E-Book, Deutsch, Band 441, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
Wendhofer Alpengold 441
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7517-7090-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Mit Tränen zum Altar
E-Book, Deutsch, Band 441, 64 Seiten
Reihe: Alpengold
ISBN: 978-3-7517-7090-3
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Nachricht, dass Evi Burger den wohlhabenden Witwer Karl Hornberger heiratet, sorgt für eine Sensation in Bruck. Am Tag der Trauung versammelt sich das ganze Dorf, um die größte Hochzeit, die je hier stattgefunden hat, hautnah mitzuerleben.
Als Evi schließlich die Kirche betritt, erscheint sie in ihrer Schönheit wie eine Prinzessin. Doch kaum hat sie den ersten Schritt gemacht, geht ein leises Raunen durch die Menge. Denn unter dem funkelnden Schleier schimmern Tränen in ihren Augen ...
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Mit Tränen zum Altar
Alle fragen sich: Warum weint die schöne Braut?
Von Toni Wendhofer
Die Hochzeit des Jahres steht bevor: Evi Gruber, das schönste Mädchen des Dorfes, wird den doppelt so alten, wohlhabenden Witwer Charly Hornberger heiraten. Ganz Bruck ist in Aufruhr, denn so eine prunkvolle Feier hat man hier noch nie erlebt. Doch hinter dem strahlenden Fest und dem prächtigen Brautkleid verbirgt sich eine tragische Geschichte.
Evis Herz ist schwer, voller Schmerz und Geheimnisse, die niemand erahnt. Die Hochzeit mit dem Hornberger wurde ihr aufgezwungen, während ihre wahre Liebe, Simon Reiser, hinter Gittern sitzt. Nun steht sie am Altar, gefangen zwischen Pflicht und Verzweiflung, zwischen den Erwartungen des Vaters und ihrem gebrochenen Herzen.
Während die Musik spielt und die Gäste lachen, schweifen Evis Gedanken weit weg – zu dem Mann, den sie verraten musste ...
Kein Lufhauch rührt sich. Der Himmel über dem Grieserjoch ist dunkel vom heraufziehenden Nachtgewölk. Da zerreißt ein Ruf die friedliche Stille des Berglandes.
»Halt! Bleib stehen, du Lump! Wirf die Flinte weg!«
Der Wilderer reißt den Kopf herum, sieht weiter oben – schon gefährlich nahe – den Förster mit dem Gewehr im Anschlag stehen.
Nur eine Sekunde dauert sein Erschrecken, dann wirft Simon Reiser den Stutzen weg und hebt die Hände.
»Rühr dich nur ja net von der Stelle!« Forstmeister Scheiber geht auf die reglose Gestalt zu. Der Gewehrlauf funkelt drohend im fahlen Dämmerschein.
Aber da schnellt Simon Reiser plötzlich herum und flüchtet mit langen Sätzen in den dunklen Latschenwald.
»Halt, Bürscherl«, ertönt da eine zweite Stimme, und der Jäger Felix Popp taucht urplötzlich zwischen den struppigen Bergkiefern auf, versperrt dem Fliehenden den Weg. Der Wilderer schaut sich gehetzt um, will zur Seite ausbrechen, aber da kracht schon ein Schuss ...
Simon Reiser hebt die Arme. Aus, denkt er. Aus und vorbei. Jetzt haben sie mich.
Er schaut dem Forstmeister aus Lechmoos entgegen, hört auch den zweiten Beamten durch die Latschenbüsche brechen.
»Haben wir dich endlich, du Kerl«, ruft Scheiber und geht auf Simon zu. Felix Popp, der Jäger, nähert sich von der anderen Seite. »So, und jetzt wollen wir mal schau'n, wen wir da erwischt haben.«
Forstmeister Scheiber reißt ihm den großen Schlapphut herunter.
