E-Book, Deutsch, 255 Seiten
Weng Die rote Tänzerin
2. Auflage 2022
ISBN: 978-3-8412-3053-9
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Nacht ist ihre Bühne, ihre Kunst unbezähmbar
E-Book, Deutsch, 255 Seiten
ISBN: 978-3-8412-3053-9
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die wildeste Frau der Goldenen Zwanziger.
Sommer 1925: Anita Berber ist das Phänomen ihrer Zeit. Sie tanzt nackt auf den Bühnen der Weimarer Republik, betört die Massen mit ihrer Schönheit und Extravaganz. Doch dann ist sie nach einer Reihe Eskapaden und Skandalen in den Varietés, in denen sie einst Erfolge feierte, nicht mehr willkommen. Von nun an tanzt sie nur noch vor leeren Rängen und droht, sich in Erinnerungen an ein vergangenes Leben zu verlieren. In der Gefahr, bereits in Vergessenheit zu geraten, begegnet sie einem noch recht unbekannten Maler: Otto Dix.
Joan Weng, geboren 1984, studierte Germanistik und Geschichte und promoviert über die Literatur der Weimarer Republik.
Im Aufbau Taschenbuch sind ihre Romane 'Die rote Tänzerin', 'Amalientöchter', 'Das Café unter den Linden', 'Die Frauen vom Savignyplatz', 'Die Damen vom Pariser Platz' und 'Die rote Tänzerin' sowie die Kriminalromane 'Feine Leute' und 'Noble Gesellschaft' lieferbar.
Mehr zur Autorin unter joanweng.de
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1923
Nackte Weiber! Nackt bis auf die Haut!
So hatte es ihm der Schlepper auf der Münsinger Straße zugeraunt, vertraulich, freundschaftlich fast, so als teile man ein Geheimnis oder habe zumindest Seite an Seite mit der Fresse im französischen Matsch gelegen.
Das war Masche und nicht mal originell. Warum war er darauf reingefallen und hierhergekommen?
»Die weiße Maus« bot ihm nichts, was er nicht schon tausendmal erlebt hatte. Stickige, tabakgesättigte Luft, von einem mattglänzenden Deckenventilator gleichermaßen mühsam wie vergeblich verquirlt, auf sündig gedimmtes Licht, Ausländer, zum Überlaufen voll mit Devisen und gepanschtem Sekt. Und dazu Weiber, halb nackt im Publikum und auf der Bühne ganz. Nichts, was er gerade nicht überall zu sehen bekam. Mit dem Laub waren auch die Kleider gefallen.
Das klang nett, aber es stimmte nicht, Schamlosigkeit war nicht erst seit Herbst in Mode. Außerdem war Otto kein Dichter.
Er war Maler.
Und als solchem gingen ihm momentan die Motive flöten. Niemand schockierte sich heute noch an einer Hure bei der Morgentoilette, die Zeiten, dass man ihm dafür den Prozess hatte machen wollen, waren vermutlich bald vorbei.
Wen interessierte das heute noch, wenn man schon für einen lächerlichen Betrag wie 10 Milliarden die Frau eines Oberlehrers haben konnte? Eine anständige, schamhafte Frau, vor Krieg und Inflation als Jungfrau in die Ehe gegangen. Noch mal ein Milliönchen obendrauf, da rezitierte der Gatte einem dabei was aus der Ilias. Die Beamten, die traf es am härtesten, deren Gehälter hinkten dem Dollarkurs immer ein paar Wochen, wenn nicht Monate hinterher.
»Was möchte der Herr trinken?« Der Kellner war noch keine vierzehn. Die rundlichen Bubenwangen waren mit Kohlenstaub auf hager geschminkt, und mit der Pomade im Haar und in dem eleganten Abendanzug sah er aus wie ein verdorbener Konfirmand. Ob seine Eltern davon wussten? Ob es sie interessierte, ob es sie überhaupt gab? Vielleicht waren sie ja froh?
Allemal besser als auf der Lindenpassage, und bestimmt war die Bezahlung auch üppiger. Strichjungen gab es so viele, französische Liebe kriegte man schon für 5 Millionen. Mit Pennälermütze war es aber teurer, was zu einem schwunghaften Handel mit Schuluniformen geführt haben sollte.
»So is dat eben in Berlin!«, schallte es von der Bühne, und die Töne waren so unsauber, wie Otto sich die Füße der Sängerin vorstellte. Von anderen Körperregionen mal ganz abgesehen. Grässlich, am liebsten würde er einfach gehen. Nach Hause, zum Mutzli und der kleinen Nelly. So ein Wunder, alle beide. Seine Frauen. Wie rein der Hals eines Neugeborenen duftete. Es müsste ein Wort dafür geben. Vielleicht gab es das sogar, nur kannte er es nicht. Er war ja kein gebildeter Mensch.
»What would you like for drink?«, erkundigte sich der verdorbene Konfirmand nun mit einem Akzent, der vielleicht amerikanisch klingen sollte.
Ottos ausbleibende Reaktion hatte ihn wohl zu der Hoffnung verführt, hier säßen ausländische Devisen. So ganz abwegig war der Gedanke nicht, denn Ottos Anzug war makellos, der schwarze Lack seiner Schuhe glänzte wie der Potsdamer Platz bei Regen, und die blonden Haare trug er tatsächlich nach amerikanischem Vorbild streng zurückgebürstet.
Mein Jimmy, mein Dandy, so neckte das Mutzli ihn manchmal, aber nur ein bisschen und mit diesem lieben Glitzern in den Augen, sie wusste um seine Schwächen. Und im Übrigen waren es auch die ihren.
