E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Reihe: Der Badische Krimi
Wehrle Endstation Schwarzwald
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-96041-478-0
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Badische Krimi
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Reihe: Der Badische Krimi
ISBN: 978-3-96041-478-0
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ute Wehrle ist gebürtige Freiburgerin und studierte Touristik-Betriebswirtschaft in Heilbronn. Sie arbeitet als freie Autorin und Journalistin.
Autoren/Hrsg.
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2
»Das ist jetzt nicht Ihr Ernst, oder?« Der pensionierte Polizist Thomas Braun bockte wie ein junger Mustang, der zum ersten Mal in seinem Leben ein Halfter zu Gesicht bekam. »Nie im Leben. Vorher trete ich freiwillig im Zirkus auf.« Sein ganzer Körper strahlte Ablehnung aus.
»Aber, aber, wir wollen doch nicht gleich übertreiben.« Sein Hausarzt thronte leicht angespannt hinter einem gewaltigen Mahagoni-Schreibtisch, für den etliche Bäume ihr Leben hatten lassen müssen, und rang sich ein gequältes Lächeln ab. »Überhaupt verstehe ich nicht, warum Sie so stur sind. So eine Kur hat schließlich noch keinem geschadet. Und Sie müssen dringend etwas für sich tun. Bei allem, was Sie in letzter Zeit mitgemacht haben.« In seiner Stimme schwang tief empfundenes Mitleid mit.
»So, habe ich das?«, fragte Braun irritiert.
Der Arzt lehnte sich zurück, faltete die Hände und setzte ein ernstes Gesicht auf.
Braun wurde noch nervöser. Himmel, es musste echt schlimm um ihn stehen, wenn der Weißkittel jetzt schon anfing, für ihn zu beten. Bestimmt würde er ihm gleich mitteilen, dass es für ihn besser wäre, keinen Bausparvertrag mehr abzuschließen, weil er dessen Auszahlung mit Sicherheit nicht mehr erleben werde. Das hatte man nun davon, wenn man einen Medizinmann wegen ein bisschen Bluthochdruck und Schlafproblemen aufsuchte. Bis gerade eben hatte er sich zumindest halbwegs fit gefühlt, aber seit er in der Praxis saß, ging es mit ihm offensichtlich rapide bergab.
Doch Braun hatte sich getäuscht.
»Physisch gesehen ist mit Ihnen so weit alles in Ordnung, sieht man mal von ein paar Kilo Übergewicht ab. Und für Ihren Bluthochdruck schreibe ich Ihnen etwas auf, das kriegen wir schon wieder in den Griff. Hauptsache, Sie achten darauf, sich gesund zu ernähren und sich genügend zu bewegen. Im Klartext: Finger weg von salzigen und fetten Sachen. Und auf Alkohol sollten Sie ebenfalls verzichten.«
»Na, dann ist ja alles bestens.« Beruhigt, dass ihm zumindest aus medizinischer Sicht das Ableben in allernächster Zeit erspart bleiben würde, machte Braun schon Anstalten, aufzustehen, doch der Arzt bedeutete ihm mit einer Handbewegung, wieder Platz zu nehmen.
»Was mir viel mehr Sorgen macht, ist Ihr psychischer Zustand.«
»Was soll damit sein?«, fuhr Braun auf. Er bereute es bereits bitterlich, seinen Hausarzt aufgesucht zu haben.
»Herr Braun, ob Sie es nun wahrhaben wollen oder nicht: Eine Trennung hinterlässt bei jedem Spuren. Wenn man so lange wie Sie verheiratet war, steckt man so etwas nicht mal eben weg. Und dass Ihre Frau jetzt mit einem …«, der Arzt hüstelte, »anderen Mann zusammenlebt, macht die Sache für Sie bestimmt nicht angenehmer.«
Ach so, der Weißkittel meinte seine anstehende Scheidung. Wusste eigentlich der ganze Ort über seine gescheiterte Ehe Bescheid? Angestrengt musterte Braun den Buddha aus Jade, der ihn vom Schreibtisch aus geheimnisvoll anlächelte und höchstwahrscheinlich ein Souvenir aus Thailand war, wo der Doktor mit seiner Gattin regelmäßig die Weihnachtsferien zu verbringen pflegte, wie in Titisee allgemein bekannt war. Bevorzugt unter Wasser, da er ein leidenschaftlicher Taucher war.
