E-Book, Deutsch, 280 Seiten
Welte Die erste Blüte
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7245-2801-2
Verlag: Reinhardt, Friedrich
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Li Röstis zweiter Fall
E-Book, Deutsch, 280 Seiten
ISBN: 978-3-7245-2801-2
Verlag: Reinhardt, Friedrich
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Beat Welte ist Germanist mit einem Flair fu?r IT und tauschte seinen Chefredaktorposten gegen Fu?hrungspositionen bei global tätigen IT-Unternehmen. Nach mehreren Sachbu?chern lässt er nun Mordgeschichten aus der Feder fliessen. Er lebt in Baden.
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7 Morde im Dunstkreis eines Kunsthändler
«Die sind alle ein bisschen nervös in Bern. Hast du es?» Mein Vater sah mich eindringlich an.
«Kein Problem, alles paletti», antwortete ich salopp und überreichte ihm das Dokument, auf dem in fetten Buchstaben das Wort «GEHEIM» stand.
«Hast du es gelesen?», fragte er mich.
«Nein, wozu – ich bin Pazifist!», erwiderte ich keck, was mir einen missbilligenden Blick einbrachte. Unser Gespräch war ihm sichtlich unangenehm.
«Hat sie es gelesen?», wollte er wissen.
«Sie kann nicht lesen. Ihre Fähigkeiten liegen eher auf dem Gebiet rhythmischer Bewegungen.» Das Knurren meines Vaters sagte mir, dass er nicht zum Scherzen aufgelegt war.
«Sie hat mir versichert, sie habe es nicht gelesen. Sie hat auch keine Kopie davon angefertigt oder Seiten fotografiert. Keine Sorge», versicherte ich ihm. «Ich habe ihr klargemacht, dass sie den Vorhang des Schweigens über die Ereignisse legen muss, um nicht plötzlich arbeitslos zu werden oder gar noch schlimmer: einen plötzlichen Unfall …»
«Genug, das will ich nicht hören», stoppte er die Ausführungen. Als Jurist war ihm nur allzu klar, dass es manchmal besser ist, gewisse Dinge nicht zu wissen. Nötigung kann in der Schweiz mit bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe geahndet werden. Als Chef einer auf Diskretion bedachten Organisation wollte er Resultate – aber nicht unbedingt Kenntnis der Methoden, die zu den gewünschten Ergebnissen führten.
«Und das Geld?»
«Das behält sie!»
«Was?», entfuhr es ihm. «Fünfzehntausend Franken?! Das ist unverschämt.»
«Na ja, wir wissen ja nicht, welche Dienstleistungen sie genau dafür erbracht hat. Je nachdem ist es viel oder auch angemessen», meinte ich scheinheilig. «Wenn du willst, kann ich bei ihr nachforschen, was genau …»
«Nein. Schon gut!» Er lehnte sich zurück und bedeutete mir damit, das Treffen sei zu Ende. Das Gespräch war ihm peinlich. Wir bewegten uns auf einem schlüpfrigen Gebiet. Und auch in einer rechtlichen Grauzone. Aber nur bei sehr wohlwollender Betrachtung. Bei näherer Betrachtung galt es alle möglichen Gesetze des Schweizer Strafgesetzbuches im Auge zu behalten, die den Verrat von nationalen Geheimnissen ahnden. Ich trank meinen Macallan-Whisky aus, erhob mich aus dem bequemen Chesterfield-Ledersessel und steuerte wortlos die schwere Türe der gediegenen Bibliothek in unserer Villa am Zürichberg an, um mich in mein unprätentiöses Gärtnerhäuschen im weitläufigen Anwesen zu verziehen.
«Du vergisst die Affäre sofort!», rief er mir nach.
«Welche Affäre?»
