E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Weng Das Café unter den Linden
2. Auflage 2017
ISBN: 978-3-8412-1309-9
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
ISBN: 978-3-8412-1309-9
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Was nützt die Liebe in Gedanken?
Frühling 1925: Als Fritzi in Berlin ankommt, bringt sie nicht mehr mit als ein gebrochenes Herz, eine Reiseschreibmaschine und einen Traum: bei der UFA Drehbücher schreiben. In der schillernden Metropole findet sie sich schnell in einem Kreis von Malern, Schriftstellern und Musikern wieder, die das Leben und die Kunst feiern. Und dann trifft sie einen Mann, der alles für immer verändern wird. In einem Café unter den Linden ...
Joan Weng, geboren 1984, studierte Germanistik und Geschichte und promoviert über die Literatur der Weimarer Republik.
Im Aufbau Taschenbuch sind ihre Romane 'Die rote Tänzerin', 'Amalientöchter', 'Das Café unter den Linden', 'Die Frauen vom Savignyplatz', 'Die Damen vom Pariser Platz' und 'Die rote Tänzerin' sowie die Kriminalromane 'Feine Leute' und 'Noble Gesellschaft' lieferbar.
Mehr zur Autorin unter joanweng.de
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1
Kapitel
»Hey, Taxi!« Ein Fräulein in hellem Nerz, mit weißblondem Bubikopf und blutroten Lippen winkte hektisch, pfiff auf zwei Fingern und stürmte an Fritzi vorbei auf eine Taxe zu.
Ganz Berlin schien es sehr eilig zu haben, dachte Fritzi sich. Da, wo sie herkam und nie wieder hin zurückwollte, war niemand in Eile. Ein dumpfes Ziehen machte sich in der Herzgegend bemerkbar, und wie schon in den letzten Wochen versuchte sie es zu ignorieren. Herzschmerz war für alternde Jungfrauen mit Krampfadern, solche, die zum Tanztee für die reifere Jugend gingen und dort ihr Doppelkinn zu Walzerklängen wiegten. Fritzis Leben war Shimmy und Charleston, war Bubikopf und Kintopp – oder zumindest sollte es so werden.
Im Moment jedoch kam sie sich ziemlich fehl am Platz vor, von rechts schubste ein Mann, eine Aktentasche wurde ihr in den Rücken geknallt, jemand rempelte sie unsanft an: »Für was hält die das hier! Das ist der Alexanderplatz, keine buddhistische Meditationshalle.« Fritzi umklammerte ihren Koffer noch etwas fester, sie wusste nicht einmal, was eine »buddhistische Meditationshalle« war. Und den Weg zum Grunewald, wo Graf Hans von Keller wohnte, kannte sie auch nicht. Einen Schupo hätte man jetzt gebraucht!
Suchend sah Fritzi sich um: nichts als graue Büroangestellte in grauen Mänteln. Die würden ihr kaum helfen, die wollten nur noch heim, zu Frauchen, Abendzeitung und belegten Broten. Und zwischen ihnen die munteren Fräulein, mit Seidenstrumpfbeinen und hochmütig geschminkten Blicken, die traute sie sich nicht anzusprechen. Genauso wenig wie die finster dreinblickenden Männer in Arbeitskleidung, die sich müde über den großen Platz schoben. Die Menschen rinnen über den Asphalt, ameisenemsig, wie Eidechsen flink, so hatte Fritzi das mal gelesen, aber obwohl es sie normalerweise tröstete, ein Buch oder ein Gedicht zwischen sich und die Wirklichkeit zu schieben, wurde ihr nun sehr kalt. Wenn sie unglücklich war, dann fror sie immer, da halfen auch die dicksten Socken nicht. Jetzt stand sie hier, allein mitten in Berlin, und wollte diesen Grafen überzeugen, dass er seine Memoiren schreiben sollte? Natürlich nicht, ohne sie zuvor als Tippfräulein zu engagieren. Plötzlich hatte sie Angst vor der eigenen Courage.
»Alles in Ordnung, gnädiges Fräulein?« Vor ihr war ein junger Mann aufgetaucht, der sie mit besorgten Augen ansah. »Kann ich Ihnen helfen?«, fragte er, legte ihr fürsorglich einen Arm um die Schulter und führte sie zu einer nahe gelegenen Bank.
