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E-Book

E-Book, Deutsch, 216 Seiten

Welling NEBENWELTEN

Ausgewählte Erzählungen 2005-2023
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-95765-741-1
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ausgewählte Erzählungen 2005-2023

E-Book, Deutsch, 216 Seiten

ISBN: 978-3-95765-741-1
Verlag: p.machinery
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Welt in Wolf Wellings Geschichten ist eine Welt unheimlicher Orte, mysteriöser Geschehnisse, rätselhafter Transformationen. Immer wieder verschlägt es seine Charaktere in Regionen, die unserer vertrauten Wirklichkeit um eine Dimension entrückt sind: sei es ein anonymes Bewusstsein, das in einem Computerspiel Prüfungen bestehen muss; sei es ein Autofahrer, der in eine Nachstellung von Thomas Manns Zauberberg hineingerät; sei es ein Strafgefangener, der über den Sinn seiner Haft getäuscht wird.

Wolf Welling, 1943 geboren, hat seit Anfang der 2000er zahlreiche phantastische Erzählung in einschlägigen Magazinen und Anthologien veröffentlicht, daneben mehrere Romane und Kurzgeschichtensammlungen. Dieses Buch präsentiert eine Auswahl seiner besten Erzählungen aus den Jahren 2005 bis 2023. Literarische Vorbilder von Kafka bis zum Surrealismus sind ebenso erkennbar wie der Einfluss von Science-Fiction-Autoren wie Ballard und Dick. Welling hat jedoch einen unverkennbar eigenen Stil entwickelt, klar, bildhaft, nuancenreich und nicht selten mit einem Unterton von galligem Humor.
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Fuckmanimal


… ICH MÖCHTE TEIL DER WELT DA DRAUSSEN WERDEN ICH MÖCHTE HINAUSFLIEGEN WIE FIGUREN AUS MEINEN BILDERBÜCHERN. HINAUS AUS DER WOHNUNG VON MISSIS BILLMAN.

Sie saß am Schreibtisch in ihrem Office und starrte auf die Seiten Papier, die vor ihr lagen. Sie war irritiert, sie war unsicher. Um mit ihrer Unsicherheit umzugehen, konzentrierte sie sich auf sich selbst. Alles um sie herum verschwand: der Raum und seine Einrichtung, das Gebäude und seine Geräusche, die Stadt und der Kontinent, der Planet und das gesamte übrige Universum. Sie war nur noch ihr eigenes Bewusstsein, ihre eigene Welt, ohne alles andere. Es existierte nichts als ihr Ich, sehr aufmerksam und hellwach.

Es half nichts, ihre Wahrnehmung kehrte zurück in diesen Raum, sie sah den elektronischen Kalender an der Wand gegenüber, ihr Terminal, ihren Schreibtisch mit den notwendigen Utensilien, die Tastatur, den leeren Fleck, wo bis vor Kurzem noch das Holobild mit ihr und ihrem Ex-Freund stand (es war in die unterste Schublade gelegt worden, nein, eher hineingeschmissen). Sie konzentrierte sich wieder auf die Papiere, die vor ihr lagen, mit unveränderter Irritation. Ihr Ausflug zum Ich-Kern hatte nichts gebracht. Ihr Unterbewusstsein verweigerte eine kreative Lösung. Sie war genauso ratlos wie zuvor.

Sie braucht Hilfe, nein, keine Hilfe, die ihr vorschrieb, was zu tun sei, eher Unterstützung, dialogischen Support, der Klarheit in ihre Gedankenwelt brachte, der ihr half, selber eine Lösung zu finden. Sie drückte auf die Tasten, die eine Videofonverbindung zu ihrem Gruppenleiter, Chief Inspektor Frank, herstellten. Sein Gesicht erschien umgehend auf dem Bildschirm, kantig, ernst, starrer Blick, drei Falten auf der Stirn über dem Nasenansatz, dichte Augenbrauen, Glatze.

»Was gibt’s, Eileen?«

»Kann ich dich ein paar Minuten sprechen?«

»Wann?«

»Jetzt.«

»Okay, komm’ rüber.«

Wie immer war er direkt und kurz angebunden, eine Eigenschaft, die er mit Zeiteffizienz rechtfertigte. Eileen schätzte seine lange berufliche Erfahrung und seinen scharfen Verstand. Sie hatte sich oft bemüht, seine emotionslose und kalte Logik zu imitieren, aber bald gemerkt, dass sie damit nicht immer erfolgreich war. Manchmal waren eben auch Intuition, Empathie und Mitgefühl hilfreich, um einen Fall zu lösen. In letzter Zeit war Frank schwieriger geworden, nicht direkt abweisend, aber missmutig, nachdem das neue Bundesgesetz festgelegt hatte, dass die Pensionierungsgrenze aller Staatsbediensteten auf 80 Jahre angehoben worden war. Frank war jetzt 72 und hatte sich bereits darauf gefreut, mit 75 in Rente zu gehen. Jetzt befürchtete er, dass auch mit 80 noch nicht Schluss sein würde, sondern dass sie alle bis zum 90. Lebensjahr zu arbeiten hätten. Bei einer Pause in der Cafeteria hatte er sarkastisch bemerkt, dass demnächst wahrscheinlich keiner im Staatsdienst mehr pensioniert werden würde; man würde sie vom Arbeitsplatz direkt in bereitgestellte Särge umbetten.

