Wehr | Hildegard von Bingen | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

Wehr Hildegard von Bingen

Ausgewählt von Gerhard Wehr
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8438-0304-5
Verlag: marix Verlag ein Imprint von Verlagshaus Römerweg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Ausgewählt von Gerhard Wehr

E-Book, Deutsch, 160 Seiten

ISBN: 978-3-8438-0304-5
Verlag: marix Verlag ein Imprint von Verlagshaus Römerweg
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



'Schreibe auf, was du siehst und hörst!' Dieser inneren Weisung ist die rheinische Seherin Hildegard gefolgt. Entstanden ist der Fundus eines umfangreichen, spirituell gedeuteten, natur- und menschenkundlichen Wissens, das sie in ihren Schriften bild- und symbolhaltig ausbreitet. Darin unterscheidet sie sich von anderen Mystikerinnen ihrer Zeit. Im übrigen erweist sich Hildegard als eine ebenso kundige wie selbstbewusste Frau. Ihre Aktualität und Faszination rühren nicht zuletzt daher, dass sie sich über die Beschaffenheit ihres Schauens Klarheit verschafft hat und darüber Rechenschaft ablegt: 'Ich sehe diese Dinge nicht mit den äußeren Augen und höre sie nicht mit den äußeren Ohren, auch nehme ich sie nicht mit den Gedanken meines Herzens wahr noch durch irgendwelche Vermittlung meiner fünf Sinne. Ich sehe sie vielmehr einzig in meiner Seele, mit offenen leiblichen Augen, so dass ich niemals die Bewusstlosigkeit einer Ekstase erleide.' Als rheinische Seherin, als heilkundige Vertreterin einer den materiellen wie spirituellen Kosmos einbeziehenden Mystik hat sie einen immer noch wachsenden Kreis von Verehrerinnen und Freunden gewonnen. In ihrem ersten großen, der geistigen Schau entsprungenen Werk Scivias - Wisse die Wege bezeugt sie dies. Ein Teil der Texte wird hier kommentiert geboten. Hinzu treten ausgewählte Briefe, in denen Hildegard ihr inneres Erleben schildert. Darüber hinaus ist es erstaunlich, ja bewundernswert, mit welchem Selbstbewusstsein sie als Ordensfrau des hohen Mittelalters Vorgesetzten, selbst Bischöfen und Päpsten, auch Kaisern wie Friedrich Barbarossa belehrend, nicht selten auch mahnend entgegentritt.

Dr. theol. h.c. Gerhard Wehr, geb. 1931 in Schweinfurt/Main. Nach langjähriger Tätigkeit auf verschiedenen Feldern der Diakonie und der Erwachsenenbildung, zuletzt als Lehrbeauftragter an der Fachakademie für Sozialpädagogik in Rummelsberg/Nürnberg, arbeitet er als freier Schriftsteller in Schwarzenbruck bei Nürnberg. Ein Großteil seiner Werke zur neueren Religions- und Geistesgeschichte ist in mehreren europäischen und asiatischen Sprachen verbreitet.
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Weitere Infos & Material


I. Einleitung
Eine faszinierende Frau
Das 12. Jahrhundert - ein Jahrhundert vielfältigen Geistes
Stationen ihres Lebens
Schriften, Briefe und Lieder
"O edelstes Grün aus der Sonne"
Hildegards Wirkungen

II. Texte
Aus: "Scivias" - Wisse die Wege
Vorrede - "Schreibe, was du siehst und hörst!"
Der Lichtherrliche
Jenseits von Eden
Mensch und Kosmos
Von der Seele und ihren Kräften
Die umschattete Synagoge
Erlösung und Vollendung

