E-Book, Deutsch, Band 2, 400 Seiten
Reihe: Kühn
Weiler Kühn hat Ärger
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-492-99105-6
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, Band 2, 400 Seiten
Reihe: Kühn
ISBN: 978-3-492-99105-6
Verlag: Piper ebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Jan Weiler, 1967 in Düsseldorf geboren, ist Journalist und Schriftsteller. Er war viele Jahre Chefredakteur des SZ Magazins. Sein erstes Buch »Maria, ihm schmeckt's nicht!« gehört zu den erfolgreichsten Büchern der vergangenen Jahrzehnte. Es folgten unter anderem: »Antonio im Wunderland« (2005), »Mein Leben als Mensch« (2009), »Das Pubertier« (2014), »Kühn hat zu tun« (2015), »Im Reich der Pubertiere« (2016) sowie zuletzt »Und ewig schläft das Pubertier« (2017) und »Kühn hat Ärger« (2018). Jan Weiler verfasst zudem Hörspiele und Hörbücher, die er auch selber spricht. Jan Weiler lebt in München.
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2. Morgens auf der Weberhöhe
Früher konnte man nachts vom Weltraum aus genau erkennen, wo Belgien liegt, weil die Autobahnen des Landes durchgehend beleuchtet waren. Belgien sah im Dunkel der Welt aus wie ein Glutnest. Doch inzwischen haben sie das Straßenlicht aus Kostengründen abgeschaltet, und es gibt überall auf der Welt Glutnester. Die Erde funkelt in der Nacht, als leuchtete sie von innen und stünde kurz vor der Explosion. Sie dreht sich scheinbar knisternd und erglimmt und erlischt ständig, denn irgendwo auf der Welt ist immer gerade Abend oder Morgen, irgendwo geht gerade die Sonne auf und die Straßenlaternen schalten sich ebenso ab wie die Neonreklamen und die Haltestellenbeleuchtungen. Der Tag übernimmt das Kommando, die Wasserhähne werden aufgedreht, der Tau trocknet, die Katzen kommen heim, Kaffeemaschinen saugen Strom aus den Steckdosen, ebenso wie Haartrockner, Toaster und Herdplatten. Die Menschen ziehen Rollläden hoch oder Gardinen zur Seite, sie öffnen Fenster, um das Schlafzimmer zu lüften, sie streicheln Hunde und nehmen es mit dem neuen Tag auf, auch wenn der letzte nicht gut und der davor noch schlimmer war. Was bleibt ihnen auch anderes übrig?
Und wer kann schon wissen, was der Morgen bringt? Oder auch nicht bringt? Gewissheit? Eine neue Liebe? Ein Schreiben vom Anwalt, ein Grippevirus? Das ist das Schöne am Leben: Bei Tageslicht betrachtet, ist es niemals langweilig, selbst wenn nichts geschieht. Denn es besteht immer die Möglichkeit, es könnte etwas geschehen. Etwas Großes. Nur ein Schritt zu weit, eine letzte Mahnung, eine unüberlegte Antwort, ein bisschen zu wenig Mut oder ein Ideechen zu viel davon: und aus dem ereignislosen Tag wird ein apokalyptischer Irrsinn. Oder es ereignet sich der schönste Moment des Lebens. Ganz im Großen betrachtet, beginnt jeder Tag voraussetzungslos. Sie sind alle gleich. Die Sonne geht auf, es regnet, oder es schneit. Aber im Grunde startet jeder neue Tag mit derselben Chance.
Ob sie groß und vielversprechend ist, hängt allerdings sehr davon ab, wo man sich jeden Morgen befindet, wo man sich morgens die Zähne putzt. Auf dem Land, in der Stadt oder im Nichtsdergleichen, in der Zwischenwelt der Pendler.
Es gibt in einer Stadt wie München zwei Sorten von Bewohnern der sogenannten Stadtrandgebiete. Die einen haben es nicht nötig, in der Stadt zu wohnen – und die anderen können es sich nicht leisten. Die einen fahren später zur Arbeit als die anderen und benutzen dafür die Direktoren-Autobahn aus Richtung Garmisch. Die anderen kommen aus dem Westen, aus dem Norden oder dem Osten, viele mit dem Auto, die meisten aber mit den Öffentlichen. Sie pendeln und entvölkern tagsüber die Orte, an die sie abends müde zurückkehren.
