Weng | Die Damen vom Pariser Platz | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Weng Die Damen vom Pariser Platz

Roman
2. Auflage 2021
ISBN: 978-3-8412-2658-7
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-3-8412-2658-7
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Das Versprechen ewiger Jugend.

Berlin, 1926. Schluss mit dem Langweilertum! Gretchen nimmt Reißaus vor der Provinz und zieht nach Berlin. Im namhaften Schönheitssalon der Madame Bross wird sie von der Nachtclubsängerin Isis als Tippfräulein für ihre Memoiren eingestellt. Manch ein übles Gerücht kursiert über ihre neue Chefin, doch Gretchen mag den Räuberpistolen nicht recht glauben. Wer jedoch hat Isis die Narbe zugefügt, die ihre linke Gesichtshälfte entstellt? Kopfüber stürzt Gretchen sich in das glamouröse Leben der Großstadt und fühlt sich ausgerechnet zu dem Verlobten ihrer besten Freundin hingezogen. Aber dann ist da ja auch noch der unnahbare Erik ...

'Joan Weng erweckt das Berlin der Goldenen Zwanziger zu neuem Leben.' Stuttgarter Zeitung.



Joan Weng, geboren 1984, studierte Germanistik und Geschichte und promoviert über die Literatur der Weimarer Republik. Im Aufbau Taschenbuch sind die Romane 'Amalientöchter', 'Das Café unter den Linden' und 'Die Frauen vom Savignyplatz' sowie die Kriminalromane 'Feine Leute' und 'Noble Gesellschaft' lieferbar.
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1. Kapitel


Sie sehen bezaubernd aus! Wann sehen wir uns wieder?

So stand es in schwungvoller pinker Schrift auf einem cremeweißen Visitenkärtchen, daneben die Adresse: Helen Bross – Schönheitsbehandlungen aller Arten, Pariser Platz 13, Berlin. Und darunter ein Feldchen, in welches jemand Montag, 7:30, 22. März geschmiert hatte. Montag, der 22. März, das Verheißungsdatum.

Wie hatte Gretchen erst die Tage, schließlich im Zug dann Stunden und Minuten, bis zu diesem Tag gezählt.

Und je näher die dampfende Lok Berlin kam, desto heller war es draußen geworden – das war Gretchen sehr sinnbildlich erschienen, nur jetzt, jetzt war sie zu früh.

In ihren gebraucht gekauften, leider deutlich zu großen Schnallenschuhen stand sie nun hier, vor der prächtigen Jahrhundertwendefassade des Pariser Platz 13 und war zu früh. Ein trotz aller Schnörkel sehr dickes Gitter versperrte die Tür. Gretchen bemühte sich, dies nicht auch sehr sinnbildlich zu finden.

Eine zittrige Sorge begann in ihr aufzusteigen.

Bestimmt war die Stelle längst vergeben, man hatte nur vergessen, es ihr zu sagen! Gretchen gehörte zu den Menschen, die von anderen gerne vergessen wurden.

Wenn sie sich denn die Mühe machten, sie überhaupt zu bemerken.

»Verzeihung, Fräuleinchen. Ich habe Sie nicht gesehen.« Ein einäugiger Straßenkehrer mit Brandnarben auf Hals und Wangen machte eine entschuldigende Geste mit seinem Reisigbesen, fegte aber weiterhin seinen Kehricht in Gretchens Richtung – vermutlich hatte selbst er ihre Anwesenheit schon wieder vergessen?

Ein gleichmäßiges, schabendes Geräusch, seltsam still lag Berlin im kühlen Morgenlicht. Ein Dienstmädchen in dicken Strümpfen und einem abgetragenen Gummipaletot eilte gesenkten Blicks vorbei, auf der Straße zockelte ein Milchmann müde mit seinem leeren Wagen, der breithufige Gaul schien im Gehen eingenickt. Zwei Männer in identischen schwarzen Ledermänteln und derben Schnürstiefeln wechselten ein paar grüßende Worte mit einem Schutzmann.

Der lachte und zündete sich eine Zigarette an.

Ein mächtiger roter Kater beäugte Gretchen im Heranschlendern, sprang dann auf das Treppengeländer neben ihr, von dort ohne größere Mühe auf einen Sims im ersten Stock.

Da blieb er sitzen und miaute zweimal.

Er klang beleidigt, auf eine missgelaunte Weise fordernd, und das Fenster wurde auch fast umgehend geöffnet. Eine glückliche Stimme rief: »Mein Liebling! Da bist du ja, du süßer Rumtreiber. Hast du Hunger? Bestimmt hast du Hunger! Komm nur rein, mon petit!«

Kaffeeduft begleitete die Worte und Gretchen spürte, wie sich ihr Magen schmerzhaft zusammenkrampfte. Seit dem Butterbrot im Zug hatte sie nichts mehr gegessen. Das war aber auch besser so, Essen machte nur dick, und dick sein, das war von vorgestern. Obwohl, die Kaiserin Kleopatra – erwiesenermaßen von vorvorgestern – war ja auch schlank gewesen. Gretchen unterdrückte einen Seufzer.

Über ihr klagte indessen eine verschlafen klingende Männerstimme: »Wenn sich das Vieh nach drei verbummelten Nächten heimbequemt, heißt es: Oh, mon petit! Hast du Hunger, mein Schnauzbärtchen? Und wenn ich einmal zehn Minuten nach Sperrstunde …«

Das Fenster knallte zu, die Morgenluft war den Katzenbesitzern sicher noch zu kalt, auch Gretchen trat fröstelnd von einem Fuß auf den anderen.

