Weßling | Super, und dir? | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Reihe: Ullstein eBooks

Weßling Super, und dir?

Roman
18001. Auflage 2018
ISBN: 978-3-8437-1764-9
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Reihe: Ullstein eBooks

ISBN: 978-3-8437-1764-9
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



»Ich glaube, Kathrin Weßling hat den Roman ihrer Generation geschrieben.« ZEITmagazin Newsletter, Christoph Amend Marlene Beckmann ist 31 Jahre alt und lebt das Leben, das sie sich gewünscht hat. Auf die Frage, wie es ihr geht, antwortet sie meistens: »Super, und dir?« Marlene hat sich äußerlich im Griff. Bis sie ihren ersten richtigen Job als Social Media Managerin in einem multinationalen Unternehmen antritt. Bis sie vor lauter Überstunden kein Privatleben mehr hat. Bis der Druck schließlich zu groß wird ... Mit emotionaler Wucht beschreibt Kathrin Weßling eine gnadenlose Welt, in der Ersetzbarkeit, fehlende Perspektiven und der Zwang zur Selbstoptimierung eine ganze Generation unter Druck setzen.

Kathrin Weßling ist Autorin und Social-Media-Expertin. Auf Twitter und Instagram folgen ihr über 30.000 Menschen, die ihre Postings und Beiträge über Themen wie Feminismus, psychische Erkrankungen und Popkultur verfolgen.  Ihr letztes Buch, »Super, und dir?«, wurde von Presse und Leser*innen als »der Roman ihrer Generation« gefeiert. Sie schreibt außerdem regelmäßig für ZEIT ONLINE, Spiegel, MySelf uvm. Kathrin Weßling lebt in Berlin.
Weßling Super, und dir? jetzt bestellen!

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1.


Heute ist mein Geburtstag. Ich bin einunddreißig Jahre alt, mein Körper wohl eher einhundertfünf – zumindest fühlt er sich so an. Emotional bin ich so unreif, dass ich auch den vierten Anruf meiner Mutter an diesem Tag ignoriere. Im Schnitt macht das nicht einunddreißig, das weiß sogar ich.

Fünfter Anruf »Zuhause«, dazu eine SMS. Jemand hat eine Nachricht auf meiner Mailbox hinterlassen.

Die Marlene, die ich mir manchmal vorstelle, wenn ich »Marlene tut so, als sei sie erwachsen« spiele, hätte sich heute Freunde eingeladen, einen Kuchen gebacken, den antiken Holztisch abgewischt und Getränke kalt gestellt. Diese Marlene würde Geschenke auspacken und sehr oft sehr hohe Töne von sich geben und ständig wiederholen, wie total überraschend, wie absolut lieb, wie süß das Zeug sei, das sie auspackt, mit dem sie gar nicht gerechnet habe, weil das doch nicht nötig gewesen wäre. Komm her, Maus, lass dich drücken, ich hab dich so lieb, noch jemand Prosecco?

Menschen, die nicht so sind wie ich, würden nicht in einer sehr großen Wohnung sitzen, in der zu wenige Möbel stehen. Sie würden sich benehmen, wie es Erwachsene tun. Und so eine Erwachsene wäre nicht erst gegen Abend aufgewacht und würde nicht darüber nachdenken, was deprimierender ist: dass der Geruch des schimmelnden Geschirrs im Waschbecken in der Küche langsam auch ins Schlafzimmer kriecht – oder dass niemand außer ihr davon weiß, die heute Geburtstag hat, die Tür nicht aufmacht und sich von tiefgekühlten Himbeeren und Wodka ernährt. Diese erwachsene Frau würde sich das Mädchen ansehen und denken: Zum Glück ist das nicht mein Leben. Zum Glück bin ich nicht Marlene Beckmann.

Marlene Beckmann jedoch hat keine Wahl: Sie muss Marlene Beckmann sein. Ob das nun besonderes Glück oder ziemlich viel Pech ist, das kann nur ich selbst entscheiden. Zumindest hat das der Therapeut gesagt, bei dem ich vor drei Jahren das erste Mal war. »Hören Sie, Frau Beckmann, Sie alleine müssen entscheiden, was Sie aus Ihrem Leben machen.« Aha, dachte ich. Dann ging ich nach Hause und beschloss, zu diesem Leben gehört kein Therapeut, der mir sagt, dass ich am Ende doch alles alleine entscheiden muss. Das wusste ich schließlich schon, dafür muss man doch niemanden bezahlen.

