Weber Morgenstern - Das Krimi-Paket
Erstauflage 2014
ISBN: 978-3-8291-2491-1
Verlag: Universal Music
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Band 1-4 (+ Extra: Das Prequel - Folge 0)
E-Book, Deutsch, Band 1, 200 Seiten
Reihe: Morgenstern
ISBN: 978-3-8291-2491-1
Verlag: Universal Music
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Raimon Weber, geboren 1961 in Unna, ist der 'Bangemacher'. Der Schriftsteller, Hörspielautor und Medientrainer veröffentlicht seit 1998 erfolgreich Krimis und Thriller. Er selbst bezeichnet seinen Schreibstil als klaustrophobisch. Er schrieb u.a. für bekannte Serien wie Darkside Park, Porterville oder aktuell 'Morgenstern' und 'Die geheimen Akten des Sir Arthur Conan Doyle'. Seine Recherchen führen ihn auf hohe Schornsteine und in die geschlossene Forensik. Er trifft Serienmörder, lässt sich von Spezialisten über die fachgerechte Entsorgung von amputierten Gliedmaßen aufklären und kennt die unterschiedlichsten Tötungsmethoden. Er interessiert sich für die Psychologie der Täter und stellt sich die Frage: Warum töten Menschen? Raimon Weber lebt in Kamen. Beim Schreiben trinkt er sein Lieblingsgetränk Maxwell Kaffee und hört dazu Alice Cooper. Früher saß er selbst am Schlagzeug in einer Rockband. www.raimon-weber.de
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Ich schätzte das Alter der Frau auf Mitte zwanzig. So, wie es aussah, hatte sie sich das Leben genommen. Auf eine ungemein brutale Weise.
Raimon Weber
MORGENSTERN
Folge 0
Ich war tot
Das grelle Licht ist allumfassend.
Eine Kugel muss mich erwischt haben.
Die Helligkeit währt nur einen kurzen Augenblick.
Dann folgten Schwärze und absolute Stille.
Ich fühle mich schwerelos und bin frei von Schmerzen.
Habe ich eine Nahtoderfahrung?
Werde ich sterben?
Erstaunlicherweise kann ich diesen Gedanken ganz klar formulieren.
Er versetzt mich nicht einmal in Furcht.
Mein Name ist Christian Morgenstern. Kurz Chris. Ich bin Polizist in Potsdam.
Aber ich weiß nicht, wie viel Zeit mir noch bleibt, bis ich aufhöre zu existieren.
Die Erinnerungen an jene schrecklichen Geschehnisse, die für meinen Zustand verantwortlich sind, kehren mit einem Mal zurück.
Und ich frage mich: Was ist mit dem Mädchen? Wurde es verschont?
*
Ich stieg aus dem Wagen und hielt mein Gesicht für ein paar Sekunden in die eiskalte Morgenluft. In der Nacht hatte ich wieder nur ein paar Stunden Schlaf bekommen.
Die kahlen Bäume am gegenüberliegenden Ufer des Templiner Sees zeigten sich als undeutliche Schemen. Schneeregen war auf Potsdam niedergegangen. Jetzt nieselte es nur noch ein wenig. Die Uferstraße war spiegelglatt.
Ich sah auf die Uhr. Zehn Minuten nach neun.
Am Straßenrand standen zwei Streifenwagen. Ein Uniformierter hob grüßend den Arm und kam auf mich zu. Drei weitere Polizisten suchten unter einem Baum Schutz. Am Stamm lehnte ein untersetzter Mann. Er trug eine Jogginghose und eine Regenjacke. Offensichtlich hatte er trotz des miesen Wetters einen morgendlichen Lauf gewagt und dabei die Leiche gefunden.
Ich würde mich später um ihn kümmern.
Der Polizist stand jetzt direkt vor mir. Ein junger Bursche, der vermutlich vor gar nicht langer Zeit seine Ausbildung beendet hatte. Beim Rasieren hatte er sich mehrmals am Kinn geschnitten. Er deutete mit dem ausgestreckten Arm zum See. „Sie liegt direkt am Wasser. Die Spurensicherung muss jeden Moment hier sein.“
Ich rutschte das schlammige Ufer hinab und näherte mich der Toten nur bis auf zwei Meter, um keine Spuren in ihrer unmittelbaren Nähe zu verwischen.