Sie verstand sich gut mit ihrem Chef, trotz gelegentlicher Irritationen. So hatte er sie bei der letzten Betriebsfeier nach zu viel Alkohol anzumachen versucht: »Was würde ich darum geben, einen so jungen Körper noch einmal an mich zu schmiegen!« (Sie war immerhin bereits 40.) »Vergiss es, Chef, an und in deinem Body würde ich zu viele Fremdstoffe spüren«. Er hatte gelacht und ihr die Bemerkung nicht übel genommen. Erstens war sie damals noch anderwärts liiert gewesen und zweitens war er wirklich nicht ihr Typ. Sicher, er sah nicht aus wie 70, aber wer sah heutzutage noch so alt aus, wie er wirklich war, mit all den Ersatzteilen, den Infusionen und der Forever-Young-Chemie?

Sie nahm die mit krakeliger Schrift bedeckten Seiten an sich, stand auf und verließ ihr Office. 23 Stockwerke höher klopfte sie an Franks Tür und öffnete sie, ohne eine einladende Antwort abzuwarten. Frank videofonierte gerade, nickte ihr zu und bedeutete ihr, schon mal Platz zu nehmen. Nach wenigen Minuten beendete er das Gespräch und wandte sich ihr zu: »Was kann ich für dich tun?«

»Ich möchte, dass du diese Seiten liest und mir sagst, was du davon hältst.« Sie reichte ihm die Blätter hinüber.

»Woher hast du die?«

»Heute Morgen hat sich ein männliches Fuckmanimal-Exemplar aus dem Fenster eines Hochhauses gestürzt. Wir haben wie üblich routinemäßig ermittelt. Wegen möglicher Sachbeschädigung oder Versicherungsbetrug und so weiter, du kennst das ja. Dieses Exemplar ist offensichtlich ohne Fremdeinwirkung aus dem 37. Stockwerk gesprungen, nachdem es das Fenster mit der schweren Marmorplatte eines Tisches zertrümmert hat. Wie du weißt, sind diese Exemplare nicht auf Selbstmord programmiert, und wie du weißt, ist dies nicht der erste Fall einer willentlichen Selbstzerstörung.«

Frank hörte zu, ohne eine Miene zu verziehen.

»Als ich zur Unglücksstelle kam«, fuhr Eileen fort, »hatten die Reinigungsroboter der Stadtwerke fast alle Spuren bereits beseitigt. Es war sowieso nicht viel Erkennbares übrig geblieben. An einigen Stellen sah ich noch einige Schleimspuren. Ich bin also rauf in die Wohnung, aus der das Kerlchen gesprungen war, und fand eine ziemlich aufgelöste alte Frau, so um die 130, die dauernd herumjammerte: Mein lieber Fucky, wie konnte er mir das antun, ich habe ihn doch immer anständig behandelt, und ich kann mir keinen neuen leisten, bei einem solchen Vorgang erlischt die Garantie, ach, das ist alles so schrecklich. Ich hörte mir das eine Zeit lang an, sah mich in der Wohnung um und ließ mir die Stelle zeigen, wo der Fuckmanimal gewohnt, oder besser: gehaust hatte. Es war ein Verschlag im hinteren Teil der Wohnung, fensterlos, aber durch eine Tür vom übrigen Teil abgetrennt. Es gab dort eine Matratze, eine Stange für ein paar Klamotten und ein kleines Schränkchen. Aber in diesem Minizimmer, und das ist das Erstaunliche, lagen Hefte herum, bebilderte Hefte, also Comics, einige davon mit pornografischem Inhalt. Ich fragte die Frau, ob ihr Fuckmanimal lesen konnte. Das weiß ich doch nicht, sagte sie, ich hab’ ihm halt die Heftchen gegeben, damit er was zum Angucken hatte, er sollte schließlich keine Langeweile haben. Ich hab’ mich immer ordentlich um ihn bemüht, und so weiter. Ich sagte: Frau Billman, niemand macht Ihnen Vorwürfe, wir müssen in solchen Fällen halt die Umstände ermitteln. Davon bekäme sie ihren Fucky auch nicht zurück, sie hätte ihn sogar ordentlich recyceln lassen, er war ihr so sehr ans Herz gewachsen, aber jetzt sei fast nichts mehr von ihm übrig geblieben … Ich unterbrach sie mit der Bemerkung, ich wolle sie jetzt in ihrem Schmerz alleine lassen, und ich würde mich gerne noch etwas umsehen. Unter weiterem Geseufze zog sie sich zurück, und ich untersuchte kurz, aber gründlich den Verschlag. Unter der Matratze fand ich diese beschriebenen Blätter, und das ist ungewöhnlich, denn in den bisherigen Fällen von Selbstauslöschung dieser Exemplare haben wir nichts dergleichen gefunden.«

