E-Book, Deutsch, 372 Seiten
Weiss Vom Widder, Küchendach und Kabelbindern
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-347-18581-4
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine Reise durch den literarischen Nonsens
E-Book, Deutsch, 372 Seiten
ISBN: 978-3-347-18581-4
Verlag: tredition
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Geboren 1977 in Suhl / Thüringen. Geschieden, eine Tochter. 1997 Verpflichtung für 15 Jahre bei der Bundeswehr. Mehrere Einsätze im Kosovo, Mazedonien, Usbekistan, Afghanistan, über eine Dauer von mehr als 900 Einsatztagen. zum gegenwärtigen Zeitpunkt, Beamter im Justizdienst im Bundesland Sachsen-Anhalt.
Autoren/Hrsg.
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Erstes Kapitel
Fasching im Kopf
Auf der Suche nach dem Titel für dieses Buch merkte ich schnell, dass meine Synapsen im Kopf, entgegen der Diagnose meines behandelnden Neurologen, doch nicht so ganz in der Spur zu laufen schienen wie zuvor bei den Auswertungen mehrerer Tests im örtlichen, scheinbar vom Fachkräftemangel betroffenen Krankenhaus der neurologischen Abteilung versehentlich angenommen wurde.
Dies spiegelte sich unter anderem darin wider, dass ich vermutlich unter einer bisher unbemerkten und demzufolge unbehandelten narzisstischen Persönlichkeitsstörung mit dem Kurznamen DSM-5 litt, welche ich in einer ersten Eigendiagnose, dank diverser Internetsuchportale des World Wide Webs, an mir selbst identifizierte. So verspürte ich genau, wie es zwischen jenen Binärcodes aus 0 und 1 des World Wide Webs geschrieben stand, hin und wieder den unermesslichen Drang, mich in einer übermäßigen selbstdarstellerischen Art und Weise einem breiten Publikum der Weltöffentlichkeit, ob sie es nun wollte oder nicht, zu präsentieren.
Und genau diese selbstdarstellerischen Fähigkeiten spornten die scheinbar fehlerhaft funktionierenden 86 Milliarden Neuronen in meinem Hirn zu komplexen chemischen und elektrischen Höchstleistungen an. Wie bei Lemmingen, die durch ihren selbst inszenierten Freitod mit einem halsbrecherischen Sprung vom höchsten Felsen in ihrer Umgebung ihrem kurzen, putzigen Leben ein melodramatisches Ende setzen, vermuten Psychologen, dass auch Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitsmerkmalen ein erhöhtes suizidales Verhaltensmuster aufweisen.
Auch wenn der suizidale selbstbestimmte und kollegiale Freitod der Lemminge modernsten wissenschaftlichen Erkenntnissen einer 16 Jahre lang anhaltenden Dauerstudie nicht standhielt, streben Menschen mit narzisstischen Defizitmerkmalen nach einem ihnen vorbestimmten Höheren. Dabei springen sie täglich aufs Neue mit voller Absicht von einem ins andere Fettnäpfchen hinein, um daraus wie ein „Phönix aus der Asche“ aus der altägyptischen Mythologie in einem wiederkehrenden Lebenszyklus aufzuerstehen.
In dieser Mythologie kehrt der ägyptische Totengott in der Gestalt eines menschengroßen Reihers nach Heliopolis in bestimmten zeitlichen Abständen zurück, um ein Nest aus Myrrhe zu bauen, in welchem er bei Sonnenaufgang in der Glut der Morgenröte zu Asche verbrennt, um anschließend aus dieser verjüngt dem Himmel empor zu steigen.
Diese einzigartige selbstdarstellerische Fähigkeit, welche ich vermutlich den nicht funktionierenden Synapsen in meinem Kopf zu verdanken hatte, inspirierte mich zum Schreiben dieses Buches.
Sollten Sie nun hoffen, ein literarisch intellektuelles Meisterwerk über den Sinn unseres Lebens vorzufinden, so muss ich Sie leider enttäuschen. Das Einzige, was Sie zwischen den einzelnen bedruckten Seiten finden werden, erscheint auf den ersten Blick genauso sinnlos wie die Erfindung der deutschen Firma „Take-2-Design“, welche mit dem Eierschalensollbruchstellenverursacher (Kurzname „Clack“) im Jahr 1998 den Vogel abschoss.
Auch wenn die Aussprache des Eier-schalen-sollbruch-stellen-verursachers einem schon im nüchternen Zustand Schwierigkeiten bereitet, sollten Sie es spaßeshalber mal versuchen, unfallfrei über Ihre Lippen zu bekommen, nachdem Sie sich eine Flasche feinsten französischen Rotwein hinter die Binde gekippt haben. Eines kann ich Ihnen versprechen: Sie werden daran genauso gnadenlos scheitern wie ich.
Eines hat die Firma „Take-2-Design“ jedoch mit Bravour erreicht: Sie war fortan mit ihrem Produkt, dem Eier-schalen-sollbruchstellen-verursacher, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit in aller Munde, oder besser gesagt auf dem Ei.
„Die höchste Form des Glücks ist ein Leben mit einem gewissen Grad an Verrücktheit.“
Erasmus von Rotterdam (1466-1536)
Geburt und Rebellion
Jeder einzelne von uns, egal ob Männlein oder Weiblein, erblickte entweder aus Liebe, dem Vergessen der Pille, einer Lüge am Partner, dem Riss im Kondom oder aufgrund der Angst vor dem völligen Alleine-Sein früher oder später nach monatelanger Dunkelheit im Mutterleib das Licht der Welt.
