E-Book, Deutsch, 136 Seiten
Weckert / Bähner / Oboth Praxis der Gruppen- und Teammediation
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7495-0295-0
Verlag: Junfermannsche Verlagsbuchhandlung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Methoden und Visualisierungsvorschläge E-Book + Video-Tutorials + digitale Flipchartvorlagen
E-Book, Deutsch, 136 Seiten
ISBN: 978-3-7495-0295-0
Verlag: Junfermannsche Verlagsbuchhandlung
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Christian Bähner, Trainer und Organisationsberater, anerkannter Mediator & Ausbilder für Mediation.
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2. Besonderheiten von Gruppen
Je größer und unterschiedlicher eine Gruppe zusammengesetzt ist, desto anspruchsvoller ist es für das Mediationsteam, effizient zu moderieren und die Bereitschaft der Beteiligten zur Mitarbeit aufrechtzuerhalten. Was bei einer kleinen Bürogemeinschaft, die sich gut kennt und ein spezielles Thema bearbeiten möchte, noch leicht erscheint, wird im Rahmen eines Treffens internationaler Außendienstmitarbeiter, die in unterschiedlichen Sprachen kommunizieren, kulturbedingt anders mit Konflikten umgehen und völlig unterschiedliche Ziele verfolgen, höchst komplex.
Einerseits möchten Mediationsteams jede Konfliktpartei hören und verstehen, insbesondere, wenn der Konflikt in der zweiten und dritten Phase der Mediation hochkocht. Andererseits ergeben sich aus einer Wortmeldung häufig vier oder fünf Diskussionsbeiträge, die bei anderen Teilnehmern weitere Impulse auslösen. Deshalb legen wir in diesem Buch großen Wert auf Visualisierung und Methoden, die Stimmungen zeitökonomisch und für alle nachvollziehbar eingefangen.
Struktur und Effizienz
Gruppen und Teams brauchen Struktur, um Sicherheit und Orientierung in der Konfliktklärung zu erleben. Diskussionen mit vielen Beteiligten erfordern eine hohe Konzentrationsleistung. Lässt die Konzentration nach oder ist viel Pfeffer in der Debatte, nehmen automatisch die Seitengespräche zu. Der Schallpegel erhöht sich durch Papiergeraschel, Hüsteln und Getränkegeklapper. Was um 9.15 Uhr noch kein Problem darstellt, wird um 16.15 Uhr leicht zum Auslöser von Kopfschmerzen. Das Mediationsteam achtet deshalb darauf, durch regelmäßige Methodenwechsel Körper und Geist arbeitsfähig zu halten. Eine ruhige Einzelarbeit kann einer Plenumsdiskussion vorangestellt werden, eine Kleingruppenarbeit an der frischen Luft kann einer Kartenabfrage im Konferenzraum folgen.
Der Auftraggeber ist dem Mediationsteam für ein ressourcensparendes Vorgehen dankbar. Mediationen von Gruppen und Teams unterbrechen häufig den Arbeitsfluss ganzer Abteilungen oder Kleinbetriebe. Die Mitarbeiter werden an ihren Arbeitsplätzen zurückerwartet, die Mediation kann nicht unbeschränkt verlängert werden. Die Kostenkalkulation gebietet dem Mediationsteam Grenzen bei der Auftragsabwicklung. Unserer Erfahrung nach erhöhen sich die Konzentration und die innere Bereitschaft zur Teilnahme drastisch, wenn die Mediation nicht am Arbeitsplatz, sondern in einem Hotel oder Tagungshaus stattfindet. Bitten Sie die Teilnehmer, in Pausenzeiten auf das Kommunizieren mit Handys und per E-Mail weitgehend zu verzichten, um nicht durch dringende Nachrichten innerlich aus der Bearbeitung des Mediationsanliegens gerissen zu werden.
