E-Book, Deutsch, 59 Seiten
Reihe: Classics To Go
Weigand Die Hexe
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-98744-952-9
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 59 Seiten
Reihe: Classics To Go
ISBN: 978-3-98744-952-9
Verlag: OTB eBook publishing
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Auszug: An einem schönen Maimorgen des Jahres 1751 fuhr eine festliche Gesellschaft in einem Dutzend alter Staatskutschen aus dem Falkentor der Reichsstadt Frankenthal auf das Appental los. Es galt, der Grundsteinlegung des Schlosses Monrepos anzuwohnen, das der Fürstbischof Adam Friedrich von Helmstätt nach den Plänen Johann Balthasar Neumanns für seinen Neffen, den jungen Fürsten Lothar Franz von Weiningen, der sich just auf seiner Kavalierstour durch Europa befand, an der Stelle eines alten Jagdhauses errichten ließ. Am Vorabend des bedeutsamen Ereignisses war der Domherr Withold von Hutten als Vertreter seines Herrn, der in Würzburg an der Gicht darniederlag, mit einem würdigen Gefolge von Weltgeistlichen und bischöflichen Beamten in Frankenthal angelangt, um die Ehrengäste auf dem Bauplatze zu begrüßen und nach der Grundsteinlegung unter einem offenen Zelte zu bewirten. Auf der Herreise war er in dem Wallfahrtsorte Walldürn mit einem Sohne des kurmainzischen Oberamtmanns zu Bischofsheim, dem jungen Freiherrn Emmerich Rüdt von Collenberg, zusammengetroffen, der in einer Familienangelegenheit an den Hof nach Mainz ging und die berühmte Reichsstadt nur auf der Durchreise zu berühren gedachte. Doch das Unglück wollte es, daß der vorausfahrende Kutscher des Freiherrn, ein gewalttätiger Bursche, in der engen Torgasse gegen einen Prellstein fuhr und die Achse seines Reisewagens brach. Der junge Herr gab dem Tölpel einen Fußtritt; aber er mußte sich, trotz aller Eile, wohl oder übel entschließen, bis zur Ausbesserung des Schadens in der Stadt zu verweilen, und der Domherr zeigte sich hocherfreut, unter den zahlreichen Gästen einen Bekannten zu wissen, dessen Späße ihm die Fahrt kurzweilig gemacht hatten. Der junge Fant machte kein Hehl aus seinem Wesen: er war für den Hofdienst in Mainz bestimmt; er war in Venedig und in Paris gewesen, und was er von dem Leben der guten Gesellschaft an diesen Lustorten der höhern Welt zu erzählen wußte, ließ die kleinen Äuglein des beleibten geistlichen Herrn bei der Erinnerung an dieses festliche Treiben immer wieder erglänzen.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Die Hexe
An einem schönen Maimorgen des Jahres 1751 fuhr eine festliche Gesellschaft in einem Dutzend alter Staatskutschen aus dem Falkentor der Reichsstadt Frankenthal auf das Appental los. Es galt, der Grundsteinlegung des Schlosses Monrepos anzuwohnen, das der Fürstbischof Adam Friedrich von Helmstätt nach den Plänen Johann Balthasar Neumanns für seinen Neffen, den jungen Fürsten Lothar Franz von Weiningen, der sich just auf seiner Kavalierstour durch Europa befand, an der Stelle eines alten Jagdhauses errichten ließ. Am Vorabend des bedeutsamen Ereignisses war der Domherr Withold von Hutten als Vertreter seines Herrn, der in Würzburg an der Gicht darniederlag, mit einem würdigen Gefolge von Weltgeistlichen und bischöflichen Beamten in Frankenthal angelangt, um die Ehrengäste auf dem Bauplatze zu begrüßen und nach der Grundsteinlegung unter einem offenen Zelte zu bewirten. Auf der Herreise war er in dem Wallfahrtsorte Walldürn mit einem Sohne des kurmainzischen Oberamtmanns zu Bischofsheim, dem jungen Freiherrn Emmerich Rüdt von Collenberg, zusammengetroffen, der in einer Familienangelegenheit an den Hof nach Mainz ging und die berühmte Reichsstadt nur auf der Durchreise zu berühren gedachte. Doch das Unglück wollte es, daß der vorausfahrende Kutscher des Freiherrn, ein gewalttätiger Bursche, in der engen Torgasse gegen einen Prellstein fuhr und die Achse seines Reisewagens brach. Der junge Herr gab dem Tölpel einen Fußtritt; aber er mußte sich, trotz aller Eile, wohl oder übel entschließen, bis zur Ausbesserung des Schadens in der Stadt zu verweilen, und