Für die einen von uns verlief das Verlassen des Geburtskanals und das damit Verbundene automatische Erscheinen auf dieser Welt normal, für andere von uns wiederum war es ein beschwerlicher, ja wenn nicht sogar lebensbedrohlicher Weg. Im Jahr, des Monats, des Tages, der Stunde, der Sekunde, als wir als kleine, neue Erdenbürger die ersten eigenständigen Atemzüge nach der sprichwörtlichen Abnabelung durch die Hebamme in einer uns völlig unbekannten fremden Welt vollzogen haben, begleitete uns fortan unser Sternzeichen und unser ganz persönlicher Aszendent. Unser Sternzeichen und unser Aszendent ist bis hin zu unserem eigenen nicht mehr unumkehrbaren Tod, welcher unweigerlich mit unserem Leben verbunden ist, Bestimmung und Lebensprophezeiung zugleich.
Einige von uns gehen in die Politik, andere werden Professor: innen, Doktor: innen und wiederum andere in unserer Gesellschaft werden Held: innen, Rebell: innen oder Fachlehrkraft an einer Hauptschule in Berlin-Neukölln. Und dann gibt es jene unter diesen scheinbar weißen, unbefleckten DIN-geformten Einheitsschafen, die werden wie ich, dieses eine schwarze Schaf in einer Herde voll weißer.
Um es mit einem Zitat aus der Feder des weltberühmten britischen Schriftstellers des viktorianischen Zeitalters wiederzugeben:
„Ich kann nicht zurück ins Gestern gehen, da ich dort eine andere Person war!“
Lewis Carroll (1832-1898)
In einer lauen Frühlingsnacht, in den späten siebziger Jahren bei meiner Geburt, verlief im Kreißsaal anfänglich alles so, wie man es von einem zukünftigen linientreuen Mitglied in unserer ehemaligen Sozialistischen Einheitspartei der Deutschen Demokratischen Republik erwarten sollte. Die Hoffnung und die Annahme durch die staatsbedienstete Hebamme, dass meine Mutter gleich den Arbeitern und Bauern im Staate unserer Republik ein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft gebären würde, zerplatzte wie eine langsam zu Boden sinkende Seifenblase in dem Moment, als die Hebamme mich mit dem Kopf voran aus der unteren Körperhälfte meiner Mutter zog, die Nabelschnur durchtrennte und ich umgehend eigenständig zu atmen und zu schreien begann. Meine spitze Kopfform und mein eingerolltes linkes Ohr, welche zum Zeitpunkt nach Verlassen des Geburtskanals im von gut Eintausend-Watt-Neonröhren ausgeleuchteten sterilen Deutschen Demokratischen Einheitskreißsaal eine erste Enttäuschung für die anwesende Hebamme, meine Eltern und insbesondere den in gut drei Metern Höhe hängenden eingerahmten Staatsratsvorsitzenden gewesen sein mussten, sollten mir erst viele Jahrzehnte später bei der genaueren Betrachtung meiner Geburtsbilder für dieses Buch in den Sinn kommen.
Die spitze Form meines Kopfes erinnerte mit einhundertprozentiger, ja nicht sogar tausendprozentiger Sicherheit an die des weltbesten glatzköpfigen Schauspielers des 21. Jahrhunderts, Patrick Stewart, welcher in seiner Rolle als Captain eines ziemlich großen Raumschiffs für sein kompetentes, weitreichendes und diplomatisches Geschick gegenüber seiner Crew und der Sternenflotte in den Weiten des Weltalls wertgeschätzt wurde und all jene Eigenschaften aufwies, welche mir als im Sternzeichen Widder Geborenem von Geburt an fehlen sollten. Gott sei Dank bildete sich die Keilkopfform, welche eher an einen Kegel als an einen Kreis erinnerte, im Laufe der Jahre zurück.
Anders als bei meinem Kopf, sollte sich dies jedoch bei meinen beiden Ohren gestalten, welche nach dem Verlassen des Geburtskanales nicht die erwartete und erhoffte Form eines schönen Schmetterlings annahmen, sondern die eines afrikanischen Steppenelefanten, welcher nicht nur als schwerstes Landsäugetier mit mehr als sechs Tonnen Lebendgewicht den unangefochtenen ersten Platz in den naturwissenschaftlichen Büchern über die Tiere der Erde einnimmt. Nein, dieses Säugertier mit dem lateinischen Namen Loxodonta africana beeindruckte anerkannte und promovierte Biologen nicht nur mit seinem stattlichen Gewicht, sondern auch mit seinen überdimensional großen Ohren, welche mit der Breite von 1,20 Meter und einer Höhe von fast 2,00 Meter größer schienen als die eines ausgewachsenen mitteleuropäischen Homo sapiens. Hierbei sollte es für außenstehende Person keine nennenswerte Rolle spielen, ob es sich bei diesen monströsen, respekteinflößenden afrikanischen Elefantenohren um die eines männlichen Bullen oder die einer weiblichen Kuh handelte.
Zurück zu mir. Wie aus dem Nichts stand beziehungsweise krabbelte ich als kleiner, neuer, bedingt demokratischer Anti-alles-willkommens-Bürger mit meinen immensen, halb eingerollten Elefantenohren durchs Leben, ohne dass mich meine Eltern und Großeltern vorher jemals fragten, ob ich es denn überhaupt in Betracht gezogen hätte, mein Dasein im Hier und Jetzt auf dieser Welt zu fristen.
Während in den...




