E-Book, Deutsch, Band 1, 214 Seiten
Reihe: FREI
Welk FREI – Bester Sommer (FREI 1)
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8458-6673-4
Verlag: arsEdition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 1, 214 Seiten
Reihe: FREI
ISBN: 978-3-8458-6673-4
Verlag: arsEdition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sarah Welk war nach dem Abitur Supermarktkassiererin, Spülhilfe, Werbekauffrau, Kindermädchen, Garderobiere und schließlich viele Jahre Redakteurin bei der ARD-Tagesschau. Nun schreibt sie Bücher und lebt mit Mann, zwei Kindern und drei Hühnern an der Nordsee.
Autoren/Hrsg.
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1
Hunger, Pipi, heiß. Also würde Sally jetzt sagen, aber die kommt ja erst heute Nachmittag nach.
RIESENHUNGER, denke ich und starre durchs Beifahrerfenster auf das Schild Landgasthof Rottloch – Heute Schnitzelbuffet im Saal auf der anderen Straßenseite. Außer einem Burger an der Autobahnraststätte habe ich nämlich seit heute Morgen nichts mehr gegessen.
Und ich muss MEGADRINGEND zur Toilette.
Und mir ist ULTRAHEISS. Aus meinen Shorts läuft der Schweiß, und meine Oberschenkel kleben am Beifahrersitz, obwohl ich im Turbotempo mit dem Bein wippe.
Was. Bitte. Macht. Meine. Mutter. Seit32MinutenindiesemLaden??
Mann, das kann doch alles nicht wahr sein.
»Willst du mit reinkommen?«, hat Mama gefragt und dabei beide Ellbogen aufs Lenkrad gestützt.
»Nee, was soll ich da drinnen«, habe ich gemurmelt und auf mein Handy gestarrt, weil mir nämlich nur noch ein Punkt bis zum Dragon-Highscore gefehlt hat.
»Keine Ahnung, schon mal Landluft schnuppern«, hat Mama gesagt und mich dabei so schräg von der Seite angegrinst, weil sie natürlich genau wusste, dass ich das null lustig finde.
Auf jeden Fall ist sie dann in dem Laden verschwunden, weil der Landgasthof ja unserem neuen Vermieter gehört und wir da den Schlüssel abholen sollten.
Und ich dachte, alles klar, gleich fahren wir zu unserem neuen Haus. Also mal wieder zu unserem neuen Haus. Meine Mutter und Sally und ich fahren eigentlich ständig zu neuen Häusern. Ich bin vierzehn, und mir fallen direkt elf Städte ein, in denen wir schon gewohnt haben. Neapel, Wien, Berlin, Hamburg, wieder Neapel, Dortmund, Kiel, Köln, wieder Berlin, Köln, noch mal Hamburg. Und jetzt: Rottloch.
ROTTLOCH. Wer bitte will in Rottloch wohnen? Also ich schon mal nicht.
»Joshua«, hat Mama vor ein paar Wochen mit ihrer Armer-Junge-so-schlimm-isses-doch-gar-nicht-Stimme gesagt, und dabei wollte sie mir auch noch den Rücken kraulen, »jetzt warte doch erst mal ab. Du hast noch nie auf dem Land gelebt, also kannst du gar nicht wissen, wie es da ist. Da wohnen auch andere Vierzehnjährige, die müssen ja auch irgendwas machen den ganzen Tag. Und außerdem habe ich ein sensationelles Haus gefunden, mit Riesengarten und Blick über die Felder. Da kriege ich den Kopf wieder frei und neue Ideen, hundertpro. Und du kannst überall klettern, weißt du, wie viele Bäume da rumstehen? Da brauchst du keine Boulderhalle mehr, ich schwör!«
»Mama«, habe ich gezischt. »Hast du gerade ›Ich schwör‹ gesagt? Hör auf damit, das ist echt peinlich. Und ICH BIN NICHT FÜNF. Ich klettere nicht auf Bäume.«
»Und die Schule in Rottloch ist einfach unglaublich«, hat Mama weitergeredet und dabei so versonnen aus dem Fenster auf die Straßenlaterne geguckt.
Und da hatte ich direkt keinen Bock mehr. Also null Lust, mich weiter zu unterhalten. Und deshalb habe ich das Handy ganz nah vor meine Augen gehalten, als hätte ich ein Sehproblem, und nur noch »Schön für dich« gemurmelt.
»Joshua«, hat Mama geseufzt. »Jetzt leg doch mal das Ding weg, ich rede mit dir. Willst du hier eigentlich noch eine Abschiedsparty machen?«
Aber ich habe nichts gesagt, sondern bin einfach aufgestanden.
»Wo willst du denn hin?«, hat Mama gerufen. »Jetzt hau doch nicht schon wieder ab!«
»Pissen«, habe ich gezischt und die Badezimmertür hinter mir zugeknallt.
Sie kapiert es einfach nicht. Wie kann sie bitte auf die Idee kommen, dass ich eine Abschiedsparty machen will?
Ich war gerade mal fünf Monate in meiner Schule in Hamburg, und mit den anderen aus meiner Klasse ist es so, wie wenn ich beim Bouldern in der Schlange stehe. Da sind die Leute vor mir und hinter mir ja auch nicht automatisch meine Freunde, nur weil wir zufällig am selben Ort sind und uns dort ab und zu sehen. Die sagen höchstens mal so was wie: »Und, läuft bei dir?«, und ich murmle: »Läuft«, und fertig.
Und ich würde die wohl kaum ZU EINER PARTY EINLADEN. Ich habe einfach keine Lust mehr, mir ständig neue Freunde zu suchen. In Neapel und Wien war das noch anders, aber da war ich auch noch klein. Da habe ich gar nicht kapiert, dass wir nicht lange bleiben werden, und zwar einfach deshalb, weil Mama und Sally nie irgendwo lange bleiben.
