E-Book, Deutsch, 492 Seiten
Weber Divisio
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8192-5482-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Gefährliche Doppelgängerin
E-Book, Deutsch, 492 Seiten
ISBN: 978-3-8192-5482-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Elena Weber wurde 1994 geboren und schreibt Science-Fiction für Young und New Adults. Ihre Geschichten erzählen von Selbstvertrauen, Mut, Freundschaft und Liebe in einer Zukunft, in der das Menschsein sich verändert. Sie erschafft authentische Charaktere, die in ihrer futuristischen Welt ihren eigenen Weg finden und sich selbst treu bleiben.
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Kapitel 1
Dienstag, 1. September 2054
RAYA
Mit wild rasendem Herzen schlug Raya die Augen auf. Ihr ganzer Körper zitterte unkontrolliert. Blut. Alles war voller Blut gewesen. Ruckartig setzte sie sich auf und starrte auf ihre Hände. Aber sie waren sauber und blass. So wie immer. Keine Spur von Blut. Raya sog die Luft tief in ihre Lungenflügel. Doch ihr Herzschlag beruhigte sich nicht. Immer noch zitternd führte sie die Hände so dicht wie möglich vor die Augen. Anstelle etwas Auffälliges zu bemerken, verschwamm nur ihre Sicht. Da war nichts. Nicht in den feinen Rillen ihrer Haut. Und auch nicht unter den Nägeln. Sie schloss die Augen und versuchte es mit einem weiteren tiefen Atemzug. Es war ein Traum gewesen. Nichts als ein Traum. Raya strich sich eine klebrige Haarsträhne aus dem Gesicht. Kalter Schweiß stand auf ihrer Stirn und eine Gänsehaut bedeckte ihren Körper. Sie hatte noch nie so etwas geträumt. Kein Blut. Keine Messer. Keine Leichen. Und erst recht hatte es sich nie so real angefühlt. Kräftig rieb sie mit den Fingern über ihre Arme. Doch die Gänsehaut blieb. Genauso die Erinnerung an den Traum. Blutende Stichwunden. Und leere bernsteinfarbene Augen.
Verdammt. Raya biss auf ihre Lippe. Sie musste diese Bilder loswerden. Langsam schob sie ihre zitternden Beine über die Bettkante und ihr Blick streifte die Sporttasche auf dem Boden. Das allmorgendliche Kickbox-Training mit ihrer Freundin Lenita im nahegelegenen Elbe-Trainingszentrum. Genau das war die Lösung, um ihren Kopf wieder freizubekommen. Routinemäßig schaute sie auf das zusammengefaltete Flexifold auf ihrem Nachtschrank, welches auf dem kleinen Frontdisplay wie immer die Uhrzeit anzeigte. Doch heute ließ Raya der Anblick innehalten und fassungslos auf die Zahlen starren.
7.42 Uhr.
Nein. Das war ausgeschlossen. Etwas stimmte nicht. Die Anzeige musste falsch sein. Nur war das genau genommen unmöglich. Denn selbstverständlich empfing das Flexifold die Atomzeit.
Doch welche Erklärung gab es dann?
Wenn es tatsächlich 7.42 Uhr wäre, hätte sie verschlafen. Und das war ebenso unmöglich. Eigentlich zumindest. Denn in ihrem ganzen Leben hatte sie noch kein einziges Mal verschlafen. Von daher wäre es reichlich ungewöhnlich, im Alter von fast zwanzig Jahren damit zu beginnen, oder?
