Welsen | Grundriss Schopenhauer | E-Book | www2.sack.de
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E-Book, Deutsch, 424 Seiten

Welsen Grundriss Schopenhauer

Ein Handbuch zu Leben und Werk
unverändertes eBook der 1. Auflage von 2021
ISBN: 978-3-7873-3885-6
Verlag: Felix Meiner
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ein Handbuch zu Leben und Werk

E-Book, Deutsch, 424 Seiten

ISBN: 978-3-7873-3885-6
Verlag: Felix Meiner
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Anders als andere Philosophen verlieh Schopenhauer bereits früh in seinem Leben seiner Philosophie eine Struktur, an der er bis zu seinem Tod weitgehend festhielt. Diese manifestiert sich in seinem 1818 erschienenen Hauptwerk 'Die Welt als Wille und Vorstellung', aber auch in den 'Vorlesungen über die gesamte Philosophie' sowie anderen Texten, die im Wesentlichen Vorarbeiten oder Ergänzungen zum Hauptwerk darstellen. Aufgrund der Eigentümlichkeit, dass 'der Anfang das Ende beinahe so sehr voraussetze, als das Ende den Anfang, und eben so jeder frühere Theil den späteren beinahe so sehr, als dieser jenen', sieht Schopenhauer seinen eigenen Ansatz weniger als System denn als einen Organismus, an dem er zeit seines Lebens gearbeitet hat. Neben einer biographischen Skizze, einer Abhandlung zur Rezeption der Schopenhauer'schen Philosophie sowie bibliographischen Hinweisen bietet Peter Welsen einen systematischen Abriss von Schopenhauers philosophischem Ansatz (Genese und Struktur - Das bessere Bewusstsein - Erkenntnistheorie - Metaphysik der Natur - Metaphysik des Schönen - Metaphysik der Sitten) und einen Überblick über sein Werk. Der lexikalische Teil behandelt umfassend die Grundbegriffe von Schopenhauers Philosophie.

Peter Welsen ist Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Trier. In der 'Philosophischen Bibliothek' hat er Schopenhauers 'Über die Grundlage der Moral' (PhB 579) und Paul Ric?urs 'Vom Text zur Person' (PhB 570) herausgegeben.
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Systematischer Abriß


Genese und Struktur


Schopenhauer zeichnet sich nicht zuletzt dadurch aus, daß er bereits früh in seinem Leben seinem philosophischen Ansatz eine Struktur verleiht, an der er bis zu seinem Tod im großen und ganzen festhält. Diese tritt im ersten Band seines 1818 erscheinenden – auf 1819 vordatierten – Hauptwerks exemplarisch zutage und manifestiert sich darüber hinaus in der Gliederung der sowie des zweiten, 1844 veröffentlichten Bandes von . Vergleicht man die anderen Texte mit dem Hauptwerk, so kommt man zum Ergebnis, daß sie lediglich Vorarbeiten oder aber Ergänzungen zu darstellen.

In der Vorrede zur ersten Auflage dieses Werkes konfrontiert Schopenhauer den Leser mit einer Forderung, die eng mit der erwähnten Struktur zusammenhängt, und zwar der einer doppelten Lektüre des Textes. Das sei dadurch bedingt, »daß der Anfang das Ende beinahe so sehr voraussetze, als das Ende den Anfang, und eben so jeder frühere Theil den spätern beinahe so sehr, als dieser jenen« (W I 8). Aufgrund dieser Eigentümlichkeit stuft Schopenhauer seinen Ansatz nicht etwa als System, sondern als Organismus ein. Während ersteres darin bestehe, daß jeder Gedanke von einem übergeordneten abhänge und von diesem abgeleitet werden könne, verhalte es sich bei letzterem so, daß »jeder Theil eben so sehr das Ganze erhält, als er vom Ganzen gehalten wird, keiner der erste und keiner der letzte ist, der ganze Gedanke durch jeden Theil an Deutlichkeit gewinnt und auch der kleinste Theil nicht völlig verstanden werden kann, ohne daß schon das Ganze vorher verstanden sei« (W I 7 f.). Dabei ist Schopenhauer überzeugt, daß die verschiedenen Teile des Ansatzes letzten Endes »einen […] einzigen Gedanken« (W I 360) zum Ausdruck bringen, der sich im Titel des Hauptwerks andeutet und letztlich darauf hinausläuft, »daß diese Welt, in der wir leben und sind, ihrem ganzen Wesen nach, durch und durch und zugleich durch und durch ist« (W I 215). Noch präziser ist die folgende – auf die Selbstentfaltung des Willens in seinen verschiedenen Stufen abzielende – Formulierung: »[D]ie Welt ist die Selbsterkenntniß des Willens.« (W I 506)

