E-Book, Deutsch, 184 Seiten
Welsh Ich fall mir selbst ins Wort
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7076-0878-6
Verlag: Czernin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 184 Seiten
ISBN: 978-3-7076-0878-6
Verlag: Czernin Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Renate Welsh, 1937 in Wien geboren, in Wien und Bad Aussee aufgewachsen. Studierte Englisch, Spanisch und Staatswissenschaften, arbeitete als freie Übersetzerin und beim British Council in Wien. Autorin diverser Kinder- und Jugendbu?cher, am bekanntesten: »Das Vamperl«, »Dieda oder Das Fremde Kind«, »Johanna«, und Romane, u. a. »Liebe Schwester« und »Großmutters Schuhe«. Zahlreiche Preise und Auszeichnungen, u. a. Österreichischer Wu?rdigungspreis, Wu?rdigungspreis des Landes Niederösterreich fu?r Literatur, Deutscher Jugendliteraturpreis, Österreichischer Staatspreis fu?r Kinder- und Jugendliteratur, Theodor-Kramer-Preis und Preis der Stadt Wien fu?r Literatur.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Bad Aussee, 2005
Es war etwas Besonderes für mich, im Kammerhof in Bad Aussee zu einer Lesung aus »Dieda oder Das fremde Kind« eingeladen zu sein.
Im roten Album der Großeltern gab es Fotos von meiner Mama mit mir im Schinakel auf dem Altausseer See, von Mama, Papa, Opapa und mir auf der Seewiese, von einer Jausengesellschaft in unserem Garten an der Traun, wo alle fröhlich waren und lachten und die Sonne schien, und alles war gut.
Bis zu dem Tag, an dem das Telefon läutete. Bis die anderen kamen und sich hier breitmachten, bis ich hier fremd war. Aber alles, was ich sah, was ich hörte, was ich roch, löste Erinnerungen aus, hatte eine Botschaft, ich verstand sie nur nicht.
Nach der Lesung legte mir eine Frau ein Körbchen in die Hand, darin waren drei Buchteln und eine Karte, auf der stand:
»Die größte Freude für das arme Mäderl war, wenn ihr die Nachbarin eine Buchtel geschenkt hat. Die habe ich heute für Sie gebacken.«
Ich wusste nicht, wohin mit der Rührung, die mir den Hals zuschnürte, und packte ihren Ellbogen. Die Frau war genauso verlegen wie ich.
Die Bibliothekarin trat zu uns. »Dabei wollte die Resi das Buch gar nicht mitnehmen, weil sie grad keine Zeit zum Lesen gehabt hat. Ich hab ihr eine Seite aufgeblättert …«
»Und da ist mein Papa vor mir gestanden, so wie er war, nicht, wie gewisse Leute über ihn geredet und kein gutes Haar an ihm gelassen haben. Anfassen hätte ich ihn können.«
Eine Weile standen wir schweigend.
Wie immer hatte ich allen Charakteren im Buch neue Namen gegeben, weil mir natürlich bewusst war, dass sie durch meine Augen gesehen, durch meine Sprache verändert worden waren. Nur Herrn Tasch passte keiner von den Namen, die ich ihm anprobierte, sie waren zu eng, zu weit, zwickten hier, schlotterten dort, schließlich gab ich auf. Herr Tasch musste Herr Tasch bleiben. Außerdem würde gewiss keiner, der ihn kannte, mein Buch lesen.
Darin täuschte ich mich. Ich schulde nicht nur dem real existierenden Herrn Tasch Dank, der für mich in der Vergangenheit Partei ergriff, sondern auch meinem Bild von ihm, weil ich diesem Bild die Begegnung mit seiner Pflegetochter verdanke. Es war eine seltsame Erfahrung, dass gerade dieses Buch von der Familie wahrgenommen wurde, wenn auch nicht so sehr als Literatur, eher als Ratespiel. »Who is who?«
Freunde, Bekannte und Verwandte jeglichen Grades meinen sich ja häufig in Texten zu erkennen, oft mit dem mehr oder weniger empörten Zusatz, sie seien keineswegs so, wie sie geschildert würden, wobei sie die Frage, woran sie sich denn erkannt hätten, als zusätzliche Bosheit übelnehmen.