der Domherr zeigte sich hocherfreut, unter den zahlreichen Gästen einen Bekannten zu wissen, dessen Späße ihm die Fahrt kurzweilig gemacht hatten. Der junge Fant machte kein Hehl aus seinem Wesen: er war für den Hofdienst in Mainz bestimmt; er war in Venedig und in Paris gewesen, und was er von dem Leben der guten Gesellschaft an diesen Lustorten der höhern Welt zu erzählen wußte, ließ die kleinen Äuglein des beleibten geistlichen Herrn bei der Erinnerung an dieses festliche Treiben immer wieder erglänzen. — In der ersten Festkutsche fuhr der Domherr mit dem Bürgermeister Adam Lienlein und zwei geistlichen Herren, dem katholischen Dekan Lotter und dem evangelischen Propst Veit Schlegelmilch, einher; in einer zweiten folgte die Bürgermeisterin mit den Gattinnen dreier Ratsherren; die dritte Kutsche war vollbepackt mit Jugend und Schönheit: unter den vier geputzten Mädchen, die da lachend und kichernd in den Morgen hineinfuhren, saß ein blondes elfenhaftes Wesen, die Tochter des verstorbenen Oberförsters von Weiningen, Babette Glock, aufrecht wie eine junge Königin auf dem Rücksitz und wechselte schelmische Blicke mit dem Junker Emmerich Rüdt, der in französischem Reitrock neben der bemalten Kutsche einherritt und unter seinem Federhut mit den Augen eines glücklichen Siegers auf die zwitschernde Weiblichkeit in dem Wagen herabsah. Je lustiger aber das Lachen der Mädchen klang, desto finsterer blickten die jungen Herren drein, die in einem wackeligen Gefährt hinter dem dritten Wagen einherrasselten: da saß, außer zwei Ratsherrnsöhnen, der einzige Sohn des Bürgermeisters, Kaspar Lienlein, der im Frühjahr von der Akademie zu Mainz nach Hause gekommen war, neben dem neuen Stadtschreiber oder Kanzler Friedrich Lerch, den der große Rat just am Tag zuvor erst gewählt hatte und der nun der Bestätigung seiner Wahl nicht ohne Bangen entgegensah: denn es war, von alters her, der Brauch in Frankenthal, daß auf einen katholischen Stadtschreiber ein evangelischer folgte, und Friedrich Lerch war, wie sein Vorgänger, im katholischen Glauben geboren und erzogen und zudem kein Frankenthaler Kind. Der lustige Junker Emmerich, der hoch zu Roß neben den jungen Demoiselles einherritt, war den jungen Frankenthaler Herren ein Dorn im Auge: sie betrachteten den Sohn des kurfürstlichen Amtmanns als Eindringling in ein Reich, wo die Frankenthaler von jeher keinen Nebenbuhler zu dulden geneigt waren, und sannen mit gerunzelten Stirnen darüber nach, welchen Possen sie dem verfluchten Windhund, der nach Ambra und Moschus duftete, vor seiner Abreise spielen könnten. — Als die Kutschen an dem Bauplatz vorfuhren, begann zunächst ein würdiges Komplimentieren und Begrüßen, wobei sich der Junker Collenberg wie ein frisch ausgeschlüpfter Schmetterling unter den Gästen umherbewegte. Er küßte alten und jungen Damen die Fingerspitzen mit einer Grazie, vor deren Leichtigkeit die jungen Frankenthaler Herren vor Neid erblaßten, und sein dünner Zierdegen stach wie ein Blitz in die Luft, wenn er sich auf eine Frauenhand niederbeugte, um seine gespitzten Lippen draufzudrücken. Da der Meister Neumann studierenshalber in Paris weilte und zurzeit dort krank zu Bette lag, geleitete sein Gehilfe, ein in schwarze Seide gekleideter Italiener, die Herrschaften beim Klange eines Festmarsches zu den Fundamenten, wo der Stadtpfarrer die Weihe vornahm, worauf der Domherr von Hutten den Bau dem Schutz der jungfräulichen Himmelsmutter, der Patronin Frankens, anempfahl und im Namen der allerheiligsten Dreifaltigkeit den ersten Hammerschlag tat. Die Bürgermeisterin Lienlein, als die erste Frau des festlichen Kreises, versenkte sodann ein versiegeltes Dokument und eine gehäufte Schale voller silberner und goldener Münzen in den Stein, worauf ihn die anwesenden Mädchen mit den ersten Rosen des Jahres bewarfen. Während von den Ehrengästen jeder sein Hammerschläglein tat, bliesen vier Hornisten, die abseits auf einer Wiese standen, einen Choral und stimmten sodann einen Marsch an, als die Gesellschaft in feierlicher Stimmung nach dem Zelte