Die Pendler gehören nicht direkt zur Stadtbevölkerung, sie leihen sich bloß die Stadt, um darin zu arbeiten. Oder umgekehrt. Pendler verleihen einem Ort keinerlei Glanz, sie tragen nicht zu seinem Ruf bei. Sie überfüllen bloß die S-Bahnen und in der Mittagspause die Strumpfabteilung bei Karstadt, wo sie schnell noch etwas besorgen. Ihre SMS-Botschaften drehen sich um die Organisation eines Lebens, das manchmal fünfzig oder sechzig Kilometer von jenem Ort entfernt stattfindet, an dem sie die meiste Zeit ihres Daseins verbringen.
Je weiter das Bett von der Stadt entfernt steht, desto früher am Morgen schiebt sich die Zahnpasta wurmhaft auf die Bürste. Desto früher werden die Schulbrote geschmiert, die Staumeldungen gecheckt und onaniert. Und selbst wenn der Weg zur Arbeit nur eine halbe Stunde dauert, so leben die Menschen vom Rand doch immer mit der Gewissheit, niemals ins Zentrum zu gehören, aus dem sie nach Feierabend wieder herausgeschleudert werden. Sie halten sich an diesem Rand fest, und das Fundament ihrer Häuser hilft ihnen dabei.
Nachdem im Süden und im Norden bereits Satellitenstädte entstanden waren, lebten seit Kurzem auch im Westen der Stadt, gerade noch auf städtischem Grund, 13 000 Münchner zur Miete oder im eigenen Heim auf dem ehemaligen Gelände einer Munitionsfabrik. In nur wenigen Jahren hatte die Stadt dort ein neues Viertel errichtet, mit Einkaufsmöglichkeiten, Schulen, einer S-Bahn-Station und Kirchen. Gemischte Bebauung, ähnlich wie damals in Neuperlach, jedoch sozialer und moderner, architektonisch ambitionierter und vielfach ausgezeichnet, mit grünen Fassaden und sehr schönen Müllkörben, für Familien und Singles, tadellos angebunden, aber dennoch draußen. Wer hier wohnte, fuhr zum Arbeiten in die City. Auf der Weberhöhe lebten die Kellner, die Buchhalter, die mittleren Angestellten und die Verkäuferinnen der großen Kaufhäuser. Hier wohnte der Mittelbau, die Lehrerinnen und Polizisten, die Verlagsmitarbeiter, die verzweifelten Rechner der Gesellschaft. Die Smartshopper und Verschuldeten, denen man noch nichts von ihrem Existenzkampf ansah. Junge Familien, die am Wochenende in Funktionskleidung zum Baumarkt fuhren, weil man dort auch zu Mittag essen konnte; hier lebten die Menschen, die den Münchnern die Bezüge für ihre schönen Sofas verkauften oder die Zugänge vor der Operation legten, die die Wurst etwas dicker schnitten und Matratzen ins Haus lieferten. Die unmittelbar vor der Vorstellung die Türen im Theater schlossen und die Meldungen für die Online-Ausgaben der Tageszeitungen kürzten.
Ab 5:30 Uhr, das konnten die Wasserwerke messen, drehten die Leute auf der Weberhöhe den Hahn auf. Eine ganze Stunde früher als in Schwabing. Und eineinhalb Stunden früher als in Bogenhausen oder Grünwald. Statistisch gesehen, ging man auf der Weberhöhe früher ins Bett und stand früher auf als in den meisten anderen Vierteln Münchens.
Die Bewohner der Weberhöhe putzten sich die Zähne unter Zuhilfenahme günstiger Pflegeprodukte und eher nicht mit Ultraschallbürsten. Die Aufsätze für eine solche Bürste kosten im Viererpack achtundzwanzig Euro. Sieben Euro für eine einzige Bürste. Im Supermarkt der Weberhöhe wurden sie daher eher selten gekauft. Und zumindest die Immobilienbesitzer der Weberhöhe putzten sich die Zähne mit ihren Sorgen, die sie bei jedem Gang durch ihre Behausung begleiteten, besonders wenn sie in die Keller gingen.