»Wu desire?«, fragte der Junge nun schon weniger enthusiastisch, denn Franzosen hatten den Ruf, beim Trinkgeld zu knickern. Und die Huren, die erzählten sich auch so Geschichten, was diese Franzosen von einem Mädchen für Schweinkram wollten – und beim Preis immer ein Geschacher, als käm’s heut noch auf eine Milliarde mehr oder weniger an.
Otto aber zögerte noch immer. Wenn er etwas bestellte, müsste er bleiben. Und er hatte weder Geld noch Zeit zu verschwenden. Da war es wieder, dieses Gefühl. Das hatte er schon gehabt, als ihn der Schlepper auf der Münsinger Straße angesprochen hatte.
So ein Gefühl wie an der Front, wenn alles noch ruhig war und man doch spürte: Das gibt Kattun. Da war etwas, ein elektrisches Knistern der Luft, ein unterschwelliger Misston, wie das Surren einer Mücke. Otto war, als könne er diesen Ton tatsächlich wahrnehmen, heraushören aus dem treibenden Jazz der Kapelle, aus dem dröhnenden Gelächter der besoffenen Spekulanten und dem gezierten Gekicher der Huren.
Er ließ seinen Blick schweifen, suchend. Die Gäste trugen Samtmasken, der neuste Clou und so sinnlos wie ein Markstück, denn jeden Moment lüftete jemand die seine, tupfte sich Schweiß von Wangen und Stirn. Auch waren die Augen frei, und die waren es doch, die die Menschen verrieten.
Der breitgebaute Rotschopf am Nachbartisch, der zum Beispiel war geschäftlich hier. Natürlich verstand Otto nicht, was er auf seine elegante Begleiterin im ausländischen Pelz einredete, aber ein Flirt war das nicht, auch wenn die Schönheit das vermutlich glaubte. Der Rotschopf, der hatte Frau und Kinder daheim, letztes Jahr noch, da war er Herr über ein Sparbuch und in leitender Position gewesen. Alles futsch, alles kaputt, und nicht mal ein originelles Motiv gab er ab.
Auch die beiden Männer im Maßanzug, die schon wieder nach Champagner verlangten, jeder zwei Girls neben sich, auf sich, alle grimmig zum Amüsemang entschlossen und dabei ein Blick, als ging’s in den Graben. Die Jahre im Krieg, all die verlorenen Tage und Stunden, die mussten sie nun wieder reinholen, diese knickerigen Zählmeister ihrer eigenen Lebenszeit.
Trotzdem kein Motiv für Otto, das überließ er Grosz.
Die Luft zum Schneiden, der Saal voll besetzt.
Was sollte Otto hier? Warum ging er nicht nach Hause, zu Frau und Kind? Was suchte er?
Er konnte doch den Krieg malen, seine Alpträume und Schreckensvisionen, die gingen ihm so schnell nicht aus, da hatte er Vorrat. Oder sollte er ein Kinderbuch machen? Da hatte er Ideen, jetzt, seit er dem Würmchen Abend für Abend ins staunende Gesicht erzählte.
Und wenn alle Stricke rissen, dann wurden sie eben doch Profitänzer, das hatten das Mutzli und er sich schon so halb fest vorgenommen gehabt, sogar bereits mit Werbebildern. Warum auch nicht, gut genug waren sie allemal.
Was also suchte er? Hier in dieser Kaschemme?
»Wenn Sie nichts trinken wollen, dann müssen Sie gehen«, versetzte der verdorbene Konfirmand nun überhaupt nicht mehr freundlich und auch nicht weltmännisch. Um seine Worte zu unterstreichen, drehte er sich schon halb weg, wandte sich in Richtung eines Gorillas im zu kleinen Stangenanzug. Der stand bisher an der Tür zur Garderobe, schien ganz versunken in das Kneten seiner einmal zu oft gebrochenen Nase, nun aber kam Leben in die massige Gestalt, genüsslich kugelte er die Schultern nach hinten. Fast war Otto, als könne er die Nähte krachen hören. Diese überwachen Sinne, die waren ein Andenken an den Krieg, die bekam man gratis dazu, genau wie die Alpträume und den Ekel vor Bratenduft.
»Also?«, fragte der Ober, und Otto bestimmte kurz entschlossen: »Einen Sekt«, ergänzte dann ein wenig zu hastig: »Glas, nicht Flasche.«
Aus hübschen, schwarz umkohlten Veilchenaugen sah ihn der Konfirmand einen Moment abschätzig an, die helle Stirn schien sich krausen zu wollen, dann zischte er halblaut: »Wenn Se nach der nächsten Nummer abziehen, bring ich Ihnen für 100 Millionen Soda mit Schnaps. Ist ein Sonderpreis, und dafür machen Se mich den Tisch frei.«
»Wer kommt als Nächstes?«, fragte Otto unsicher. Nachdem der Bengel ihn sowieso für arm hielt, konnte er ihn auch für dumm halten, da kam es nicht mehr drauf an.
»Na, die Berber!«
Wie konnte ein Mensch so unwissend sein? Jetzt lag ein kaum verhohlenes Mitleid in dem auf hart geschminkten Bubengesicht. Vor dem Krieg, vor der Inflation, da hatten nur kleine Brüder solche Blicke abbekommen – halb stolze Überlegenheit, halb Unglaube. Fast schien der Bub ihm ein Lächeln schenken zu wollen, aber so weit ging es nicht. Wer umsonst lächelte, verlor eine Einnahmequelle.
»Die Berber, das ist...