Wahrscheinlich werden Sie sich nun fragen, um welche kriminellen Ereignisse es hier geht und wie Ihr Held, nämlich ich, der beste, klügste und – vielleicht die wichtigste Eigenschaft – verschwiegenste Ermittler auf diesem Planeten wieder einmal die Welt, oder zumindest die Schweiz, gerettet hat. Easy, kann ich Ihnen sagen, es war in diesem Fall nicht mehr als eine einfache Fingerübung für mich. Und das ging so: Die Präsidentin der Sicherheitspolitischen Kommission des Schweizer Parlamentes weilte vor zwei Tagen auf einer Reise in Taiwan. Diese Abwesenheit nutzte ihr Mann, selbst ein prominenter Autor und Professor an der Universität St. Gallen, um sein asketisch-akademisches Leben durch fleischliche Freuden mit einer Escortdame aufzulockern. Das war nichts Aussergewöhnliches, und böse Zungen behaupteten sogar, er tue dies mit der expliziten oder zumindest impliziten Duldung seiner politisch ambitionierten Gattin. Weil diese in sicherer Distanz im fernen Taiwan weilte, kam der gute Professor auf die unselige Idee, sich von der eskortierenden Dame in das Pied-à-terre seiner Ehefrau in Bern begleiten zu lassen. Was dort genau vorgefallen ist, wissen wir zwar nicht. Aber was wir wissen: Am nächsten Morgen stellte der gute Professor mit brummendem Schädel fest, dass das Pult seiner Gattin deutlich leerer war als zu Beginn der fleischlichen Ausschweifungen am Vorabend. Ein Kontrollanruf bei der Taiwan-Reisenden ergab: Es fehlten tatsächlich ein Umschlag mit fünfzehntausend Franken und ein als «GEHEIM» eingestufter Bericht des Generalstabs der Schweizer Armee. Zwar war der gute Professor klug genug, das Fehlen besagter Dinge auf einen Einbruch zu schieben und die Damenbegleitung tunlichst zu verschweigen. Nur war seine Frau leider auch Mitglied der Geschäftsprüfungskommission des Parlamentes. Als solche war sie dermassen geübt darin, plumpe Lügner zu entlarven, dass sie den wahren Sachverhalt nach einer hochnotpeinlichen Befragung des Ungetreuen innerhalb von wenigen Minuten herausfand.
Die Politikerin geriet in Panik. Nun wissen wir nicht, was der Auslöser dieser Panik war: die Tatsache, dass die Vorsitzende der Sicherheitspolitischen Kommission einen Umschlag mit einer derart hohen Geldsumme einfach so auf ihrem Pult liegen hatte – justament zu einem Zeitpunkt, zu dem die Schweiz beschloss, das Verteidigungsbudget massiv aufzustocken. Oder ob es das Abhandenkommen des als «GEHEIM» eingestuften Dokumentes war, das die grosse Vorsitzende in ihrer Hast nicht, wie es eigentlich vorgeschrieben war, weggeschlossen hatte.
Wie gesagt: Wir wissen es nicht. Aber was wir wissen: Die Schweizer Armee und alles, was daran hängt, hatte nach dem Ukraine-Krieg viel an Prestige und Aufmerksamkeit gewonnen. Jahrzehntelang war die Milizarmee Vorlage für schlechte Witze gewesen: Sie sind grün angezogen, irren im Wald herum und wissen nicht, was sie tun – das ist noch einer der harmloseren Witze über die Armeeangehörigen. Einige politisch Verwirrte – für die ich durchaus Verständnis habe – wollten diese Witzarmee sogar schon ganz abschaffen.
Der russische Angriffskrieg hatte das alles verändert, was die Präsidentin der Sicherheitspolitischen Kommission eigentlich freuen sollte. Aber sie wusste nur zu genau, dass das geweckte öffentliche Interesse einherging mit einem deutlich erhöhten politischen Preis bei Unglücksfällen und Verbrechen, wie etwa dem vorliegenden. Und deshalb beschloss sie, nicht zu tun, was sie eigentlich hätte tun müssen: nämlich das Bundesamt der Polizei, den Nachrichtendienst des Bundes sowie den Militärischen Nachrichtendienst über den Vorfall zu informieren. Oder zumindest einen der drei Dienste. Die Politikerin entschied anders: Sie wählte die Nummer ihres Parteikollegen und Obersts a. D., meines Erzeugers.