Sieht man von dem mit »Kritik der Kantischen Philosophie« betitelten Anhang des ersten Bandes von ab, so gliedert sich dieser in vier Teile, denen vier philosophische Disziplinen entsprechen: Im ersten Teil entwickelt Schopenhauer seine Erkenntnistheorie, im zweiten eine Naturphilosophie bzw. Metaphysik der Natur, im dritten seine Ästhetik bzw. Metaphysik des Schönen und im vierten seine Ethik bzw. Metaphysik der Sitten. Dabei verfolgt er im ersten und zweiten Teil das Ziel, die Welt in ihrem Ist-Bestand zu beschreiben, während er im dritten und vierten Teil versucht, Wege der Weltüberwindung aufzuzeigen. Das hat damit zu tun, daß sich die Welt – aus seiner pessimistischen Sicht – als etwas Negatives darbietet, an dem der Mensch leidet und das den Wunsch nach Erlösung aufkommen läßt. Grund des Leidens ist der Wille in seinem blinden, nicht zur Ruhe kommenden Drang, als den Schopenhauer das Ding an sich deutet (zweiter Teil), und die beiden Möglichkeiten der Erlösung, die er vorschlägt, sind die ästhetische Kontemplation (dritter Teil), in welcher der Wille vorübergehend, sowie die Resignation (vierter Teil), in welcher er dauerhafter aufgehoben werden kann. Ferner ist zu konstatieren, daß im ersten und dritten Teil der Vorstellung (abhängig bzw. unabhängig vom Satz vom Grunde), im zweiten und vierten hingegen dem Willen (in seinen Objektivationen bzw. als bejahter oder verneinter) ein relativer Vorrang zukommt. Vergegenwärtigt man sich, daß Schopenhauer in den vier Teilen des Hauptwerks den Weg von der Erkenntnis des Willens hin zu einer – von dieser ermöglichten – Überwindung desselben beschreitet, so könnte man sagen, daß es auf eine Erlösungslehre oder – mit einem ausgedrückt – eine Soteriologie hinausläuft.

Von Schopenhauers früheren Texten wurden zu seinen Lebzeiten lediglich zwei veröffentlicht. Es handelt sich um die Dissertation , die 1813 in erster und 1847 in zweiter, überarbeiteter Auflage erschien, sowie um die Abhandlung , die 1816 in erster Auflage, 1830 in einer lateinischen Fassung () und schließlich 1854 in einer weiteren deutschen Auflage publiziert wurde. Während die Untersuchung über die Farben, wie der Verfasser in der Vorrede zur Auflage von 1854 selbst betont, »nur dem kleineren Theile nach der Philosophie, dem größern nach der Physiologie angehört« (F V, ), ist die Abhandlung über den Satz vom zureichenden Grunde von bleibender philosophischer Relevanz für ihn.1 In dieser Schrift entwickelt Schopenhauer wesentliche Gedanken seiner Erkenntnistheorie, wie sie auch später im Hauptwerk anzutreffen sind. Dabei geht es ihm nicht zuletzt um die Differenzierung zwischen vier Arten von Gründen, die apriorische Korrelation von Subjekt und Objekt, den transzendentalen Idealismus sowie die Frage nach der Kausalität. Man könnte geradezu sagen, daß die erkenntnistheoretischen Partien der ersten Auflage von im Vergleich zur Dissertation kaum entscheidend Neues bieten. Zwar äußert sich Schopenhauer im siebten Kapitel der Dissertation, welches dem Satz vom zureichenden Grunde des Handelns gewidmet ist, auch zu bestimmten Aspekten des Willens, doch behandelt er diesen im wesentlichen als empirisches Phänomen, das heißt, er deutet ihn – anders als im Hauptwerk – keineswegs als Ding an sich.2 Mit anderen Worten, Schopenhauer ist in seinem Denken noch nicht bei seiner Metaphysik des Willens angelangt.3 Anderseits lassen beide Werke – die Dissertation sowie die Untersuchung – ein lebhaftes Interesse des Philosophen an physiologischen Fragen erkennen, das bisweilen so weit geht, daß sich transzendentalphilosophische und physiologische Erwägungen miteinander verbinden, ja ineinander übergehen.4

