E-Book, Deutsch, 160 Seiten
Werner / Sandkühler Ägyptische Impressionen
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7562-8751-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Das Werden von Sekem 1981-1995
E-Book, Deutsch, 160 Seiten
ISBN: 978-3-7562-8751-2
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Titel umfasst Tagebuchaufzeichnungen, die Dr. Hans Werner auf einer Reihe von Ägyptenreisen in den Jahren 1981 und 1995 gemacht hat. Sie geben ein persönliches Bild der Entwicklung des SEKEM-Projektes in Ägypten, das auf der Grundlage der Urbarmachung eines großen Wüstengeländes Heilkräuter und Nahrungsmittel anbaut und aus den Erträgen soziale und kulturelle Einrichtungen finanziert.
Dr. Hans Werner war praktischer Arzt und ist jetzt im Ruhestand. Er hat in Niefern-Öschelbronn eine eigene Praxis geführt und war Mitbegründer und langjähriger Leiter der anthroposophischen Klinik Öschelbronn. Nachdem er auf einer Ägyptenreise Dr. Ibrahim Abouleish und das SEKEM-Projekt kennengelernt hat, begleitete er dessen Entwicklung als medizinischer Berater aktiv über vier Jahrzehnte.
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Ägyptenreise
14. 6. bis 4. 7. 1982 14. Juni1982 Tiefste Stille umgibt mich. Wenn nicht am Himmel die Flugzeuge fast ununterbrochen brummen würden, so gäbe es jetzt nur Natur um mich. Eine Lerche erhebt sich aus dem Hof des Wüstenhauses in die Höhe, nicht anders als auf den Feldern meines schwäbischen Heimatlandes. Tirilierend steigt sie immer höher und höher, bis sie sich wie ein Stein in die Tiefe fallen lässt: auf zum Lichte – hinunter in die Schwere. Über den Rand des Dachrundes lugen neugierige Spatzen, fremdartige Vögel überfliegen es kreischend. Im runden Blumenbeet mit Rosmarin, Rosen, üppigem Oleander, großblättrigem feinduftendem Jasmin, Kamille und anderem, zirpt eine Grille und quakt ein Frosch. Dieser Hausfrosch wird von Lussie, dem weißen Spitz, gehütet und nährt sich von Moskitos, die zum Glück nicht bei Tage, aber in der Nacht, Opfer suchend umherschwirren. »Ist dies alles anders als in Europa?« frage ich mich. »Ist der strahlend blaue Himmel, aus dem der Halbmond zartlächelnd zu mir herunterschaut, anders?« Als wir gestern abend nach unserem Flug ahnungslos von Bord kamen, fiel uns Ayman Shaaban - unser ›Pflegesohn‹, der gerade vier Wochen bei uns in Deutschland gewesen war, um den Hals. Wir wurden in einen kleinen Bus gezerrt und vor den Augen der staunenden Mitreisenden in Eiltempo ›entführt‹. In einem ruhigen Zimmer bei Aircondition und Kaffeegenuss, sprachen wir mit Ayman, während die Formalitäten von einem freundlichen Regierungsbeamten für uns erledigt wurden. Das war das Werk von General Shaaban, Aymans Vater, das uns langes Warten im dumpf-dunstigen Umkreis des Flughafengebäudes ersparte. So lernten wir ein Stück Ägypten kennen: kein Zoll, keine Passkontrolle, nichts machten wir durch. Vor dem Flughafen fanden wir Gudrun, die unser Gepäck schon in ihrem Auto verstaut hatte. Nach einer stürmischen Begrüßung fuhr sie uns zum Bürohaus Sekem, am Rande von Kairo. Ein riesiger Platz, von einem ›Mauerzaun‹ umgeben, lag im Dunkel vor uns, teilweise von Lampen erhellt. Ein Platz für das kleine Bürohaus, für eine spätere Waldorfschule, für ein Hospital, alles schon für eine mögliche Zukunft vorbereitet. Nicht gerade langsam ging es danach durch die Wüste zur Farm. Zu nächtlicher Stunde noch eine Fahrt übers Gelände und Einzug ins Rundhaus. 