Weigel | Mutterschuld. | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Weigel Mutterschuld.

Thriller
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-88769-972-7
Verlag: konkursbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Thriller

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

ISBN: 978-3-88769-972-7
Verlag: konkursbuch
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Psychologin Carolin Baittinger erkennt schnell, dass an ihrem neuen Arbeits-platz etwas nicht stimmt. Ihr Chef, Leiter einer Psychiatrie, benutzt junge Patienten für seine Idee einer neuen Gesellschaft. Als sie die Missstände anspricht, schweigen die Kollegen, der Psychiater reagiert gewalttätig – und am nächsten Tag ist er tot. Carolin findet heraus, dass er die Umerziehung von Homosexuellen zu seinem Programm machte. Johanna Schach, Kommissarin und Carolins Freundin – doch sie möchte sich nicht outen – machen die unlogischen Verhaltensweisen der Jugendlichen Probleme.

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Nichts ist, wie es scheint, Gegenwart
Carolin war überzeugt davon, dass man genau hinschauen musste. Menschen und Orte verbargen oft ihre wahre Schönheit, ihre Geheimnisse und auch ihre Abgründe. Auf dem Weg zu ihrer neuen Arbeitsstelle durchquerte sie den weitläufigen Garten, der die verschiedenen Gebäude der Sigmundis-Klinik in Stuttgart miteinander verband. Weit weg vom allgemeinmedizinischen Krankenhaus lag die Abteilung für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sie stieg, dem Pfeil folgend, den Hügel hinauf. Haselnussbüsche schirmten den Garten von der Straße ab, Blumeninseln mit roten Tulpen und Vergissmeinnicht tupften die Wiese. Es roch nach frisch gemähtem Gras. Aus einem Brunnen sprudelte das Wasser über Steinstufen in eine Rinne, die den Garten durchzog. Geschwungene Kieswege, Bänke und vereinzelte Kunstwerke aus Stein schufen eine friedliche Oase. Vor dem hellgrün gestrichenen Neubau blieb sie stehen. Zwei Stockwerke aus Glas und Holz, darüber ein Flachdach. Alles wirkte frisch und freundlich. Vor dem Eingang funkelte im Sonnenlicht ein Bodenmosaik aus bunten Scherben. Es bildete ein Labyrinth. Carolin ging mit schnellem Schritt die Windungen entlang, bevor sie die Eingangshalle betrat. Am Empfangstresen saß eine junge Sekretärin und feilte ihre Nägel. »Carolin Baittinger, Professor Augenstein erwartet mich.« Die Sekretärin wies Kaugummi kauend auf eine Sitzgruppe und griff zum Telefonhörer. »Professor Augenstein, die neue Psychologin ist da«, sagte sie und betrachtete ihre Fingernägel. Während Carolin wartete, blickte sie zu den Kinderzeichnungen an den Wänden. Keine fröhlichen Strichmännchen oder bunte Kleckse, nein. Sieben Variationen der Sonnenblumen von van Gogh. Offenbar hatte jemand den Kindern das Original vorgelegt und sie aufgefordert, es abzumalen. Von derart kontrollierter Kreativität hielt sie wenig und nichts davon, dass man sie so lange warten ließ. Ungeduldig wippte sie mit dem Fuß und zupfte am Saum ihrer indischen Bluse. War das Kleidungsstück vielleicht doch zu auffällig gewählt? Wurde von einer Psychologin hier erwartet, sich dezenter zu kleiden? Es sind Kinder, die werden sich über Farbe freuen, beruhigte sie sich. Endlich erschien ihr neuer Chef, Professor Augenstein. Ein drahtiger älterer Mann mit Halbglatze und leuchtend blauen Augen. »Wunderbar, dass Sie da sind! Kommen Sie mit.