Schopenhauer war sich bereits 1813 im klaren darüber, daß er in seinem Denken verschiedene philosophische Disziplinen in eine Synthese einbringen werde: »Unter meinen Händen und vielmehr in meinem Geiste erwächst ein Werk, eine Philosophie, die Ethik und Metaphysik in seyn soll, da man sie bisher trennte so fälschlich als den Menschen in Seele und Körper.« (HN I 55) Zwar hatte er sich bereits vor dem Erscheinen der Dissertation über diese Gebiete sowie das Verhältnis zwischen ihnen Gedanken gemacht, doch erst in den Jahren 1813 bis 1818, die er in Dresden verbrachte, verlieh er ihnen ihre endgültige Gestalt, wie sie im ersten Band von dokumentiert ist.

Während das 1836 erschienene Werk eine – mit vielfältigen Beobachtungen aus dem Bereich der empirischen Wissenschaften angereicherte – Ergänzung des zweiten, der Metaphysik der Natur gewidmeten Teils des Hauptwerks ist, sind die beiden in den späten dreißiger Jahren verfaßten, 1841 in veröffentlichten Preisschriften, wie im Titel anklingt, der Ethik bzw. der Metaphysik der Sitten gewidmet. Es handelt sich um die 1839 von der Königlich Norwegischen Societät der Wissenschaften gekrönte Untersuchung sowie die 1840 von der Königlich Dänischen Societät der Wissenschaften scharf kritisierte und zurückgewiesene Abhandlung . Beide Texte handeln von speziellen Problemen der Ethik, nämlich der Freiheit des Willens sowie dem Mitleid als Grundlage der Moral, und sind so abgefaßt, daß sie sich auch ohne Kenntnis des Hauptwerks dem Leser erschließen. Zwar bildet die Lehre vom Willen als dem Ding an sich den Hintergrund der beiden Texte, doch sie wird von Schopenhauer nicht eigens erläutert oder gar als bekannt vorausgesetzt, sondern klingt lediglich am Ende der beiden Werke kurz an. Das für Schopenhauers Ansatz entscheidende Thema einer soteriologisch zu verstehenden Weltüberwindung wird hingegen in den beiden Preisschriften gänzlich ausgeblendet.

Der zweite Band von (1844) gliedert sich – wie bereits der erste – in vier Teile, in denen Schopenhauer Ergänzungen und Vertiefungen zu den entsprechenden philosophischen Disziplinen präsentiert: zur Erkenntnistheorie, zur Metaphysik der Natur, zur Ästhetik sowie zur Ethik. Abgesehen davon, daß die Lehre vom Willen bzw. von dessen Primat...


Welsen, Peter
Peter Welsen ist Professor für Theoretische Philosophie an der Universität Trier. In der „Philosophischen Bibliothek“ hat er Schopenhauers „Über die Grundlage der Moral“ (PhB 579) und Paul Ricœurs „Vom Text zur Person“ (PhB 570) herausgegeben.



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