Frank sah sie ruhig an und sagte dann: »Gut, ich lese die Seiten durch, denke darüber nach, und wir reden dann darüber.«

»In dieser Reihenfolge?«, fragte Eileen mit ironischem Unterton.

»Genau in dieser Reihenfolge«, antwortete Frank, ohne dass sie erkennen konnte, ob er ihren Scherz überhaupt bemerkt hatte. Er betrachtete die in ungelenken Großbuchstaben beschriebenen Seiten und sah nicht auf, als Eileen das Zimmer verließ.

GESTERN ABEND WAR ES WIEDER SOWEIT

MISSIS BILLMAN HATTE IHRE ALTEN FREUNDE EINGELADEN

SIE HATTEN EINE FUCKMANALIA MITGEBRACHT

SIE SIEHT SEHR SEXY AUS WIE SIE SAGEN

ZUERST HABEN SIE SICH NICHT UM UNS GEKÜMMERT

WIR HABEN GETRÄNKE UND WAS ZUM ESSEN SERVIERT

SIE HABEN SICH ALTE GESCHICHTEN ERZÄHLT UND VIEL GELACHT

SIE HABEN IMMER MEHR VON IHRER MEDIZIN GENOMMEN UND IMMER LAUTER GELACHT

SIE NENNEN ES MEDIZIN ABER SIE NEHMEN ES NICHT UM DAVON GESUND ZU WERDEN

SIE SIND ALLE GESUND

ALS SIE SCHON VIEL MEDIZIN GENOMMEN HABEN SIE DIE MANALIA UND MICH EINGESCHALTET

SIE SETZTEN SICH IM KREIS UND WIR FICKTEN IN DER MITTE

ZUERST FICKTE ICH DIE MANALIA VON OBEN ALS SIE AUF DEM RÜCKEN LAG

DANN LAG ICH AUF DEM RÜCKEN UND MANALIA RITT AUF MIR

DANN FINGEN SIE AN SPASS ZU MACHEN UND SCHALTETEN UNS ASYNCHRON

WIR HATTEN UNTERSCHIEDLICHE RHYTHMEN UND PASSTEN NICHT MEHR ZUSAMMEN

ES WAR QUÄLEND

DANN SCHALTETEN SIE DIE MANALIA AUF ORAL UND MICH AUF ANAL

WIR WERKELTEN DAUERND HERUM ABER WIR KONNTEN NICHT MEHR RICHTIG ZUSAMMEN

SIE SASSEN IM KREIS UND LACHTEN UND LACHTEN UND LACHTEN SIE SCHLUGEN SICH AUF DIE SCHENKEL UND MANCHE HATTEN TRÄNEN IN DEN AUGEN

ICH HATTE AUCH TRÄNEN IM AUGE

DANN NAHMEN SIE ANDERE MEDIZIN

SIE ZOGEN IHRE KLEIDERSACHEN AUS STREICHELTEN UND SCHLUGEN SICH UND KOPULIERTEN AUF UNTERSCHIEDLICHE WEISE

MANCHEN GELANG ES NICHT

HINTERHER WAREN ALLE SEHR RUHIG UND HATTEN SCHLECHTE LAUNE

EINIGE TRATEN NACH UNS SPUCKTEN EINER HATTE VORHER SEINEN SAMEN AUF UNS GESPRITZT

DABEI WAREN WIR AUF PASSIV GESCHALTET UND LAGEN NUR NACKT DA

DANACH GINGEN ALLE NACH HAUSE. EINER NAHM DIE MANALIA MIT

MISSIS BILLMAN IST MEINE BESITZERIN

SIE IST UNGEFÄHR 130 JAHRE ALT MIT VIELEN RUNZELN AM GANZEN KÖRPER

SIE HAT EINE LEBENSERWARTUNG VON RUND 150 JAHREN SAGT SIE IMMER

SIE HAT MICH VOR 12 JAHREN GEKAUFT

MEIN HAUPTZWECK IST IHRE SEXUELLE BEFRIEDIGUNG

ICH KANN ABER AUCH ANDERE DINGE ALS SIE FICKEN

ICH KANN LEICHTE KÜCHENARBEIT ICH KANN MÜLL WEGWERFEN ICH KANN GESCHIRR ABRÄUMEN

ALLERDINGS FÄLLT MIR MANCHMAL ETWAS HIN WEIL...



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