Weldon | Die Teufelin | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Weldon Die Teufelin


1. Auflage 2015
ISBN: 978-87-11-45546-3
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

ISBN: 978-87-11-45546-3
Verlag: SAGA Egmont
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



4,5/5 Stelle auf Lovelybooks.deIronisch, humoristisch, teuflisch!In Eden Grove leben lauter glückliche Frauen. Ihre Ehemänner sind erfolgreich. Sie haben muntere Kinder und das Familienleben ist ganz harmonisch. Eden Grove ist eine friedliche kleine Welt - aber nicht für alle. Es gibt zum Beispiel die unattraktive Ruth. Gattin eines Steuerberaters und Mutter zweier Kinder. Ruth ist loyal, und sie erträgt lange die sexuellen Eskapaden ihres Mannes. Aber es kommt der Punkt, an dem Ruth die Geduld verliert. Sie dreht den Spieß um und plant einen Rachefeldzug. Das erste, was in Rauch aufgeht, ist das gemütliche Heim...REZENSION'Ein Buch, das seinen engagierten Kern (gegen die Weibchen, für die Frauen) mit so viel Witz und satirischer Brillanz ummäntelt, dass man sich von der ersten bis zur letzten Seite glänzend unterhält.' Corna Zacharias in der Münchner 'Abendzeitung'AUTORENPORTRÄTFay Weldon wurde am 22. September 1931 in Alvechurch (Worcestershire) geboren. Ihr Großvater war der Schriftsteller Edgar Jepson (1863-1938), ihre Mutter schrieb Romane unter dem Pseudonym Pearl Bellairs, einer Figur aus einer Kurzgeschichte von Aldous Huxley. Sie wuchs in Neuseeland auf, kehrte mit der Mutter nach Londond zurück als ihre Eltern sich scheiden ließen. Sie studierte Psychologie und Ökonomie und veröffentlichte mit 30 das erste Buch. 'Die Teufelin' wurde 1989 mit Meryl Streep,in einer Hauptrolle verfilmt, doch das Buch geht wesentlich weiter als der Film.-

Weldon Die Teufelin jetzt bestellen!

Weitere Infos & Material


2


Haß ist besser als Kummer. Ich singe das Loblied des Hasses und der mit ihm verbundenen Energie. Ich singe eine Hymne auf den Tod der Liebe.

Fährt man von Mary Fishers Turm aus landeinwärts, den weiten Bogen der gekiesten Auffahrt hinunter (der Gärtner erhält 110 Dollar die Woche, was nicht gerade viel ist, egal in welcher Währung) durch die Allee windgezauster, dahinsiechender Pappeln (vielleicht ist das seine Rache), verläßt dann ihren Besitz und fährt auf der Hauptstraße weiter durch sanft gewelltes Hügelland, hinab zu der großen Weizenebene, immer weiter, so ungefähr hundert Kilometer, dann gelangt man in die Vorstädte, wo ich wohne: zu dem kleinen grünen Garten, in dem meine und Bobbos Kinder spielen. Im Osten, Norden, Westen und Süden gibt es Tausende solcher Häuser, alle mehr oder weniger gleich: wir liegen in der Mitte, haargenau in der Mitte einer Vorstadt, die sich Eden Grove nennt. Nicht Stadt, nicht Land: ein Zwitter. Grün, belaubt, blühend und, wie manche behaupten, wunderschön. Zugegeben, es lebt sich hier besser als auf der Straße in Bombay.

Ich weiß, daß ich mich genau im Zentrum dieses Ortes ohne Zentrum befinde, weil ich mich viel mit Landkarten beschäftige. Ich muß über die geographischen Einzelheiten meines Unglücks Bescheid wissen. Die Entfernung zwischen meinem Haus und Mary Fishers Turm beträgt hundertacht Kilometer oder siebenundsechzig Meilen.

Von meinem Haus bis zum Bahnhof sind es 1250 Meter, bis zu den Einkaufsläden 660 Meter. Anders als die große Mehrzahl meiner Nachbarinnen fahre ich keinen Wagen. Mein Koordinationsvermögen ist anscheinend weniger ausgeprägt als bei ihnen. Viermal bin ich durch die Fahrprüfung gefallen. Aber schließlich kann ich genauso gut auch laufen; hier gibt es ja kaum was zu tun, wenn man erst mal an diesem Ort, der als Paradies gedacht war, die Ekken gefegt und die Oberfläche poliert hat. Wie wunderbar, so durch den Himmel zu schlendern, sage ich, und das glauben sie mir.

