E-Book, Deutsch, 130 Seiten
Reihe: Digital Edition
Weaver Ich will dich, Jenna
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7337-7348-9
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 130 Seiten
Reihe: Digital Edition
ISBN: 978-3-7337-7348-9
Verlag: CORA Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Finden Sie meine kleine Nichte Emily, und ich gebe Ihnen, was Sie wollen! Beschwörend redet die schöne Jenna auf den attraktiven Damien Reece ein, der für seine telepathischen Fähigkeiten bekannt ist. Und Damien erklärt sich bereit - unter einer Bedingung: Wenn er Emily gefunden hat, will er kein Geld. Damien will Jenna ...
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1. KAPITEL
Es geschah in diesem zeitlosen, schwebenden, ungeschützten Zustand, bevor der Schlaf kommt, wenn die Müdigkeit schließlich den Körper übermannt und die Denkfähigkeit ausschaltet, als Damien den Schrei einer Frau wahrnahm. Wortlos, formlos, lautlos … Ihre herzzerreißende Seelenangst teilte sich ihm mit.
Er reagierte sofort und ohne nachzudenken. Helfen. Er musste ihr helfen. Wer immer sie war, wo immer sie war, sie brauchte ihn. Er rollte sich aus dem Bett, stolperte über seine herumliegenden Kleidungsstücke und wich nachtwandlerisch den schweren Möbeln aus. Sogar jetzt klang der Widerhall ihres Flehens in ihm nach. Er fühlte ihre verzweifelte Hoffnung auf Rettung.
Seine bloßen Füße wurden taub auf den kalten Fliesen. Er bibberte vor Eiseskälte, als er den Wohnraum erreichte. Sein nackter Körper schimmerte bronzefarben in dem Licht des verglühenden Kaminfeuers, sein rabenschwarzes Haar fiel ihm wirr vom Schlafen auf die Schultern. Er durchquerte den Flur und versuchte fieberhaft, die vereiste Eingangstür aufzuschließen.
Sie hatte ihn gerufen. Sie brauchte ihn. Er musste ihr helfen.
Damien stemmte sich mit der Ferse gegen den Rahmen und riss die eisverklebte Tür mit einem Ruck auf. Ein Windstoß erfasste die Tür, und sie krachte gegen die Wand. Schnee fegte in die Hütte.
Jenseits des überdachten Vorbaus lungerte die Nacht mit ihren schwarzen und grauen Schattierungen. Der Schneesturm, der bei Einbruch der Dunkelheit losgebrochen war, verhüllte die Sterne, die Kiefern, die wie eine Schildwache entlang des Weges standen, den Granitblock im Vorgarten, alles. Da war kein Licht, keine Andeutung einer Bewegung, kein Hinweis auf die Frau, deren klagender Schrei immer noch in ihm gegenwärtig war.
„Wo sind Sie?“
Sein Ruf wurde von dem Jaulen des Windes verschluckt.
„Ist jemand hier?“
Stechende Eiskristalle wirbelten über die Schwelle, umtanzten seine bloßen Beine und machten ihn auf eine fast brutale Weise ganz wach.
Er lauschte, jeder Nerv pulsierte, alle Sinne waren geschärft. Er rief wieder. Und wartete. Und rief noch einmal.
Nichts. Nur das dichte Treiben des Schnees und das unaufhörliche Pfeifen des Windes.
Erst nachdem seine Stimme heiser war und die eiskalte Luft in seiner Lunge brannte, akzeptierte Damien schließlich das Offensichtliche. Auch wenn die Frau nur wenige Meter entfernt wäre, würde sie ihn bei diesem Sturm nicht hören können. Und er hatte niemand hören können. Nicht durch die festen Wände der Hütte, nicht durch das Toben des Unwetters. Niemand war dort draußen. Natürlich war niemand dort draußen. Er hatte keine Nachbarn, er hatte keine Besucher. Die nächste Straße war zwei Meilen entfernt und führte über einen steilen Hügel.
Es musste ein Traum gewesen sein, das war alles. Ein Traum.
