Widmer | Finsternis am Vierwaldstättersee | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Widmer Finsternis am Vierwaldstättersee

Kriminalroman
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-98707-108-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-98707-108-9
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Krimispannung in den Schweizer Alpen. In einem Stausee wird die Leiche eines vermissten Managers gefunden. Er war an einem umstrittenen Projekt für ein Luxus-Baumhotel am Urnersee beteiligt. Wenig später kommt es zu einem Brand auf dem Hotelgelände. Hängen die beiden Fälle zusammen? Kriminalpolizistin Rahel Reinhart ermittelt zusammen mit Journalist Konrad Mattmann. Doch immer wieder tauchen neue Verdächtige auf - denn das Opfer selbst hatte zu Lebzeiten keine Skrupel, über Leichen zu gehen ...

Martin Widmer lebt seit 30 Jahren im Zürcher Oberland. Er arbeitete als Journalist sowie als Historiker, war Co-Verleger bei »Hier und Jetzt«, Verlag für Kultur und Geschichte, in Baden. Heute ist er als Autor tätig, hat verschiedene Sachbücher publiziert und verbringt den Sommer gerne im schwedischen Schärengarten. www.martinwidmer.ch
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1


»Die Neue«, wie sie im ehemaligen »Hexenturm« an der Tellsgasse 5 genannt wurde, arbeitete erst seit wenigen Monaten bei der Polizei in Altdorf. Rahel Reinhart hatte sich auf die offene Stelle bei der Kriminalpolizei des Kantons Uri beworben, und ihre neuen Kollegen und Kolleginnen staunten, warum sie ihren guten Job in Zürich aufgegeben hatte. Sie war sich bewusst gewesen, es ging nicht um den Chefposten, gesucht wurde eine Allrounderin, die sich um Eigentumsdelikte, Tätlichkeiten, Brandstiftung und Sexualdelikte zu kümmern hatte. Ermittlungen zu Leib und Leben waren nur am Rande ein Thema. Ein Abstieg in jeder Beziehung, rangmäßig und auch finanziell. Tausend Franken weniger Lohn schlugen zu Buche.

Der Anruf traf kurz nach neun Uhr dreißig auf der Einsatzzentrale der Urner Kantonspolizei in Flüelen ein. Dammwärter Mattli meldete den Fund einer Leiche, und sofort beorderte die Zentrale eine Patrouille der Bereitschafts- und Verkehrspolizei an den Fundort. Ebenso bot sie die Staatsanwaltschaft und die Kriminalpolizei auf, wo Rahel an diesem Wochenende Pikettdienst hatte und gleich losfuhr. Auf der Autobahn Richtung Gotthard staute sich fast jedes Wochenende der Verkehr, und sie kam manchmal nur im Schritttempo vorwärts. Sie fluchte über die Touristen, die das Tal mit Abgasen verpesteten, und kam sich dabei wie eine Einheimische vor. Obwohl – richtig heimisch fühlte sie sich auch nach einem halben Jahr in dem engen Tal zwischen Urnersee und Gotthardpass noch nicht. Selbst unten am See und in Erstfeld, wo sie eine günstige Zweizimmerwohnung gefunden hatte, gingen die Berge auf beiden Talseiten fast senkrecht in die Höhe. Im Winter kam die Sonne erst gegen Mittag über den Bergkamm, im Sommer deutlich früher. Wenn an Tagen wie an diesem Vormittag Ende Juni Nebel den Alpenkamm verhüllte, kam bei Rahel eine eigenartige Stimmung auf, als hätte bereits der Herbst begonnen.

In Göschenen verließ sie die Autobahn und fuhr langsam durchs Dorf, das einen verlassenen Eindruck machte. Sie sah eine Bäckerei, deren Auslage leer war; auf dem Parkplatz vor dem Hotel Weisses Rössli standen nur zwei Motorräder. Etwas mehr Betrieb war bei der Kantine der Mineure, wo sie Richtung Göscheneralpsee abzweigte. Die Straße stieg nach dem Weiler Abfrutt an, der Nebel wurde immer dicker. Plötzlich tauchte vor ihr ein Traktor auf, unmöglich zu überholen, denn sie konnte nur wenige Meter weit sehen. Sie hupte, doch der Traktorfahrer trug einen Gehörschutz und schien nie in den Rückspiegel zu schauen. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als geduldig hinter ihm herzufahren. Ob sie fünf Minuten früher oder später einträfe, würde weder für den Toten noch für die Ermittlung eine Rolle spielen, wie sie sich eingestehen musste.