Bobbo und ich wohnen Nightbird Drive Nr. 19, eine gute Straße im besten Teil von Eden Grove. Das Haus ist vollkommen neu, wir sind die ersten Bewohner. Bobbo und ich haben zwei Badezimmer und Panoramafenster; wir warten darauf, daß die Bäume wachsen: Bald haben wir dann sogar Privatsphäre!

Eden Grove ist ein freundlicher Ort. Meine Nachbarinnen und ich, wir geben abwechselnd Dinnerparties. Wir diskutieren über Sachen, nicht über Ideen; wir tauschen Informationen aus, keine Theorien; wir bewahren unser seelisches Gleichgewicht, indem wir über das Besondere nachdenken. Das Allgemeine ist zu erschreckend. Wer zu tief in der Vergangenheit wühlt, verliert den Boden unter den Füßen, wer sich zu weit in die Zukunft vorwagt, ebenfalls. Die Gegenwart ist ein Balanceakt. Zur Zeit werden zum Essen tollkühn Spareribs auf chinesische Art serviert, mit Papierservietten und Fingerschälchen. Das schmeckt nach Veränderung. Die Männer nicken und lachen; die Frauen erbeben und lächeln und lassen Geschirr fallen.

Es ist ein gutes Leben. Bobbo sagt mir das immer wieder. Er kommt jetzt nicht mehr so oft heim, deswegen sagt er es auch seltener.

Liebt Mary Fisher meinen Mann? Erwidert sie seine Liebe? Schaut sie ihm tief in die Augen und spricht wortlos mit ihm?

Einmal wurde ich auf einen Besuch zu ihr mitgenommen und stolperte über den Teppich – einen echten Kaschmir im Wert von 2540 Dollar –, als ich auf sie zuging. Ich bin einen Meter achtundachtzig groß, für einen Mann eine angenehme Größe, aber nicht annehmbar für eine Frau. So wie Mary Fisher der helle Typ ist, bin ich der dunkle Typ, mit jener vorspringenden Kinnpartie, wie man sie bei großen dunklen Frauen häufig sieht, tiefliegenden Augen und einer Hakennase. Meine Schultern sind breit und knochig, meine Hüften breit und fleischig, und meine Beinmuskeln sind gut entwickelt. Meine Arme, das kann ich beschwören, sind zu kurz für meinen Körper. Mein Wesen und mein Aussehen passen nicht zusammen. Bei dem großen Lotteriespiel – und nichts anderes ist das Leben der Frauen nun mal – bin ich etwas zu kurz gekommen.

Als ich über den Teppich stolperte, verzog Mary Fisher schadenfroh das Gesicht, und ich bemerkte den blitzschnellen Blick, den sie mit Bobbo wechselte, als hätten sie diese Szene bereits geahnt.

»Erzähl mir von deiner Frau«, hatte sie womöglich gemurmelt, nachdem sie sich geliebt hatten.

»Plump«, dürfte er geantwortet haben, und wenn ich Glück gehabt habe, hat er noch dazu gesagt: »Keine Schönheit, aber eine brave Seele.« Ja, ich glaube, das könnte er gesagt haben, und wäre es nur, um sich zu rechtfertigen und mich zu verleugnen. Man kann von einem Mann nicht erwarten, daß er einer wunderbaren Mutter und braven Ehefrau treu ist – da fehlt es hinten und vorn an Erotik.

Ob er wohl auch noch in schuldbewußter erregter Heiterkeit bemerkt hatte: »Am Kinn hat sie vier Warzen, auf dreien wachsen Haare?« Ich glaube schon; wer könnte so einer Versuchung widerstehen, wenn man kichernd und herumalbernd im Bett liegt, nachdem man miteinander geschlafen hat?

Ich bin mir ziemlich sicher, daß Bobbo gelegentlich mal im Stil aller Ehemänner gesagt hat: »Ich liebe sie. Ich liebe sie, bin aber nicht in sie . Jedenfalls nicht so, wie ich in dich verliebt bin. Verstehst du?« Und Mary Fisher hat wahrscheinlich sehr verständnisvoll dazu genickt.

Ich weiß, wie das Leben ist, ich weiß, wie die Menschen sind. Wir stecken alle unter einer Decke, wenn es um Selbsttäuschung und Wunschdenken geht, ganz besonders natürlich ehebrecherische Liebespaare. Ich habe genügend Zeit darüber nachzudenken, wenn das Geschirr abgewaschen ist und es im Haus ganz still wird und das Leben vorübertickt und ich nichts weiter zu tun habe, als mich zu fragen, ob Bobbo und Mary Fisher zusammen sind, – wie seltsam die Zeit erscheint! Und ich denke und denke und spiele beider Rollen nach, manchmal seine, manchmal ihre. So fühle ich mich als Teil des Ganzen, ich, die nirgendwo dazugehört. Und dann ruft Bobbo an und sagt, daß er nicht heimkommt, und die Kinder kehren aus der Schule zurück, und eine merkwürdig vertraute Stille senkt sich über das Haus, eine dicke, weiße, erstickende Decke, die über unser Leben geworfen wird; und selbst wenn die Katze eine Maus fängt, scheint das Quietschen aus weiter Ferne, aus einer anderen Welt zu mir zu dringen.