Schon als Raya noch ein Baby gewesen war, war Dysnarkolose bei ihr diagnostiziert worden. Dabei handelte es sich um eine äußerst seltene Schlafkrankheit – Raya kannte nur eine weitere Person, die ebenfalls an dieser Krankheit litt. Verursacht wurde Dysnarkolose durch eine Schädigung des suprachiasmatischen Nucleus, welcher Teil des Hypothalamus war. Bei jedem anderen Menschen steuerte dieser Teil des Gehirns die zirkadiane Uhr, welche an der Schlaf-Wach-Regulation beteiligt war. Nur bei Raya funktionierte das nicht. Und deshalb befand sie sich, schon seit sie denken konnte, in der Behandlung des Instituts. Das HIOBS, Abkürzung für Hansen Institute of Brain Science, war ihr ungewolltes zweites Zuhause. Hier schlief sie jede einzelne Nacht. Von Punkt 19 Uhr bis Punkt 7 Uhr. Genau zwölf Stunden. Jeden einzelnen Tag. Andernfalls wäre ihr Schlaf-Wach-Rhythmus das reinste Chaos. Sie würde in der Uni oder auf dem Fahrrad einschlafen und stattdessen regelmäßig nachts putzmunter im Bett liegen. Nur um in den frühen Morgenstunden vielleicht doch noch einzuschlafen und morgens den Wecker nicht zu hören, weil all die Hormone und Neurotransmitter, die für die Schlaf-Wach-Regulation verantwortlich waren, total unzuverlässig und unregelmäßig produziert werden würden. Doch durch den getakteten Schlafrhythmus im HIOBS und die auf zwölf Stunden erhöhte Schlafdauer war Raya zumindest tagsüber nicht eingeschränkt. Müdigkeit war ein Gefühl, das sie praktisch nicht kannte. Dafür sorgten die Nanobots in ihrem Gehirn, die die Konzentration der Hormone und Neurotransmitter steuerten. Rayas Schlaf war auf die Minute getaktet. Um 7 Uhr morgens wachte sie auf. Jeden Morgen. Ohne Ausnahme. Verschlafen ausgeschlossen. Wie könnte es heute anders sein?
Raya kaute auf ihrer Lippe. Nun ja, nichts war unfehlbar. Auch die sonst so zuverlässige Technik des Instituts war nicht vor Ungenauigkeiten und Defekten geschützt. Möglicherweise hatten die Nanobots in ihrem Gehirn einen Fehler gemacht bei der Anpassung der Hormon- und Neurotransmitter-Konzentration. Das konnte durchaus sein, oder? Raya rieb erneut mit den Händen über ihre Arme. Aber die Gänsehaut hielt sich hartnäckig. Sie sollte aufstehen, diesen fürchterlichen Albtraum vergessen und Lenita zum Training treffen. Vielleicht konnte sie heute Abend mit Dr. Chang, dem Institutsarzt, sprechen. Er sollte ihr beantworten können, warum sie verschlafen hatte. Aber jetzt blieb keine Zeit. Erst mal zum Training. Dann nach Hause. Und dann … Ihr Blick streifte erneut das Flexifold mit der Uhrzeit. Und unterhalb der Uhrzeit prangte das Datum.
Ach du Scheiße. Rayas Magen zog sich zusammen. Der 1. September. Das Vorstellungsgespräch bei Proglanda. Die Chance ihres Lebens. Der wichtigste Tag aller Zeiten. Raya schlug die Handflächen gegen ihre Wangen und rang nach Luft. Wie zur Hölle hatte sie das vergessen können?
Scheiße. Dieser verdammte Traum. Diese verdammte Nacht. Warum ausgerechnet heute? Sie vergrub das Gesicht in den Händen. Es gab keine Zufälle, richtig? Wahrscheinlich würde der Tag genau so weitergehen, wie er angefangen hatte. Nämlich katastrophal. Heiße Tränen stachen in ihren Augen. Die Chance, bei Proglanda zu arbeiten, wäre für immer verbaut. Heftig biss sich Raya auf die Unterlippe. Sie hätte es gar nicht erst versuchen sollen, sich zu bewerben. Nun ja, genau genommen hatte sie es ja auch gar nicht versucht. Sondern ihr Bruder Enno hatte heimlich beschlossen, dass es eine gute Idee wäre, eine Bewerbung in ihrem Namen abzusenden. Verdammt. Enno hätte das niemals tun dürfen. Ihr Traum würde heute für immer zerplatzen. Rayas Magen verkrampfte sich zunehmend und ein Anflug von Übelkeit waberte durch ihren Körper.