Der junge Polizist folgte mir. „Sieht schwer nach Selbstmord aus“, hörte ich ihn hinter meinem Rücken sagen.
Ich schätzte das Alter der Frau auf Mitte zwanzig. Der junge Kollege lag mit seiner Vermutung wahrscheinlich richtig. So, wie es aussah, hatte sie sich das Leben genommen. Auf eine ungemein brutale Weise.
Wäre der Selbstmörder Rechtshänder, würde er sich eine Schnittwunde zufügen, die auf der linken Seite des Halses begann und auf der rechten Seite unten endete. Ein Linkshänder ginge entsprechend seitenverkehrt vor.
Diese Frau war demzufolge Rechtshänderin gewesen. Da sie im entscheidenden Moment den Kopf angehoben hatte, wies ihre Kehle mehrere Wunden auf. Das Heben des Kopfes bewirkte nicht, dass die Halsschlagadern leichter zugänglich waren. Im Gegenteil, denn durch die Bewegung wurden die Adern nach innen verlagert, wo sie teilweise durch die Luftröhre geschützt wurden. So waren mehrere, äußerst entschlossene Ansätze nötig, um schließlich den tödlichen Schnitt zu vollziehen.
Die blutige Klinge war ihr aus den Händen geglitten und lag im Matsch.
Ich fragte mich, warum sich die Frau ausgerechnet hier umgebracht hatte. An dieser einsamen Stelle parkte nirgendwo ein Fahrzeug. Also musste sie sich zu Fuß auf den Weg gemacht haben.
Eine Minute später tauchten ein Arzt und das Team von der Spurensicherung auf. Ich sprach mit dem Mann, der die Tote entdeckt hatte.
„Ich laufe hier fast jeden Tag“, begann er. „Muss mich bewegen und abnehmen, hat der Orthopäde gesagt.“
„Haben Sie die Frau schon vorher mal hier gesehen?“, fragte ich.
Er schüttelte den Kopf. „So ein junges und hübsches Ding.“ Er wandte den Blick zum Ufer. „Sie hat sich selbst umgebracht?“
„Das steht noch nicht fest“, erwiderte ich.
Ich kehrte zu der Leiche zurück. Doktor Latzke hatte gerade eine erste Untersuchung beendet.
„Sie liegt da seit mindestens drei Stunden“, berichtete er und streifte sich die Einweghandschuhe ab. „Ich kann mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass sie die Schnitte selbst ausgeführt hat. Zunächst zaghaft und dann entschlossener. Der Tod tritt durch die mangelnde Versorgung des Hirns mit Sauerstoff sehr schnell ein. Trotzdem stellt sich die Frage, warum jemand zu solch einer Methode greift.“
Es regnete jetzt stärker. Wasser prasselte auf den See, und das Westufer war aus unserem Sichtfeld verschwunden.
Der Doktor beeilte sich, um zu seinem Mercedes zu gelangen. Ich lief neben ihm her und fragte: „Ist Ihnen so ein Suizid schon mal untergekommen?“
„Mir persönlich nicht. Normalerweise schneiden sich die Leute die Pulsadern am Handgelenk auf. Aber vor ein paar Monaten ging eine Frau in Berlin ähnlich vor.“
Otto Hoffmann von der Spurensicherung rief nach mir. Ich nahm mir vor, auf alle Fälle bei den Berliner Kollegen nachzufragen.
„Sie hatte ihre Brieftasche dabei“, sagte Hoffmann. Er hielt mir ihren Ausweis hin.
Die Tote hieß Caroline Eberling, war 24 Jahre alt und wohnte hier in Potsdam.
Ich rief meinen Kollegen Max Kritzer an, und wir verabredeten uns vor der Wohnung von Caroline Eberling.
*
Max erwartete mich bereits vor dem Mehrfamilienhaus im Stadtteil Kirchsteigfeld.
„Am Templiner See stand kein Auto“, stellte ich fest. „Ist ziemlich weit von hier. Warum ist die Frau bei dem Wetter ausgerechnet dort hingegangen, um sich umzubringen?“
„Hoffen wir mal, dass wir hier mehr herausfinden“, erwiderte Max und ging durch die offen stehende Eingangstür nach oben.