Schreiben ist immer ein Risiko, wir können uns noch so sehr bemühen, darauf hinzuweisen, dass unsere Wahrheit nur eine von wahrscheinlich unendlich vielen Wahrheiten ist, die Tatsache, dass wir diese eine Wahrheit dargestellt haben, wirkt doch, als erhöbe sie den Anspruch, allein gültig zu sein. Was ich geschrieben habe, habe ich geschrieben.
»Sie müssen in Aussee gelebt haben, sonst hätten Sie das nicht so schreiben können.«
»Ja, natürlich. In der Mitte zwischen Bad Aussee und Altaussee haben wir gewohnt. Puchen 82, gleich nach der Traunbrücke, wo der Weg nach Obertressen abzweigt.«
Sie starrte mich an, schluckte mehrmals. »Das gibt es nicht.« Ihre Stimme klang gepresst. »Das gibt es nicht.«
»Wieso?«
Sie blickte sich um, faltete beide Hände vor der Brust. »Weil … weil es das Haus ist, das mir mein Papa zur Hochzeit geschenkt hat.«
»Zufälle gibt's!«, murmelte eine der umstehenden Frauen, und eine zweite sekundierte: »Das stimmt. Zufälle gibt's, die gibt's gar nicht.«
»Sie müssen mich besuchen. Am besten bald, ich bin schon über siebzig. Theresia Zach heiße ich. Die Adresse kennen Sie ja.«
An dem Abend konnte ich lange nicht einschlafen, gleich nach den Vormittagslesungen in der Hauptschule machte ich mich auf den Promenadenweg entlang der Traun. Ich war aufgeregt. Würde der Besuch die wenigen kostbaren Erinnerungen an meine Mutter mit neuem Leben erfüllen, oder wäre das Haus noch immer gefüllt mit der dröhnenden Allgegenwart des Alten, das für mich auch in der Erinnerung bedrohlich war?
Ich öffnete das Gartentor, Theresia Zach kam mir entgegen und begrüßte mich mit einer Herzlichkeit, die alle Gespenster verjagte. Am Schuppen hingen Fuchsien in grünen Kästen, der Brunnen stand da, nur die verglaste Veranda im Oberstock fehlte. Auf der Terrasse war der Kaffeetisch gedeckt, im Beet dahinter blühten Eisenhut, Phlox, Sonnenhut und Mädchenaugen, es gab sogar einen Herzerlstock wie damals. Der junge Spalierbaum an der Hauswand war neu, er hatte winzige Äpfel angesetzt.
Theresia Zach führte mich ins Haus. Alles war so perfekt, so ordentlich, dass ich beinahe erleichtert war, als ein Windstoß ein paar Birkenblätter hereinwehte. Wenn Ordnung einen Geruch hat, dann roch es hier nach Ordnung.
»Beim Saubermachen frag ich mich immer, wo das arme Mäderl geschlafen hat«, sagte sie.
Ich war froh, dass sie keine Antwort erwartete. Mir schien unmöglich, dass sieben Erwachsene und neun Kinder hier Platz gefunden hatten. Vielleicht erklärte die Enge das Gefühl, nicht richtig durchatmen zu können, wenn ich an die Zeit zurückdachte.
»Ist es schlimm für Sie, dass wir so viel verändert haben, mit dem Zubau und auch sonst?«
»Gar nicht! Ganz im Gegenteil. Sie haben die Gespenster vertrieben.«
Sie legte eine Hand auf meine Schulter, zog sie sofort zurück. »Der Kaffee ist fertig.«
Wir gingen hinunter in den Garten, schauten eine Weile schweigend den Hummeln und Taubenschwänzchen zu, die den Lavendelstrauch umschwärmten. Frau Zach legte mir das dritte Stück Zwetschgenfleck auf den Teller, einen Zwetschgenfleck mit Streusel, der eine winzige Spur knusprig war, so wie ihn meine Oma gemacht hatte.
