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E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 400 Seiten

Reihe: Welsh, Irvine

Welsh Trainspotting

Roman
1. Auflage 2013
ISBN: 978-3-641-11816-7
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, Band 2, 400 Seiten

Reihe: Welsh, Irvine

ISBN: 978-3-641-11816-7
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die volle Ladung Leben - ein Klassiker der Underground-Literatur

Mietskasernen, Arbeitslosigkeit, miese Pubs, viel Alkohol und jede Menge Drogen: das ist der Alltag in Leith, einem heruntergekommenen Vorort von Edinburgh. Das ist auch der Alltag von Renton, Spud, Begbie, Sick Boy und Dianne, einer Clique von jugendlichen Außenseitern, in deren Leben sich fast alles um Drogen dreht. Wer kein Junkie ist, wird bald einer werden oder war einer oder wird bald wieder einer sein. Neben Stuff, Rausch, Entzug, Sex, Frust und Gewalt gibt es aber auch noch die Musik. Und wenn diese Anti-Helden schon alle den Blues haben, so doch zumindest mit 160 beats per minute.

Irvine Welsh, geboren 1957 in Leith bei Edinburgh, schreibt Romane und Kurzgeschichten und gilt als einer der wichtigsten Autoren der Underground-Literatur. Sein Debütroman Trainspotting und die gleichnamige Verfilmung mit Ewan McGregor machten ihn international bekannt. Viele weitere Romane folgten.
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Die Sgag-Boys, Jean-Claude Van Damme und Mutter Oberin

Sick Boy schwitzte wien Schwein; er zitterte. Ich saß bloß da, starrte in die Glotze und versuchte, das Arschloch zu ignorieren. Er machte mich echt fertig. Ich versuchte, mich auf das Jean-Claude Van Damme-Video zu konzentrieren.

Wie üblich in solchen Filmen, gabs erst die obligate dramatische Eröffne. In der nächsten Phase des Films erhöhten sie dann die Spannung dadurch, daß der miese Schurke auftaucht und die lasche Story zusammengeklatscht wird. Und jeden Augenblick war es soweit, daß Jean-Claude ernsthaft kloppte.

– Rents. Ich muß zur Mutter Oberin, keuchte Sick Boy und schüttelte den Kopf.

– O Mann, sag ich. Ich wollte, daß der Mistkerl einfach die Flatter machte, verduftete und mich mit Jean-Claude allein ließ. Andererseits gings bei mir wohl auch bald los, und wenn der Arsch sichn Schuß besorgte, würd er mich hängen lassen. Wir nennen ihn nich deswegen Sick Boy, weil er andauernd krank is vom Entzug, sondern weil er ein wirklich krankes Arschloch ist.

– Na komm schon, blaffte er verzweifelt.

– Augenblick noch. Ich will bloß sehen, wie Jean-Claude diesen arroganten Wichser verdrischt. Wenn wir jetzt gehn, krieg ich das nie zu sehen. Wenn wir zurückkommen, bin ich zu kaputt, und außerdem is das sowieso erst in paar Tagen. Was heißt, daß ich fürn Video, das ich nich mal gesehen hab, nachzahlen muß.

– Ich muß los, verdammt! brüllt er und steht auf. Er geht rüber zum Fenster, lehnt sich dagegen und keucht schwer; er sieht aus wien gehetztes Tier. In seinen Augen flackert die blanke Not.

Dann hab ich die Kiste mit der Fernbedienung ausgeschaltet. – Die reinste Verschwendung. Die reinste Verschwendung, sonst nix, schnauz ich den Arsch an, blöder Hund, macht mich echt rasend.

Er wirft den Kopf in den Nacken und glotzt an die Decke. – Ich geb dir das Geld, dann kannste ihn dir noch mal ausleihen. Und deswegen regst du dich so verdammt auf? Wegen lausigen fuffzig Pence fürn Videoladen!

Der Typ hats raus, daß man sich so richtig wien kleiner billiger Scheißer vorkommt.

– Darum gehts doch überhaupt nich, sag ich einfach so dahin.

– Genau. Der Punkt is, ich leide hier tierisch, und mein sogenannter Kumpel läßt sich mit Absicht Zeit und findet das auch noch komisch! Seine Augen sind groß wie Fußbälle und starren feindselig und flehend zugleich; beredte Zeugnisse meines angeblichen Verrats. Falls ich so lang leb und Vater werd, hoff ich bloß, daß mich mein Kind nie so anstarrt wie Sick Boy. Der Arsch ist darin unschlagbar.

– Stimmt doch überhaupt nich… protestiere ich.

– Dann zieh endlich deine beschissene Jacke an und mach hin!