Oben am Damm angekommen, fuhr Rahel auf den Parkplatz und stieg aus. Die Kollegen der Patrouille hatten schon erste Abklärungen gemacht und stellten ihr einen bärtigen Mann vor: Dammwärter Mattli. Er schaute auf ihre Sneakers und fragte: »Haben Sie andere Schuhe dabei?«

Sie nickte, öffnete die Heckklappe ihres Subaru Forester und zog ihre Gummistiefel an.

»Wir müssen ans südliche Ufer«, sagte Mattli. »Vom Weg um den Stausee kommen wir nur schlecht dazu.« Er zeigte auf das Boot, und sie folgte ihm hinunter zum kahlen Ufer, wo die Kieselsteine mit ausgetrocknetem Schlamm überzogen waren. Ein Stausee, dessen Wasserstand weit unter der Höchstmarke liegt, ist kein idyllischer Anblick, schon gar nicht bei Nebel.

Rahel schaute auf das gletschergrüne Wasser, und es fröstelte sie. Bevor sie ins Boot stieg, zögerte sie einen Moment: Eigentlich rückten sie bei der Kriminalpolizei immer zu zweit aus, doch ihr Kollege wurde bei einem anderen Fall aufgehalten, und Kripochef Krähenbühl war auch noch nicht auf dem Platz. Da sie nicht auf die beiden warten wollte, gab sie Mattli das Zeichen, abzulegen, und sie fuhren los; sie vorne im Bug, er auf der Heckbank, mit der einen Hand am Außenbordmotor steuerte er durch den dichten Nebel. Es war, als würden sie gegen eine weiße Wand fahren. Nach wenigen Minuten stellte Mattli den Motor ab und klappte ihn hoch, denn sie waren bereits am anderen Ufer. Das Boot glitt lautlos über das Wasser. Die steile Böschung tauchte aus dem Nebel auf. Mattli wechselte auf die Ruderbank. Mit wenigen Ruderschlägen erreichten sie das Ufer, wo er sich mit dem Bootshaken an einer Felsplatte festhielt. Über den Bug konnte Rahel an Land klettern. Sie schaute Mattli fragend an. Er zeigte auf eine Stelle zwei, drei Meter entfernt, wo sie einen Körper liegen sah, bekleidet mit einem hellen T-Shirt und einer Wanderhose. Rahel ging näher, betrachtete ihn, wie er bäuchlings dalag, das Gesicht im Kies, die Beine im Wasser. Ein paar abgefaulte Baumstrünke deuteten als stumme Zeugen darauf hin, dass hier einmal ein Gebirgswald gestanden war und auf der Göscheneralp Kühe geweidet hatten. Sie ging in die Knie, entnahm ihrem kleinen Rucksack ein Paar blaue Plastikhandschuhe. Vor ihr lag ein Mann, eher älter, denn sein Haar am Hinterkopf war schütter. Sie berührte ihn leicht an der Schulter. Keine Regung. Dann hob sie seinen linken Arm an und suchte am Handgelenk nach seinem Puls. Sie spürte nichts, sah nur, dass die Haut an den Händen und am Arm ganz schrumpelig war. Die Leiche musste sich einige Zeit im Wasser befunden haben, stellte Rahel fest. Sie lag am Ufer, als wäre sie angespült worden. Oder war sie erst zum Vorschein gekommen, als der Pegel des Stausees gesunken war? Rahel hörte Schritte im Kies und drehte sich um. Mattli war aus dem Boot gestiegen und kam auf sie zu.

»Wann haben Sie die Leiche entdeckt?«, fragte sie.

»Die Dorflehrerin und ihre Kollegin haben den Toten entdeckt. Ich habe nur die Polizei verständigt.«

»Aber als Sie bei der Einsatzzentrale anriefen, waren Sie bei der Leiche.«

»Ich bin mit den zwei Frauen per Boot hierhergefahren, um mir ein Bild zu machen.«

Was die beiden ihm auf dem Damm erklärten, habe ziemlich wirr getönt. Dass sie um den Stausee gejoggt seien und dabei etwa zehn Minuten vor dem Damm, oder es könnten auch zwanzig gewesen sein, weit unten am See jemanden liegen gesehen hätten. Aber wie hatten sie bei dem Nebel etwas sehen können? Und warum waren sie bei diesem Wetter überhaupt unterwegs, rund um den See?, habe er sie gefragt. Keine klare Antwort habe er erhalten. Nur den Ort hätten sie erstaunlich genau erklären können. Eine auffällige Felsformation, wo der Weg teilweise mit einem Seil gesichert sei. Er schaute nach oben und zeigte Rahel den Weg im schroffen Felsband. »Da wusste ich genau, wohin ich mit den beiden fahren musste«, fuhr Mattli fort. »Ich wollte nachsehen, ob das zutraf, was sie mir zu erklären versuchten. Nicht direkt die Polizei anrufen, ohne etwas Genaues zu wissen. Und tatsächlich. Da lag ein Toter am Ufer.«

»Wie haben Sie die Leiche angetroffen?«

»Genau so, wie sie jetzt noch daliegt.«

»Gut, dass Sie nichts verändert haben. Das ist wichtig für die Spurensicherung.«

»Ich sah sofort, da war nichts mehr zu machen.«

»Was ist Ihnen außerdem aufgefallen?«

Mattli zuckte mit den Schultern.

