Weinland Maddrax - Folge 276
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-8387-0575-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Genesis des Arthur Crow
E-Book, Deutsch, Band 276, 64 Seiten
Reihe: Maddrax
ISBN: 978-3-8387-0575-0
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Matthew Drax hat ihn in einer Waffenanlage der Hydree am Südpol zurückgelassen, mit den letzten beiden U-Men, einigen Vorräten - und dem bionetischen Wesen, das die Anlage steuert, dem Koordinator. Seitdem sinnt General Arthur Crow, besiegt und gedemütigt, auf Rache. Doch wie soll er aus dem Ewigen Eis entkommen?
Dann bietet sich ihm eine bizarre Möglichkeit. Eine, die sein ganzes zukünftiges Leben ändern wird...
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1.
Selbst die Augenbewegung fiel schwer. Sie schien gegen Crows ureigenen Willen ankämpfen zu müssen, obwohl er doch unbedingt sehen wollte.
Dann hörte er Schritte.
Wuchtig und zugleich stoisch.
Über Arthur Crow tauchten die Umrisse zweier von ihm geschaffener Doppelgänger auf – Warlynnes. Offenbar noch intakt und ihrem Herrn wie aus dem Gesicht gemeißelt.
Crow wollte etwas zu ihnen sagen, aber außer einem heiseren Krächzen kam zunächst kein Ton aus seiner Kehle. Dafür sprachen die weiterentwickelten U-Men, deren Plysteroxskelett täuschend echt mit aus Leichenteilen gewonnener Biomasse überzogen war.
„Können wir helfen, Sir?“
Der Linke stellte die Frage. Respektvoll, wie es sich gehörte.
Crow erkannte Bonaparte in ihm. Er versuchte zu antworten, doch seine Zunge gehorchte ihm noch immer nicht.
„Sir?“ Der rechts stehende Warlynne – Alexander, erkannte Crow auch diesen – wirkte argwöhnisch. Sein Blick wanderte vom General weg, kehrte aber sofort wieder zurück. Mit einer Geste machte Alexander seinen Zwilling offenbar auf etwas aufmerksam, was ihm aufgefallen war oder verdächtig erschien.
Beide rückten plötzlich von Arthur Crow ab. Ihre Gestalten verschwanden aus seinem Blickfeld. Er hörte aber weiterhin, wie sie sich bewegten und miteinander redeten – beziehungsweise zu ihm sprachen.
„Sir! Wir kümmern uns darum, keine Sorge. Wir werden …“
Crow richtete sich ruckartig vom Boden auf – wobei er das Gefühl hatte, aufgerichtet zu werden. Ebenso verhielt es sich, als sein Kopf sich halb nach rechts, dann nach links und wieder zurück drehte. Auch diese Handlung schien ein anderer für ihn zu vollziehen.
Seine beiden Warlynnes hatten ihre Waffenarme erhoben und zielten damit auf …
… mich!
Vielleicht bedurfte es dieses letzten Steinchens im Mosaik der Geschehnisse, um Arthur Crow begreifen zu lassen, was an der ganzen verdammten Situation nicht stimmte.
Mit ihm stimmte es nicht mehr. Eine jahrtausendealte Stimme erklang in ihm – und er gehorchte.
„Senkt die Waffen!“, befahl er den Warlynnes. Sein Tonfall war fast wieder der alte. Befehlsgewohnt und autoritär.
Die beiden Maschinenmenschen zögerten. Er konnte förmlich sehen, wie es hinter ihrer Stirn arbeitete, dort wo Technik ein lebendiges Gehirn ersetzte.
Sie waren intelligent, verfügten über Crows strategisches Denken. Sie würden nicht in blinden Eifer verfallen und sich zu etwas hinreißen lassen, das die bislang nur unterschwellig köchelnde Bedrohung zur Eskalation brachte.
„Senkt die Waffen!“, wiederholte er fest. „Es ist alles gut. Ich spreche als freier Mann zu euch.“ Die Lüge kam ihm schmerzhaft leicht von den Lippen. „Bonaparte, Alexander … was ihr seht, hat keine Bedeutung. Gehorcht! Ich verlange von euch …“
Die beiden männlichen Warlynnes mit den von Crow verliehenen Eigennamen Alexander und Bonaparte zuckten wie unter einem schwachen epileptischen Anfall. Der Chip in ihrem Kopf enthielt sorgsam ausgewählte Fragmente von Crows Bewusstseinsprofil. Genau die Dosis und genau das Maß an Eigenständigkeit, das er seiner kybernetischen Armee zubilligte. Aber offenbar kam es gerade zu einem weitreichenden Konflikt in der Programmierung der halborganischen Roboter.
Die zu tödlichen Laserwaffen ausgebildeten Finger der mechanischen Doppelgänger senkten sich nicht. Sie schwenkten nur unablässig mal ein paar Zentimeter nach rechts und dann nach links. Zwischendurch verhielten die Mündungen immer wieder auf Crows Brust.
Als die Abstrahlpole der auf ihn gerichteten Waffen hässlich zu glimmen begannen, entschied er sich, den Befehl zur Selbstvernichtung zu geben.
Die Warlynnes waren auf ihn konditioniert. Diese Grundjustierung ließ ihnen keinen Spielraum. Sie mussten jedem seiner Befehle gehorchen und würden sich ohne Zögern –
Narr!, schalt Crow sich selbst – oder war es etwas anderes, das ihn maßregelte? Sie gehorchen dir schon die ganze Zeit nicht mehr. Sie bemerken den personifizierten Widerspruch, den du darstellst. Sie erkennen den Unterschied zu dem Mann, der ihnen befehlen darf – und dem Mann, dem befohlen wird.
Und so war es.