»Mhm.« Braun, der das unbestimmte Gefühl hatte, dass von ihm in irgendeiner Form ein Kommentar erwartet wurde, fühlte sich in keiner Weise bemüßigt, den Weißkittel darüber aufzuklären, dass es nicht die Trennung von seiner Frau war, die ihm zu schaffen machte, zumal die friedlich verlaufen war und er Elvira ihr neues Glück, das sie bei einem streng vegan lebenden ehemaligen Standesbeamten in Karlsruhe gefunden hatte, neidlos gönnte. Auch wenn er ihren Neuen, den er bei ihrem Auszug kennengelernt hatte, für eine fürchterliche Spaßbremse hielt. Aber Elvira war nun auch nicht gerade für ihre ungestüme Lebenslust bekannt, so gesehen waren also die besten Voraussetzungen für das Gelingen der Beziehung gegeben.
Doch diese Einschätzung würde er selbstverständlich für sich behalten. Genauso wie den wahren Grund, warum er sich tatsächlich nicht ganz auf der Höhe fühlte, wie der Arzt, wenn auch in Unkenntnis der Sachlage, ganz richtig festgestellt hatte.
Es war ganz einfach so, dass er den Tod seiner langjährigen Freundin Rosi immer noch nicht verkraftet hatte. Obwohl ihre spektakuläre Beerdigung schon über ein Jahr zurücklag, fehlte Rosi ihm an allen Ecken und Enden. Dass er nicht wusste, was er als Pensionär mit seiner Zeit anstellen sollte, machte die Sache auch nicht besser. Nie hätte er gedacht, wie lang ein einziger Tag sein konnte. Und seit ihn Elvira verlassen hatte, fühlte er sich noch einsamer als vorher schon. Manchmal vermisste er es sogar, dass sie ihm ständig seine Kalorienzufuhr vorrechnete, wenn er zu einem Stück Schwarzwälder Schinken griff. Genauso wie die von ihr handgefertigten Filzvögel, die bis auf einen Buntspecht alle gemeinsam mit ihr das Nest gewechselt hatten. Sah man mal von R2-D2, dem Rasenroboter seiner Nachbarn ab, waren die einzigen Lichtblicke in seinem ereignislosen Leben seine Nichte Lilli und ihr Sohn Ramon. Nicht zu vergessen Max, der Enkel von Rosi und Lillis Freund, den Braun aufrichtig ins Herz geschlossen hatte. Sowie, wenn man es großzügig betrachtete, seinen ehemaligen Kollegen Jockele, fügte Braun gedanklich hinzu. Doch die waren alle berufstätig und hatten viel zu wenig Zeit, um sich ständig um einen alten – Braun korrigierte sich innerlich: älteren – Mann wie ihn zu kümmern. Nein, was er brauchte, war schlicht ein wenig mehr Abwechslung, völlig wurscht, wie die aussah – aber ganz gewiss keine Kur. So weit kam es noch, dass er sich freiwillig in die Fänge der Gesundheitsindustrie begab. Trotzig verschränkte er die Arme vor der Brust.
»Ich möchte Sie darauf aufmerksam machen, dass mit einem psychischen Erschöpfungszustand nicht zu spaßen ist. Der kann sich ruck, zuck zu einer schweren Depression auswachsen. Denken Sie also bitte noch einmal über meinen Vorschlag nach. Und spätestens in zwei Wochen möchte ich Sie wieder in meiner Praxis sehen.«
Als Braun den besorgten Blick des Arztes bemerkte, setzte er sich aufrecht hin und drückte sein Kreuz durch. »Mir geht es bis auf die Schlafprobleme blendend. Wirklich«, versicherte er im Brustton der Überzeugung, dann erhob er sich und stürmte aus dem Sprechzimmer, ehe ihn der Arzt zurückhalten konnte.
