E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Reihe: Predigtstudien
Vom 1. Advent bis zum 5. Sonntag nach Ostern (Rogate) - - Perikopenreihe I
E-Book, Deutsch, 272 Seiten
Reihe: Predigtstudien
ISBN: 978-3-451-83659-6
Verlag: Verlag Herder
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
1. Advent – 01.12.2024
A Matthäus 21,1–11 Sanftmütigkeit ist sein Gefährt Friedrich Wilhelm Horn I Eröffnung: Der rote Teppich
Der rote Teppich wird ausgerollt – in Cannes bei den Filmfestspielen, in Berlin bei dem Besuch eines hohen ausländischen Staatsgastes gleich auf dem Flugplatz. Ist es ein Empfang mit militärischen Ehren, so folgt man einem präzisen Protokoll, zu dem auch das Abspielen der Nationalhymnen gehört. Seit der Antike kennt man diesen Brauch des roten Teppichs, um bestimmte Personen besonders zu empfangen und zu ehren. Rot gilt als die kostbarste Farbe und die Länge des Teppichs kann schon mal, wie bei dem Teppich der deutschen Bundesregierung, 65 Meter betragen. Der Teppich, auf dem Jesus in Jerusalem einreitet, besteht aus Kleidern und Baumzweigen. Protokollarisch ist hier nichts geregelt. Eine Eselin und ihr Fohlen müssen zunächst »arrangiert« werden. Zweige werden schnell abgeschlagen. Dem Reittier werden Kleider als Sattel aufgelegt. Der Hosianna-Ruf begleitet den in die Stadt wie ein König einziehenden Jesus. Erkennt man hier beim Volk auf der einen Seite begeisternde Zustimmung, so auf der anderen Seite in der Stadt Jerusalem Verwirrung, ja erschrockene Erregung (so auch V.15). Wer ist dieser auf einem Esel in die Stadt Einziehende? Das Empfangsprotokoll besteht also in einer Frage! Seitdem dieser Text Mt 21,1–11 bereits in der Alten Kirche Einzug in die Adventsfrömmigkeit genommen hat und Lesungstext am 1. Adventssonntag wurde, wird die Frage an jeden Einzelnen gerichtet, wie sie und er dem einziehenden Jesus begegnet. Martin Luther hat seine Auslegung unter den Satz »Dein König kommt zu Dir« gestellt und geschrieben: »Es gibt keinen anderen Anfang, als daß dein König zu dir komme und fange in dir an.« (Luther 692) Die Adventslieder sind getränkt von dieser Begegnung. »Wie soll ich dich empfangen …« (EG 11). Ich möchte fragen, wie eine zeitgemäße Auslegung und Gestaltung dieser Begegnung aussehen kann, die nicht beim unbeteiligten Rezitieren der Lieder stehen bleibt und auch nicht in eine süße Jesusfrömmigkeit zurückfällt. Was sagt mir der Predigttext über diesen Messias und König, der Anfang meines Christseins sein soll? II Erschließung des Textes: Jubel und Erschütterung
Der Bericht vom Einzug Jesu in Betfage, einem Vorort der Stadt Jerusalem in der Nähe des Ölbergs, leitet eine Reihe letzter großer Auseinandersetzungen mit den Führern Israels ein (Mt 21,1–24,2). Exegetisch bietet der Text einige schwierige Aussagen, deren Klärung vielleicht mühsam, aber doch lohnend ist. In V.5 setzt Matthäus ein Mischzitat aus Jes 62,11 und Sach 9,9, dessen Herkunft er einfach als Prophetenrede anzeigt. Gegenüber der Fassung der LXX entfällt aus Sach 9,9 »ein Gerechter und ein Retter ist er«. Sacharja mag in seiner Zeit mit 9,9 und 10(!) möglicherweise an Judas Makkabäus und die politischen Erwartungen der Makkabäer gedacht haben. Die weitere Rezeption von Sach 9,9, neben Mt 21,5 etwa in Joh 12,15 und in der rabbinischen Literatur (Bill. I, 842–844), zeigt an, dass dieser Vers in jüdisch-christlicher Literatur messianisch gedeutet wurde. Da aber der das messianische Reich ausmalende Vers aus Sach 9,10 (Vernichtung der Feinde und Aufrichtung des Friedens) nicht Bestandteil des Mischzitats bei Matthäus ist, rückt als Eigenschaft des Messias einzig praus (sanftmütig) in den Blick – eine Eigenschaft also, die Matthäus bereits in den Makarismen (5,5) und im Heilandsruf (11,29) angezeigt hat. Die Eselin und ihr Fohlen waren Ausgangspunkt manch allegorischer Interpretation. Dass es sich um ein Eselsfohlen handelt, wird nur derjenige lesen, der den Sprachgebrauch der LXX kennt, die polos immer als Eselsfohlen kennt (deutlich Joh 12,15). Polos bezeichnet im Griechischen allgemein das Fohlen. An eine Eselin und nicht an einen Esel zu denken, lag für die Übersetzer wohl wegen des Fohlens nahe. Das Reiten Jesu gleichzeitig auf beiden Tieren hat Spekulationen begünstigt, in beiden Tieren Symbole für die Juden- und Heidenwelt zu sehen, was natürlich völlig abwegig ist. In der Parallele Mk 11,2 ist von nur einem Tier die Rede. Erst durch die Verdopplung der Tiere im Sacharja-Zitat, der sich Matthäus anschließt, entsteht das Verwirrspiel. In V.7 wird man auch lesen müssen, dass Jesus sich auf die (auf den Eseln