»Da legst dich nieder! Du bist's, Simon!«
»Schau einer an, der Simon Reiser!« Felix Popp starrt dem Gefangenen wütend ins Gesicht. »Von dir hätten wir's am allerwenigsten erwartet!«
»Kann ich die Hände wieder runternehmen, meine Herren?«, fragt Simon resigniert.
»Wart ein wengerl, Freunderl«, knurrt der Forstmeister und lässt den Rucksack vom Buckel rutschen, schnürt auf und holt einen Strick heraus. »Sonst kommst du am Ende auf den Gedanken, uns davonzulaufen.«
»Hätt' wenig Sinn – wo ihr mich doch schon erkannt habt«, murmelt Simon.
Unten in Bruck ist er daheim. Er ist seit zwei Jahren Knecht beim Hajo Gruber und hat mit der einzigen Tochter des Grubers ein heimliches Verhältnis. Und jetzt ist alles aus! Jetzt haben ihn die Jäger.
»Wir lauern schon lange auf dich, Simon«, knurrt der Forstmeister, als er dem Simon die Hände auf dem Rücken zusammenbindet. »Jedem anderen hätt' ich diese Lumperei zugetraut, bloß dir net!«
»Hast auch in meinem Revier gewildert, was?«, schnauzt Popp den Gefangenen an.
Dem Simon ist jetzt alles egal; er nickt ergeben.
»Da kommt eine ganz schöne Latte zusammen, Simon«, konstatiert Forstmeister Scheiber. Ihm wär's lieber gewesen, einen anderen erwischt zu haben. »Seit wann wilderst du in meinem Revier?«
Simon hält es für klüger, jetzt nichts mehr zuzugeben. Man wird ihn schon noch ins Kreuzverhör nehmen, aber die Dinge sind nicht mehr zu ändern.
Das Schicksal nimmt seinen Lauf, und Simon Reiser ahnt, dass er an diesem späten Abend mehr verloren hat als seine Freiheit und seinen guten Ruf.
***
Der Gruber-Hof liegt unweit der Kirche in einem Wiesengrundstück zwischen vielen Obstbäumen. Die Lichter sind schon längst erloschen, als eine Gestalt den Weg entlang auf den Hof zueilt, erst an der Haustür, dann an einem der dunklen Fenster pocht.
Es dauert eine Weile, bis oben, hinter dem mit Blumenkästen geschmückten Balkon, ein Licht angeht.
Eine Mädchenstimme ertönt: »Hallo, wer ist da?«
»Ich bin's ... der Bartl! Evi, du sollst sofort ins Forsthaus kommen!«
Das Mädchen beugt sich noch weiter über die Balkonbrüstung.
»Was soll ich denn da? Was ist denn passiert, Bartl?«
»Wirst es schon erfahren«, erwiderte der Forstschreiber. »Beeil dich nur! Du wirst erwartet!«
Und schon macht der Besucher kehrt und verschwindet in der Nacht.
Evi steht wie erstarrt auf dem Balkon. Das Vollmondlicht, das über dem Dorf ausgestreut ist, beleuchtet ihr ovales hübsches Gesicht und ihr lang aufgelöstes Haar.
Zwanzig Jahre ist die Evi, die einzige Tochter des Hajo Gruber. Der Schreck ist ihr so in die Glieder gefahren, dass sie zittert und zunächst gar nicht begreift, warum sie ins Forstamt geholt wird. Aber dann denkt sie plötzlich an den Simon. Sie weiß genau, wohin er ging. Kein Bitten und kein Betteln kann ihn davon abhalten, wenn's ihn packt! Und jetzt haben sie ihn erwischt!
Anders ist dies alles doch nicht zu erklären. Das Unglück ist geschehen!
Evi kommen die Tränen. Und da klopft es auch schon an ihre Tür, und die Stimme des Vaters ertönt.
»Was ist denn los, Evi? Wer war denn da? Mach auf!«
Sie geht hin und öffnet.
