E-Book, Deutsch, Band 2, 304 Seiten
Reihe: FREI
Welk FREI – Beste Freundschaft
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8458-6845-5
Verlag: arsEdition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 2, 304 Seiten
Reihe: FREI
ISBN: 978-3-8458-6845-5
Verlag: arsEdition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sarah Welk war nach dem Abitur Supermarktkassiererin, Spülhilfe, Werbekauffrau, Kindermädchen, Garderobiere und schließlich viele Jahre Redakteurin bei der ARD-Tagesschau. Nun schreibt sie Bücher und lebt mit Mann, zwei Kindern und drei Hühnern an der Nordsee.
Autoren/Hrsg.
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1
Ich hole Luft, und zwar richtig. Mein Bauch schiebt die blau-weißen Karos auf der Bettdecke nach oben, und jetzt dehnt sich mein Brustkorb auseinander, und das war’s. Mehr passt nicht rein.
Es gibt einen Mann, der kann elf Minuten lang die Luft anhalten, besser gesagt 11 Minuten und 35 Sekunden. Das ist Weltrekord.
Ich habe beim ersten Mal 62 Sekunden geschafft, das ist wahrscheinlich Minusrekord, aber weiß ja keiner. Und außerdem bin ich auch schon besser geworden, es gibt bei YouTube so ein Luft-Anhalten-Tutorial.
Schritt eins: So tief wie möglich einatmen, erst in den Bauch, dann in die Brust. Kleine Pause. Und jetzt kommt der Trick: Einfach mit der Zunge weiter Luft nach hinten durch den Hals schieben, als wäre die Lunge ein Ballon, der strammer werden soll. Und strammer. Stopp. Und jetzt muss ich nur noch ruhig werden. Klar, je ruhiger, desto weniger Energieverschwendung, und deshalb zähle ich meine Herzschläge, und zwar so langsam wie möglich.
92, 93, 94.
Vor meinen Augen schweben kleine rote Punkte, und ist doch komisch. Die sind zu. Eigentlich müsste ich einfach gar nichts sehen. Oder schwarz.
95, 96, 97, 98, 99.
Ich schnaube Luft aus und atme wieder ein, und das fühlt sich an wie trinken nach Durst.
Trotzdem. 99 Herzschläge sind ungefähr 99 Sekunden.
Gar nicht schlecht, elf mehr als gestern. Theoretisch könnte ich ab sofort also den kompletten Weg zur Schule die Luft anhalten, von unserer Fußmatte bis zum »Klasse 8c«-Schild an der Garderobe brauche ich ja nur 92 Sekunden. Und schon klar: Eigentlich ist das Quatsch, das mit dem Training. Luft anhalten braucht man für nichts, außer man will tauchen, und ich kann nicht mal schwimmen. Aber trotzdem. Wenn irgendjemand irgendwas kann, will ich immer wissen, ob ich das auch hinkriege. Und ob ich besser werde, wenn ich trainiere. Und es funktioniert.
Gut, egal, mein kurzer Schulweg ist auf jeden Fall super. Unterricht fängt um acht Uhr an, ab nächster Woche sogar erst um halb neun. Für Badezimmer brauche ich 22 Minuten. Bereitgelegte Klamotten anziehen zwei Minuten. Frühstück 14 Minuten. Noch mal online auf den Vertretungsplan gucken: zwei Minuten. Checken, ob ich alles eingepackt habe: zwei Minuten. Schuhe und Jacke anziehen: zwei Minuten. Macht 44 Minuten plus sechs Minuten Zeitpuffer für Unvorhergesehenes. Das heißt, mein Wecker klingelt um sieben und alles ist entspannt. Normalerweise.
»Nasrin«, flüstert eine Stimme. »Alles okay bei dir?«
Von der Tür fällt ein Streifen Licht auf den Teppich.