»Ich weiß einfach nicht, wie ich in den Grunewald komme«, platzte es aus ihr heraus. Sofort wurde sie rot. Wie naiv das klang. Viel zu sehr nach der alten Fritzi und so gar nicht nach Charleston, Shimmy, Bubikopf und Kintopp!
»Der Graf von Keller erwartet mich. Er wollte mir einen Wagen schicken, aber den habe ich wohl irgendwie verpasst«, ergänzte sie schnell und versuchte, den abgeklärten Ausdruck der Frauen um sie herum zu imitieren. »Sie möchten zum Grafen von Keller?«, echote der junge Mann, und sie begann, schon wieder zu frieren. Bei ihrem Glück erzählte der ihr gleich, der Graf sei heute verstorben. So alte Adlige starben doch ständig, die hatten ja auch sonst nicht mehr viel zu tun.
»Ist er tot?«
Ihr Gegenüber schaute sie verwirrt an, dann zuckte er mit den Schultern. »Nicht, dass ich wüsste. Wenn Sie zum Grafen wollen, dann schreibe ich Ihnen die Tramverbindung auf. Das Haus ist nicht zu verfehlen. Es ist das einzige mit rostigem Tor und einem vollkommen verwilderten Garten.«
Erleichtert lächelte sie ihm zu, öffnete ihre Handtasche und holte einen Bleistift und einen alten Briefumschlag heraus.
»Wenn Sie sich beeilen, kriegen Sie noch die nächste Elektrische zum Kottbusser Tor. Dort umsteigen in Richtung Uhlandstraße, dann den Hohenzollerndamm entlang, und schon sind Sie da.« Dann gab er ihr einen kameradschaftlichen Klaps auf die Schulter, stand auf und rief ihr im Weggehen noch zu: »Gleis 2!«
Es gab also auch in Berlin nette Menschen, die einem einfach so halfen.
Oder auch nicht. Denn als Fritzi ihr Billet lösen wollte, war ihre Geldbörse weg. Samt hundert Reichsmark Erspartem, samt Leihbüchereiausweis und dem Brief von Gustav. Zumindest ihr Pass war noch da, den hatte sie auf Anraten ihrer Tante Hulda im Koffer versteckt. Sie hätte heulen können, wie konnte sie nur so blöd sein, auf so einen dreisten Dieb hereinzufallen? Zähneknirschend kratzte sie ihr letztes Geld zusammen und zog ein Billet. Immerhin hatte sie nicht geweint, die alte Fritzi wäre bestimmt in Tränen ausgebrochen. Innerlich seufzend, drängelte sie sich auf eine der Wartebänke, zwischen einen Zimmermannsgesellen mit Mettwurstbrötchen und einen Verbindungsstudenten mit Braut. Die Frau hatte herrliche, frisch gelegte Dauerwellen, schön sah das aus, viel hübscher als Fritzis eigenes glattes, mausblondes Haar. Entschieden griff sie in ihre Handtasche und fand nach einigem Wühlen Lippenstift und Puderdöschen. Beides noch kaum benutzt, aber das würde sich jetzt ändern. Mit aller ihr zu Gebote stehenden Arroganz ließ sie das Döschen klackend aufspringen, überpuderte sich Sommersprossen und die vor Aufregung geröteten Wangen. In ihrem Kopf dröhnten Tante Huldas mahnende Worte geschminkte Frauen, nur schön anzuschauen, aber sie gefiel sich gleich viel besser. Fast zufrieden lehnte sie sich zurück, dachte sich: Ineinander dicht hineingehakt, Sitzen in den Trams die zwei Fassaden Leute, wo die Blicke eng ausladen, und mit einem halben Lächeln linste sie nun in das »Berliner Abendblatt« des Zimmermannsgesellen.
20 Babyleichen in Wedding prunkte als Überschrift und drunter ein Bild, so schwarz schattig, man wusste nicht, zeigte es die Leichen, den ermittelnden Kommissar oder was ganz anderes? Daneben die Vergnügungstipps für den heutigen Montag, im Kintopp auf dem Ku’damm lief Goldrausch mit Charlie Chaplin, bei Kroll gab es einen Ball – Einlass ab 19 Uhr, Abendgarderobe Pflicht –, in der Akademie zu Charlottenburg einen Tanztee, und in der »Weißen Maus« konnte man Anita Berber bestaunen. Die besondere Empfehlung der Redaktion galt allerdings dem »Café unter den Linden« mit seiner neuen Jazzsensation, dem Mann mit der Schlafzimmerstimme: Johnny Gable.