Am Ende der Straße standen keine Taxis. Die versammeln sich da bloß, wenn man se nich braucht. Angeblich soll August sein, aber mir friern hier die Eier ab. Mir is noch nicht kotzübel, aber das is bestimmt schon unterwegs, soviel steht fest.

– Da soll dochn Stand sein. Da soll dochn beschissener Taxistand sein. Im Sommer is nie eins da. Sind alle oben und kutschieren fette, reiche Festivalärsche, die zu faul sind, die hundert Meter von einer versifften Kirche zur andern zu soner blöden Veranstaltung zu laufen. Taxifahrer. Geldgierige Geier… delirierte Sick Boy atemlos vor sich hin, die Augen quollen ihm raus, und die Nackensehnen spannten sich, als er den Hals den Leith Walk hochreckte.

Endlich kam eins. Da war noch ne Gruppe junger Typen in Anzug und Bomberjacke, die schon länger warteten als wir. Ich bezweifle, daß Sick Boy sie überhaupt gesehen hat. Er stürmte mitten auf die Straße und brüllte: – TAXI!

– He! Was soll die Scheiße? fragt einer der Typen in einem schwarz, rot und wasserblauen Anzug mit Brikettfrisur.

– Klappe. Wir warn zuerst da, sagt Sick Boy und macht die Wagentür auf. – Da hinten kommt noch eins. Er gestikulierte die Straße hinauf, wo noch ein Taxi kam.

– Habter noch mal Glück gehabt. Arschlöcher.

– Verpiß dich, du pickelgesichtiger Penner. Zieh ab! schnauzt Sick Boy, als wir ins Taxi steigen.

– Tollcross, sag ich zu dem Fahrer, und auf der Seitenscheibe landet Spucke.

– Mach, daß du wegkommst, du Wichser. Na los, ihr beschissenen Arschlöcher, brüllte der Anzug. Dem Taxifahrer paßte das überhaupt nicht. Er sah wien ziemliches Arschloch aus. Wie die meisten. Die steuerzahlenden Selbständigen sind mit Abstand das primitivste Pack auf Gottes weitem Erdenrund.

Das Taxi wendete und fuhr den Leith Walk hinauf.

– Was hastn jetzt gemacht, du Großmaul! Das nächste Mal, wenn einer von uns zu Fuß nach Hause geht, gibts Ärger mit diesen Blödmännern. Ich war stinkig auf Sick Boy.

– Hast du doch nicht etwa Schiß vor diesen kleinen Wichsern, oder?

Der Typ ging mir wirklich auf den Sack. – Na klar! Was denn sonst, wenn ich unterwegs bin und ne abgefuckte Bande von Fräcken hinter mir her is! Glaubste vielleicht, ich bin der beschissene Jean-Claude Van Damme? Weißt du, was du bist, Simon? Ein beschissenes Arschloch. Ich nannte ihn »Simon« und nicht »Si« oder »Sick Boy«, damit er mitkriegte, wie ernst es mir damit war.

– Ich will zu Mutter Oberin, da is mir doch son Arsch oder sonstwas furzegal. Kapiert? Er fährt sich mit dem Zeigefinger über die Lippen und starrt mich aus hervorquellenden Augen an. – Simon will zu Mutter Oberin. Haste das kapiert? Dann dreht er sich ab und starrt den Rücken des Taxifahrers an und versucht, ihn durch schiere Willenskraft dazu zu zwingen, schneller zu fahren, wobei er nervös auf seine Oberschenkel trommelt.

– Einer der Typen war McLean. Dandys und Chanceys kleiner Bruder, sag ich.

– Nie im Leben, sagt er, aber in seiner Stimme schwang leise Angst. – Ich kenn die McLeans. Chancey is in Ordnung.

– Aber nich, wenn de dich mit seinem Bruder anlegst, sag ich.

Aber er achtete gar nich mehr drauf. Ich hörte auf, ihn zu nerven; ich wußte, es war die reinste Energieverschwendung. Sein stummes Leiden, das vom Entzug kam, schien nun so stark zu sein, daß ich sowieso nichts mehr tun konnte, was sein Elend noch vergrößert hätte.

»Mutter Oberin« war Johnny Swan, auch bekannt als der Weiße Schwan, ein Dealer, der in Tollcross wohnte und die Mietskaserne in Sighthill und Wester Hailes belieferte. Ich kaufte meinen Stoff lieber bei Swanney oder seinem Spezi Raymie als bei Seeker und der Muirhouse-Leith-Gang, wenn möglich. Das Zeug war meistens besser. Johnny Swan war mal n guter Kumpel von mir gewesen, damals in der guten alten Zeit. Wir haben zusammen für Porty Thistle Fußball gespielt. Jetzt war er n Dealer. Ich erinner mich, wie er mal sagte: In dem Spiel gibts keine Freunde. Bloß Partner.

