Weimar-Mazur | ich grabe nach den bleistiften homers | Buch | 978-3-7455-1176-5 | www2.sack.de

Buch, Deutsch, 100 Seiten, Format (B × H): 126 mm x 206 mm, Gewicht: 138 g

Reihe: Edition Exemplum

Weimar-Mazur

ich grabe nach den bleistiften homers

Gedichte
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-7455-1176-5
Verlag: Athena-Verlag

Gedichte

Buch, Deutsch, 100 Seiten, Format (B × H): 126 mm x 206 mm, Gewicht: 138 g

Reihe: Edition Exemplum

ISBN: 978-3-7455-1176-5
Verlag: Athena-Verlag


Der Schmerz gebiert Poesie, schon seit jeher. Hätte sich Daphne nicht dem Zugriff Apollos entzogen, indem sie sich in einen Lorbeerbaum verwandelte, würde sich heute niemand mehr an ihn als den Gott der Dichtung erinnern. Nie wäre der Mythos vom Poetae laureati mit dem entsprechenden Lorbeerkranz entstanden, hätte es nicht diese tragische Geschichte gegeben. Gleiches gilt für einen weiteren Schutzpatron der Lyrik, nämlich Orpheus. Ohne den Tod seiner Eurydike wäre sein elegischer Gesang auf immer vergessen. Werner Weimar-Mazur, der seine neuen Gedichte schon zu Beginn vor dem epischen Panorama von Odysseus und Homer aufspannt, weiß eben ganz genau um jene kulturgeschichtlich verbürgte, inspirierende Kraft von Trauer und Schwermut. Passend zur Leidensästhetik hat sein von diversen Symptomen geplagtes, lyrisches Ich natürlich sämtliche Medizinbücher studiert. Und so überrascht es kaum, dass die Poeme als solche nicht glattgebügelt erscheinen. Im Gegenteil: »ich lege mein neues portfolio mit dichtung auf / nur ungereimtheiten kein hochglanz«.
Wo sich im wahrsten Sinne des Wortes nichts mehr so richtig reimen will, haben wir es oft mit Stückwerk zu tun: »das jahr geht / in die brüche // in den scherben spielen kinder / sammeln glas splitter / allen unrat den ein leben / hinter lassen hat«. Zerbrochenes, Loses, Fetzenartiges findet sich in den Miniaturen. Mal trifft ein Textsubjekt unverhofft darauf, mal entsteht es etwa durch die Einwirkung eines Schlags auf Fensterscheiben. Dann »klirrt aus den splittern ein gedicht«, das erst gar nicht den Versuch unternimmt, einen falschen Trost in einer falschen Welt vorzugaukeln. Die Melancholie, jener dunkle Stern, von dem alle Energie dieses Bandes ausgeht, darf bleiben und für sich wirken. (Aus dem Nachwort von Björn Hayer)

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Weitere Infos & Material


die melancholie der langen tage

die leere wäscheleine vor dem küchenfenster
im wind verwehen kindheiten
der vater sammelt monde
und hängt sie an die wohnzimmerdecke
dass sie ein leben erleuchten
die mutter brät die aufgeschnittenen hefeklöße vom vortag an
hefeklöße mit blaubeeren

die jungferngasse am ersten mai
klaviermusik durchs offene fenster
eine straßenmusik eine wassermusik
die orla hinab bis in die saale

schräg fällt das licht der leuchtreklame ins zimmer
die träume blinken in vielen farben
buchstabensuppe
ich beginne zu lesen

der vater entwirft häuser
die er sich nie leisten kann
die nie gebaut werden
der lagerverwalter führt genau buch
die stenotypistin nimmt das diktat auf

manchmal wenn es ganz still ist im haus
höre ich das geklapper der schreibmaschine
oder der bleistift kratzt hieroglyphen aufs papier
graffiti aus einer anderen zeit
aus einem anderen leben
als ob hinter dem vorhang jemand atmet


Werner Weimar-Mazur wurde 1955 in Weimar geboren. Er wuchs in Karlsruhe auf, wo er Geologie studierte. Bis 2021 arbeitete er als beratender Ingenieurgeologe. Heute lebt er in Waldkirch in der Nähe von Freiburg. Er schreibt seit 1970 und veröffentlicht seit 1995 Lyrik und Prosa. Mit »ich grabe nach den bleistiften homers« liegt sein sechster Gedichtband vor. Seine Gedichte und Kurzprosa sind in zahlreichen Zeitschriften und Anthologien erschienen. Er ist Mitglied im Literatur Forum Südwest (Literaturhaus Freiburg), in der Literarischen Gesellschaft Thüringen (Weimar), in der Literarischen Gesellschaft Scheffelbund (Karlsruhe) sowie im Netzwerk Lyrik (Berlin).



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