E-Book, Deutsch, Band 2, 320 Seiten
Reihe: Kommissar Roman Worstedt
Weller Finsterloh
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-95441-272-3
Verlag: KBV
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Der zweite Fall für Kommissar ›Worschtfett‹
E-Book, Deutsch, Band 2, 320 Seiten
Reihe: Kommissar Roman Worstedt
ISBN: 978-3-95441-272-3
Verlag: KBV
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Charly Weller ... geb. 1951 in Marburg a. d. Lahn, ist von Hause aus Filmemacher. Nach seiner Jugend in Gießen und Wetzlar studierte er zunächst Theologie-, es folgte das Jura- und Publizistikstudium in Berlin. Zwischenzeitlich betätigte er sich als Fotograf, Journalist, Taxifahrer, Versicherungsvertreter und Kinobetreiber. Nach der Regieassistenz unter Peter Fleischmann drehte er erste eigene Filme und wurde ausgezeichnet u. a. mit dem »Prix du Jury« in Cannes und dem »Max-Ophüls-Förderpreis«. Er war Regisseur zahlreicher Folgen von TV-Krimi-Serien wie »Ein Fall für Zwei«, »Die Kommissarin«, »Im Namen des Gesetzes« und anderen. Heute arbeitet er als Chef von »Mittelhessen-TV« und lebt mit seiner Frau Ritchie zwischen Gießen und Wetzlar.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
PROLOG
Alexander Lapuschkow, Ex-Fremdenlegionär, Marburg
El Meridj war die Hölle. Es war unser vierter Einsatz, vielleicht der fünfte. Jedenfalls ziemlich direkt nach der Grundausbildung. Die war in Mascara, im Norden von Algerien. Sechs Monate lang. Sechs verdammte Monate lang. Von Anfang an das Schlimmste, was ich bis dahin erlebt hatte, physisch wie psychisch. Dabei war ich damals super in Form, von meinem Radrenntraining her.
Jeden Morgen nach dem Wecken stand erst einmal ein »kleiner Lauf zum Wachwerden« auf dem Programm. Fünfzehn Kilometer in anderthalb Stunden. Mit vollem Marschgepäck von fünfunddreißig bis vierzig Kilo. Wer nicht in der Zeit blieb, durfte die Strecke gleich noch mal hinter sich bringen. Dann allerdings ohne Schultergurte. Die wurden zur Strafe ausgetauscht gegen Telefondraht. Und der hat sich unterwegs ins Schulterfleisch eingeschnitten und hinterher zu bösen Entzündungen geführt.
Den Rest des Vormittags über waren dann weitere körperliche Ertüchtigungen angesagt, nachmittags Einweisung in Nahkampf und Französisch und abends dann Waffenkunde mit Reinigen und Zusammensetzen des Gewehrs. Immer und immer wieder, zig tausendmal, irgendwann blind oder im Schlaf.
Und die Ausbilder allesamt Arschlöcher. Nur darauf aus, sämtliche Reste an eigenem Willen und Persönlichkeit in uns zu brechen, sämtliche Werte unseres bisherigen Lebens aus uns rauszuschleifen. Wenn es finanziell vertret- und medizinisch realisierbar gewesen wäre, hätten sie uns das Gehirn oder bestimmte Teile davon amputieren lassen, damit wir einzig und alleine für ihre Interessen funktionierten.
Einer unserer Ausbilder – Caporal Feuerbach, ich werde seinen Namen nie vergessen – war ein ganz besonders ausgemachter Drecksack. Ein Schweizer mit SS-Vergangenheit. Manchmal wache ich heute noch auf, schweißgebadet, wenn er mal wieder in einem meiner Träume aufgetaucht ist. Bei uns hieß er nur »Der Kippenbestatter«.
