E-Book, Deutsch, 340 Seiten
Weyreter / Huth / Kaffanke-Fuchs Wellenlängen
2. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7557-1757-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erleben Erfinden Erzählen
E-Book, Deutsch, 340 Seiten
ISBN: 978-3-7557-1757-7
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Es kann mit einem Lied im Radio beginnen, einem Duft, einer Begegnung, Beobachtung - plötzlich ist die Idee im Kopf und will aufs Papier. Aber in welcher Form? Kurzgeschichte? Gedicht? Fiktiver Social-Media-Chat? Alles ist möglich, solange die Welle der Fabulierlust trägt. Ob ironisch gebrochen, todernst, romantisch, dramatisch, sozialkritisch, magisch, realistisch, phantastisch: In dieser Anthologie zelebrieren fünf Autor:innen die Vielfalt der verschiedensten Textgattungen. Eine Einladung zum Blättern, Stöbern, Sich-Festlesen.
Martina Weyreter, geboren 1966 in Eltville am Rhein, Studium der Angewandten Sprachwissenschaften in London, verbrachte 15 Jahre in England. Lebt heute als Englisch-dozentin in Frankfurt/M. Schreibt am liebsten heitere Prosa mit ernstem Hintergrund; Veröffentlichungen in Zeitungen, Zeitschriften und Anthologien dies- und jenseits des Ärmelkanals. Teilnehmerin der Darmstädter Textwerkstatt unter der Leitung von Kurt Drawert, Gründungsmitglied der Friedrichsdorfer Schreibwerkstatt kurzum sowie Mitglied des Frankfurter Autorenkollektivs Plan B. Stockstädter Literaturpreis 2016 (Spezialpreis für Humor).
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
HOCHZEITSWEIN
Walburga Müller Es ist noch früh am Morgen. Die beiden Frauen haben das Dorf hinter sich gelassen und treten aus dem Schatten der letzten Häuser heraus. Vor ihnen liegt eine flache, öde Ebene, bedeckt mit Kies und Steinen. Hier läuft man auf der Straße, Bürgersteige gibt es nicht. Und die wenigsten Menschen in dieser Gegend besitzen ein Auto. Eine der Frauen trägt ein gemustertes Sommerkleid und weiße, flache Schuhe. Die schwarze Tasche rutscht ihr immer wieder von der Schulter. Die andere, etwas jüngere Frau hat über ihrer weißen Bluse eine Kamera umgehängt. Es ist eine neue Kamera und die silberne Metallumrandung blitzt auf, wenn die Sonne durch den wolkenverhangenen, schwülen Himmel scheint. Die ältere Frau bleibt stehen und blickt zurück zu ihrer Begleiterin. Sie scheint etwas gesehen zu haben, bückt sich, fokussiert ihre Kamera auf etwas, das auf dem Boden krabbelt, richtet sich auf, geht einen Schritt weiter und verlangsamt ihn wieder. „Rosa, wenn wir in diesem Schneckentempo gehen, verpassen wir den Bus. Du scheinst es nicht eilig zu haben, in die Stadt zu kommen.“ „Ich komme.“ Die Angesprochene wird nicht schneller, als sie auf die wartende Frau zugeht und bleibt stehen, als sie sie erreicht. „Was ist los? Lass uns weitergehen.“ „Maria, ich muss dir etwas sagen. Ich kann Carlos nicht heiraten.“ „Was?“ „Ich kann deinen Bruder nicht heiraten, ich liebe ihn nicht.“ Maria schaut ihre Schwägerin entgeistert an. „Aber Carlos und du, ihr kennt euch doch schon ewig. Carlos weiß ganz genau, was du dir wünschst, er hat dir sogar diese Kamera geschenkt, wieso willst du ihn jetzt plötzlich nicht mehr…“ „Ich werde sie ihm zurückgeben.