liegenden) Kleider und nicht gleichzeitig auf Eselin und Fohlen setzt. LXX-Deutsch liest explikativ: »auf ein Lasttier, und zwar auf ein Füllen«, räumt aber ein, dass Matthäus zwei Tiere im Blick hat. Man darf den Esel als Reittier nicht gegenüber dem Pferd abwerten (vgl. 2 Sam 16,2; Ri 5,5), auch wenn Pferde das adäquatere Herrscherreittier sind. Der Einzug Jesu in die Stadt wird begleitet von Volksmengen, die – durchaus typisch für Introitus- oder Adventusszenen – ihm vorangehen und ihm folgen und dabei Huldigungen und Gesänge ausrufen. Das Psalmwort (Ps 117,26[LXX]) wurde ursprünglich den zum Tempel wallfahrenden Pilgern von Priestern zugerufen. Dessen Rahmung durch den Hosianna-Ruf gilt nun jedoch Jesus, dem Sohn Davids, und es schließt die himmlischen Engel in der Höhe mit ein. Hosianna ist in neutestamentlicher Zeit ein allgemeiner, etwas unspezifischer Freudenruf geworden. Die Spaltung zwischen dem Jesus begleitenden Volk und der Stadt Jerusalem nimmt nach dem Betreten der Stadt Jerusalem sogleich dramatische Begleiterscheinungen an, denn die ganze Stadt wird erschüttert. So jedenfalls deutet es das Verb seio an, das im eigentlichen Sinn für ein Erdbeben verwendet wird. Die Frage »wer ist dieser« spiegelt daher die tiefe Bestürzung und Verunsicherung der Stadt wider. Man wird an die Geburtsgeschichte zurückdenken (Mt 2,3), gemäß der die Stadt Jerusalem bereits aufgrund der Geburt des Kindes erschüttert wurde. Die Auskunft der Jesusbegleiter »Das ist der Prophet Jesus aus Nazareth in Galiläa« bleibt im Rahmen der erzählten Jesusgeschichte und bietet keine weitergehende christologische Belehrung. Im Blick auf die Gesamtperikope möchte ich festhalten, dass nur ein einziges Attribut des einziehenden Herrschers genannt wird: Er ist sanftmütig. Manche Lexika übersetzen praus auch mit freundlich, milde, gnädig, liebevoll. Diese Reduktion herrscherlicher Attribute (gerade auch im Verhältnis zu Sach 9,9 und 10[LXX]) ist auffällig, aber eben auch konsequent, da die Sanftmut bereits in den Makarismen (Mt 5,5) und im Heilandsruf (Mt 11,29) und nur hier als Signatur der Herrschaft Jesu genannt wurde. Der Sinn der Sendung Jesu gilt nach dem Mischzitat und nach Jes 62,11 der Tochter Zion, also der heiligen Stadt Jerusalem. Wie wird sie auf die Ankunft des Messias Jesus reagieren? III Impulse: Der sanftmütige Herrscher
Es bestehen vielfältige Resonanzen des Predigttextes in Adventsliedern. »Er ist gerecht, ein Helfer wert, Sanftmütigkeit ist sein Gefährt […] Sein Zepter ist Barmherzigkeit« (EG 1,2). »Er kommt zu uns geritten auf einem Eselein« (EG 9,2). »Dein Zion streut dir Palmen und grüne Zweige hin, und ich will dir in Psalmen ermuntern meinen Sinn« (EG 11,2). »Tochter Zion, freue dich« (EG 13,1). »Hosianna, Davids Sohn, sei gegrüßet, König mild« (EG 13,3). »Dein König kommt in niedern Hüllen, ihn trägt der lastbarn Eselin Füllen« (EG 14,1). Und wir dürfen noch einen Schritt weitergehen. Innerhalb des Kirchenjahres stellen die Adventslieder nach wie vor einen wesentlichen Resonanzboden »spätmoderner Frömmigkeit« (Fechtner) dar. Diese vertrauten Melodien bringen die »kirchenjahresspezifische Gestimmtheit des Gemüts zum Ausdruck«. (Fechtner, 90) Die Adventszeit rührt an in einer Bewegung nach innen. Der Einzelne steht vielleicht von Ferne, aber doch angerührt vor dem Kommen Christi und fragt mit Hilfe der vertrauten Lieder: Wie kann ich dich empfangen? Oder bittet: Komm, o mein Heiland Jesu Christ, meins Herzens Tür dir offen ist. Die Reaktionen innerhalb Israels sind unterschiedlich. Die Volksmenge, gedacht ist wohl an Jesus begleitende Festpilger, erkennen in diesem, dem Propheten aus Nazareth, den sanftmütigen Messias seines Volks. Die Stadt Jerusalem aber tritt ihm erneut skeptisch gegenüber, was an späterer Stelle im Evangelium dezidiert zur Anklage des Prophetenmords hin verschärft wird (Mt 23,37–39). Mich bewegt bei diesem Predigttext der Blick auf den Messias, dessen einziges Attribut die Sanftmut ist. Dieses fällt umso mehr auf, wenn man messianische Erwartungen anschaut, die etwa in Sach 9,10 oder in weiteren jüdisch-nationalen Texten kursierten. Erwartet wurde die militärische Beseitigung der Feinde, das Vernichten aller Widersacher als Voraussetzung für Frieden. Ebenso unterscheidet sich dieser sanftmütige Herrscher von Machthabern und Autokraten, deren herzlose und skrupellose Regierung uns heute oftmals fassungslos macht. Demgegenüber lautet die christologische Tonart, die im Advent als Alternative angestimmt wird, »Sanftmütigkeit ist sein Gefährt« (EG 1,2). Es ist nicht angezeigt, jetzt gleich in einem Atemzug...