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E-Book

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

Weiss Scharlatan


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-455-81066-0
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

ISBN: 978-3-455-81066-0
Verlag: Hoffmann und Campe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Hamburg, 1706. Der Advokat Hinrich Wrangel bricht zu einer brisanten Mission nach Königsberg auf. Doch dort wird seine Kutsche überfallen, er verschwindet spurlos. Nur seine Frau Ruth ist überzeugt, dass er noch lebt. Ihre gefahrvolle Reise durchs kriegsgebeutelte Europa führt bis nach St. Petersburg und ruft mächtige Feinde auf den Plan. Nach dem großen Erfolg von "Schandweib" der neue historische Roman von Claudia Weiss.

Bei der ebook-Ausgabe handelt es sich um ein enhanced eBook, das die Reise Ruth Wrangels multimedial nachvollziehbar macht. So lassen sich alle angeführten Orte durch eine Vielzahl an Detailkarten lokalisieren. Neben vielfältigen Hintergrundinformationen enthält das eBook außerdem Videos, Bildergalerien, Originalakten und weitere Features, die die Hintergründe des historischen Romans beleuchten.

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Prolog
»Dem Teufel selbst würden sie sich wohl verschreiben, um ihr erbärmliches Schicksal zu lindern.« Angewidert wandte sich Paul Ankermann, ein wohlhabender junger Kaufmannssohn aus Hamburg, von den dicht beieinander stehenden Bauern ab, die in staubschmutzigen Hemden und Holzpantinen den Blick nach Westen richteten, dem Meer entgegen, in der Hoffnung auf die ersehnten Regenwolken. Seit März war in jenem Frühjahr 1697 kein Regen mehr auf die Norddeutsche Tiefebene niedergegangen. Der Wasserstand der Elbe war so tief gesunken, dass die großen Segler nicht in den Hamburger Hafen einlaufen konnten, sondern selbst mit der Hilfe des Tidenhubs nur noch bis Wedel kamen. Hier endete der aus dem dänischen Viborg kommende Ochsenweg, der dem Marktflecken einen bedeutenden Ochsenmarkt sowie einen großen Anleger für Schiffe beschert hatte, um das noch zuvor in den Elbmarschen gemästete Vieh mit gutem Gewinn zu verschiffen. Doch zur Zeit legten hier nicht nur mit Ochsen befrachtete Kähne ab, sondern auch die großen Fleuten, seetüchtige Schiffe, die über mehrere Masten und meist auch über genügend Geschütze verfügten, um sich und ihre Waren, wenn nötig, verteidigen zu können. Am Nachmittag des 26. Juni 1697 lag die Angelina, eine prächtige Fleute, am Kai und wartete auf die Flut, um in Richtung Amsterdam auszulaufen. Paul Ankermann war bereits am frühen Morgen von Hamburg aus mit der Kutsche nach Wedel gekommen, denn die Angelina sollte ihn über Amsterdam nach Salvador, der alten Hauptstadt Brasiliens, bringen, wo seine Verlobte und ein neues Leben als Besitzer einer Zuckerplantage auf ihn warteten. Eigentlich hätte die Angelina schon vor gut zwei Stunden auslaufen sollen, aber der Tidenhub war nicht stark genug gewesen für die Untiefen der Elbmündung, und der Kapitän musste auf die nächste Flut in den frühen Morgenstunden warten. Missmutig über diese Reiseverzögerung und die noch so vielen abzuwartenden Stunden stampfte Ankermann mit seinem schwarzen Schnallenschuh auf den trockenen Boden, sodass sich eine kleine Staubwolke erhob und die Schuhe mit einem braunen Schleier überzog. »Johann! Mach sie sofort sauber!« Ein junger Diener, der gerade dabei war, mit zwei Stauern über den Preis des Verladens der Koffer seines Herrn auf das Schiff zu verhandeln, drehte sich um, erfasste kurz die Situation und schien noch abzuwägen, ob er den Stauern den geforderten Preis zahlen und sogleich zu seinem Herrn eilen oder doch erst noch einen besseren Handel herausholen sollte. »Sitzt du auf deinen Ohren? Komm endlich her und putz meine Schuhe!