III. Die Briefe
Hildegard an Wibert von Gembloux
Hildegard an Bernhard von Clairvaux
Bernhard von Clairvaux an Hildegard
Hildegard an Papst Alexander III
Konrad III. an Hildegard
Hildegard an König Konrad III
Hildegard an Friedrich Barbarossa
Friedrich Barbarossa an Hildegard
Hildegard an Friedrich Barbarossa
Erzbischof Heinrich von Mainz an Hildegard
Hildegards Antwort
Erzbischof Arnold von Mainz an Hildegard
Hildegards Antwort
Adam, Abt zu Ebrach, an Hildegard
Hildegards Antwort
Abt Nikolaus von Heilsbronn an Hildegard
Hildegards Antwort
Hildegard an Elisabeth von Schönau
Elisabeth von Schönau an Hildegard
Hildegard an Elisabeth (II)
Elisabeth an Hildegard (II)
Hildegard an die Nonnen von Zwiefalten
Hildegard an Markgräfin Richardis von Stade
Erzbischof Hartwig von Bremen an Hildegard
Hildegards Antwort
Schlussbemerkung

IV. Stimmen und Zeugnisse zu Hildegard

V. Zeittafel

VI. Literatur
Benutzte Werkausgaben
Weitere zitierte Quellentexte
Sekundärliteratur


II. TEXTE


AUS: „SCIVIAS“ – WISSE DIE WEGE


Ich sah einen überaus großen Glanz. Eine himmlische Stimme ertönte aus ihm und redete zu mir: „Hinfälliger Mensch, Asche von Asche, Fäulnis von Fäulnis, verkünde und schreib nieder, was du schaust und vernimmst. Aber da du zu furchtsam bist, um zu reden, zu einfältig, um das Geschaute zu deuten, und zu ungebildet, um es zu beschreiben, so verkünde und beschreibe es nicht in der Weise, wie die Menschen reden, nicht so, wie menschlicher Erfindungsgeist erkennt, und nicht so, wie ein Mensch es darlegen wollte, sondern mithilfe der Gabe, die dir in himmlischer Schau geschenkt wird – so, wie du es in Gottes Wundern schaust und vernimmst.“

„So verkünde es wie der, der auf die Worte seines Meisters aufmerksam hört und diese ganz nach Absicht und Willen des Meisters, so wie er es zeigt und anordnet, weitergibt. Du, Mensch, mache es ebenso! Verkünde, was du siehst und hörst, und schreibe es nieder: nicht so, wie es dir oder irgendeinem anderen Menschen gefallen mag, sondern so, wie der es will, der alles weiß, alles sieht und alles in den geheimen Tiefen seiner unerforschlichen Ratschlüsse fügt.“ (Scivias, S. 3)

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Als ich dem Mädchenalter entwachsen war und die erwähnte Reife erlangt hatte, hörte ich eine Stimme vom Himmel her, die sprach: „Ich bin das lebendige Licht, das alle Dunkelheit erhellt. Hildegard, den Menschen, den ich auserkoren habe, weil es mir so gefiel, und den ich mit Macht in Erschütterung versetzt habe, habe ich mit großen Wundern umgeben, mehr noch als die Menschen in alter Zeit37, denen viele Geheimnisse in mir offenbart wurden. Aber ich streckte ihn zu Boden, damit er nicht durch einen eingebildeten Geist überheblich werde. Die Welt freute und erquickte sich nicht an ihm, sie fand, er tauge nichts für weltliche Angelegenheiten, denn ich habe alle halsstarrige Kühnheit von ihm genommen … Die Spalten seines Herzens habe ich umhegt, damit sein Geist nicht stolz und ruhmsüchtig werde, sondern dass er aus all dem eher Furcht und Pein als Freude und Vergnügen ernte.

So bedachte er38 also aus Liebe zu mir [d.h. Gott] in seiner [Hildegards] Seele, wo er wohl den finden könne, der ihm helfend entgegeneile. Er fand einen39 und liebte ihn im Wissen darum, dass er ein treuer Mensch sei, der sich so wie er selbst um Gottes Auftrag abmühte. Und er hielt fest an ihm. Gemeinsam arbeiteten sie im erhabenen Bestreben, meine [Gottes] verborgenen Wunder bekanntzumachen.