»Vater«, sagt sie mit bebender Stimme, »der Bartl war da. Ich soll ins Forsthaus kommen! Vater, sie haben sicherlich den Simon erwischt!«
»Herrschaftszeiten«, murmelte der Gruber erschrocken. »Haben sie ihn doch! Hoffentlich verrät er nix!«
Natürlich weiß auch der Hajo Gruber, was der Simon treibt, wenn er abends vom Hof geht und die ganze Nacht wegbleibt. Schon mancher Bock ist auf dem Gruber-Hof verspeist worden, obschon der Hajo Gruber es nicht nötig hätte, heimlich erlegtes Wildbret in den Keller zu hängen.
Die Evi zieht sich mit fliegenden Händen an.
»Vater, wir dürfen den Simon jetzt net im Stich lassen«, sagt sie verzweifelt. »Ich hab ihn gern! Ja ... ich hab ihn gern, dass du's nur weißt!«
Der Mann wischt sich verstört über das Gesicht. Auch das noch! Irgendwie hat er's geahnt. Und jetzt kommt's heraus!
»Evi«, murmelt er, »sie werden den Simon einsperren! Ich hab's ja allweil so kommen sehen.«
Sie gibt keine Antwort, erst als sie zum Vater geht und schluchzend sagt:
»Ich wollt's dir schon lang sagen, dass ich den Simon gern hab. Jetzt weißt du's! Ich lasse ihn net im Stich, Vater!«
Evi läuft aus dem Zimmer, jagt die Treppe hinunter und eilt zum Dorf hinüber.
***
Vom Kirchturm schlägt es elf Uhr. Das Dorf schläft schon!
Das Forstamt liegt hell erleuchtet auf der anderen Dorfseite drüben. Als Evi darauf zuläuft, denkt sie wehmütig an die Zeit mit Simon zurück. Vor etwa zwei Jahren kam er auf den Hof des Vaters.
Es dauerte dann auch nicht lange, und Evi verliebte sich in Simon – eine Liebe, die bis heute im Geheimen blühte, weil Simon der Meinung war, er müsse erst noch mehr sparen, um vor Hajo Gruber als Schwiegersohn auftreten zu können.
Und jetzt scheint alles zu Ende zu sein!
Evi kämpft die Tränen nieder, als sie sich dem Forstamt nähert. Sie zieht jetzt den Strang der Hausglocke. Das Läuten im Hausflur geht ihr durch Mark und Bein, und dann tut sich auch schon die Tür auf, und der Forstamtschreiber, der Bartl, steht da.
Simon sitzt drinnen im Schreibzimmer auf einem Stuhl. Jetzt, bei Licht, sieht man, dass er ein scharf geschnittenes, ruhiges Gesicht hat, das von der Sonne gebräunt ist und aus dem zwei hellgraue Augen verstört auf das Mädchen schauen.
Der Forstmeister lehnt am Fenster, nickt nur kurz und murmelt:
»Der Simon wollt' dich noch einmal sprechen, bevor er abgeholt wird, Evi. Zehn Minuten lass ich euch. Ich muss aber dabei sein.« Er geht hinter den Schreibtisch und setzt sich. Bartl bleibt an der Tür stehen und tut sehr dienstlich. Ansonsten ist er aber ein netter Kerl.
Evi geht zum Simon, der sich vom Stuhl erhoben hat.
»Simerl ...«, flüstert sie mit schwankender Stimme und schluchzt. »O mein Gott ...«
»Wein net«, erwidert er sanft und streichelt ihr über das schimmernde Haar. Sie hat es straff nach hinten gekämmt und zu einem flüchtigen Knoten verschlungen. Sie ist ein sehr hübsches Mädchen.
»Simerl«, weint sie, »was wird denn jetzt geschehen?«
»Einsperren werden sie mich«, sagt er. »Ich hab immer gewusst, was ich riskiere, Evi.« Er hebt die Stimme zu deutlicher Eindringlichkeit, als er fortfährt:...