“ „Er hat dich immer geliebt, immer! Weißt du das eigentlich? Schon, bevor du dich für José – Gott hab ihn selig – entschieden hast. Und jetzt…“ „Ja, ich habe José geliebt, nicht Carlos, und deshalb kann ich ihn nicht heiraten.“ „Und wann ist dir das eingefallen? Du hast ihn sogar schon geküsst! Vor Zeugen! An dem Abend, als du den Wein geholt hast. Den guten. Aus dem Keller.“ „Ja, ich weiß, aber ich war…“ „Wir haben immer gesagt, wenn es einen besonderen Anlass gibt, dann hol den guten! Und du musst doch noch wissen, was du gesagt hast. Schaut mal, das ist der Hochzeitswein. Ja, genau, das sagtest du, Hochzeitswein. Und dann hast du…“ „Ja, ich weiß doch. Ich war beschwipst. Keine Ahnung, warum ich das gesagt habe. Das ist mir rausgerutscht und da bist du schon aufgesprungen und hast uns beglückwünscht und Carlos umarmt und gestrahlt.“ „Aber du hast doch die Flasche geöffnet und eingeschenkt. Und wie du dann zu Carlos getänzelt bist und ihm das Glas gereicht hast und dabei hast du ihn geküsst. Oder etwa nicht?“ „Ja, wir haben uns geküsst, aber ich hatte auch wirklich ein bisschen viel getrunken. Und du warst so eifrig. Als hättest du alles geplant.“ „Jetzt bin ich auch noch schuld. Rosa, das ist deine Chance. Wie willst du denn als Witwe weiterleben? Meinst du, du findest in deinem Alter noch einen anderen Mann? Schau mich an, ich kann mir noch nicht mal neue Schuhe leisten.“ Es soll scherzhaft klingen, aber die Stimme zittert. „Bei Carlos bist du gut aufgehoben, er liebt dich und ich glaube..“, Maria zögert und fährt fort: „Er hat die ganzen Jahre auf dich gewartet.“ „Wie meinst du das – er hat auf mich gewartet. Maria, du willst doch nicht sagen, dein Bruder hat nie geheiratet, weil er auf mich ge-war-tet hat?“ Rosa schüttelt ungläubig den Kopf und fasst ihre Schwägerin an den Schultern. „Ich weiß, du willst, dass Carlos glücklich wird. Du hast dich immer um deine Brüder gekümmert und gesorgt, und, ja es muss schrecklich für dich sein, aber Carlos und ich..wir würden nicht glücklich werden. Er ist immer nur ein guter Freund gewesen, mehr nicht.“ Maria reißt sich los. „Und warum sind wir unterwegs in die Stadt? Wir wollten zum Schneider, dein Kleid anpassen und Carlos möchte einen neuen Anzug. Er wartet schon auf uns. Wozu das alles noch?“ Der Zorn in ihrer Stimme ist unüberhörbar. Da sie nicht wissen, was sie sonst tun sollen, setzen sie ihren Weg fort, schweigend und jede in ihre Gedanken versunken. So erreichen sie schließlich die Bushaltestelle. Die schwarzen Eisenträger, kunstvoll verziert mit Schwungbögen und Ornamenten, stellen einen bizarren Gegensatz zu der kargen Landschaft dar. Das Wellblechdach ist in der Mitte abgebrochen und dient nur noch zur Hälfte als Schattenspender. Maria betrachtet kurz die Holzbank, die unter dem Dach steht, holt ein Tuch aus ihrer Tasche und wischt die Bank ab. Dann erst setzt sie sich hin. Unruhig spielt sie mit den Trägern ihrer Tasche und wagt nicht, Rosa anzuschauen, die ihr amüsiert zugesehen hat. „Ich bin dir nicht böse, falls du das denkst“, fährt Maria fort, „aber ich verstehe es nicht. Für Carlos wäre es doch auch gut, wenn er nicht allein wäre und jemand hätte, der für ihn da ist.“ „Wie meinst du das?