15. Juni Ich gehe durchs Haus und sitze nun im offenen Hof mit der Frage: »Wo finde ich Ägypten hier?« Ich öffne das Fenster und lasse den Blick über das Farmland schweifen: wüstensandiger Boden mit kargem Wuchs, die Molkerei und die Gebäude zur Heilmittelherstellung, in der Ferne die Ställe und in der Weite zur Linken Bäume, zur Rechten Wüste. Das ist ein Teil Ägyptens: beginnende Fruchtbarkeit, dem toten Wüstensand abgerungen. Leben und Tod so nahe beieinander. Meine Gedanken gehen zurück zum Alten Ägypten, wo ich auf meine Frage Antwort finde: Die alten Ägypter pflegten die Liebe zum Leben, aber in dieser Liebe zum Leben hatten sie den Blick auf den Tod gerichtet. Das war ägyptisches Dasein. So raunte es aus der Nacht in den Tag, der uns die erste Wiederbegegnung mit der Farm und seinen Menschen bringen soll. Wir machen uns auf, um die Farm zu durchstreifen. Die Sonne brennt schon heiß. Viele Menschen treffen wir bei der Arbeit. Besonders eindrucksvoll ist die Wiederbegegnung mit Ali, dem Buckligen, der die Güte und Liebe der ganzen Welt ausstrahlt. Überall ist die Erde durchzogen von Wassergräben, in denen das kostbare Nass dahinfließt. Alle möglichen Stufen von Bodenverwandlungen sehen wir. Üppig ist der Wuchs nicht, wird doch auf dieser Farm, entgegen dem sonst Üblichen, kein Kunstdünger verwendet, sondern mühsam versucht, durch Naturdünger und biologisch-dynamische Methoden aus dem Sand einen fruchtbaren Boden zu schaffen. Wird das gelingen? – Oder müssen neue, ganz andere Methoden entwickelt werden? Alles hier ist Versuch. Dort der kräftig wachsende Bestand an Zitrusfruchtgewächsen, die in diesem Jahr zum ersten Mal Früchte tragen werden; hier Bananen, Stechapfel, Sesam. Daneben stehen Rosen, Sonnenblumen und immer wieder dazwischen Eukalyptusbäume und Kasuarinen als Schattenspender. Die Fabrik mit Produktionshallen und Lager ist ziemlich gewachsen, seit wir zum ersten Male hier waren. Eine Molkerei entsteht. Die ostwestliche Achse, die breite Straße, führt vorbei an den Taubenhäusern zur Rechten zum Stall. Dort angelangt, staunen wir, was in der Zwischenzeit entstanden ist. Der Stall ist zu einem großen Teil schon mit ägyptischen und allgäuischen Kühen und vielen neugeborenen Kälbern gefüllt. Ein munteres Leben hat sich entwickelt. Die .Tiere werden von Martin aus Pforzheim, Karin aus Göppingen und Jörg aus Norddeutschland betreut. Angela ist zur Zeit noch in Deutschland. Bald wird Milch fließen und Käse reifen. Wir fühlen uns aufgenommen und leben alle Höhen und Tiefen des Alltags mit. Gudrun, Ibrahim, Mona und Alea, die Ägypterin, schaffen und wirken mit uns zusammen durch den Tag. 16. Juni Wie eine Labsal breitet sich über die sengende Hitze des Tages die kühlende Nacht. Zwei Tage sind wir nun hier und es scheint schon eine Ewigkeit. Wenn unser Radius auch bisher auf die Farm beschränkt war, so gibt es immer wieder Neues zu entdecken. Einen Kilometer lang ist der Weg quer durch die Farm bis zum Stall. Kälble sind wieder angekommen. Martin Abrecht aus Pforzheim ist 25 Jahre alt und gelernter biologisch- dynamischer Landwirt. Es ist eine wahre Freude zu erleben, welche Ruhe und Sicherheit er ausstrahlt. Diese Aufgabe