Den brachte sie mit dem Anruf mächtig in die Bredouille, was seine humorlose und verknorzte Art in unserem Gespräch erklären mag. Denn einerseits wusste er als Jurist nur zu genau, dass er sich strafbar machte beim Versuch, das Ganze unter den Teppich zu kehren. Aber andererseits: Wer könnte einer so mächtigen Frau einen Gefallen abschlagen? Zumal mein Vater in einer Branche arbeitet, die nicht selten auf Gefallen aus Bern angewiesen ist. Dr. Adrian Rösti ist nämlich der Gründer und Chief Executive Officer der Swiss Rennweg Capital Preservation Alliance. Zu Deutsch: die «Rennwegkapitalerhaltungsallianz». Hinter dem dämlichen Namen verbirgt sich unser Multi-Client Family Office. Angesiedelt an bester Lage am Zürcher Rennweg, schützen unsere mittlerweile siebzehn Schlaumeier einige ausgesuchte Reiche dieser Welt vor finanziellem Ruin und dem Zugriff von Steuervögten. Durch kluge Finanzanlagen und steueroptimierende Trusts und ähnliche finanzielle Konstrukte erhalten sie das Kapital nicht nur, sie mehren das Vermögen der Klientel sogar, womit sich unser Unternehmen mittlerweile einen Namen gemacht hat. Ganz nebenbei hat sich die «Rennwegkapitalerhaltungsallianz» indes auch einen anderen Ruf erworben: nämlich hinsichtlich der Fähigkeit, unappetitliche Geschichten ihrer illustren Klientel diskret zum Verschwinden zu bringen. Dieser Ruf ist bis zur einflussreichen Politikerin nach Bern gelangt.
Und damit kommen wir zum vielleicht wichtigsten, mit Sicherheit aber völlig unterschätzten Mitarbeiter des Family Office: nämlich zu mir, Li Rösti, Sohn des Oberkommandierenden. Trotz meiner familiären Nähe zum Machtzentrum des Unternehmens bin ich eindeutig ganz unten in der Hackordnung anzusiedeln, was sich an zwei Äusserlichkeiten ablesen lässt: Mein Büro ist eine Besenkammer, und mein Parkplatz liegt am weitesten weg vom Aufzug. Ohne Namensschild.
Wahrscheinlich werden Sie sich nun fragen, wieso ein so brillanter, geistreicher Mann wie ich sich das gefallen lässt, zumal mir mit noch nicht ganz dreissig Jahren die Welt offensteht. Die Antwort ist: Ich weiss es auch nicht. Eine frühere Freundin, die Psychologie studierte, führte meine Leidensbereitschaft in der Allianz auf einen Minderwertigkeitskomplex als Folge meiner kulturellen Entwurzelung zurück. Denn ich hatte die ersten zehn Jahre bei meinen Eltern in der Schweiz, die nächsten sechs bei meiner aus China stammenden, mittlerweile geschiedenen Mutter in Hongkong verbracht. Da die Hongkonger Immobilienmogulin sich lieber auf ihre Geschäfte als auf den pubertierenden Sohn konzentrieren wollte, wurde ich mit sechzehn nach einem bestimmten Vorfall in die Schweiz zurückgeschoben, damit mir mein militärisch geschulter Vater Zucht und Ordnung beibringen konnte. Das war zunächst gut und dann gar nicht gut gelungen. Zu seiner grossen Enttäuschung hatte meine akademische Laufbahn früh und abrupt geendet.
Falls Sie es wissen wollen: Die Beziehung zu besagter Freundin währte nicht lange, aber mein Enthusiasmus für Psychologie-Studentinnen blieb, und auch junge Damen anderer Studienrichtungen habe ich durchaus nicht diskriminiert. Der Enthusiasmus für das schöne Geschlecht und die Notwendigkeit, mich tagsüber von nächtlichen Ausschweifungen zu erholen, wurden...