»Auf der anderen Seite der Traun haben wir gewohnt«, sagte Frau Zach. »Gleich neben der Brücke. Das Haus gibt es nicht mehr.«
Unvermittelt begann sie zu erzählen, mit langen Pausen zwischen den Wörtern, dann immer schneller und leiser, so dass ich mich vorbeugen musste, um sie zu hören. Sie verstummte, hatte plötzlich einen so fernen Blick, dass ich das Gefühl hatte, jede Frage, jede abrupte Bewegung könnte sie in Gefahr bringen, ebenso plötzlich nickte sie, legte beide Hände mit gespreizten Fingern vor sich auf den Tisch, dann schüttelte sie heftig den Kopf und sprach weiter, sehr ruhig, als berichte sie etwas, das sie im Grunde nichts anginge und auch niemanden sonst, die Geschichte einer Fremden in einer anderen Zeit.
Ihre Mutter bekam in einem Jahr zwei Kinder von zwei verschiedenen Männern. Als sie mit dem zweiten schwanger war, schrieb sie ihrer Mutter und fragte, ob sie mit ihren Kindern nach Hause zurückkommen dürfe.
Mit einem Bankert kannst kommen, mit zweien nicht, lautete die Antwort. Da gab die Mutter das Neugeborene einer Schweinehändlerin, die steckte es zu den Ferkeln in den Kinderwagen, mit dem sie durch das Salzkammergut zog und ihre Geschäfte machte.
Bei einem Totenmahl im Gasthof Loser in Altaussee meinte eine junge Frau, Wimmern zu hören, dem ging sie nach und fand vor dem Gasthof einen Säugling in einem Kinderwagen zwischen Ferkeln und Kot. Sie nahm das Kind heraus, lief zu ihrer Freundin, die gegenüber wohnte, badete das Baby, wickelte es in eine Decke und marschierte mit ihm ins Gasthaus. Die Schweinehändlerin wollte das Kind an sich reißen, als der Bürgermeister mit der Polizei drohte, zog sie empört ab. Frau Tasch, die auch zur Trauergemeinde gehörte, sagte zum Bürgermeister, sie könne ohnehin keine Kinder bekommen, und das Pflegegeld könne sie wohl gut brauchen. In dem Augenblick öffnete Herr Tasch die Tür der Gaststube, um den Doktor zu einem Hausbesuch abzuholen. Der Doktor sagte noch im Weggehen, sie solle sich das gut überlegen, das Kind sei gewiss krank und werde wohl bald sterben.
Sie schaute mich an, ein kleines triumphierendes Lächeln hockte in ihren Mundwinkeln.
Ich drückte ihre Hand.
Als sie weitersprach, klang ihre Stimme fester.
»Immer wieder hat er mir's erzählt. Er kommt heim, hat er gesagt, da bin ich auf dem Ehebett gelegen und hab die Arme nach ihm ausgestreckt und von dem Augenblick an war er mein Papa und ich war sein Kind. So einfach war das.«
In das Schweigen hinein fragte ich nach der Pflegemutter.
Die habe alles richtig gemacht, habe sie gut versorgt, habe sie in die Schule und zur Kirche geschickt und ihr alles beigebracht, die Mutter habe für sie gekocht und genäht und dafür gesorgt, dass sie ihre Hausaufgaben ordentlich machte, sie sei ihr auch von Herzen dankbar, aber die Mutter habe halt kein Talent zum Freuen gehabt. Sie sei selbst keine Einheimische gewesen, habe nie richtig dazugehört, ihr Haus sei ja auch etwas abseits gelegen, das einzige am anderen Ufer der Traun.
Auf den Papa habe sie jeden...