« Er öffnete ihr die Tür zu einem hellen Treppenhaus, und während sie in die zweite Etage gingen, fragte er, ob sie den Weg leicht gefunden habe und von wo sie gekommen sei. Als er hörte, dass sie nicht Auto fuhr, sondern nur Fahrrad, lobte er ihre Sportlichkeit. In seinem Büro räumte er ihr einen Stuhl frei, auf dem ein Stapel Zeitschriften lag. Ringsum herrschte ein einziges Chaos. Die Regale vollgestopft mit Büchern, Akten und Papierstapeln. Selbst auf dem Boden türmten sich Berge von Papier. Psychiatrie lautete der Titel der obersten Schrift neben ihrem Stuhl. Professor Augenstein lehnte in seinem Schreibtischsessel, die Beine gemütlich übereinandergeschlagen. Zwischen hohen Papierbergen auf seinem Tisch stand eine Marienstatue. Es war eine Schutzmantelmadonna, alt und abgegriffen und so groß wie eine Handfläche. Unter ihrem geöffneten Mantel versammelte sich eine Horde Kinder. Ein Wissenschaftler mit religiösem Hintergrund? Er plauderte über das Wetter, kommentierte die neusten Beschlüsse der Stadtverwaltung mit humorvollen Bemerkungen und bedauerte, dass der Beratungsstelle, bei der Carolin zuvor beschäftigt war, die Zuschüsse gestrichen worden waren. »Für uns ist es ja ein Glück, dass Ihre befristete Stelle nicht verlängert wurde. Sie werden sich bald bei uns eingewöhnen, da bin ich sicher«, sagte er. »Beschäftigen Sie sich zunächst auf Ihre Art mit den Kindern. Für die Haupttherapie bin ich verantwortlich, sie findet alle vierzehn Tage mit der gesamten Gruppe statt.« »Nach welchem Konzept wird hier gearbeitet?« »Das hat noch Zeit, darüber können wir später ausführlich sprechen, jetzt machen Sie sich erst mal mit den Abläufen und den Jugendlichen vertraut, und wenn Sie Fragen haben, kommen Sie zu mir.« Seine ungezwungene Art war charmant. Carolin konnte sich gut vorstellen, dass er schnell das Vertrauen der Patienten gewann. An der Tür ließ er sie wieder vorangehen, und sie bemerkte seine breiten Schultern, die sich unter dem Jackett abzeichneten. In jungen Jahren musste er durchtrainiert gewesen sein. »Die Formalitäten erledigt die Personalabteilung umgehend«, sagte er. »Und Sie bekommen die nächsten Tage Ihren Vertrag. Aber jetzt sind Sie sicher neugierig auf die Jugendlichen.« Im ersten Stock angekommen, erklärte er, auf drei Türen weisend: »Ihr Büro und das der Stationsärztin befinden sich hier. Daneben liegt der große Therapieraum. Das wird Ihnen später ein Mitarbeiter zeigen.« Carolin warf einen Blick auf die kleine Warteecke vor ihrem neuen Büro. Dort standen zwei Stühle neben einem Garderobenständer, und eine kümmerliche Topfpflanze gierte nach Wasser. »Die Kinder sind in diesem separaten Trakt untergebracht.« Sie näherten sich einem Glaseingang auf der rechten Flurseite. Er war mit einer Art Alarmanlage gesichert. Die Tür wurde mit einem Schlüssel an einem Kasten, der auf Augenhöhe neben dem Türrahmen angebracht war, geöffnet. Ein Summton ertönte, und ein Lämpchen wechselte von rot zu gelb, als die Tür aufgedrückt wurde. Kaum hatte Carolin den großen Gemeinschaftsraum betreten, drückte der Professor die Tür wieder zu. »Die Station ist zurzeit geschlossen. Wir hatten eine Krisensituation«, erklärte er. »Ah, da ist ja Herr Landeck, er wird Ihnen alles zeigen. Ich muss mich nun verabschieden, im Institut wartet ein Kollege. Auf gute Zusammenarbeit, Frau Baittinger.« Er nickte ihnen zu und schloss die Tür wieder auf. Durch das Glas sah sie, wie er die Treppe hinuntereilte, als wäre das Teil seines Fitnesstrainings. Der Mitarbeiter schüttelte ihr die Hand. »Wir duzen uns hier alle, außer mit dem Chef. Ich bin Oliver.