Bei Mama hat es mit dem Beruf zu tun, sie ist ja Künstlerin und überall zu Hause, sagt sie immer. Also überall, wo sie Inspiration findet. Was immer das sein soll, ist mir auch egal. Und Sally zieht eben mit, sie ist seit zwölf Jahren mit meiner Mutter zusammen und studiert noch. Sagt sie. Ich habe eigentlich noch nie gesehen, dass sie irgendwas studiert. Sie schmeißt bei uns den Haushalt und organisiert alles, und das ist auch gut, denn sonst würde hier nur Chaos herrschen.
Das klingt jetzt so, als würde ich Sally nur super finden, weil sie kocht und solche Sachen, aber das stimmt nicht. Sally ist in Ordnung und sie war eben schon immer da. Und sie bleibt für immer da. Sie versteht auch, dass ich keine Freunde habe oder besser gesagt keine Freunde haben will. Zumindest fragt sie nicht ständig nach. Nicht wie Mama.
Ich wüsste auch gar nicht, worüber ich bei einer Abschiedsparty reden sollte. Früher habe ich über so was nicht nachgedacht, aber irgendwann hat das eben angefangen, besonders mit Mädchen.
Wenn ich zum Beispiel vor der Schule Anna Herwig am Fahrradständer treffe, muss ich ja irgendwas sagen, weil wir uns schließlich kennen, sie ist in meiner Klasse. So. Und jetzt könnte ich einfach »Hi« rufen, und dann antwortet sie »Hi«, und ich frage vielleicht noch, ob sie Mathe gemacht hat, und fertig. Klingt einfach, aber nur eigentlich.
In Wahrheit stehe ich dann nämlich da wie ein Idiot mit meinem Fahrradschloss in der Hand und in meinem Kopf rattert es und ich will auf KEINEN FALL irgendwas Peinliches sagen. Und je länger ich nachdenke, desto weniger fällt mir ein, und am Ende sage ich gar nichts oder irgendwas komplett Bescheuertes. Und Anna zieht nur eine Augenbraue nach oben, als würde sie denken: Was für ein Idiot.
Und stimmt ja auch. Also ich kann schon verstehen, dass sie das denkt, weil ich mich ja auch wie ein Idiot benehme. Und ich weiß überhaupt nicht, warum das bei mir so ist, weil andere haben das nicht.
Tom Riefling zum Beispiel. Der denkt, glaube ich, über gar nichts nach und alle finden den super. Ich meine: WARUM? Zum Beispiel in Physik, da guckt er einfach so in der Gegend rum, und plötzlich grinst Anna ihn an, und er kritzelt irgendwas auf einen Zettel, den wir dann heimlich zu ihr durchgeben, und sie zieht ihre Pulloverärmel über die Hände und faltet ihn auseinander. Und in der nächsten Pause stehen die beiden dann zusammen am Fahrradständer und lachen sich kaputt.
Ich meine: WHAT?? Was zum Teufel hat Tom Riefling AUF DIESEN ZETTEL GESCHRIEBEN??? Ich habe Keine. Fucking. Ahnung. Und genau das ist mein Problem.
Aber das habe ich Mama logischerweise nicht erzählt. Auch nicht, als sie abends schon wieder von dieser Abschiedsparty angefangen hat.
»Was meinst du denn zu der Idee?«, hat Mama gefragt und in Sallys Richtung geguckt.
»Tja«, hat Sally geantwortet und mit den Schultern gezuckt. »Wenn Josh keine Party will, finde ich das okay. Das kann er doch selber entscheiden.«
Und da habe ich nur die Augenbrauen hochgezogen und Mama angeguckt und Biddeschön, da hörst du’s gedacht.
»Mann, ey«, hat Mama geseufzt und die Augen verdreht. »Hauptsache, ihr seid euch einig. Aber ganz ehrlich, Josh: Ich finde das nicht gut, dass du dich immer so absonderst. Weißt du, Menschen brauchen andere Menschen. Und ich hoffe wirklich, dass du an deiner neuen Schule Freunde finden wirst.«
»Die ist übrigens echt toll«, hat Sally gesagt und mich von der Seite angesehen.
»Ha, ha«, habe ich gemacht.
»Nee«, hat Sally geantwortet. »Dieses Mal wirklich. Das ist ein ganz neuer pädagogischer Ansatz, das klang echt spannend, als Pola und ich uns die Schule angeguckt haben.«
»Mönsch, Sally, du Spielverderberin«, hat Mama geseufzt. »Das sollte doch eine Überraschung für Josh werden.«
»Pola«, hat Sally geantwortet. »Du wolltest, dass das eine Überraschung wird. Ich habe gesagt, Josh ist nicht mehr sechs, der findet es besser, wenn er weiß, was ihn erwartet.«
»Ist ja gut!«, hat Mama gerufen und abwehrend beide Hände in die Luft gehalten. »Also, Josh: An deiner neuen Schule können die Kinder richtig viel mitbestimmen.«
»Die Kinder«, habe ich nur gesagt.
»Mann, Josh«, hat Mama geseufzt. »Die Jugendlichen. Die Jugendlichen an deiner neuen Schule können richtig viel mitbestimmen.«
»Toll«, habe ich gemurmelt und mein Handy aus der Tasche gezogen.
Und dann ging es endlich um was anderes, Sally und Mama haben über Kunst geredet und dass Mama sich weiterentwickeln und ab sofort mehr im virtuellen Raum arbeiten will und blabla und langweilig und ich habe nicht mehr...