Dort blühte seit Monaten eine stinkende Flechte auf den Grundmauern, die an manchen Stellen aufplatzten wie Blätterteig. Es hatte zwischen Mitte April und Ende Mai beinahe sechs Wochen lang ohne Pause geregnet, und mit der Feuchtigkeit waren Gifte der ehemaligen Waffenfabrik in die unzureichend isolierten Mauern der Häuser gedrungen. Es war, als habe der Krieg sich die Keller mit siebzig Jahren Verspätung geholt. Das ganze Gebiet war kontaminiert, man hätte hier niemals bauen dürfen. Sagten die Hausbesitzer. Man habe nicht wissen können, dass der Boden kontaminiert gewesen sei, sagte der Bauträger. Man habe darauf vertraut, dass der Fabrikbesitzer – der für die Siedlung namensgebende Rupert Baptist Weber – tatsächlich so ehrbar gewesen sei wie jahrzehntelang angenommen. Man habe die Häuser auch im Vertrauen in dessen historisch verbriefte Integrität errichtet.
Weber hatte bis vor Kurzem als mustergültiger Widerständler gegolten, der die Wehrmacht absichtlich mit Blindgängern beliefert hatte, um den Krieg zu beenden. Doch mit dem Gift war auch die Wahrheit aus dem Boden des Geländes geschwemmt worden, denn Weber war tatsächlich ein fanatischer Nazi und Menschenquäler gewesen, der angesichts der drohenden Kapitulation der Wehrmacht das ganze Gelände seiner Fabrik absichtlich mit Hunderten Tonnen Chemikalien verseucht und sich dann das Leben genommen hatte, bevor die Amerikaner ihn hatten festnehmen können. Der Mythos vom guten Nazi hatte Weber posthum ein Museum sowie die Namenspatronage des ganzen Viertels eingebracht.
Nachdem jedoch durch ausführliche Medienberichterstattung bekannt geworden war, dass Weber beileibe kein Menschenfreund, sondern das genaue Gegenteil gewesen war, wurde die Siedlung umbenannt. Natürlich nicht offiziell, da sich der Stadtrat nicht so schnell eine Meinung bilden und erst recht nicht in Windeseile sämtliche Beschilderungen ändern konnte. Unter den Münchnern gelang die Umwidmung hingegen innerhalb weniger Wochen. Im allgemeinen Sprachgebrauch wurde die Weberhöhe inzwischen meistens »Nazihöhe« oder »Giftograd« genannt, ein doppelt gemeiner Begriff, denn er spielte auch auf die zivilisatorische Randlage der Gegend an.
Die Hausbesitzer stemmten sich zwar gegen die fortschreitende Entwertung ihrer Immobilien, aber es war ein aussichtsloser Kampf. Ein erstes Gutachten im Sommer hatte erbracht, dass es kostengünstiger sein würde, sämtliche betroffenen Häuser abzureißen und das Gelände großflächig für unbebaubar zu erklären, als die Gebäude zu sanieren. Die Kosten dafür drohten in die Millionen zu gehen, und niemand war bereit, sie zu bezahlen. Die Bauträgerfirma, eine Tochter der Reformbank, die praktisch sämtlichen Hausbesitzern der Weberhöhe den Bau ihrer Häuser finanziert hatte, weigerte sich beharrlich, die Verantwortung zu übernehmen.
In einer bemerkenswerten Pressekonferenz legte der Vorstand dar, letztlich selber ein Opfer des grausamen Webers zu sein. Der Vorstandsvorsitzende Dr. Holger Breitling, dessen öffentliche Einlassungen ihm normalerweise in stundenlangen Sitzungen von Medientrainern vorgekaut wurden, sah sich am Ende der Veranstaltung genötigt, gegen den Rat von Fachleuten das Wort zu ergreifen, und rief empört, dass nun endlich einmal Schluss sein müsse mit der Hexenjagd auf das Unternehmen. Schließlich sei doch keineswegs die Reformbau an dem Dilemma schuld, sondern das Wetter. Wenn es nicht so wahnsinnig gegossen hätte im Frühjahr, wäre die ganze Scheiße doch niemals durchgesickert. Dann...