Von diesem Johnny Gable gab es sogar eine Fotografie, die jedoch so verschwommen war, dass Fritzi kaum etwas erkennen konnte. Nur große Augen, Nachttieraugen, und streng aus einer eckigen Stirn gekämmtes Pomadenhaar, das im Blitzlicht grell aufspiegelte.
Sobald sie eine echte Berlinerin war, mit makellosen Seidenstrumpfbeinen und dauergewelltem Bubikopf, würde sie abends auch ins »Café unter den Linden« gehen, der Schlafzimmerstimme lauschen und tanzen! Fritzi musste unwillkürlich lächeln. Das alles lag vor ihr, sie glaubte an ihr Glück. Pech hatte sie schließlich genug gehabt. Nach dem frühen Tod der Mutter, der Kriegsinvalidität, dem qualvollen Dahinsiechen des Vaters und der geplatzten Verlobung mit Gustav, da hatte doch auch sie mal was beim Schicksal gut! Und dann noch die Geschichte mit dem Theaterstück, das Schicksal hatte wirklich bei ihr Schulden. Aber bevor Fritzi noch hätte anfangen können, Trübsal zu blasen, fuhr schon die Elektrische Richtung Kottbusser Tor, Hermannplatz ein. Wenn das kein gutes Zeichen war!
*
Eine Stunde später stand sie auf einer gepflegten Kopfsteinpflasterstraße zwischen riesigen Grundstücken, die von hohen Mauern und akkurat geschnittenen Hecken umgeben waren. Derart viele Automobile wie hier hatte sie noch nie gesehen. In stinkender, knatternder Arroganz brausten sie an einem vorbei, hinter dem Lenkrad Männer mit Chauffeursmütze. Der gnädige Herr saß hinten und entspannte sich schon einmal. Aber auch fahrende Frauen rasten achtlos an ihr vorbei, scherten sich einen Dreck um Fußgänger. Die mussten doppelt aufpassen und sich auch schon mal durch einen kühnen Sprung zur Seite retten. Da hupten die Fräulein in ihren bunten Gefährten höhnisch und traten danach erst recht fest aufs Gas. Nur wenn die Spaziergänger andere Damen im Pelz waren, eingehängt in den Armen graumelierter Herren, würdevoll dahinschreitende Damen, nur dann konnten die motorisierten Fräulein bremsen, blieben plötzlich mitten auf der Straße stehen, plauderten ein wenig, ungestört durch das Hupen oder Fluchen der hinter ihnen fahrenden Autos.
Fritzi schaute sich um. Jedes der Grundstücke hatte eine kiesbedeckte Auffahrt, die durch ein Gartentor von der Straße abgegrenzt war. Die Tore wurden von sprungbereiten Steinlöwen bewacht, waren von bronzenen Familienwappen oder mit den in Eisen gegossenen Initialen der Besitzer geschmückt. Nur ein rostiges war bisher nicht dabei gewesen.
Es dämmerte schon. Immer weniger Spaziergänger waren auf den Straßen. Koffer und die Orga Privat in der Tasche über ihrer Schulter wurden Fritzi schwer. Was, wenn der Graf sie tatsächlich nicht in Stellung nahm? Wo sollte sie nur schlafen, ohne Geld? Da hätte sie besser mal vorher darüber nachgedacht, aber sie hatte einfach nur noch weggewollt!
Weg vom langweiligen alten Finkenbeiner und seinen muffigen Paragraphen, die sie für ihn hatte abtippen müssen, weg von der übellaunigen Tante Hulda mit ihrer genüsslichen Trauer um den Papa, weg von der lahmen Pferdetram, weg von den spöttischen Blicken der Leute, die es ja alle eh schon immer gewusst hatten, was für einen Reinfall Fritzi mit ihrem Theaterstück erleben würde.
Und vor allem weg von Gustav, dem Grauenhaften.
Aber weg war im Moment auch...




