E-Book, Deutsch, 110 Seiten
Wesseling / Stankewitz / Bright Everything We Dare to Find
23001. Auflage 2023
ISBN: 978-3-95818-764-1
Verlag: Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Das Silvester-Special
E-Book, Deutsch, 110 Seiten
ISBN: 978-3-95818-764-1
Verlag: Forever
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Antonia Wesseling, geboren 1999, lebt in Köln. Schon als Kind erfand sie eigene Geschichten und fing später an, Jugendbücher zu veröffentlichen. Neben der Arbeit als Autorin bloggt sie auf Instagram und YouTube (@antoniawesseling) über gute Bücher, ihre Liebe zum Schreiben und mentale Gesundheit.
Autoren/Hrsg.
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1. Kapitel – Mel
Der Wecker lässt mein Herz auch beim dritten Klingeln so zusammenzucken, als hätte mein Unterbewusstsein seine Existenz vollkommen vergessen. Oder präziser gesagt: verdrängt.
»Mel? Mel, bist du wach?«
Ich überlege, keinen Mucks von mir zu geben und stattdessen die Bettdecke unauffällig ein Stück höher zu ziehen. Es ist zu früh und vor allem zu dunkel draußen, um schon in den Tag zu starten.
»Als ob es schon halb sechs ist. Ich bin doch gerade erst eingeschlafen.« Müde setze ich mich auf und reibe mir gähnend den Sand aus den Augen.
»Es ist sogar Viertel vor. Dein Flieger geht um acht. Genau der Flieger, wegen dem du seit zwei Monaten regelmäßig aufgeregt durch die Wohnung springst.«
Da war ja was … Isaac Walker … Kate! Ich werde Kate zum ersten Mal treffen.
Ein kräftiger Ruck geht durch meinen Körper. Ein Ruck, der Kater Viktor von meinen Beinen befördert und Ben erleichtert seufzen lässt. Im Gegensatz zu mir ist er schon vollständig angezogen. Er ist das frühe Aufstehen gewohnt, weil er als Assistenzarzt im Krankenhaus Schichtdienst leisten muss. Ich hingegen stehe für gewöhnlich nicht vor acht Uhr auf. Schnell schlüpfe ich in eine Bluejeans und ziehe den rosa Hoodie über, den ich mir gestern Abend zurechtgelegt habe. Das Gepäck wartet bereits abfahrbereit im Flur. Ehrlich gesagt war ich so voller Vorfreude, dass mein gepackter Koffer schon seit einigen Tagen nur darauf wartet, zum Flughafen bugsiert zu werden.
»Ich finde es so blöd, dass ich ohne dich fliegen muss, Teddy!«
Ben nimmt meine Hand und drückt sie fest. »Es sind doch nur ein paar Stunden. Wahrscheinlich wirst du nicht mal merken, dass ich später lande. Wenn du in London ankommst, machst du dir mit Kate einen schönen Vormittag und ehe du dich versiehst, bin ich schon wieder bei dir.«
Er lächelt aufmunternd und drückt mir einen sanften Kuss auf das strubbelige Haar. »Die einzige Sorge, die wir uns machen sollten, ist die, dass das Taxi auf der Straße gleich ohne dich fährt.« Er checkt die Uhrzeit auf seinem Smartphone. »Und ich meinen ersten Patienten verpasse.«
»Meld dich sofort, wenn du gelandet bist, ja?«, nuschle ich, während ich dabei bin, mir die Zähne zu putzen und die Haare zu bürsten. Ich weiß nicht, wann ich mich zuletzt innerhalb von nur zehn Minuten fertig gemacht habe, um das Haus zu verlassen.
Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel. Ich nicke mir zufrieden zu. Das muss reichen.
Im Flur greift Ben nach meinem Koffer. »Meld du dich, wenn du das Gate gefunden und diesen viel zu schweren Klotz losgeworden bist.«
»Vorsicht! Da ist meine Kamera drin. Wenn die einen Kratzer abbekommt …«
»Kaum auszudenken. Dann macht Isaac Walker ganz bestimmt keine Fotos mit dir.«
Ich werfe Ben einen finsteren Blick zu, kann mir aber gleichzeitig ein Schmunzeln nicht verkneifen. »Mach dich ruhig lustig über mich. Sobald du heute Abend seine Musik hörst, wird auch aus dir noch ein richtiger Fanboy. Darauf würde ich beinahe meine Kamera verwetten.«
»Ach was, ich bin doch schon längst einer.« Ben grinst, legt mir die Hände auf die Schultern und schiebt mich sanft aus der Wohnungstür. »Nur eben von Frauen, die gerne Flieger verpassen.«
Ich bin schon etliche Male in meinem Leben geflogen. Als Kind hatten Urlaube, die auf diese Weise starteten, eine ganz eigene Magie an sich. Das nervöse Prickeln, das schon auf dem Weg zum Flughafen einsetzt, die vielen Kontrollen, deren Hektik am Ende irgendwie zur Stimmung gehörte, der Streit um den Platz am Fenster und Mamas Versuch, meinem Bruder den widerlichen Tomatensaft schmackhaft zu machen.
Als mein Koffer jetzt langsam übers Band rollt und schließlich mit einem dumpfen Geräusch aus meinem Sichtfeld verschwindet, wummert mein Herz bedrohlich schnell in meiner Brust.
Die Frau am Schalter hingegen ist recht unbeeindruckt. »Ihr Flieger ist pünktlich. Sie müssen zu Gate neun.« Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass dieses Flughafenleben ihr Alltag ist. Sie sieht von ihrem Computer auf und deutet in die Richtung, in die auch das Pärchen vor mir gegangen ist.