»Ja.« Ich reiße den Kopf vom Kissen. »Klar. Wie spät ist es, Baba?«
»Schon zehn nach sieben«, flüstert er. »Aber mach in Ruhe. Passt doch noch alles.«
Ich drehe den Kopf zur Seite.
Und Moment mal eben.
Hier passt rein gar nichts.
»Papa«, sage ich. »Wo ist mein Wecker?«
»Keine Ahnung«, ruft er aus dem Flur. »Ich hab ihn nicht.«
Und Mann, ich krieg hier noch zu viel. Vor genau acht Stunden war mein Wecker noch da. Er stand auf dem Nachttisch, und zwar exakt, wo er hingehört, und seine Zahlen haben grün durch die Dunkelheit geleuchtet. Ebenso das »A« für Alarm. Einhundert Prozent. Mein. Wecker. War. Noch. Da.
»Arad«, fauche ich.
»Hä?«, macht er und seine Tolle wippt im Küchenlicht.
»Du weißt genau, was ich meine.« Ich knalle seine Stuhllehne mit Ruck nach vorne an den Tisch. »Und du sollst nicht kippeln.«
»Alter«, sagt er und macht diese »Reg-dich-ab-Mann«-Geste mit den Fingern vor der Brust. »Du bist hier nicht erziehungsberechtigt.«
»Wo ist mein Wecker?«, frage ich.
»Woher soll ich das wissen?« Arad kippt seinen Stuhl wieder nach hinten. »Ich brauch keinen Wecker. Ich wach von Natur auf.«
»Ha!«, macht Papa und spuckt fast seinen Kaffee in die Spüle. Ich gucke aufs Fensterbrett, und das glaube ich ja wohl nicht.
»Was ist das denn?«, sage ich. Auf einmal ist es still und nur der Kühlschrank surrt weiter vor sich hin. Arad guckt von meinem Gesicht zur Fensterbank und dann wieder zu mir.
»Wie?«, fragt er und schüttelt den Kopf. »Bist du dumm? Das ist ein Wecker.«
»Ja«, fauche ich. »Meiner. Aber wie kommt der dahin?«
»Ach so, den meinst du«, antwortet er und grapscht ein Mohnbrötchen aus dem Korb. »Hab ich mir geliehen. Meiner ist kaputt.«
»Deiner ist kaputt«, wiederhole ich.
»Deshalb hab ich mir deinen geholt, jetzt fällt’s mir wieder ein, vielen Dank fürs Ausleihen«, leiert Arad und beißt dabei von seinem Brötchen ab.
Manchmal glaube ich wirklich, der tickt nicht richtig. Ich habe Arad den Wecker nicht geliehen. Der ist heute Nacht in mein Zimmer geschlichen und hat ihn mir einfach geklaut.
»Un-jetz-gug-nich-scho-wida-so«, nuschelt Arad und ein Stück Mohn-Teig-Matsch fällt aus seinem Mund auf die Tischplatte. »I-leih-di-au-imma-alles.«
»So!«, ruft Papa. »Jetzt ist Schluss. Ihr hört jetzt bitte auf zu streiten. Und wisch das weg, Arad.«
»Ich«, sage ich und fast bleibt meine Stimme weg vor Wut, »hab überhaupt nichts gemacht. Arad hat meinen Wecker GEKLAUT. Und jetzt rotzt der hier auch noch auf den Tisch, das ist widerlich.«
»Ich rotz überhaupt nicht auf den Tisch.« Arad würgt ein Riesenstück Brötchen auf einmal runter. »Du provozierst mich, und deshalb hab ich meine Gesichtsmuskeln nicht unter Kontrolle.«
»Bitte!«, sagt Papa und knallt seine Tasse ins Spülbecken. »Das halte ich um die Uhrzeit wirklich noch nicht aus. Ihr macht euch jetzt fertig, und zwar sofort. Und heute kommst du nicht zu spät zur Schule, Arad, verstanden? Linda hat mich schon wieder angesprochen.«
Arad zieht hinter Papas Rücken eine Grimasse in meine Richtung und am liebsten würde ich ihn vom Stuhl schmeißen.