Von dem Kaminvorleger hob Smoke den Kopf, die Augen glühten gelb in dem Licht des Feuers, sein Winseln deutete Neugier an.
Damien warf einen Blick auf den Wolf. Ja, es musste ein Traum gewesen sein. Wenn es den Schrei wirklich gegeben hätte, dann wäre Smoke heulend zur Tür gerannt. Die Sinne des Tieres waren besser geschärft als seine eigenen.
Also konnte er den Schrei nicht gehört haben.
Nein, er musste den Schrei nicht gehört haben, aber er könnte ihn …
„Nein!“
Ein Traum, das war alles. Das war alles, was es hatte sein können.
Ein kalter Schauer überlief ihn. Er schloss die Tür und lehnte die Stirn gegen das furnierte Holz.
Der Schrei war ein Traum gewesen, ein verdammt lebhafter Traum, der ihn beinahe dazu gebracht hatte, nackt in den Schneesturm hinauszustürzen, aber das war von keiner Bedeutung. Nein, das bedeutete nicht, dass der Albtraum wieder zurückkehrte.
Aber der Traum war so wirklich gewesen. Hatte seine Abwehr durchbrochen. Hatte ihn gerufen. Hatte ihn gelockt. Wortlos, formlos, lautlos …
Lautlos?
Nein. Das war alles vorbei. Tot und begraben. Es fing nicht wieder an. Er hatte seinen Frieden gefunden.
Aber der Traum war so wirklich gewesen.
„Nein!“ Damien schlug mit der Faust gegen die Tür. Ein stechender Schmerz zuckte den Arm hinauf bis zur Schulter. Er schlug noch einmal zu, dann hob er die Hand zum Mund, schmeckte das Blut, das aus der geplatzten Haut über den Knöcheln sickerte. Er drehte sich um. Flammen tanzten hinter dem verzierten Eisengitter des Kamins. Der hereinfegende Wind hatte die Glut entfacht. Ein Holzscheit knisterte, Funken sprühten. Das sah er, das hörte er. Das waren sinnliche Wahrnehmungen, die er verstehen und akzeptieren konnte. Ja. Das war Wirklichkeit.
„Ich habe sie nicht gehört“, sagte er. „Ich habe nichts gehört.“
In diesem Augenblick setzte das Zittern ein. Schauder schüttelten ihn von den Schultern bis zu den Fußsohlen. Damien kreuzte die Arme vor der Brust und zerrte die Quiltdecke seiner Großmutter von der Couch. Dann sank er auf die Kissen, deckte sich zu und presste die Zähne zusammen.
Er rieb sich das Gesicht und fühlte unter seiner Handfläche die kratzenden Bartstoppeln. Seit einer Woche hatte er sich nicht rasiert. Er hatte nichts gehört. Er hatte geträumt, das war alles. Er hatte in den vergangenen Tagen rund um die Uhr gearbeitet. Träume passierten jedem. Sogar ihm.
Er blickte zum Schlafzimmer hinüber, das durch einen schattigen Bogengang vom Wohnraum getrennt war. In seiner Kindheit hatten sich Monster in der Dunkelheit getummelt. Vor dem Unbekannten war er laut schreiend durch die leeren Korridore gelaufen auf der Suche nach Trost, den ihm niemand hatte geben können.
Damien hatte schon vor langer Zeit aufgehört, nach Trost zu suchen. Genauso wie er es gelernt hatte, sich den Monstern in seiner eigenen Finsternis zu stellen. Nein, es fing nicht wieder an. Es gab dort draußen keine Frau. Keine Stimme in seinem Kopf. Niemand.
Er blieb still liegen, bis das Zittern aufhörte. Allmählich ebbte die Panik ab. Er lauschte dem Sturm, der mit einem boshaften Windstoß nach dem anderen auf die Hütte einschlug, und fühlte so etwas wie Befriedigung über die verbürgte Abgeschiedenheit, die der Schnee bringen würde. Die Straße würde auf Tage hinaus unpassierbar sein. Er würde niemanden sehen müssen, würde nicht riskieren müssen, sich all diese Meinungen anzuhören … nicht, bevor er so weit war, seine Arbeit in die Stadt zu bringen.