“ In Rosa keimt ein Verdacht auf. Maria, José und Carlos. Die drei Geschwister haben früh die Mutter verloren und Maria übernahm wie selbstverständlich die Mutterrolle. Sorgte für ihre jüngeren Brüder. Es war sicher nicht einfach für sie, den Überblick zu behalten und sich mit den Aufgaben im Haus vertraut zu machen. Doch damals, bei Rosas Hochzeit mit José, war sie längst in ihre Aufgaben hineingewachsen. Freute sich, wenn ihr etwas besonders gut gelang. Und behielt das Sagen, als sie alle vier zusammen in dem großen Haus wohnten. Rosa respektierte sie, half ihr, so gut es ging. In dem Jahr, als José starb und beide Frauen um den Ehemann und Bruder trauerten, vollzog sich eine Veränderung bei Maria. Immer öfter saß sie auf der Bank vor dem Haus, ließ die Arbeit ruhen und sah in die Ferne über die öde Landschaft hinweg. Manchmal hatte sie eine Zeitschrift dabei, Reisemagazine aus alten Beständen, die der Kioskbesitzer aus dem Dorf für sie zurückhielt. Und einmal hatte sie es sogar versäumt, das Abendessen vorzubereiten, so weit war sie mit ihren Gedanken entfernt. Auch jetzt schaut Maria über die Straße hinweg zum Horizont, ein endloses Bild aus Steinen und Kies. Ein leises Motorengeräusch ist zu hören, das die Stille durchbricht. Es ist ein Flugzeug, das von dem kleinen Regionalflughafen gestartet ist und in Kürze in dem grauen Himmel verschwinden wird. Rosa folgt Marias Blick und schlagartig wird ihr klar, was ihre Schwägerin vorhat. „ Maria, woran denkst du?“ „Wieso fragst du? Nichts.“ „Doch! Weißt du was? Es geht dir gar nicht darum, dass ich versorgt bin, sondern du willst, dass dein Bruder eine Frau bekommt, damit du…damit du wegkommst. Du willst verreisen, gib es doch zu!“ „Und wenn es so wäre? Er war letzte Woche beim Arzt, seine Zähne sind sehr schlecht. Und nicht nur das. Seit einiger Zeit humpelt er, weil er Schmerzen hat. Wahrscheinlich die Hüfte. Wer weiß, was als nächstes kommt. Mein ganzes Leben lang habe ich mich um ihn gekümmert, jetzt möchte ich auch mal etwas für mich tun.“ Maria schaut sie herausfordernd an. Rosa fängt an zu lachen. „Alleine?“ „Was alleine.“ „Willst du alleine verreisen? Du warst noch nie weiter weg als von hier bis zur Stadt.“ Rosa hält ihre Kamera vor die Augen. „Steh auf, ich mache ein Foto von dir. Das schenken wir dann Carlos. Und dann verreisen wir zusammen.“ „Ich weiß nicht, was soll das jetzt? Bleibst du dabei, dass du Carlos nicht heiraten willst?“ „Wir finden schon eine Lösung für ihn. Komm, steh auf.“ Maria erhebt sich, hängt die Tasche um die Schulter. „ Komm, lächel etwas, ja so ist es gut.“ Rosa geht einen Schritt zurück, während sie das Zoom einstellt und auf den Auslöser drückt. „Vorsicht!“, ruft Maria und ihre Schwägerin bleibt ruckartig stehen, als ein Auto hinter ihrem Rücken hupend vorbeifährt. „Du stehst ja halb auf der Straße.“ „Sonst bekomme ich dich nicht in voller Größe drauf, komm, noch mal lächeln“, erwidert Rosa und geht noch einen Schritt zurück, schaut durch den Sucher und drückt ein zweites Mal auf den Auslöser. Klick. Die Kamera spult zurück und Rosa entnimmt ihr die Filmrolle. Wieder ein Hupton, diesmal lang und dröhnend. Rosa springt instinktiv einen Schritt nach vorne, die Kamera fällt ihr aus der Hand, rollt auf die Straße und wird von den Rädern des heranfahrenden Busses zermalmt, der erst nach einigen Metern zum Stehen kommt. Rosa schreit auf. Das, was einmal ihre...