Der schaute ihm kopfschüttelnd hinterher, bevor er zum Telefon griff. »Hallo, Schatz. Was hältst du davon, wenn wir uns auf der ›Seeterrasse‹ treffen? Mein letzter Patient ist gerade weg, und ich kann ausnahmsweise pünktlich Mittagspause machen. Außerdem werde ich das Gefühl nicht los, dass mein ärztlicher Rat heute sowieso nicht gefragt ist. – Wie ich darauf komme? Ach, vergiss es. Bis gleich.« In letzter Sekunde war ihm seine Schweigepflicht eingefallen. Er legte den Hörer auf, fuhr den PC herunter, zog seinen Kittel aus und schmiss ihn über die Stuhllehne. Für heute war sein Bedarf an Patienten restlos gedeckt. Erst die junge Mutter, die partout nicht hatte einsehen wollen, dass die empfohlene Masern-Impfung für ihr Kind kein Angriff auf die Menschenrechte darstellte, und jetzt noch der Ex-Polizist, der sich aufgeführt hatte, als hätte er ihn in ein sibirisches Strafgefangenenlager schicken wollen. Manchen Menschen war eben nicht zu helfen, ging es dem Arzt resigniert durch den Kopf, als er die Tür hinter sich zuschmetterte. Der jadegrüne Buddha lächelte weiter allwissend vor sich hin.
***
Braun hingegen war das Lachen restlos vergangen, als er wieder auf der Parkstraße stand. Der Weißkittel war wohl verrückt geworden. Warum sollte ausgerechnet er in Kur gehen? So was war vielleicht das Richtige für Leute, die ihre Probleme nicht allein verarbeiten konnten, aber doch nicht für ihn.
Schon bei der bloßen Vorstellung, wie er hemmungslos auf eine selbst gebaute Buschtrommel eindrosch, um seine innersten Gefühle zum Ausdruck zu bringen, oder was man sonst noch so alles an Unfug in derartigen Einrichtungen trieb, stellten sich Braun die Nackenhaare auf. Nein, da besorgte er sich jetzt lieber eine gute Flasche Rotwein, einerlei, was sein überbesorgter Hausarzt davon halten würde. Entschlossen lenkte er seinen Schritt Richtung Fußgängerzone und betrat ein Geschäft, das original Schwarzwälder Spezialitäten anbot. Die Obststände vor dem Laden, die mit süßen Früchten lockten, ließ er links liegen.
Drinnen war es rappelvoll, weil sich gleich fünfzehn Japaner entschlossen hatten, sich mit Proviant für den restlichen Tag einzudecken. Die Verkäuferin hinter der Brottheke kam fast nicht mehr nach, um alle Wünsche zu erfüllen, die gleichzeitig in mehr oder weniger verständlichem Englisch geäußert wurden.
Braun kämpfte sich zum Weinregal durch und schnappte sich einen Spätburgunder. Der Abend war gerettet. Unwillkürlich stach ihm der abgepackte Schwarzwälder Schinken ins Auge, der nur darauf wartete, auf seinem Teller zu landen. Braun wollte schon danach greifen, als sein Blick zu seinem Bauch hinunterwanderte, der sich unübersehbar über den Gürtel wölbte. Zumindest was sein Gewicht anbelangte, hatte der Arzt mit seiner Einschätzung nicht völlig danebengelegen, gestand er sich ein. Ein paar Kilo weniger könnten ihm sicher nicht schaden. Schweren Herzens ließ er den Schinken Schinken sein und ging schnell zur Kasse, ehe ihm die Japaner zuvorkommen konnten oder er doch noch schwach wurde.
Die beiden Männer, die vor ihm ihre Einkäufe auf die Ablage stapelten, hatten sich diesbezüglich weniger Zurückhaltung auferlegt: an die fünf Kilo geräucherter Schinken, acht Schwarzwälder Kirschkuchen in Dosen, sechs Flaschen Zibärtle und dazu vier Eimer Honig, die ausgereicht hätten,...