Vielleicht hätte ich anders entscheiden sollen, denn vielleicht hatte der Therapeut etwas gesagt, das ich glaubte zu wissen, von dem ich aber eigentlich keine Ahnung hatte. Vielleicht, denke ich, hätte Marlene Beckmann damals einen Moment länger nachdenken sollen. Das mit dem Leben war nämlich so: Ich zu sein war sehr lange sehr einfach. Bis es dann sehr kompliziert wurde. Das klingt nach etwas, das man auf einen Jute-Turnbeutel drucken lassen kann, den man in einem dieser Geschäfte erwirbt, in denen es auch Postkarten mit ironisch-tiefsinnigen Sprüchen gibt und Polaroid-Kameras – alles total handmade und retro und urban und individuell und so. Aber ich weiß es besser: Es ist alles so lange einfach, bis es kompliziert wird. So einfach ist das.

Ich würde gerne aufstehen, mein Gesicht waschen und die Zähne putzen, lüften, abwaschen, den Müll runterbringen und einkaufen gehen. Ich wünschte, es wäre gerade einmal halb elf am Morgen und nicht schon achtzehn Uhr abends. Toll, so viel Zeit, so viel Leben, so viel Lust auf Yoga und E-Mails lesen und Sushi essen und Freunde treffen, da weiß man gar nicht, womit man anfangen soll. Ich wäre gerne zum »Lunch« verabredet und danach ein bisschen Shopping, vielleicht Friseur, vielleicht Maniküre, Waxing auf jeden Fall, zum Schluss noch ein Eis, ist ja mein Geburtstag, hihi. Ich würde gerne Jakob anrufen und sagen, dass ich mich schon auf heute Abend freue. Und dass ich kochen werde – für ihn und unsere zwanzig besten Freunde. Wir würden Witze darüber machen, dass ich nicht kochen kann, obwohl wir beide wissen, dass es nicht stimmt, aber wir sind natürlich so ein Paar, das sich selbst nicht immer ganz so ernst nimmt, total entspannt, super unkompliziert, Herzchen, Zwinkersmiley, Kuss.

Stattdessen schiebe ich langsam die erste von zwei Decken weg, unter denen ich mich begraben habe. Die Bettwäsche ist fast so alt wie ich. Ich habe schon darin geschlafen, als wir noch zu dritt waren, als ich noch »Leni« war, als mein Name noch durchs Treppenhaus hallte: Leni, Essen. Leni, Zeit fürs Zähneputzen. Leni, komm jetzt, wir müssen los. Lenipopeni. So alt ist dieser Bettbezug.

Auf dem weißen Stoff der zweiten Decke sind braune Flecken, die sich nicht mehr auswaschen lassen. Blut. Das Blut meiner ersten Periode. So alt ist dieser weiße Stoff.

Ich liege da, beide Decken zur Seite geschlagen, und höre das Telefon vibrieren. Ich rieche die Zigaretten, die ich gestern Nacht in der Schale mit den Himbeeren ausgedrückt habe. Ich sehe mich daliegen, blass und verschwitzt, draußen sind es bestimmt noch immer fünfundzwanzig Grad. Ich sage: »Hey Siri.«

Siri sagt: »Hallo.«

»Siri, brauche ich heute einen Regenschirm?«

»Nein, Marlene, es wird schön heute.«

Das ist der Running Gag zwischen meinem Telefon und mir: »Es wird schön heute.« Ich lache, Siri schweigt. Dann eben nicht. Das Telefon vibriert. Ich liege da. Das Telefon verstummt. Ich atme. Ich schwitze. Ich spüre die Panik. Das Herz. Mein Herz.

Die Marlene, die ich mir manchmal vorstelle, wenn ich »Marlene tut so, als sei sie erwachsen« spiele, würde nun endlich aufstehen. Sich duschen. Retten, was zu retten ist von Marlene Beckmann und ihrem einunddreißigsten Geburtstag. Ich aber hieve meinen monströs schweren Körper aus dem Bett, setze mich auf den Rand der Matratze, greife nach dem Spiegel auf dem Nachttisch und versuche nicht hineinzusehen, während ich die erste Line des Tages langsam durch meine wunde Nase ziehe.

Ein paar Stunden später treffen wir uns alle bei Saskia, weil ihre Wohnung in der Nähe des Clubs liegt, in den wir später gehen wollen, um zu feiern, dass ich geboren wurde. Ronny ist auch da. Ronny ist ein Freund von Tim und Saskia. Ronny ist der Apotheker: Egal, welche Schmerzen du hast – Ronny hat die Medizin. Wir trinken Jägermeister und Bier, Wodka mit Soda und Limette. Wir rauchen viel und reden schrill, weil aus den Boxen Techno wummert, der zu laut ist, um einander zu verstehen. Wir sind zu zehnt und so betrunken oder high, dass wir uns auch in völliger Stille nicht mehr verstünden, weil wir uns gegenseitig übertönen wollen. Alles, was wir denken und sagen, ist unglaublich wichtig, noch nie gesagt, noch nie gefühlt worden. Wir lieben uns alle, wir sind uns so nah, wir sind so anders als alle anderen.