Die Wohnung lag im ersten Stock. Max drückte auf die Klingel und klopfte gegen die Tür. Es erfolgte keine Reaktion.
Eine ältere Frau in einer gestreiften Kittelschürze kam langsam die Treppe herab. Sie war wohl durch das laute Klopfen neugierig geworden.
Ich zeigte ihr meinen Dienstausweis.
„Oha!“, machte die Frau. „Ist was passiert mit der Caroline?“
Ich ging nicht auf die Frage ein. „Haben Sie mitbekommen, wann Frau Eberling heute Morgen ihre Wohnung verlassen hat?“
„Nein“, antwortete die Kittelträgerin. „Heute ausnahmsweise mal nicht. Ich dachte mir, dass sie vielleicht krank ist oder Urlaub hat. Normalerweise geht sie immer um kurz nach acht aus dem Haus. Sie arbeitet halbtags in so einem Brillengeschäft.“
Die Frau war auf dem Laufenden. Vermutlich verbrachte sie einen Großteil ihrer Zeit mit der Beobachtung anderer Mieter. Von der Sorte gab es eine ganze Menge. Mit ihrem penetranten Verhalten verschafften uns diese selbsternannten Ordnungshüter nicht selten eine Menge Informationen.
„Wohnt Frau Eberling allein?“, hakte Max nach.
„Sie hat eine Tochter“, antwortete die Frau. „Die Kleine ist erst wenige Monate alt, und Frau Eberling bringt sie vor der Arbeit zu ihren Eltern. Es heißt, der leibliche Vater hat sich aus dem Staub gemacht.“
„Es gibt ein Baby“, entfuhr es Max. „Verdammte Scheiße!“
Der Arzt hatte vermutet, dass Caroline Eberling seit mindestens drei Stunden tot war. Was war während dieser Zeit mit dem Kind geschehen?
Die Frau bemerkte unsere Nervosität. „Was ist denn nun mit der Caroline?“
„Wir müssen sofort in die Wohnung“, stellte Max fest. „Notfalls mit Gewalt.“
„Caroline hat mir einen Schlüssel gegeben. Für alle Fälle“, sagte die Frau, hielt sich die Hand vor den Mund und riss die Augen weit auf. „Mein Gott! Dem Kindchen wird doch nichts passiert sein!“
„Holen Sie den Schlüssel!“, drängte ich.
„Bitte nicht, bitte nicht“, flüsterte Max. Er war selbst Vater einer Tochter.
Ich versuchte, mich auf das Schlimmste vorzubereiten, und wusste doch, dass es unmöglich war.
Ich forderte die Nachbarin auf, in ihre Wohnung zurückzukehren. Max öffnete die Tür und trat in einen rosafarben gestrichenen Flur. Alles war still. Ein Geruch von süßlichem Parfüm hing in der Luft. Wir blickten zuerst in ein winziges Bad und eine nur unwesentlich größere Küche. Dann kam das Schlafzimmer. Direkt unter dem Fenster stand ein kleines Gitterbett. Die Jalousie war zur Hälfte heruntergelassen, so dass der Raum in einem trüben Dämmerlicht lag.
Wir hasteten gemeinsam zu dem Kinderbett.
Das Baby trug einen Strampelanzug mit Sandmännchen-Motiven, hielt sich eine winzige Faust vors Gesicht und bewegte sich nicht.
Max streckte den Arm aus und legte vorsichtig seine Hand auf die Brust des Kindes.
„Es atmet“, sagte er leise und ich spürte, wie sich meine Anspannung mit einem Schlag löste.
„Es sieht so aus, als würde es einfach nur tief schlafen.“ Max blickte mich mit einem erleichterten Lächeln an. In seinen Augen schimmerten Tränen. „Wenn es um Kinder geht ...“ Er schluckte und schnappte nach Luft. „Das kann ich einfach nicht ertragen. Ich denke dann immer an meine Eva.“
*
Wir riefen für alle Fälle einen Krankenwagen. Das Kind erwachte erst, als es einer der Sanitäter aus dem Bett hob. Es starrte uns alle aus riesigen blauen Augen...