Doch er [d.h. Hildegard] wurde nicht überheblich, sondern wandte sich in der Selbsterhöhung der Demut und im zielstrebigen guten Wollen seufzend dem zu, den er gefunden hat [nämlich Volmar]. – Du also, o Mensch, der du dies alles nicht in verwirrender Täuschung, sondern in einfältiger Reinheit empfängst, bist beauftragt, das Verborgene bekanntzumachen. Darum: Schreibe, was du siehst und hörst!“ (Scivias, S. 4–5)

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nicht aus trotzigem Widerstreben, sondern aus dem Gefühl meiner Unzulänglichkeit …, bis die Geißel Gottes mich ins Krankenbett zwang. Erst dann machte ich mich, von den vielen Leiden besiegt, ans Schreiben. Ein Mädchen aus adeligem Hause und wohl gesittet40 und der Mann [Volmar], den ich, wie oben bereits erwähnt, insgeheim gesucht und gefunden hatte, waren meine Zeugen.

Als ich nun anfing zu schreiben und sogleich, wie zu Anfang schon gesagt, spürte, wie die Gabe der Deutung der Schrift nach deren tiefem Sinn in mir am Werk war, kam ich wieder zu Kräften und genas von meiner Krankheit. Nur unter Mühen konnte ich dieses Werk in zehn Jahren schaffen und vollenden. (Scivias, S. 5–6)

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Und aus dem, der auf dem Berg saß, sprühten auch viele lebendige Funken, und sie umschwebten die Gestalten mit sanftem Leuchten. Der Berg selbst war mit sehr vielen kleinen Fenstern versehen, und in diesem wurden die – zum Teil bleichen, zum Teil weißen – Häupter von Menschen sichtbar. Und siehe da: Der auf dem Berg saß schrie mit lauter, durchdringender Stimme:

„Hinfälliger Mensch, Staub vom Staub der Erde, Asche von Asche, rufe laut aus, wie man zur Erlösung gelangt, die alles wiederherstellt, damit diejenigen belehrt werden, die den tiefsten Sinn der Schrift zwar kennen, ihn aber dennoch nicht kundtun oder predigen wollen.41 Denn taub sind sie und tun sich schwer, auf die Gerechtigkeit Gottes zu achten. Ihnen mache die verborgenen Geheimnisse bekannt, die sie voller Furcht heimlich im Acker vergraben, ohne dass sie Früchte tragen.42

Brich hervor wie ein sprudelnder Quell und ergieße die geheimnisvolle Kunde, damit durch das Strömen deiner Wasser diejenigen wachgerüttelt werden, die dich [als Frau] verachten aufgrund der Sünde Evas. Denn diese Schärfe des Geistes und diese Tiefe werden dir nicht von einem Menschen zuteil. Sie werden dir vielmehr vom himmlischen, Furcht erregenden Richter von oben gegeben, wo dieses starke Licht in klarer Helligkeit unter den Leuchtenden strahlen wird.43

So steh denn auf und rufe hinaus, was dir kundgetan wird durch die so starke Kraft göttlichen Beistands, denn der, der seine gesamte Schöpfung mächtig und milde lenkt, durchdringt die, die ihm in Hingabe und Liebe und im Geist der Demut dienen, mit dem Licht himmlischer Erleuchtung, und wenn sie beharrlich den Weg der Gerechtigkeit gehen, dann führt er sie den Freuden der ewigen Anschauung entgegen.“ (Scivias, S. 7–8)

Der große, eisenfarbene Berg versinnbildlicht die Stärke und die beständige Dauer des ewigen Reiches Gottes, das durch keinerlei vergängliche Veränderlichkeit angegriffen und zerlöst44 werden kann. Der auf dem Berg in so strahlendem Licht thront, dass die Herrlichkeit deine Augen blendet, versinnbildlicht im Reich der Seligkeit den Herrscher des ganzen Erdkreises im...


Dr. theol. h.c. Gerhard Wehr, geb. 1931 in Schweinfurt/Main. Nach langjähriger Tätigkeit auf verschiedenen Feldern der Diakonie und der Erwachsenenbildung, zuletzt als Lehrbeauftragter an der Fachakademie für Sozialpädagogik in Rummelsberg/Nürnberg, arbeitet er als freier Schriftsteller in Schwarzenbruck bei Nürnberg. Ein Großteil seiner Werke zur neueren Religions- und Geistesgeschichte ist in mehreren europäischen und asiatischen Sprachen verbreitet.



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