»Ihr erster Eindruck?«

»Kein schöner Anblick.«

»Und?«

»Die Uhr«, sagte er.

Die Armbanduhr war Rahel auch aufgefallen. Eine IWC mit Mondkalender und Chronograf, wie ihr ehemaliger Chef bei der Kripo Zürich eine getragen hatte. Sie verglich die angezeigte Stunde mit derjenigen auf ihrer eigenen Uhr. Genau die gleiche Zeit. Auch das Datum und der Wochentag stimmten: Es war Samstag, der 24. Juni.

»Haben Sie eine Idee, um wen es sich bei dem Toten handeln könnte?«, fragte Rahel.

»Da müssten Sie ihn umdrehen, damit ich sein Gesicht sehen kann.«

»Warten wir auf die Spurensicherung«, sagte Rahel und begann die Gesäßtaschen des Toten abzutasten. Sie fand kein Portemonnaie und keinen Hinweis auf dessen Identität. Sie bat Mattli, den Bootshaken zu holen, und stocherte rund um den Fundort im Wasser, ohne auf etwas zu stoßen, das dem Toten hätte gehören können.

Per Funk meldete sich Kripochef Krähenbühl. Er war auf dem Damm angekommen. Rahel versprach, ihn gleich mit dem Boot des Dammwärters abzuholen.

»Fahren wir«, sagte sie. »Mein Chef wartet nicht gerne.« Sie legten ab.

Auf der Fahrt zurück zum Damm erkundigte sie sich nach Namen und Adresse der Lehrerin und ihrer Kollegin, die sie in ihrem Heft notierte. Beide wohnten im Dachgeschoss des Schulhauses in Göschenen. Rahel wollte sie im Laufe des Tages als Zeuginnen befragen.

Mattli fragte: »Unfall oder …?«

»Ich habe noch keine Anhaltspunkte«, antwortete sie.

Er erzählte ihr, dass vor Jahren ein Vater in der Nähe des Damms gefischt habe und in den See gestürzt sei. Er habe den Kopf angeschlagen und dabei das Bewusstsein verloren. Vor den Augen seines kleinen Sohns sei er ertrunken. »Bis heute höre ich das laute Weinen des Knaben, das der Wind über den See getragen hat.«

Am anderen Ufer angekommen, machte Mattli das Boot fest, und Rahel begrüßte Krähenbühl sowie die Staatsanwältin Bettina Aschwanden. Auch Rahels Dienstkollegin von der Spurensicherung war unterdessen eingetroffen.

»Brauchen wir einen Taucher?«, fragte Krähenbühl.

»Ja«, antwortete Rahel.

Krähenbühl klärte umgehend ab, ob Peter Tiefenbacher, der einzige Taucher der Kantonspolizei Uri, verfügbar sei. In einer Stunde könne er ausrücken, hieß es, mit Schlauchboot und Verstärkung vom Korps eines anderen Innerschweizer Kantons.

»Der Kantonsarzt ist unterwegs«, erklärte Krähenbühl, der die Ermittlungen koordinierte. Der Leichenwagen für die Überführung der Leiche ins Kantonsspital nach Altdorf sei...


Widmer, Martin
Martin Widmer lebt seit 30 Jahren im Zürcher Oberland. Er arbeitete als Journalist sowie als Historiker, war Co-Verleger bei »Hier und Jetzt«, Verlag für Kultur und Geschichte, in Baden. Heute ist er als Autor tätig, hat verschiedene Sachbücher publiziert und verbringt den Sommer gerne im schwedischen Schärengarten.
www.martinwidmer.ch

Martin Widmer lebt seit 30 Jahren im Zürcher Oberland. Er arbeitete als Journalist sowie als Historiker, war Co-Verleger bei »Hier und Jetzt«, Verlag für Kultur und Geschichte, in Baden. Heute ist er als Autor tätig, hat verschiedene Sachbücher publiziert und verbringt den Sommer gerne im schwedischen Schärengarten.
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