« Er mochte Anfang dreißig sein, trug einen Pferdeschwanz und Dreitagebart. Wie aus dem Nichts aufgetaucht standen plötzlich fünf Jugendliche um sie herum. Mit eigenartig starrem Blick fixierten sie Carolin. Sie hielten die Köpfe schief und schaukelten mit dem Oberkörper vor und zurück. Ein größerer Junge schmatzte. Ein Mädchen zuckte mit einer Schulter. Ein rothaariges Mädchen begann die Luft einzuziehen, sodass ein scharrendes Geräusch ertönte. Oliver lachte. »Das sind also unsere Idioten. Sagt schön Guten Tag, na los.« Carolin zuckte zusammen. »Guuutän Taaach«, stammelte ein blasser Junge, dessen Gesicht mit Aknepusteln übersät war. Plötzlich brachen alle in kreischendes Gelächter aus, rannten davon und verschwanden in ihren Zimmern. Die Rothaarige zog auffällig das Bein hinter sich her. »Das ist der Idiotentest, den machen sie mit allen Neuen.« »Und habe ich die Prüfung nun bestanden?« »Das kann man jetzt noch nicht sagen.« Oliver lächelte. Irgendwo klingelte das Telefon. »Sieh dich schon mal um, ich bin gleich wieder da«, rief er und verschwand in einem Raum, neben dem das Schild Betreuerzimmer hing. Carolin sah sich im Gemeinschaftsraum um. Beim Vorstellungsgespräch hatte es geheißen, die Kinder seien auf einem Ausflug, und man hatte ihr eine andere Station gezeigt, die dieser hier glich. Professor Augenstein hatte die Bewerbung der Personalabteilung überlassen, weil er auf einem Kongress gewesen war. Das große Zimmer schien sich über die gesamte Breite der Etage zu erstrecken und war spärlich möbliert. Der senfgelbe Linoleumboden quietschte unter Carolins Gummisohlen. Es roch nach Putzmittel und Pfefferminztee. Eine rote Sofalandschaft bot ausreichend Sitzfläche für Kinder und Betreuer. Computerzeitschriften lagen auf dem Tisch, der davor stand. Blaue Fische zogen in einem Aquarium ihre Runden. Daneben stand ein Fernseher, und ein Schrank mit Schlössern an den Türen füllte die ganze Wand aus. Carolin vermutete darin Spiele und Beschäftigungsmaterial. Staunend blieb sie vor einem großen Bild stehen. Mit Pastellkreide gemalt, zeigte es eine Collage aus Märchenmotiven. Sieben Zwerge mit Zipfelmützen und großen Nasen trugen Schneewittchen in einem gläsernen Sarg. Eine Hexe mit Warze am Kinn und ein Wolf mit gefletschten Zähnen lauerten im Gebüsch auf Rotkäppchen. Es schien eine Gemeinschaftsarbeit zu sein. Carolin wunderte sich über die kindlichen Motive. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass die Jugendlichen das freiwillig gemalt hatten. Vor der breiten Fensterfront zog sich ein vergitterter Balkon entlang. Der Architekt hatte sich viel Mühe gegeben, die Stäbe in geometrischen Mustern anzuordnen, aber das konnte den Käfigeindruck nicht abschwächen. An der Wand, gegenüber der Fensterfront, lagen die Zimmer der Patienten. Alle Türen waren geschlossen. Carolin ging daran vorbei und las die Namen. Arleen, Carolin hob die Hand. Sie schrak zurück, denn die nächste Zimmertür wurde aufgerissen, und ein Stuhl flog mit lautem Krachen an Carolin vorbei. »Du blöde Tunte! Hau ab! Piss woanders hin!«, kreischte eine Jungenstimme durch alle Tonlagen des Stimmbruchs. Wie ein Geist tauchte ein Mädchen neben Carolin auf. Ihre Wangen schimmerten zart wie Porzellan, und mit einem feinen Lächeln erklärte sie: »Simon kann Kim nicht ausstehen. Deshalb pisst er ins Waschbecken. Das klappt immer. Kim hat einen Sauberkeitstick.« Das Mädchen zupfte die Ärmel ihres hellgrünen Sweatshirts über die Fingerspitzen. Sie war sehr dünn,...



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