« Der Diener überlegte nicht länger. Schnell schlug er ein, gab den Stauern die geforderten Pfennige und eilte dann zu seinem Herrn. Aus seiner Rocktasche holte er ein weiches Tuch, hockte sich vor Ankermann nieder und begann dessen Schuhe zu polieren. »Immer muss ich dich zweimal rufen. Was bist du nur für ein nichtsnutziger Diener. Da zahl ich dir gutes Geld und nehm dich sogar auf meine Kosten mit in die Neue Welt, aber du trödelst herum und schwätzt mit dem Gesindel.« »Ich war gerade dabei, den Preis für das Verladen Eures Gepäcks auszuhandeln, Herr, darum …« »Mach auch den Absatz sauber!« Ankermann drückte dem Diener seinen Schuh auf das Knie und drehte ihm die Ferse entgegen. Der wich kurz mit seinem Gesicht zurück, nahm dann aber das Tuch in beide Hände und rieb kräftig den Absatz ab, von dem sich ein Stück Kuhfladen löste und gegen seine Hand ?og. »Was hast du ihnen für das Verladen gegeben?« »Fünf Pfennige, Herr.« »Etwa jedem von ihnen? Lässt mich nicht nur warten, sondern schmeißt auch noch mit meinem Geld herum. Wie gut, dass mein armer Vater das nicht mehr erleben muss. Sonst hätte er sich noch gegrämt, dass er dich zu uns ins Haus genommen, dir sogar lesen, schreiben und rechnen beibringen ließ, damit du auch mal im Kontor deinen Dienst verrichten könntest. Aber das ist ja nun hinfällig. Und was ich mit dir in Brasilien anstellen werde, überlege ich mir auf der Reise.« Der Diener senkte den Blick, sodass der Herr sein wütendes Funkeln nicht sah, und schwieg eisern. Im Herbst 1696 war der alte Ankermann gestorben. Sein einziger Sohn Paul erbte das gut laufende Kontor in der Deichstraße und ein stattliches Vermögen. Aber Paul Ankermann hatte niemals Neigung gezeigt, das hanseatische Kaufmannsleben seines Vaters fortzusetzen. In den letzten Jahren vor dessen Tod war er zwar viel für das väterliche Kontor gereist, hatte Monate in Lissabon zugebracht und dort auch seine Verlobte kennengelernt, hatte aber nie ein Hehl daraus gemacht, dass sein Herz nicht für Hamburg schlug, sondern ihn die große weite Welt mit ihren Abenteuern und Vergnügungen lockte. Als ihm schließlich das Familienvermögen zufiel, verkaufte er kurzerhand das Kontor und erwarb stattdessen eine Plantage unweit von Salvador, wo der Vater seiner Braut eine wichtige administrative Position für die portugiesische Regierung innehatte. Paul Ankermann war ein hitziger junger Mann. Von der Natur mit einem ansehnlichen Äußeren beschenkt, hatte er nur wenig Pflege für seine inneren Qualitäten aufgebracht. Zwar verfügte er über einen scharfen Verstand und Entscheidungsfreude, aber beides durch präzises Kalkül zu schärfen schien ihm nie in den Sinn gekommen zu sein. Schließlich war er von jeher gewohnt, dass man sich seinem Willen beugte, und wenn nicht, forderte er den Gehorsam rücksichtslos ein. Sein Diener Johann, kaum älter als er selbst, arbeitete schon seit frühester Jugend für ihn. Ankermann hatte sich so daran gewöhnt, ihn ständig um sich zu haben und seine Launen – die guten wie die schlechten – an ihm auszuleben, dass er schon regelrecht zum Schatten seines bisherigen Lebens geworden war. Ohne Johann wäre Paul Ankermann kaum in der Lage gewesen, seine Morgentoilette durchzuführen oder geregelte Mahlzeiten einzunehmen. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – schien es des öfteren so, als könne der Herr seinen Diener nicht ertragen. Doch auch Johann, der selten ein Wort zu viel verlor und mit Sorgfalt und Bedacht seine Pflichten erfüllte, drohte die Last des Dienstes manchmal die Luft zum Atmen zu nehmen, wie auf diesem staubigen Platz vor dem einzigen Wirtshaus in Wedel, das noch ein angemessenes Logis für die kurze Nacht zu bieten hatte. Als er endlich die Schuhe gereinigt hatte und Ankermann sich bequemte, seinen Fuß von Johanns Knie zu nehmen, wischte er sich wortlos die Finger am dreckigen Tuch ab und steckte es wieder in seine Rocktasche. Dann wandte er sich den Stauern zu, die ihn anglotzten und nicht mehr zu wissen schienen, ob sie dem Handel mit ihm nachgehen und das Gepäck des Herrn auf das Schiff verladen sollten. »Reicht euch der Groschen etwa nicht? Macht euch an die Arbeit und schafft die Koffer an Bord! Aber geht sorgfältig mit ihnen um. Mein Herr schätzt keinen Dreck an seinen Sachen.