Vor genau einer Woche hatte Raya vollkommen unerwartet die E-Mail von Proglanda erhalten. Fassungslos hatte sie die Buchsta ben angestarrt. Proglanda hatte sich nicht nur für ihre spannende Bewerbung bedankt, sondern sie auch noch zu diesem Vorstellungsgespräch eingeladen. Raya war vor Verwirrung augenblicklich heiß und kalt gleichzeitig geworden. Verdammt. Welche Bewerbung? Und dann hatte Raya eins und eins zusammengezählt. Denn der Einzige, dem sie von der offenen Praktikumsstelle erzählt hatte, war ihr Bruder Enno gewesen.
Sie saßen gemeinsam am Esstisch in der Wohnküche, jeder still vor sich hin arbeitend, als Enno plötzlich sagte: »Ich kann dieses Zeug über Integralrechnung gerade nicht mehr sehen. Lust zu tauschen? Was machst du gerade?«
Raya zögerte. Denn sie arbeitete gar nicht an ihrer drögen Hausarbeit über die unterschiedlichen Normalformen von Datenbanken, sondern stöberte stattdessen durch die Stellenausschreibungen von Proglanda. Was natürlich bloß ein Tagtraum war. Unerreichbar. Aber träumen durfte man ja, oder? Und Enno gehörte neben ihrem Vater und ihrem besten Freund David zu den wichtigsten Menschen in Rayas Leben, demnach konnte sie es ihm ja erzählen.
»Ähm … Proglanda sucht im Moment nach einem Praktikanten im Bereich Engineering. Also … Das ist nur ein kleiner Tagtraum. Schließlich habe ich mich ja bewusst für das Datenbank-Studium entschieden. Datenverwaltung ist nun mal unsere Gegenwart und Zukunft. Ein sicherer Job auf jeden Fall. Aber Proglanda ist einfach … wow. Die verändern die Welt. Mit ihrem Direct Air Capture. Und dem Hyperloop. Aber … wie gesagt, das ist nur ein kleiner Tagtraum.«
»Klingt spannend. Warum bewirbst du dich nicht einfach?«
Das war wieder mal typisch Enno. Direkt und impulsiv. Er war so anders als sie. Was allerdings kein Wunder war. Denn sie waren beide adoptiert worden und ihre Gene hatten rein gar nichts miteinander zu tun. Offensichtlich standen Gene also deutlich über Erziehung, was die Charaktereigenschaften anging.
»Wie gesagt, das ist nichts, was ich wirklich in Erwägung ziehe. Und obendrein würde das auch gar nicht gehen. Hier steht, dass sie einen Maschinenbau-Studenten suchen. Außerdem soll man eigene Ideen und Projektvorschläge beifügen. Und die nehmen sowieso nur die Allerbesten.«
»Versuch es doch einfach. Glaub an dich.«
»Quatsch. Ich habe doch schon das Praktikum beim Bürgeramt in Aussicht.«
»Aber brennst du dafür?«
Was war das für eine Frage? Raya rümpfte die Nase. Ging es im Erwachsenenleben darum, für etwas zu brennen? Ging es nicht viel mehr um eine risikofreie, planbare Zukunft?
»Nun ja, das Praktikum erhöht auf jeden Fall die Chance auf eine recht sichere und halbwegs gut bezahlte Stelle dort. Was könnte man sich mehr wünschen?«
Raya hatte das eigentlich als rhetorische Frage gemeint. Doch Enno verstand das offenbar nicht so. »Man könnte sich so einiges mehr wünschen. Zum Beispiel Abenteuer, Herzblut für die...