Eskalation, Themenvielfalt und Führung
Die Streitparteien sind insbesondere dann für Führung dankbar, wenn das Gespräch durch gegenseitige Schuldzuweisungen, Anklagen oder kaltes Schweigen eskaliert. Von einer einzigen Aussage können mehrere Personen stark betroffen sein. Es kann aber immer nur eine Person antworten, während sich viele andere Beteiligte zurückhalten müssen. Werden diese gesehen und bietet das Mediationsteam ein nachvollziehbares Vorgehen an, um die Meinung aller einzuholen (zum Beispiel eine Rednerliste oder eine Teilung der Gruppe), bleiben alle Personen innerlich dabei, selbst wenn dies Wartezeit und Geduld erfordert. Ein Teilnehmer, der mehrfach nicht zu Wort kommt und dabei nicht wahrgenommen wird, schaltet hingegen ab.
Die Zusammensetzung der Gruppe hat in der Regel direkten Einfluss auf die Themenvielfalt. Berührt ein Thema unterschiedliche Aspekte (die Art einer Projektleitung kann zum Beispiel Einfluss auf die Projektergebnisse, die Gestaltung von Meetings, den Austausch von Informationen oder die Karriere einzelner Beteiligter haben), wird eine Diskussion schnell unübersichtlich. Die Anwesenden ermüden und können den Redebeiträgen nicht mehr folgen. Für das Mediationsteam gilt deshalb die Regel: Jeweils ein Thema zu einer Zeit besprechen. Kennzeichnen Sie das aktuelle Hauptthema durch ein Plakat oder heben Sie das gewählte Thema im Fall einer Themensammlung durch einen Pfeil optisch hervor.
Empathisches Zuhören und Visualisierung
Das Mediationsteam fasst die Redebeiträge durch aktives Zuhören immer wieder zusammen. Es bringt das Gesagte auf den Punkt und stellt den Bezug zum aktuellen Thema her. Es spiegelt nicht nur sogenannte „harte Fakten“, sondern benennt auch wahrgenommene Gefühle und Bedürfnisse. Auf diese Weise wächst in der Gruppe gegenseitiges Verständnis. Missverständnisse werden aus dem Weg geräumt und Anliegen werden trotz wachsender Informationsmenge klarer statt verwirrender.
Aktives Zuhören fordert viel Konzentration und Energie, insbesondere bei längeren Gesprächssequenzen und fortgeschrittener Tageszeit. Große Gruppen können in Phasen der Eskalation bedrohlich auf das Mediationsteam wirken. Eine klare Prozessstruktur, Visualisierung der Ergebnisse und Konsequenz beim Zusammenfassen von Teilnehmerbeiträgen halten eine Gruppe im Arbeitsfluss. Flüchten Sie niemals vor zunehmender Komplexität in immer statischere Methodenformen (wie zum Beispiel mehrere aufeinanderfolgende Kartenabfragen). Zu viel Form erdrosselt die Lebendigkeit von Kommunikation. Wenn zum Beispiel im Rahmen einer Kleingruppenarbeit eine Auseinandersetzung losbricht, in deren Verlauf das eigentliche Gruppenanliegen ausgesprochen wird (nachdem vorher stundenlang „gemauert“ wurde), ist Empathie wichtiger als die Abarbeitung der Gruppenaufgabe.
Prozessorientiertes Arbeiten
Mitunter sind die Einzelheiten komplexer Themen für das Mediationsteam nicht nachvollziehbar. Im Unterschied zu Gerichtsverfahren, wo ein Urteil begründet werden muss, braucht das Mediationsteam häufig keine detaillierten Sachkenntnisse. Mediatoren bewegen sich wie „Blinde am Rande eines Labyrinths“. Sie folgen dem, was im Prozess ausgesprochen oder gezeigt wird, und verzichten auf eine Beurteilung des Gesagten. Sie erspüren, auf welche Weise Bewegung in einen Konflikt kommt und ob sich die Beteiligten im Verlauf wohler oder unwohler fühlen. Indem sie dicht am Puls der Streitparteien arbeiten, zeigen sich immer feinere Facetten der Konfliktlandschaft. Mit zunehmendem Vertrauen in die Arbeit des Mediationsteams werden die Streitparteien beweglicher in ihren Rollen. Sie lernen die Bedürfnisse der anderen kennen und gehen neue Verbindungen ein.