« Damit wandte er sich ab und ging zum Wirtshaus, um das angemietete Quartier zu begutachten, damit sein Herr sich für ein Nickerchen zurückziehen konnte. Die frühsommerliche Hitze brannte auf den Marktflecken nieder, und die schwüle Luft erschwerte jeden Atemzug. Eine Herde Ochsen stand eng zusammengepfercht auf einem sandigen Platz. Die Tiere schlugen unaufhörlich mit ihren Schwanzquasten nach den Mücken und Fliegen, die die Leiber bedeckten und die Luft mit einem aufdringlichen Surren erfüllten. Einige junge Frauen in der Tracht der Elbmarschen schleppten Körbe mit armseligen Kräutern, kleingeratenem jungen Gemüse, Brot und Eiern zum Kai, um es dort den Reisenden als Proviant zu verkaufen. Ihre Schürzen und Hauben waren mit braunem Sandstaub bedeckt, und sie zwinkerten mit den Augen, als wollten sie den Staub aus den Wimpern vertreiben. Kräftige junge Burschen schleppten Säcke und Kisten auf die Angelina, die nahezu reglos im Wasser lag, die Segel gerefft und die Flagge am Hauptmast schlaff herunterhängend. Viel zu langsam verstrich die Zeit bis zum Abend, viel zu mühsam war jede Bewegung. Endlich schlug die nahe Turmuhr die sechste Stunde des Nachmittages, und der Schankwirt stach ein frisches Fass Bier an. Es dauerte nicht lange, bis sich gut zwei Dutzend Männer mit verschwitzten Gesichtern um die Theke der Schankstube drängten und durstig nach einem Krug Bier verlangten. Als Ankermanns Diener Johann kurze Zeit später die Stube betrat, war kaum noch ein Platz zu finden. Sämtliche Tische und Bänke waren bereits besetzt, und die Mägde trugen mit erhobenen Armen in jeder Hand vier Krüge Bier durch die laut durcheinander redende Menschenmenge. Dem jungen Mann waren Durst und Müdigkeit anzusehen. Das Gesicht war staubbedeckt, die Haare waren verklebt und die Lippen rissig. Die letzten drei Stunden hatte er zunächst die Kleider seines Herrn ausgebürstet und gereinigt, während Ankermann in einer kühlen Kammer schlief, dann hatte er das verladene Gepäck kontrolliert und festgestellt, dass die Burschen die Koffer schlecht gestapelt hatten. Danach hatte er die Kabine seines Herrn inspiziert, noch einmal durchgefegt und gelüftet. Zu guter Letzt schließlich hatte er den Frauen auf dem Kai etwas Obst abgekauft und es in der Kabine in einer Schale für die Reise drapiert. Nun schob er sich durch die überfüllte Schankstube bis an den Tresen und verlangte ein Bier. Die Männer neben ihm stanken nach Schweiß und Fisch, doch auf ihren Gesichtern zeichnete sich bereits die entspannte Fröhlichkeit ab, die sich gewöhnlich nach ein, zwei Krügen Bier einstellte. Der Wirt schob dem Diener einen frisch gezapften Krug über den Tresen, deutete dabei aber auf die nach oben führende Treppe und...


Weiss, Claudia
Claudia Weiss, Jahrgang 1967, ist promovierte Historikerin und Privatdozentin. Sie hat in Hamburg und Moskau Geschichte, Slawistik und Geographie studiert und im Anschluss zwölf Jahre als Osteuropa-Historikerin in Deutschland, Frankreich sowie Russland geforscht und gelehrt, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Neben wissenschaftlichen Fachpublikationen schrieb sie für GEO Epoche und veröffentlichte Das Reich der Zaren, einen Sachbildband. 2011 erschien ihr gefeierter historischer Roman Schandweib, der erste Auftritt für die Protagonisten Ruth und Hinrich Wrangel.



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