Bobbo ist ein gutaussehender Mann, und ich bin glücklich, daß ich ihn habe. Die Nachbarinnen machen oft Bemerkungen in dieser Richtung. »Nein, was haben Sie doch für ein Glück, jemanden wie Bobbo zu haben.« Wundert uns nicht, sagen ihre Blicke, daß er ziemlich oft weg ist. Bobbo ist einen Meter achtundsiebzig, zehn Zentimeter kleiner als ich, aber fünfzehn Zentimeter größer als Mary Fisher, die Schuhgröße 36 hat; im vergangenen Jahr gab sie für Schuhe 1200,50 Dollar aus. Ganz gleich – bei mir im Bett hat Bobbo keine Potenzprobleme. Er macht die Augen zu. Vielleicht macht er auch bei ihr im Bett die Augen zu, aber ich glaube es nicht wirklich. So stelle ich es mir nicht vor.

Ich denke, daß die anderen Frauen hier in Eden Grove einfach mehr Talent haben, sich selbst was vorzumachen. Ihre eigenen Ehemänner sind oft genug weg. Wie anders als durch Selbsttäuschung könnten sie am Leben bleiben, ihre Selbstachtung bewahren? Natürlich bieten manchmal auch Lügen keinen ausreichenden Schutz. Dann findet man sie in der Garage, mit einem Strick um den Hals, oder sie liegen im Ehebett, kalt, mit einer Überdosis im Bauch. Die Liebe, auch dann noch tödlich, wenn sie in ihren letzten Zuckungen liegt, giftig und beißend, hat sie umgebracht.

Und wie überleben insbesondere häßliche Frauen, die, die von aller Welt bemitleidet werden? Kröten, wie sie uns nennen. Sie leben wie ich, sie starren der Wahrheit ins Gesicht, sie härten die Haut gegen unablässige Demütigungen, bis sie so zäh und kalt wie die Haut eines Krokodils ist. Und wir warten darauf, daß das Alter alles ausgleicht. Als alte Frauen sind wir Klasse.

Meine Mutter war recht hübsch; sie schämte sich wegen mir, das konnte ich an ihren Augen ablesen. Ich war ihr ältestes Kind. »Ganz der Vater«, pflegte sie zu sagen. Da war sie selbstverständlich schon zum zweitenmal verheiratet. Meinen Vater hatte sie schon lange verlassen, hatte ihn voller Verachtung weit hinter sich zurückgelassen. Meine beiden Halbschwestern waren ganz die Mutter, zierlich und zerbrechlich. Ich mochte sie. Sie wußten, wie man jemanden bezaubert, sie bezauberten sogar mich mit ihrem Charme. »Häßliches kleines Entlein«, sagte meine Mutter, den Tränen nahe, einmal zu mir und strich mein widerspenstiges Haar glatt. »Was sollen wir nur mit dir anfangen? Was soll bloß aus dir werden?« Ich glaube, sie hätte mich vielleicht geliebt, wäre sie dazu fähig gewesen. Aber häßliche unharmonische Dinge stießen sie ab; sie konnte nichts dafür. Sie sagte das oft genug, natürlich nicht speziell auf mich gemünzt, aber ich kannte ihre Gedankengänge, ich wußte, was sie damit meinte. Manchmal glaube ich, daß ich mit auf der Haut offen liegenden Nerven geboren wurde, die ständig zuckten und bebten. In dem Bemühen, sie mit einer Schutzschicht zu überziehen, entwickelte ich mich zu einem schwerfälligen linkischen Wesen.

Und ich brachte es nie fertig, nicht mal meiner Mutter zuliebe, einfach nur zu lächeln und den Mund zu halten. Mein Verstand schlug Noten an, als würde jemand auf einem fürchterlich verstimmten, nie verstummenden Klavier ziellos klimpern. Sie taufte mich auf den Namen Ruth, vermutlich von dem Wunsch beseelt, mich schon in den ersten Tagen, so gut es ging, zu vergessen. Ein kurzer, unbedeutender, trauriger Name....



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.