ist seine Aufgabe und er lebt ganz in ihr. Karin ist von Beruf Glasritzerin. Fähigkeiten für die Arbeit auf der Farm hat sie nicht mitgebracht. Sie scheint aber Begabungen bei sich entdeckt zu haben, denn sie hat Kochen gelernt, versorgt die anderen Stallbewohner und hilft da und dort mit. Der dritte ist Jörg; man hat den Eindruck, er fühlt sich eher in diese Gegend verschlagen; er wirkt etwas unstet und unglücklich, weiß aber zuzugreifen. Diese Drei sind derzeit die Sendboten aus Deutschland und ihnen gilt unser Besuch im Stall. Weil heute betoniert werden muss, wird Landwirt Martin zum Maurer. Wehe, wenn er den Blick einige Zeit abwendet, dann geschieht sicher etwas, was nicht geschehen soll. Am Nachmittag machen wir einen Umweg über den südlichen Rand der Farm. Da bleibt mein Blick, über die Felder schweifend, an einem dicht-buschigen Gewächs in der Ferne haften. Näherbei schaut mich Hyoscyamus aus seinen starren Blütenaugen an und ich erlebe diese Pflanze wie wesenhaft und ihre Verwandtschaft mit Belladonna. Ein herrlicher Sonnenuntergang mit ständig sich wandelnden Farben beschließt diesen Gang. Noch eine Stunde später glüht der Himmel, am Horizont sich im Purpurrot verströmend. Nach dem Abendbrot erwarten wir die drei ›Landwirte‹ zur Arbeit an der ›Philosophie der Freiheit‹. Das Beobachten des Denkens ist Thema und wir erleben, dass Menschen, die den Tag über intensiv an der Erde gearbeitet haben, sich mit einer inneren Frische der geistigen Arbeit hingeben. Mit den ›Kinderszenen‹ von Schumann gibt uns Elfriede die Brücke in die nächtliche Welt. Über uns erstrahlt der Sternenhimmel mit Jupiter, Saturn und Mars. Die Luft ist erfüllt vom Zirpen der Grillen, Quaken der Frösche und dem auf- und abschwellenden, zänkischen Gebell der Hunde. 17. Juni Es fehlt an Heilmitteln. Wir wollen eine Calendula- und Kamillensalbe, sowie von beiden Heilpflanzen Tinkturen herstellen. — Martin steht oft verzweifelt vor der Frage, wie er seine Tiere behandeln soll, denn der ägyptische Tierarzt kann seine Wünsche nicht befriedigen und ist mit Antibiotika und anderen scharfen Mitteln schnell zur Hand. Eindrucksvoll war heute eine Durchquerung des Niltals; über Hunderte von Kilometern fruchtbares Land; eine alte Fruchtbarkeit, die seit der Antike besteht. So alt wie die Kultivierung, so alt sind auch die Methoden. Wasserräder drehende Büffel, hackende Männer und Frauen, zum Trocknen aufgehäufter Mist, der dann als ›mineralischer‹ Dünger ausgestreut wird. Aber auch ›moderne‹ Methoden werden geübt: Frauen streuen Weizenähren auf die Straße, damit sie von den darüberfahrenden Autos gedroschen werden. Auch Traktoren sieht man. In Bilbeis, der Kreisstadt von Sekem, erleben wir andere ägyptisch-arabische Verhältnisse: Schmutz auf den Straßen und in den Gassen; wildes Gestikulieren und Geschrei von Männern und Frauen, eselantreibende und handelnde, lungernde und handwerkende Menschen. Alles ist überdröhnt vom Gehupe der sich immer wieder chaotisch verfilzenden Autos und arabesker Musik aus Radio und Fernseher. Es steigert sich zum Inferno und ebbt wieder ab; Welcher Kontrast zu den Weiten des Nildeltas mit altem Palmen- und Eukalyptusbaumbestand, verstreuten, wenn auch oft baufälligen Häusern und arbeitenden Menschen. Das Land ist durchzogen von Wasserkanälen, die je nach...