Die Mischung macht’s
Das Mediationsteam folgt den Impulsen der Gruppe, geht ohne eigene Hintergedanken mit der Bewegung im Prozess mit. Situativ bietet es Methoden an, die für den Moment einen neuen Schlüssel zum Verständnis liefern. Indem es zusammenfasst, visualisiert und den Bezug zu den Teilnehmerinteressen verdeutlicht, dient das Mediationsteam den Gruppenbedürfnissen. Die Mischung macht’s: Struktur, Flexibilität, Visualisierung, Methodenvielfalt und verständnisförderndes Zuhören sind die Hauptbestandteile einer gelungenen Gruppen- und Teammediation.
Eigenschaften von Systemen
Der Ausdruck System ist vom griechischen Begriff „systema“ abgeleitet und bedeutet übersetzt „Zusammenstellung“. Es gibt natürliche Systeme wie Ozeane oder Wälder und künstliche Systeme wie ein Auto oder das Internet. Die Bestandteile von Systemen (im Beispiel des Waldes: Bäume, Unterholz, Pilze, kleine und große Tiere ...) ergeben zusammengenommen eine geordnetes Ganzes, das sich als Einheit von seiner Umwelt abgrenzt.
Auch Unternehmen und Organisationen stellen Systeme dar, deren Mitglieder an einer gemeinsamen Aufgabe oder für ein gemeinsames Ziel arbeiten. Führungskräfte und Mitarbeiter bilden neue Einheiten in Form von Abteilungen oder Geschäftsbereichen. Auch kleinere Einheiten wie Teams stellen eigene Systeme dar, die sich aufeinander beziehen und Bestandteile größerer Systeme wie einer Abteilung oder der Firma sind. Das Gesamtunternehmen wiederum ist Teil einer Branche, die gemeinsam mit anderen Branchen unser Wirtschaftssystem bildet.
Die Filme zeigen Gruppen, die auf sehr unterschiedliche Art miteinander vernetzt sind. Im „Landesbüro Verband für Sozialarbeit“ wird ein Gremium dargestellt, dessen hauptberufliche Mitarbeiter tagtäglich miteinander zu tun haben. Das „Berater Netzwerk“ ist ein eher loser Zusammenschluss selbstständiger Unternehmer. „Der neue Messeauftritt“ zeigt einen Verband, in dem hauptberufliche und ehrenamtliche Mitarbeiter bei Entscheidungen miteinander kooperieren. Alle drei Gruppen haben gemeinsam, dass sie eine organisatorische Einheit bilden (zum Beispiel als Landesverband), Bestandteil größerer Systeme (beispielsweise eines Bundesverbandes) sind und weitere Teilsysteme (wie kooperierende Dienstleistungsunternehmen, eine eigene Marketingabteilung oder den Vorstand) unter ihrem Dach beherbergen.
Das psychische System
Mediatoren kommen bei der Konfliktvermittlung mit vier unterschiedlichen systemischen Ebenen in Kontakt. Die erste Ebene ist die Ebene der Persönlichkeit: das psychische System. Wir gehen davon aus, dass in jedem Menschen unterschiedliche Rollen und Stimmen angelegt sind, wie zum Beispiel „der innere Richter“, „der Buchhalter“, „der joviale Spaßvogel“ oder „das verletzte Kind“. Einige dieser Stimmen und Überzeugungen zeigen sich im Konflikt. Andere kommen erst im Verlauf der Konfliktbearbeitung zum Vorschein. Häufig tragen Konfliktparteien sogar widerstreitende Stimmen zu ihrem eigenen Thema in sich.
Das Beziehungssystem
Als zweite Systemebene begegnen Mediatoren der Beziehungsebene. Im Konflikt treffen mindestens zwei psychische Systeme (nämlich die Streitparteien) und ein soziales System (die beiden Streitparteien als...