Es ist das erste Mal, dass ich ganz allein fliege und auch wenn ich prinzipiell alles andere als ängstlich bin, spüre ich ein hektisches Flattern in meiner Brust. Ein Flattern, das mit Sicherheit nachlassen wird, sobald ich mit beiden Pobacken auf meinem Platz sitze.
Der Flug von Köln nach London dauert nicht einmal eineinhalb Stunden und Kate hat versprochen, mich direkt am Flughafen abzuholen. Eine Premiere, sie persönlich zu treffen. Kein Videogespräch. Keine Sprachnachrichten. Live und in Farbe.
Ich habe Kate vor sechs Monaten über Instagram kennengelernt, weil ich durch Zufall auf eins ihrer Back-Reels gestoßen bin. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden und ständig über eine mögliche Verabredung gesprochen. So richtig ernst wurde es dann allerdings erst, als Isaac Walker und seine Freundin und Bandkollegin Hope ankündigten, am Silvesterabend ein großes Konzert in London zu veranstalten. Die Flüge waren problemlos zu bezahlen, aber die Hotelpreise in London gingen als Wucher durch. Also bot Kate mir und Ben an, drei Nächte bei ihr in der Wohnung zu bleiben.
»Ich bin aktuell ohnehin die meiste Zeit bei Aidan. Und hey, das ist doch die perfekte Gelegenheit, um uns endlich zu sehen. Ihr seid im natürlich jederzeit herzlich willkommen.«
Gemeinsam mit ihrem Freund Aidan gehört Kate ein wunderschönes Café in Londons Mitte. Streng genommen ist das kein einfaches Café, denn in der kompletten ersten Etage befindet sich Aidans Buchhandlung. Das verbindet damit nicht nur die Leidenschaften der beiden miteinander, sondern auch meine eigenen.
Ich kann es kaum abwarten, eine Weile dort zu stöbern und meinen ohnehin beladenen Koffer mit ein paar britischen Schmuckausgaben zu füllen.
Ich weiß, dass Ben die Nachricht erst später lesen wird, denn er müsste bereits im Krankenhaus sein und ist bis mittags vermutlich dauerhaft im Stress.
Ich sollte dankbar sein, dass er sich für den Abend überhaupt freinehmen konnte. Die meisten wollen an Weihnachten und Silvester zu Hause feiern, dabei wird die Notaufnahme am 31. Dezember quasi überrannt. Und trotzdem würde ich eine Menge dafür geben, dass er jetzt neben mir auf einer dieser eiskalten Bänke sitzt und darauf wartet, dass unser gemeinsamer Flug losgeht.
Um mich von meiner Anspannung abzulenken, tippe ich eine Nachricht an Kate.
Ich schrecke kurz auf, als die Durchsage ertönt. Als ich meine Flugnummer erkenne, packe ich hektisch meine Sachen zusammen und reihe mich in der kurzen Schlange ein, die sich bereits in wenigen Sekunden gebildet hat.
Ich habe Glück und mein Sitzplatz befindet sich nicht nur am Fenster, sondern auch genau mittig am rechten Flügel. »Statistisch gesehen der sicherste Platz«, hat Ben erklärt, als wir das erste Mal gemeinsam in den Urlaub geflogen sind.
Vorsichtig schlängele ich mich an einem älteren Mann vorbei in meine Sitzreihe und knipse das erste Selfie.
Auf YouTube lade ich aktuell sehr unregelmäßig Videos hoch und versuche mich vor allem auf Kochvideos zu beschränken. Das letzte Jahr war für Ben und mich alles andere als einfach und ich habe für mich beschlossen, zu private Dinge lieber aus dem Netz zu halten.
Ein Konzert mit den beiden Sängern von halte ich allerdings für unbedenklich.
Ich kann nicht verstehen, wie Kate und Aidan sich diesen Auftritt entgehen lassen können. Soweit ich weiß, haben die beiden sich keine Tickets gekauft und werden den heutigen Abend als Datenight verbringen.
Dabei schließt das eine das andere ja auch gar nicht unbedingt aus, oder?
Mit dem Gedanken an eine ausgelassene Nacht mit Ben, Isaac Walkers Stimme, die durch meine AirPods schallt, und einer warmen Vorfreude im Bauch, schließe ich die Augen. Ich genieße das Kribbeln, das durch meinen ganzen Körper schießt, als sich der Rumpf des Flugzeuges in Bewegung setzt, über die Landebahn rast und bald darauf vom Boden abhebt.
»Da kommt er! Das ist unserer!« Eine Kinderstimme lässt mich zusammenzucken. Ich drehe mich um und stoße beinah mit dem kleinen Jungen zusammen, der wild gestikulierend auf das Gepäckband zeigt. »Ich hab ihn! Ich hab ihn!«
Reflexartig trete ich einen Schritt zur Seite, nur um in diesem Augenblick auch meinen Koffer zu entdecken. Ich seufze erleichtert. Erst neulich hat Oman, ein Freund von mir, seinen Koffer nicht bekommen, als er nach Spanien geflogen ist, weil der falsch verladen wurde.
Nicht nur der Flug hatte einige Turbulenzen, auch die Menschen scheinen heute ein bisschen durcheinander. Ob das die Silvesteraufregung ist? Oder hängt das mit dem Unwetter zusammen, das der eigentliche Grund für den unruhigen Flug...