Der Herr dieser Hydritenstation, der Koordinator, ließ kurz die Zügel schießen. Crow war plötzlich in der Lage, die Hand zu heben und in seinen Nacken zu lenken, wo sich ein tentakelartiger Strang förmlich in Haut und Fleisch verbissen hatte.
Wie ein Déjà-vu überkam den General die Erkenntnis, nun schon zum zweiten Mal auf diese Weise versklavt zu werden. Unterschwellig hatte er es längst geahnt, trotzdem lähmte ihn die gerade erlangte Gewissheit regelrecht.
„Wir befreien Sie, Sir!“, hörte er den Warlynne zu seiner Rechten leidenschaftlich rufen – Bonaparte. „Sie können sich auf uns verlassen!“
Im Vorstürmen schnellte eine schmale Klinge aus einem Finger des Maschinenwesens. Sie schnitt durch die Luft, versuchte den Strang zu durchtrennen, über den der Koordinator des Flächenräumers Arthur Crow unter seine geistige Knute zwang.
Zu diesem Zeitpunkt hielt Crow es noch für durchaus möglich, dass seine „Kinder“ ihn aus dieser misslichen Lage befreien würden.
Doch das lautlose Gelächter in seinem Kopf belehrte ihn schnell eines Besseren, und er begriff, dass für seinen unmenschlichen Gegner die Warlynnes kaum mehr als bizarres Spielzeug waren …
… das er im nächsten Moment wie ein jähzorniges Kind zu Boden schmetterte.
Crow musste hilflos mit ansehen, wie die oberste Kontrollinstanz der Hydritenstation seine beiden Warlynnes synchron schrottete. Die verborgene Natur der beiden Maschinenmenschen hätte sie eigentlich gegen eine solche Attacke schützen müssen – die Biomasse mochten die Tentakel mit Leichtigkeit beschädigen oder durchbohren können, aber anders als bei einem echten Lebewesen fanden sie danach keinen Anschluss an ein zentrales Nervensystem.
Trotzdem wurden Bonaparte und Alexander vor Crows Augen zerlegt. Eine Serie von Explosionen in ihrem Inneren zerfetzte die Hüllen und legte die wahre Natur der U-Men bloß.
Obwohl Crow keine tieferen Gefühle für die beiden Warlynnes hegte, bedauerte er ihren Verlust, weil damit auch die letzte Chance, dem Griff des Koordinators zu entrinnen, verspielt schien.
„Wie … hast du das gemacht?“, keuchte er. Die Verwunderung darüber, dass er sich wieder seiner Stimmbänder bedienen konnte, hielt sich in Grenzen. Er spürte, dass dies ein Zugeständnis war, das jederzeit widerrufen werden konnte. Das bionetische Gehirn der Station hatte die Situation vollkommen unter Kontrolle.
Und ihn auch.
Kurzschluss, formten sich Worte in seinem Geist. Ich kann beliebig starke Energieströme durch meine Ausleger leiten. – Kostprobe gefällig?
Crow spürte, wie er sich verkrampfte. „Nein, danke“, krächzte er. Seine Stimme schien von den Wänden des Raumes widerzuhallen. Der ganze Komplex wirkte irgendwie organisch, was dem General nicht zum ersten Mal auffiel. Man fühlte sich in den Körper einer außerirdischen Monstrosität versetzt. Auch weniger ängstliche Naturen hätten daran zu knabbern gehabt.
„Und wie … geht es jetzt weiter?“, fragte er.
Mit dir – oder mit mir?
„Mit mir.“
Für dich habe ich mir etwas ganz Besonderes ausgedacht. Doch dafür musst du erst noch sterben …
Was sollte daran so besonders sein, gleich hinterrücks umgebracht zu werden?
Arthur Crow hatte plötzlich einen bleiernen Geschmack im Mund. Nachdem er gerade Zeuge geworden war, wie spielerisch leicht der Koordinator die beiden Warlynnes zerstört hatte, war für ihn klar, dass er im Ernstfall keine Chance gegen dieses Ding hatte.
Nicht, wenn es ernst machte. Und danach sah es aus.
Das, was in Crows Nacken steckte, drehte sich plötzlich ohne weitere Vorwarnung. Als wollte sich die Spitze des Tentakels durch Wirbelsäule und Kehlkopf fräsen und auf der anderen Halsseite wieder austreten.
Crow hatte das Gefühl, den Kopf abgerissen zu bekommen. Dass er überhaupt noch zu solchen Gedanken fähig war, bewies zwar, dass es sich dabei um reine Einbildung handelte, dennoch versank der General für unbestimmte Zeit in einem Meer der Marter. Er litt nicht länger Schmerz – er war Schmerz. Nichts anderes mehr. Seine Existenz verdampfte zu einem Destillat, das nur noch eines war: QUAL.
In einem kurzen lichten Moment sah er, dass die Stränge, die Bonaparte und Alexander zur Explosion gebracht hatten, nun ihn umschlangen und als hilfloses Bündel quer durch den Raum schleiften, bis zu der Stelle, wo die ovale Fläche des Koordinators in die Wand eingelassen war. Das Oval hatte Ähnlichkeit mit der Iris eines menschlichen Auges, nur dass es um das Tausendfache größer war. Die äußere Fläche war glatt wie ein Spiegel oder eine Mattscheibe. Der Koordinator hatte die Möglichkeit, Zeichen darauf zu projizieren.
Crow wusste nicht, wie diese organische Technik funktionierte, die die Hydriten zur Perfektion entwickelt hatten. Aber er benutzte ja auch einen Driller, ohne dass er im Stande gewesen wäre, ihn nachzubauen.
Manchmal war es nicht wichtig, etwas bis ins Detail zu...




