. Er baute sich vor mir auf, schob sein Gesicht nah an meines heran, federte auf den Fußballen, reckte das Kinn in die Höhe und zeigte schmatzend seine gelblich verfärbten Zahnreihen, als justierte er einen unsichtbaren Mundschutz. Was für eine merkwürdige Show, dachte ich, es fehlte bloß, dass er mir Blut ins Gesicht spuckte.
Vorsichtig begann ich Janko zu umkreisen, einem Instinkt folgend, wie sich überhaupt die meisten Menschen in Kampfsituationen sehr ähnlich verhalten, wenn sie nie zuvor mit physischer Gewalt konfrontiert waren. Unter Anfängern war es immer dasselbe: Wie bei einem primitiven Ritual vollführten die Kontrahenten zunächst einige Drehungen, wagten dabei zwei oder drei schüchterne Schläge in die Deckung ihres Widersachers, ehe sich einer von ihnen ein Herz fasste und in die Offensive ging, was schließlich in ein beiderseitiges panisches Gefuchtel mündete.
Janko war diese Zurückhaltung offenbar fremd, er war entweder kein Anfänger oder nicht normal. Vom ersten Moment an kannte er nur die entgegengesetzte Richtung und prügelte auf meine Deckung ein wie besessen. Obwohl er kaum Wirkungstreffer landete, konnte ich seinem Sperrfeuer nicht entkommen, und so verharrte ich in einer Art Kauerstellung.
Selbst als Laie, selbst geduckt und versteckt hinter meinen ramponierten Handschuhen, erkannte ich, dass Janko keineswegs erfahrener oder talentierter war als ich. Auch er fiel beim Schlagen nach vorne, auch er war limitiert in seinen Angriffstechniken, wir beide kannten nur die Gerade, entweder ins Gesicht oder in die Magengegend, was einen uninspirierten Kampf zur Folge hatte. Der einzige wirkliche Unterschied zwischen uns beiden bestand darin, dass Janko wütend war, während ich noch nicht genug von dem Sport verstand, um es für mich zu nutzen.
Meine Deckung bröckelte, und ich fing mir einige Schläge gegen das Jochbein ein, dann traf ein unerwarteter Haken meine Leber, und schließlich landeten zwei seiner Kicks im falschen Stockwerk. Mir wurde schwindelig, und ich sank aus meiner geduckten Haltung hinunter auf die Matte, die schmerzenden Beine abgewinkelt, die blau gefleckten Arme über dem Gesicht verschränkt. Meine Hände, von den Handschuhen nun wie von Gewichten zu Boden gezogen, ruhten links und rechts von meinem Kopf, und ich fragte mich, wie wohl die großen Boxer fielen.
Während ich mich aufrichtete, stand Janko auf der anderen Seite des Raumes an ein Fensterbrett gelehnt, schnaufte mit bebendem Oberkörper und beobachtete meine hilflosen Bewegungen. Wie uninteressant es war zu boxen, dachte ich, verglichen mit dem sehr viel weniger konkreten Wunsch, ein Boxer zu sein. Verstand Janko dieses Dilemma? Wahrscheinlich nicht, auch wenn er nun vage nickte – Spiegel sind geduldig.
Wie gerädert betrat ich später die Umkleidekabine. Ich hatte geglaubt, der Letzte zu sein, doch von den Betonwänden hallte noch immer das klatschende Geräusch von Wasser auf Fleisch. In dem winzigen Waschraum, der an die Umkleide grenzte und ursprünglich vielleicht eine Besenkammer oder das Hausmeisterbüro gewesen war, gab es nur zwei Duschen, die sich an einander gegenüberliegenden Wänden befanden. Mir meiner Muskeln weniger sicher als in den Wochen zuvor, zog ich mich aus und stakste über die weißen Fliesen.
Auch sein Rücken war großflächig tätowiert. Zwischen den Schulterblättern prangte stilisiert der Schriftzug »Too weird to live, too rare to die«, darunter umklammerte eine schwarze Faust einen schwarzen Peyote-Kaktus.
»This is your life, and it’s ending one minute at a time«, las ich auf seinem Steiß.
»No one cares about the man in the box«, behauptete sein Latissimus dorsi.
Dass Janko dieselben Filme gesehen hatte wie ich, war nicht weiter erstaunlich, weil fast jeder in unserer Generation...