Wenn wir gegen Mitternacht völlig erschöpft Aufstellung genommen hatten zum Nachtappell und er seinen Blick über den Boden des Kasernenhofs wandern ließ, wussten wir, was uns bevorstand. Dann suchte er so lange, bis er irgendwo eine Kippe finden konnte. Und irgendwo lag immer eine herum. Wenn er die entdeckt hatte, wurde einer von uns zu ihm gerufen.
Ich höre heute noch sein »Engagé Volontaire Lapuschkoooowe!«, wenn ich an der Reihe war. Das hieß, im Laufschritt hin zu ihm und Aufstellung genommen. Dann ging es los.
»Was ist das Erste, was wir bei der Legion gelernt haben, Engagé Volontaire Lapuschkoooowe?«, brüllte er dann, und ich hatte zurückzubrüllen: »Das Erste, was wir bei der Legion gelernt haben, mon Caporal, ist, dass wir nichts und niemanden zurücklassen!«
»So, das ist also das Wichtigste, dass wir nichts und niemanden zurücklassen? Und warum, warum liegt dann diese arme Kippe hier?«
»Das weiß ich nicht, mon Caporal!«
»Du weißt es nicht? Soll das heißen, dass es dir egal ist, ob wir diese arme Kippe hier zurücklassen, oder was?«
»Nein, das ist mir nicht egal, mon Caporal!«
»Was, Engagé Volontaire Lapuschkoooowe, werden wir dann jetzt mit ihr machen, mit dieser armen Kippe?«
»Wir werden sie mitnehmen, mon Caporal!«
»Wir werden sie mitnehmen, aha. Und wozu werden wir sie mitnehmen, diese arme, tote Kippe?«
»Um sie mit all den militärischen Ehren zu bestatten, die jedem von uns auch zuteilwerden, wenn wir im Kampf getötet werden, mon Caporal!«
»Nun gut, wenn ihr das unbedingt wollt, dann soll es euch gestattet sein, obwohl es schon sehr spät ist und euer armer, geplagter Caporal einen anstrengenden Tag hinter sich hat und eigentlich nur noch endlich in sein Bett will – habt ihr das verstanden?«
»Ja, mon Caporal, das haben wir verstanden. Wir werden die Beisetzung so schnell und so ehrenvoll wie möglich durchführen, damit unser Caporal so bald wie möglich in sein Bett kommen kann!«
Dann hatten wir unseren Schaff, ein Grab mit den exakten Maßen von 2,20 Meter Länge auf 1,60 Meter Breite und 1,80 Meter Tiefe, in den steinigen Wüstenboden vor der Kaserne zu graben, um anschließend diese verdammte Kippe mit militärischer Grabrede, Fanfaren und Salutschüssen beizusetzen und zu guter Letzt das Loch hinterher wieder ordentlich zuzuschaufeln.
Entsprechend verkürzte sich unsere Nachtruhe um die drei bis fünf Stunden, die so ein Ritual jedes Mal in Anspruch nahm. Dieser Schlafentzug war eine systematische Strategie, um uns einer Gehirnwäsche zu unterziehen, an deren Ende wir nur noch als entmenschlichte Kampfmaschinen funktionieren sollten.
Manchmal hatten wir gerade mal zwei Stunden Schlaf, bevor es am nächsten Morgen wieder losging. Wir waren die ganzen sechs Monate lang nur müde und hungrig.
Irgendwann später habe ich gehört, dass ein Legionär, dessen Eltern in Auschwitz umgebracht worden waren, dem Caporal einen Trichter in den Hals gesteckt und ihn mit Nikotinwasser abgefüllt haben soll, bis er hinüber war. Anschließend sei er in einer Nacht-und-Nebel-Aktion neben seinen Kippengräbern verscharrt worden.
Womit wir ansonsten noch gleichermaßen ausgiebig wie sinnlos schikaniert wurden, war »Marschieren«: Stunden um Stunden stumm und tumb vor sich hin, unter sengender Sonne, meist einen Schritt vor der Besinnungslosigkeit, durch die Wüste zu marschieren.