Inzwischen war sie nicht mehr zu früh, ein Blick auf ihre Armbanduhr verriet ihr, dass sie inzwischen vielmehr zu spät war. Doch die kettengesicherte Tür war noch immer verschlossen. Was sollte sie nur tun? Sie konnte doch jetzt nicht einfach unverrichteter Dinge wieder gehen?

Was sollte sie dann Henni sagen? Henni, ihrer besten Freundin, der sie die Stelle, die mögliche Stelle, überhaupt erst verdankte. Hilfe suchend sah Gretchen sich um, vielleicht gab es einen Hintereingang? Den gab es sogar mit Sicherheit, nur konnte sie den nicht finden, den hatte sie schon vor zwanzig Minuten nicht gefunden. Und was hätte ihr der auch bringen sollen? Der war ja bestimmt auch zu.

Ratlos blickte Gretchen ihr Spiegelbild in der großen Fensterfront neben der verschlossenen Tür an. Rosa und weiße Schiebevorhänge verbargen das Innere vor neugierigen Augen. Das Dahinter, das war das Reich der Madame Bross, Berlins größter und vermutlich exklusivster Schönheitssalon.

Eintritt nur für Damen!, erklärte ein diskretes Schild, es waren dieselben pinken Buchstaben wie auf dem Visitenkärtchen, das Henni Gretchen geschickt hatte. Ganz bestimmt war die Stellung schon vergeben – jedes junge Mädchen der Republik hätte doch beide Seidenstrumpfbeine dafür gegeben, hier in diesem Tempel der ewigen Jugend arbeiten zu dürfen. Und doch hatte Henni ihr am Freitag geschrieben, sie habe ihr diese Position verschafft, nur schnell müsse Gretchen sein. Wahrscheinlich war sie aber eben nicht schnell genug gewesen?

Um was für eine Position es sich handelte, das hatte Henni zu erwähnen vergessen, das musste nichts heißen, so war ihre beste Freundin eben. Oh, ganz bestimmt hatte Henni in ihrer Wirrköpfigkeit ein falsches Datum notiert und nun war die Chance vertan.

In diesem Moment kam ein junges Dienstmädchen um die Ecke, die Haare unter einem roten Kopftuch verborgen und einen Eimer voll schwappenden Wassers in der Hand. Es musterte Gretchen mit einem halb abschätzigen, halb desinteressierten Blick und begann ohne weitere Umschweife, die riesige Fensterfront des Salons mit verdünntem Essig zu putzen.

Gretchen schluckte trocken, nahm all ihren Mut zusammen und dann sagte sie: »Verzeihung, ich habe einen Termin bei Fräulein Bross. Vielleicht können Sie mir helfen?«

»Ihre Nase glänzt! Bitte mattieren Sie sich.« Das Empfangsfräulein streckte ihr eine kleine Elfenbeindose und eine Puderquaste entgegen. »Bevor ich Sie zu Madame Bross führe, möchte ich Ihnen ein paar grundsätzliche Benimmregeln näherbringen. Madame Bross ist eine Künstlerin ihres Fachs und als solche sehr sensibel.«

Gretchen nickte und bemühte sich um einen verständigen, abgeklärten Gesichtsausdruck – in Wahrheit jedoch klopfte ihr das Herz bis zum Hals. Es war nicht nur die Aussicht, jeden Moment der legendären Madame Bross, der Eisgöttin Berlins, vorgestellt zu werden, es war die ganze Umgebung des Schönheitssalons. All der auf Hochglanz polierte Marmor, all das verschnörkelte Messing. Dazu der seltsame, nahezu betäubende Geruch nach Rosenöl, aber da verbarg sich noch etwas. Etwas verwesend Süßliches, eine Spur von Formalin?

Und die Empfangsdame erst, schön wie aus einem Magazin, eine Haut wie Milch und lackschwarz glänzendes, eng an den Kopf frisiertes Haar. »Zuallererst«, fuhr das schneewittchenhafte Geschöpf fort, »zuallererst mattieren Sie Ihre Nase. Der Anblick von Fettglanz ist Madame Bross unerträglich. Außerdem kehren Sie Madame niemals den Rücken zu und sprechen nur, wenn Sie gefragt werden. Sie selbst stellen keine Fragen und eines noch: Erwähnen Sie niemals Elizabeth Arden. Unter keinen Umständen, haben wir uns verstanden?«

Gretchen trug eine dicke Schicht Puder auf und nickte. Beinahe hätte sie die Hacken zusammengeschlagen und mit einem schneidigen Jawohl! geantwortet.

»Gut, dann nehmen Sie dort Platz.« Mit ihrem schönen weißen Finger deutete Schneewittchen auf einen pink bespannten Seidensessel, nickte einem hinter den Tresen getretenen Fräulein zu und gab dann einem Boy in Uniform das Zeichen, die Eingangstür zu öffnen.

Gretchen setzte sich indessen. Der Stuhl war sehr unbequem und hart, aber besser als stehen war es allemal. Wenn sie wenigstens gewusst hätte, was das für eine geheimnisvolle Stelle war, für die die große Madame Bross jemanden suchte? Ausdrücklich jemanden vom Land.

Sie spürte, wie ihre frisch gestärkte Bluse unter den Armen begann, klamm zu werden. Da war er wieder, der hässliche Gedanke: Was, wenn sie die Stellung nicht bekam? Und sie wieder zurück musste? Zurück zu dem Gerede der Leute? Zurück in das miefige Schreibbüro, vier Tippfräulein, Rücken an Rücken?

Nein, ganz sicher nicht!

Fehlerfrei tippen, das konnte Gretchen. Beim Gedanken an all die Rechnungen für Sporttrikotagen, Zahnbehandlungen...



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