Nein, es war unmöglich. Er hatte seit Jahren nicht einmal den Anflug seiner Veranlagung … seines Fluchs … gehabt. Alles war in Ordnung. Er war normal.
Langsam drehte Damien sich der Tür zu. Und wenn die Stimme der Frau kein Traum gewesen war? Wenn wider Erwarten tatsächlich jemand dort draußen im Schneesturm war, der nach Hilfe rief, der ihn brauchte?
Es würde einfach sein, nachzusehen. Zieh dich an, schnapp dir eine Taschenlampe und geh hinaus, um dich umzuschauen. Nur für den Fall … für den Fall, dass das Unmögliche Wirklichkeit war.
Während er die Wirklichkeit leugnete, könnte sie sterben.
Aber wenn er die Möglichkeit akzeptierte, dass er die Stimme tatsächlich wahrgenommen hatte, dann würde er zugeben, was er seit fünf Jahren zu leugnen versuchte. Er würde sich den Monstern wieder stellen müssen.
„Verdammt“, flüsterte Damien und rieb sich die Stirn. Er streckte die Arme aus und starrte auf die Hände. Die Finger fingen wieder an zu zittern. „Verdammt.“
So durfte es nicht enden. Nein, sie würde nicht auf diese Weise sterben, erfroren wie der Sperling, den sie letzten Winter neben ihrem Vogelhaus gefunden hatte … ein Ding des Mitleids, unbekannt und unbetrauert. Sie war so weit gekommen, und kein noch so verführerisch weiches Schneetreiben würde sie in den ewigen Schlaf lullen.
„Auf keinen Fall.“ Ihre Stimme war nichts weiter als ein Raspeln gegen das Brausen des Windes. Sie spannte ihre Kräfte an und stolperte auf die Füße. „Auf keinen Fall wirst du hierbleiben, Jenna, altes Mädchen. Du hast viel zu viel zu tun.“
Einen Schritt vorwärts. Und noch einen. Das schwache Licht der Taschenlampe zeigte ihr an, dass sie sich auf dem Feldweg befand, aber sie wusste nicht, ob sie sich in die falsche Richtung bewegte. Doch sie zwang sich, weiterzugehen. Es wäre zu einfach, sich in die nächste Schneekuhle zu legen und sich der Illusion des inneren Friedens und der Sicherheit hinzugeben. Es wäre zu leicht, die Augen zu schließen und vom eisigen Sturm all die inneren Kämpfe, die Schwierigkeiten und den Schmerz hinwegfegen zu lassen.
Jenna lehnte es ab, sich dem Zweifel auszusetzen. Die Situation war nicht hoffnungslos. Solange sie einen Fuß vor den anderen setzte, machte sie Fortschritte. Wie weit konnte es noch bis zur Hütte sein? Ganz sicher hatte sie mittlerweile die zwei Meilen zurückgelegt. Vielleicht lag die Hütte hinter der nächsten Biegung. Jenna hob den Kopf und blinzelte gegen das Schneegestöber.
„Also“, murmelte sie. „Nur noch wenige Meter, und du bist fein raus. Denke positiv.“
Na sicher, positiv. Ein dampfender Becher mit heißer Schokolade und einem Sahnehäubchen obenauf. Und ein prasselndes Kaminfeuer, das die Eiskristalle von ihren Gelenken wegschmolz. Und in warme, weiche Wolldecken gehüllt, die sie vergessen ließen, wie schrecklich kalt es sein konnte. Und sanfte Musik, etwas Leichtes und Luftiges, das sie an die Versprechen des Frühlings erinnerte.
Die besänftigenden Fantasiegebilde zerplatzten wie Seifenblasen. Nein, nicht Frühling. Bis dahin waren es noch mehr als drei Monate, und sie hatte bereits zu lange gewartet. Sie musste die...