Kokain hilft gegen den Alkoholrausch und gegen die Müdigkeit, gegen das Gefühl, dass das alles hier ziemlicher Quatsch ist. Speed hilft gegen die Lethargie. MDMA hilft gegen Einsamkeit. Ephedrin und Mephedron sind für die Fortgeschrittenen. Gras holt runter, was zu hoch geflogen ist. Ketamin nur für Ronny. Ronny hat an alles gedacht, denn er sorgt sich um uns. Das sagt er heute Abend oft: »Freunde, ich möchte, dass es euch allen gut geht.« Und wir, seine Freunde, grinsen breit und nicken. Uns geht es gut. Uns geht es ja so was von gut.

»Weißt du, ich glaube, das ist genau das Problem. Man muss das einfach mal übergeordnet sehen, denke ich. Im größeren Kontext, irgendwie«, sagt Tim neben mir, und ich versuche zu verstehen, was er meint.

»Hä? Wovon sprichst du?«, frage ich ihn.

Wir sitzen nebeneinander auf dem Sofa, vor uns liegen die anderen, auf dem Boden und auf Kissen. In der Mitte Flaschen und Aschenbecher, Gläser, Handys, zerrissenes Geschenkpapier.

Tim starrt Saskia an, die uns gegenübersitzt und über etwas lacht, das Ronny gesagt hat.

»Tim?«

»Ja, ach, keine Ahnung. Alles eben. Ich meine alles. Wie läuft es bei der Arbeit?«

Ich habe Tim diese Frage schon vor ungefähr einer Stunde beantwortet. Mit einer der fünf Versionen, die es gibt – sie reichen von »Das ist die hässliche Wahrheit, nimm sie und friss sie, mir doch egal!« bis hin zu »Es geht mir so geil, ich habe safe das beste Leben der Welt, ey!«. Weil wir schon lange befreundet sind, habe ich ihm Version zwei erzählt: »Es läuft, es läuft super.« Genau das Gleiche sage ich ihm jetzt noch mal. Ich suche Ronnys Blick, und er nickt. Wir stehen auf.

Alle im Raum wissen, wohin wir gehen, was wir gleich nebenan tun werden. Warum wir dann trotzdem gehen, anstatt einfach bei den anderen zu bleiben: Zwischenwelt-Logik.

Das Badezimmer ist gerade groß genug für zwei Personen, es riecht nach Saskias Duschgel und Ronnys Aftershave. Wir sitzen nebeneinander auf dem Badewannenrand, und wenn ich mich ein wenig aufrichte, kann ich uns beide in dem Spiegel sehen, der über dem Waschbecken montiert ist: ein junger Mann, Ende zwanzig, eher untergewichtig, schmale Schultern, sehnige Arme. Auf dem rechten hat er ein Herz tätowiert, das aussieht, als hätte ein Kind es gezeichnet. Er trägt eine schwarze Skinnyjeans und ein dunkelblaues T-Shirt. Seine Haare hat er abrasiert, vermutlich, weil sie begannen auszufallen – der hohe Ansatz der Stoppeln verrät das. Er trägt einen Vollbart. Er beugt sich über sein Smartphone und hackt mit einer Versicherungskarte auf dem Display herum.

Daneben sitze ich. Eine junge Frau, blonde brustlange Haare, schwarzes Top, ausgewaschene hellblaue Skinnyjeans. Ich sehe die Frau an: Ihre Brüste wirken zu groß für die schmale Silhouette, ihre Schlüsselbeine heben sich deutlich ab, ihre Wangen sind ein wenig eingefallen. Gut, denke ich, sieht sehr dünn aus.

»Hier«, sagt Ronny und hält mir sein Telefon hin, auf das er vier...


Weßling, Kathrin
Kathrin Weßling ist Autorin und Social-Media-Expertin. Auf Twitter und Instagram folgen ihr über 30.000 Menschen, die ihre Postings und Beiträge über Themen wie Feminismus, psychische Erkrankungen und Popkultur verfolgen.  Ihr letztes Buch, 'Super, und dir?', wurde von Presse und Leser*innen als 'der Roman ihrer Generation' gefeiert. Sie schreibt außerdem regelmäßig für ZEIT ONLINE, Spiegel, MySelf uvm. Kathrin Weßling lebt in Berlin.



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