Bis ich selbst so tief drinsteckte, hielt ich ihn fürn Angeber, schnoddrig und hart. Jetzt weiß ich genau, was der Typ gemeint hat.

Johnny war Junkie und Dealer in einem. Man mußte schon n bißchen weiter die Leiter hoch, um aufn Dealer zu stoßen, der das Zeug nich selbst nahm. Wegen der langen Zeit, die er schon drauf war, nannten wir ihn »Mutter Oberin«.

– Nach ner Weile gings mir ziemlich beschissen. Als wir die Treppe zu Johnnys Bude hochstiegen, hatten wir schlimme Krämpfe. Mir lief der Schweiß runter wie nem nassen Schwamm, und bei jedem Schritt schoß mir immer nochn Schwall aus den Poren. Sick Boy gings wahrscheinlich nich viel besser, aber der Arsch existierte sowieso nich mehr für mich. Er fiel mir erst wieder auf, als er sich am Treppengeländer festhielt und mir den Weg zu Johnnys Bude und dem Sgag versperrte. Er rang nach Luft und krallte sich an dem Geländer fest und sah aus, als wollt er gleich in den Treppenschacht kotzen.

– Alles in Ordnung, Si? fragte ich gereizt, sauer wie nur was, daß der Arsch mich aufhielt.

Er winkte bloß ab, schüttelte den Kopf und verdrehte die Augen. Ich sagte nichts mehr. Wenn man so drauf is wie der, dann will man nich reden und auch nich angesprochen werden. Man will einfach keinen Ärger. Ging mir genauso. Manchmal denk ich, daß manche bloß deswegen Junkies werden, weil sie sich eigentlich nach Ruhe sehnen.

Johnny war vollkommen zugeknallt, als wir schließlich oben ankamen. Er hatte sich ne Schießbude aufgebaut.

– Wen ham wir denn da, nen Sick Boy und nen Rent Boy, und beide am Abkratzen! lachte er, high wien Luftballon. Johnny schnupfte meistens nochn bißchen Koks zu einem Schuß oder mischte sich n Speedball aus Äitsch und Kokain. Er meinte wohl, daß er davon länger draufblieb und nich den ganzen Tag rumsaß und die Wände anstarrte. Typen, die drauf sind, nerven ungeheuer, wenns einem so geht wie uns, weil, die sind einfach zu sehr damit beschäftigt, sich an ihrem High aufzugeilen, und scheren sich n Dreck drum, wie wir leiden. Der Suffkopp im Pub will doch bloß, daß auch alle anderen so breit sind wie er, aber der richtige Junkie (im Gegensatz zum Gelegenheitsuser, der n Komplizen sucht) kümmert sich n Scheiß um die andern.

Raymie und Alison waren auch da. Ali kochte grad n Löffel auf. Sah recht vielversprechend aus.

Johnny tänzelte zu Alison rüber und trällerte ihr was vor. – Hey-ey good lookin, what you got cookin… Er drehte sich zu Raymie hin, der am Fenster stand und unentwegt Ausschau hielt. Raymie konnte auf einer belebten Straße einen Bullen ausmachen, wien Hai im Ozean drei Tropfen Blut schmeckt. – Leg mal ne Scheibe auf, Raymie. Die neue Elvis Costello macht mich krank, aber ich kann einfach nich aufhörn, den Arsch zu spielen. Echtn Magier, sag ich dir.

– Schieb dir dochn Doppelstecker rein, wos dunkel is, sagt Raymie. Der Kerl kam mit einem belanglosen blödsinnigen Zeug daher, daß einem bloß so der Kopf schwirrte, wo man doch krank war und versuchte, was von ihm zu...


Welsh, Irvine
Irvine Welsh, geboren 1957 in Leith bei Edinburgh, schreibt Romane und Kurzgeschichten und gilt als einer der wichtigsten Autoren der Underground-Literatur. Sein Debütroman Trainspotting und die gleichnamige Verfilmung mit Ewan McGregor machten ihn international bekannt. Viele weitere Romane folgten.

Torberg, Peter
Peter Torberg studierte in Münster, Milwaukee, Wisconsin, und München. Er übersetzt hauptberuflich aus dem Englischen, u. a. Werke von Paul Auster, Ray Bradbury, John Le Carré, William Golding, John Irving, Mark Twain und Oscar Wilde. Peter Torberg lebt in Bayern.



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