aufbrach, wo eine schweigende Dienerschaft in der bischöflichen Haustracht um die geschmückte Festtafel bereitstand. Der Domherr von Hutten gedachte, seinen jungen Reisefreund bei Tisch in seine Nähe zu ziehen; aber der Fant zog es vor, sich an das andere Ende, zu den jungen Mädchen, zu setzen, von wo sofort, als die Diener süßen Wein in spitzen Gläsern reichten, helles und dunkles Lachen wie ein vielstimmiges Glockengeläute über die festlich schimmernde Tafel hereinbrach. Das elfenhafte Fräulein Babette Glock saß anfangs schweigend und wie von innerem Glücke glühend unter ihren Freundinnen da. Sie hielt ihre Augenlider gesenkt; aber wenn sie ihre großen blauen Augen aufschlug, ging ein Leuchten über ihr Gesicht und blieb als Lächeln stehen, wenn ihre Blicke zu dem Kanzler Friedrich Lerch hinüberschweiften, auf dessen ernstem Gesicht der Abglanz seiner künftigen Amtswürde lag. Der Junker Emmerich aber führte das große Wort; er behauptete, die zierlichsten Füße der Welt habe er in Frankenthal zu Gesicht bekommen, und als endlich, gegen Ende der Festmahlzeit, einige besonders edle alte Weine aus dem ehrwürdigen Juliusspitalkeller in die Römer flossen, erklomm die Lustigkeit des jungen Freiherrn, der sich unter den lachenden Frauen mehr und mehr als Hahn im Korbe fühlte, die höchste Staffel. Beim ersten Anstoßen mit dem schweren Tranke neigte er sich zu seiner Nachbarin und raunte ihr eine leise Mitteilung ins Ohr. Babette Glock hielt den Blick gesenkt, während ihr Nachbar sein Geheimnis preisgab, und nahm die Miene eines erstaunten Kindes an, als sie mit sanftester Stimme entgegnete: „Ich kann es fast nicht glauben, daß der Herr nur dieser Sache wegen nach Mainz geht!“ Der Junker lachte und tat erstaunt: „Hat die Demoiselle von der Sache läuten hören? Ich mache die Gesellschaft zum Richter meines Herrn Vaters. Der ist ein Mann von Geschmack: er weiß, daß man auch zum Beten eine würdige Umgebung braucht. Was tut er also? Er läßt einen alten baufälligen Altar, den sogenannten Schleieraltar, abbrechen und an den freigewordenen Pfeiler, mitten in der Pfarrkirche, eine richtige Gebetsloge bauen, — du meilleur goût, je puis l’assurer, — mit Spiegeln, gepolsterten Gebetstühlen und einer bequemen Rückenlehne, — den Vorhang nicht zu vergessen. Es soll ja vorkommen, daß die Predigten einer hochwürdigen Geistlichkeit, besonders an gewöhnlichen Sonntagen, hie und da einschläfernd wirken, und da wäre es, parbleu, eine böse Sache, wenn fromme alte Jungfern plötzlich sähen, daß der würdige Mund des kurfürstlichen Amtmanns sich während der Messe oder der Vesper zu etwas anderem öffnete als zu einem Vaterunser oder einem Ave-Maria. Der Vorhang, der solche mißliche Blicke abhalten soll, ist aus schwerem violettem Samt, und die rosigen kleinen Engel, die ihn oben zusammenraffen und festhalten, von der Hand eines Meisters: ich habe, parole d’honneur, selbst in Venedig oder in Paris, wo ähnliche Liebesengel allerdings andere Vorhänge vor anderen Gebetstellen in Ordnung halten, keine besseren gesehen. Ich bin also nicht nur als Sohn, sondern auch als Kenner gezwungen, meinem Herrn Vater vollständig recht zu geben. Der hochwürdigste Herr Stadtpfarrer Ferdinand Bingemer, un cafard, ist allerdings anderer Meinung: er hat beim erzbischöflichen Kommissariat in Mainz Beschwerde gegen unsere Familiengebetsloge eingelegt und meinen Vater auch noch durch ein paar Domherren, die uns, ich weiß nicht warum, nicht riechen können, wegen anderem mehr weltlicher Art anschwärzen lassen. Und diese Sache soll ich in Ordnung bringen, was ich auch zu tun gedenke —“ Schüchtern wie ein Kapellenglöcklein bemerkte Babette: „Aber es heißt, es sei bei dem Niederreißen des Altars eine kostbare Reliquie verschwunden.“ „Ah, Mademoiselle meint den sogenannten Schleier der Mutter Gottes? Es bestand ja allerdings der Glaube, daß der Schleier der jungfräulichen Mutter Gottes auf dem Altar aufbewahrt wurde, der unserer Gebetsloge weichen mußte. Aber, mesdames, niemand wird mich persuadieren, daß die Jungfrau Maria einen solchen...