Ich hätte es zuvor niemals für möglich gehalten, dass man angesichts des massiven Schlafentzugs, dem wir ausgesetzt waren, lernt, im Gehen zu schlafen. Dazu legt man seine linke Hand auf die rechte Schulter seines Vordermannes, um nicht auf seine Hacken zu treten, und stapft wie in Trance vor sich hin beziehungsweise hinter dem anderen her. Der Begriff »Schmerzen« erhielt in dieser Zeit eine völlig andere Bedeutung, weil wir unsere Körper zusehends weniger spürten.
Neben diesen unerbittlichen Strapazen waren unsere größten Feinde zu der Zeit die Sackratten, die wir mit Unmengen von Autan bekämpften. Bei uns hieß das Zeug nur »Sackrotan«.
Zum Ende der Grundausbildung stand ein Marsch von siebzig Kilometern mit vollem Marschgepäck auf dem Programm. Der musste innerhalb von achteinhalb Stunden absolviert werden. Wer den hinter sich gebracht hatte, wurde damit belohnt, fortan das Képi Blanc tragen zu dürfen. Als Zeichen dafür, fortan ein Légionnaire deuxième classe, ein Fremdenlegionär zweiter Klasse zu sein, was den untersten Dienstgrad in der Legion darstellte.
Wir hatten unsere Zeit bei der Legion im Fort St. Nicholas bei Marseille begonnen. Da waren wir eine Woche lang auf Herz und Nieren geprüft und über alles ausgefragt worden, was wir in der Vergangenheit hinter uns gebracht hatten. Von besonderer Wichtigkeit dabei war, dass man kein Mörder oder Vergewaltiger war, denn dann wäre man von der Legion abgelehnt worden. Den ganzen Rest, den man vielleicht angestellt hatte, interessierte kein Schwein.
Als wir diese Untersuchungen hinter uns hatten, wurden wir als Engagés Volontaires, als Fremdenlegionärs-Anwärter, von Marseille aus nach Nordafrika verschifft. Ich weiß noch genau, was das für ein Gefühl war, als wir da in den Hafen von Oran eingelaufen sind. Diese alles durchdringende erbarmungslose Hitze, die einem da entgegenschlug, dass man die Augen zusammenkniff. Diese Gerüche nach fremden Gewürzen, Schweiß, Ratten, Müll, Öl und Sperma, die da in der Luft hingen und in alles hineinkrochen, was man am Leibe trug.
Von Oran ging es dann mit LKWs vier Stunden lang weiter nach Sidi bel Abbès, wo das Mutterhaus der Legion in Algerien war. Dort fand die Aufteilung zu den Ausbildungsgarnisonen entsprechend der Kampfverbände statt. Ich hatte mich zu den »Paras« gemeldet, den Parachutistes, auf Deutsch: Fallschirmjäger.
Diese Entscheidung hatte ich getroffen, weil mein seinerzeit bester Freund, der Ludwig, auch dorthin wollte. Er sei schon im Zweiten Weltkrieg bei den Fallschirmjägern gewesen, hatte er gesagt. Außerdem bekam man dort ein wenig mehr Sold als bei den anderen Waffengattungen.
Im Anschluss an die Ausbildung, während der wir sechs Absprünge aus achthundert Metern Höhe absolvieren mussten, wurden wir ins Fort Ksar el Hirane in der Nähe von Leghouat versetzt, an den südlichen Rand des Atlas-Gebirges. Von dort aus fand dann auch unser Einsatz in El Meridj statt, einem Dreckskaff an der tunesischen Grenze: rissige Lehmstrohhütten, hässliche Gassen, dürre, von Ziegen angefressene Bäume.
Dort war eine Patrouille des REI, des Infanterieregiments der Legion, in einen Hinterhalt geraten und hatte innerhalb weniger Stunden sechs Kameraden verloren. Der Trupp hatte den Ort...




