E-Book, Deutsch, Band 182, 64 Seiten
Reihe: Lore-Roman
Wendt Lore-Roman 182
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7517-6737-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Mädchen kehrt heim
E-Book, Deutsch, Band 182, 64 Seiten
Reihe: Lore-Roman
ISBN: 978-3-7517-6737-8
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Fünf Jahre ist es her, dass Silvia von Schönberg zuletzt auf Gut Schönberg war. Fünf Jahre, in denen sich die starke junge Frau ein eigenes Leben aufgebaut hat und mittlerweile ein Luxushotel in der Schweiz ihr Eigen nennt. Doch jetzt ist ihr letzter Verwandter, ihr lieber Onkel Eduard von Schönberg, verstorben und Silvia die Erbin eines mittlerweile heruntergekommenen Gutes. Heruntergekommen, weil ihr einsamer Onkel Menschen vertraut hat, die ihn am Ende betrogen und ausgenutzt haben, sodass Gut Schönberg jetzt nichts mehr wert ist. Für Silvia ist klar: Anwälte sollen die Außenstände eintreiben, ein Makler das Gut verkaufen, denn ihre Zukunft liegt in der Schweiz. Dass alles immer zwei Seiten hat, macht ihr ein treuer Freund aus Jugendtagen klar: Nachbar Thomas Neufelder hat einen ganz anderen Vorschlag für das Gut und bietet Silvia seine Hilfe an. Doch auch er handelt nicht ohne Hintergedanken, und es kommen schwere Entscheidungen auf die junge Frau zu ...
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Ein Mädchen kehrt heim
Die junge Herrin von Schönberg und ihre große Liebe
Von Cora von Wendt
Fünf Jahre ist es her, dass Silvia von Schönberg zuletzt auf Gut Schönberg war. Fünf Jahre, in denen sich die starke junge Frau ein eigenes Leben aufgebaut hat und mittlerweile ein Luxushotel in der Schweiz ihr Eigen nennt. Doch jetzt ist ihr letzter Verwandter, ihr lieber Onkel Eduard von Schönberg, verstorben und Silvia die Erbin eines mittlerweile heruntergekommenen Gutes. Heruntergekommen, weil ihr einsamer Onkel Menschen vertraut hat, die ihn am Ende betrogen und ausgenutzt haben, sodass Gut Schönberg jetzt nichts mehr wert ist. Für Silvia ist klar: Anwälte sollen die Außenstände eintreiben, ein Makler das Gut verkaufen, denn ihre Zukunft liegt in der Schweiz. Dass alles immer zwei Seiten hat, macht ihr ein treuer Freund aus Jugendtagen klar: Nachbar Thomas Neufelder hat einen ganz anderen Vorschlag für das Gut und bietet Silvia seine Hilfe an. Doch auch er handelt nicht ohne Hintergedanken, und es kommen schwere Entscheidungen auf die junge Frau zu ...
»Such die Chefin, Willi!«, trug die Geschäftsführerin des Berghotels dem Pagen auf. »Fräulein von Schönberg wird dringend am Telefon verlangt!«
»Sofort, Frau Kegele!«
Willi eilte über die langen Korridore, schaute in den Speisesaal und in die Küche, aber niemand hatte die Besitzerin des Hotels gesehen.
Dann rief ihm ein Dienstmädchen zu: »Geh doch auf die Sonnenterrasse. Ein paar Leute sitzen schon draußen.«
Silvia von Schönberg unterhielt sich dort mit einem Großkaufmann aus Zürich.
Als sie den Pagen sah, entschuldigte sie sich: »Man sucht nach mir. Die Pflichten!«
Willi richtete ihr aus: »Frau Chefin, Sie werden am Telefon verlangt. Sehr dringend.«
Silvia meldete sich vom Empfang aus und ließ sich das Gespräch dorthin legen.