»Du kriegst von mir gar nichts mehr«, zische ich. »Keine Kopfhörer, keine Stifte, nichts. Kannst du vergessen. Und ich geb dir auch keine Nachhilfe mehr.«
Arads Mund formt ein Ooohh und mit den Augen sagt er quasi »Das ist aber schaaaade«, aber Papa kriegt das nicht mit, weil doof ist er nicht. Arad, meine ich.
Aber auf die Reihe kriegt er trotzdem nichts. Der geht mir so was von auf den Keks, und das wird immer schlimmer. Keine Ahnung, als er klein war, war er zumindest niedlich, wenigstens ab und zu. Wenn er wollte, dass ich mit ihm Softeis kaufen gehe zum Beispiel, weil er nicht allein über die Straße durfte, aber ich schon. Oder wenn er nachts nicht schlafen konnte und zu mir ins Zimmer geschlichen ist und da auf einmal stand, im Dunkeln, mit seinen strubbeligen Haaren und schwitzigen Wangen und den abgeschmusten Teddys Fred und Flod unter dem Arm.
Das war kurz nach der Sache mit Mama und wir waren noch gar nicht so lange in Deutschland. An viele Dinge aus der Zeit erinnere ich mich gar nicht richtig. Aber ich weiß noch, dass mein Garderobenhaken in der Grundschule einen Marienkäfer-Aufkleber hatte und ich kein Deutsch konnte und immer gefroren habe. Und ich erinnere mich daran, wie gut Arad gerochen hat, wenn er zu mir ins Bett gekrabbelt ist, nach frischem Frottee-Pyjama und irgendwie süß.
Tja. Und jetzt müffelt er einfach nur noch vor sich hin, weil er nie Deo benutzt und seine Socken heimlich zwei Wochen lang trägt, und wenn ich sage, dass er die mal Papa in die Wäsche geben muss, ächzt er rum und verdreht die Augen und macht seine »Du bist hier nicht die Mutter«-Sprüche und ich könnte ihm eine reinhauen.
Ernsthaft. Ich tu’s nicht, aber ich könnte. Ganz egal, wo er ist, noch egaler, was er macht: Chaos. Arad isst auch nie das Schulbrot, das Papa ihm schmiert, aber direkt wegschmeißen tut er es auch nicht. Stattdessen lässt er es im Rucksack, bis es schimmelt, und dann wirft er heimlich die ganze Brotdose in den Müll. Und wenn Papa dann fragt, wo eigentlich die ganzen Behälter sind, verdreht Arad die Augen und sagt: »Äh, keine Ahnung«, und fertig.
Und neuerdings hat Arad ständig überall Stress und es interessiert ihn noch nicht mal. Er kommt zu spät zur Schule. Oder er hängt auf dem Schulhof rum und geht nicht zum Unterricht. Oder er vergisst sein Sportzeug. Oder seinen Schlüssel. Oder er denkt an den Schlüssel, aber verliert ihn dann.
Ich meine: WHY? Ich bin 14 Monate älter als Arad und ich kriege das ja auch hin. Aber Arad benimmt sich, als wäre er fünf und nicht 13. Und ich kapiere einfach nicht, warum ihm alles egal ist. Er schadet sich doch nur selbst, wenn jeder genervt von ihm ist.
»Nasrin?« Arad schiebt seinen Kopf in mein Zimmer.
»Was«, blaffe ich und gucke weiter in den Spiegel.
»Sorry«, sagt Arad.
Ich knote das Tuch in meinem Nacken und sehe zu ihm hinüber.
»Echt jetzt«, sagt Arad. »Sorry. War doof mit dem Wecker.«
»Sag: War richtig, richtig doof«, antworte ich und lege das rechte Tuchende quer über...