Es war die Marianne vom Postamt im Dorf, die anfragte: »Ein Telegramm ist für Sie eingetroffen. Soll ich es gleich durchsagen? Geht schneller, und der weite Weg hinauf zum Hotel ...«
»Selbstverständlich, Marianne. Sagen Sie mir den Text durch, ich schreibe mit.«
Eine kleine Stille entstand, ehe das Postfräulein vorsichtig fragte: »Soll ich's wirklich vorlesen? Ich fürchte, es ist eine schlechte Nachricht.«
Silvia von Schönberg ahnte nicht, worum es sich handeln könnte.
Darum wiederholte sie: »Lesen Sie mir das Telegramm ruhig vor.«
Die Stimme im Telefon sagte: »Eduard von Schönberg gestern gestorben. Begräbnis übermorgen. Anninger Hannes, Bürgermeister. Mein herzliches Beileid. Also, das herzliche Beileid stammt von mir.«
»Danke«, antwortete Silvia von Schönberg automatisch und legte den Hörer auf. Erst eine Viertelstunde später kam sie zu ihrer Geschäftsführerin ins Büro und erklärte: »Mein Onkel in Deutschland ist gestorben. Ich muss selbstverständlich ... eigentlich sollte ich doch ... Entschuldigen Sie, aber ich bin ganz verstört.«
Frau Kegele sprach ihr das Beileid aus und versicherte: »Ich werde selbstverständlich alles tun, um Ihnen zu helfen.«
»Danke, Frau Kegele. Ab morgen haben wir das Hotel voll besetzt, und da wäre noch so viel zu organisieren!« Silvia ließ sich in einen Sessel sinken und schlug die Hände vors Gesicht. »Onkel Eduard«, flüsterte sie. »Er hat mich sehr lieb gehabt. Selbst hat er nie geheiratet und ist kinderlos geblieben. Ich habe fast jeden Sommer auf seinem Gut verbracht. Nach dem Tod meiner Eltern war ich dort daheim. Er hat mich so gebeten, bei ihm zu bleiben, aber ich wollte mir selbst mein Leben aufbauen. Darum bin ich in die Schweiz gegangen.«
»Heute ist Ihr ›Berghotel‹ international ein Begriff!«, versuchte Frau Kegele, ihr etwas Tröstliches zu sagen.
Silvia nickte, ließ die Hände sinken und schaute um sich. Ringsum die herrliche Bergwelt, blauer Himmel, goldene Sonne. Ein Frühling zum Glücklichsein.
Leise gestand sie: »Arbeit, Erfolg und noch mehr Arbeit für noch mehr Erfolg. Dabei vergisst man nur zu leicht, was man einem alten Mann versprochen hat. Ich wollte zu ihm aufs Gut kommen, mit ihm von den vergangenen, wunderschönen Zeiten träumen. Die Arbeit hat mich nie freigegeben! Glauben Sie mir, Frau Kegele, ich würde viel darum geben ...«
Sie erteilte ihrer Geschäftsführerin genaue Anweisungen für die Arbeit in der nächsten Woche. Wenn sie ihren Gästen begegnete, lächelte sie wie immer. Sie fühlte sich nicht nur als Besitzerin eines erstklassigen Hotels, sondern als Gastgeberin. Mit Charme und Klugheit gab sie jedem Gast das Gefühl, der am höchsten geschätzte zu sein.
Erst als sie sich in ihr kleines Appartement zurückziehen konnte, fiel die Spannung von Silvia ab. Sie kauerte sich auf ihr Bett, zog die Beine an und stützte den Kopf auf die Knie. So hatte sie auch schon als Kind immer gesessen und gegrübelt, wenn sie sich über etwas sehr kränkte.
Manchmal klingelte das Zimmertelefon. Silvia hatte gebeten, sie nur in dringenden Fällen zu stören, aber da waren Entscheidungen zu fällen, die kein anderer treffen wollte.
Zuletzt bat sie: »Frau Kegele, Sie müssen die ganze nächste Woche ohne mich zurechtkommen! Lassen Sie mir ein bisschen Ruhe, denn ich muss wieder zu mir finden.«
Silvia ließ sich auf das Kissen zurücksinken. Tränen perlten über ihre Wangen. Das Weinen half ihr.
»Verzeih mir, Onkel Eduard!«, flüsterte sie. »Ich habe gemeint, wir hätten noch genug Zeit. Dass ich mein Wort nicht gehalten habe, tut mir so leid!«
Sie stand auf und kramte in einer Schublade des Schranks, bis sie ein altes, vergilbtes Foto fand. Es zeigte ihre Eltern, Onkel Eduard und ein kleines Mädchen ...
***
Silvia von Schönberg gab dem Bitten ihrer Geschäftsführerin nach und verschob ihren Flug um einen Tag. Immerhin erwartete man im Hotel das Eintreffen eines Millionärs und eines Mitglieds aus einer königlichen Familie, und Frau Kegele war aufgeregt wie nie.
Immer wieder beteuerte sie: »Ich habe alles genau überrechnet, Sie kommen noch zwei Stunden vor dem Begräbnis nach Neubrücken.«
Am nächsten Morgen fuhren sie beim ersten Sonnenstrahl den Berg hinunter.
Während der Chauffeur den schweren Wagen durch die spitzen Kehren der Straße zog, sagte Silvia sich immer wieder: »Ich bin jetzt in der Schweiz daheim! Hierher gehöre ich und nicht mehr auf Gut Schönberg! Hier habe ich mir eine Existenz aufgebaut!«
Aber ihre Gewissensbisse dem Toten gegenüber wurden dadurch nicht weniger.
»Auf die Minute genau, wie Frau Kegele das vorausberechnet hat!«, bemerkte der Fahrer stolz.
Sie fuhren auf den Flughafen zu. Ein Begräbnistag! Im Tal lag Nebel, Windböen kamen auf, die das Grau nur durcheinanderwirbelten und doch nicht zerteilen konnten.
»Es wird kein besonders angenehmer Flug werden, fürchte ich, aber ich wünsche Ihnen trotzdem einen schönen Aufenthalt in Deutschland!«, setzte der Fahrer hinzu und erschrak gleich, weil seine Chefin immerhin Trauerkleidung trug. »Haben Sie für mich noch Aufträge?«
»Danke, nein, ich melde mich telefonisch. Wahrscheinlich übermorgen. Vor dem Wochenende bin ich zurück.«
Schwere Unwetterfronten verursachten der Linienmaschine Verspätung. Silvia von Schönberg ging im Warteraum nervös auf und ab. Von Zeit zu Zeit vertröstete eine Stimme aus dem Lautsprecher die Reisenden, bis endlich weit draußen ein blinkender stählerner Riesenvogel einschwebte, der mit schrillen Turbinen zum Flughafengebäude rollte. Die Gäste stiegen rasch zu, als könnten sie damit ihre Verspätung wettmachen. Dann dauerte es wieder eine ganze Weile, bis der Flug freigegeben wurde. Silvia schloss die Augen und überrechnete immer wieder die Zeit, die ihr noch bis zum Begräbnis bliebe.
Die Landung in München erfolgte ohne Zwischenfälle. Als Silvia mit ihrem kleinen Koffer energisch an den Reihen der Wartenden vorbeidrängte, wurde der Zollbeamte auf sie aufmerksam. Erst als sie mit Tränen in den Augen flehte, sie müsse noch pünktlich zu einem Begräbnis kommen, ließen die anderen Fluggäste sie vorgehen. Eine weitere Viertelstunde war verloren. Silvia warf sich ins Taxi und versprach dem Fahrer eine Zusatzzahlung, wenn er noch rechtzeitig auf den Friedhof von Neubrücken komme.
»Bei dem Nebel kann das rasch geschehen«, scherzte er. Erst das schwarze Kleid seines Fahrgastes machte ihm das Unpassende seiner Fröhlichkeit bewusst. »Entschuldigung«, murmelte er betreten.
Das war die Stunde, in der die Einsegnung in der Friedhofskirche stattfand. Silvia von Schönberg hatte sich auf den Beifahrersitz gesetzt. Von hier aus konnte sie die Landschaft leichter überblicken. Nach fünf Jahren erkannte sie vieles wieder. Aber sie hätte sich das Heimkommen anders gewünscht. Die Nebel hoben sich, an manchen Stellen brach der blaue Himmel durch.
Auf den letzten fünf Kilometern konnte Silvia dem Chauffeur...




