Watson | Überlebensgroß | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

Watson Überlebensgroß

Roman
1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-641-09019-7
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 400 Seiten

ISBN: 978-3-641-09019-7
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dieses Buch kann Leben verändern

Dominic ist Hochzeitsfotograf und verbringt seine Wochenenden damit, die glücklichsten Tage anderer Menschen festzuhalten. In seinem eigenen Leben spielt Glück eher keine Rolle. Er ist meist der, der im Schatten steht, der an zweiter Stelle genannt wird. Einzig seine große Schwester Victoria begegnet ihm auf Augenhöhe und macht ihn zum Komplizen ihres aufregenden Lebenswandels. Doch bald läuft er Gefahr, sie zu verlieren.

Dies ist die Geschichte von Dominic. Und die seiner Familie. Und all der kleinen Dinge, die ein Leben ausmachen. Dominic Kitchen ist Hochzeitsfotograf. An jedem Samstag hält er den glücklichsten Tag im Leben der Brautpaare fest, den Tag, an dem sie den Bund fürs Leben schließen. Er selbst befindet sich immer auf der anderen Seite der Kamera, im Hintergrund. Den Konventionen entsprechend, heiratet er eine nette Frau und lebt sein Leben. Mehr und mehr wird dieses jedoch von einer alten Sehnsucht beherrscht, die ihn zu zerstören beginnt, und er weiß: Er kann niemals glücklich werden. Tagtäglich versucht er, eine Scheinwelt aufrechtzuerhalten und seine Gefühle zu verbergen – doch langsam schwinden seine Kräfte. Innerlich spürt er, wie sich ein Knoten immer enger zusammenzieht, ein Knoten, der sein eigenes Glück massiv bedroht. Denn er liebt eine andere. Und irgendwann kommt der Moment, in dem er seine geheimen Wünsche nicht länger unterdrücken kann.

Mark Watson, geboren 1980 in Bristol, ist Romanautor, Kolumnist, Radio- und Fernsehmoderator und international erfolgreicher Stand-up-Comedian. Er ist außerdem Fußball-Experte, studierter Literaturwissenschaftler und Umweltaktivist. Er ist bekannt für Marathonauftritte, die 24 Stunden und länger dauern. Mark Watson lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in London. »Ich könnte am Samstag« (Hardcover: »Elf Leben«) war sein erster ins Deutsche übersetzter Roman, zuletzt erschien von ihm »Hotel Alpha«.

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Weitere Infos & Material


I

Ich wurde 1950 geboren und erhielt den unseligen Namen Dominic Kitchen. Ich bin acht Jahre jünger als mein Bruder Max und zehn Jahre jünger als meine Schwester Victoria. Dieser große Abstand erzeugte bei mir das anhaltende Gefühl, allen hinterherzuhinken, vor allem meinem Bruder. Wenn ich etwas herausfand, wusste Max es längst; alles, was ich vollbrachte, hatte er entweder bereits geschafft oder geprüft und als bedeutungslos abgehakt. Kurz, ich war einfach zu spät aufgetaucht. Max jedenfalls tat alles, um mich in diesem Glauben zu bestärken.

An einer der zahlreichen Londoner Straßen mit dem Namen Park Street, wo wir lebten, waren wenige Jahre zuvor viele Häuser ausgebombt worden, und viele von den übrigen waren so hässlich, dass sie eigentlich – wie Victoria einmal fröhlich bemerkte – das gleiche Schicksal verdient gehabt hätten. Zwischen den uneinheitlichen Doppelhäusern hing der karge Londoner Nachkriegshimmel wie eine Schüssel Schmutzwasser. An der Ecke gab es einen kleinen Laden, wo Victoria am Wochenende arbeitete; etwas weiter weg tankte ein Pub namens Shipmate die irischen Arbeiter auf, die die Gegend wieder zusammenschusterten. Der besagte Park lag einen knappen Kilometer entfernt, und dorthin ging ich mit meiner Mutter an den Samstagnachmittagen, um auf der feuchten Schaukel auf und ab zu wippen, wenn alle anderen beim Fußball waren. Mein Vater war Sportjournalist und schrieb für die Lokalzeitung über Arsenal – allerdings hätte man bei seinem Stil auf ein viel gehobeneres Publikum geschlossen. Aus meiner Kinderzeit weiß ich noch, wie ich in der Zimmerecke, die Max zähneknirschend an mich abgetreten hatte, im Bett lag und Dad zuhörte, der seine Berichte an die Redaktion durchgab. »Arsenal unterliegt durch virtuoses Tor.« Ein geduldiges Auflachen, nachdem man ihn missverstanden hatte. »Nein, nein. ›Virtuos‹. V, i, r …«

In meiner frühesten Erinnerung hebt mich Dad hoch, damit ich der einen Ente, die sich an diesem schmuddeligen Februarnachmittag herausgetraut hatte, eine Brotkrume zuwerfe.

Mehrere Minuten lang hatte mich die Ente beim Werfen beobachtet, ehe sie sich schließlich näherte, wie um uns einen Gefallen zu tun. »Da kommt sie!« Wie eine Trophäe hielt mich Dad übers Wasser. »Die Ente ist zurück, was für ein Glück!« Das war bei Weitem der lustigste Satz, den ich in den ersten vier Jahren meines Lebens gehört hatte, und ich quiekte vor Lachen. Ein paar Minuten später wiederholte er seinen Erfolg – »Jetzt kommt das Blesshuhn raus aus seinem Haus!« –, als sich im Schilf ein schneeweißer Kopf zeigte. Und dann auf dem Weg aus dem Park der krönende Abschluss mit »Ein Vogeltraum, man glaubt es kaum«, nachdem ein gut gezielter Brotkrumenwurf einen zankenden Schwarm Tauben vor unsere Füße gelockt hatte. Jeder Junge sucht nach Beweisen für die Größe seines Vaters: Bei mir war es Dads Fähigkeit, Reime zu schmieden.

Er hatte einen vollen schwarzen Haarschopf, der nie grau wurde, und eine Brille, die ihm einen intellektuellen Anstrich verlieh. »Die«, sagte er immer und tippte darauf, »hat mich vor der Army bewahrt.« An Winternachmittagen beschlug sich die Brille, und er trug einen rotweißen Fußballschal, den Mum ihm vor vielen Jahren gestrickt hatte. Mum interessierte sich nicht für Fußball; ihre Meinung zu dem Spiel beschränkte sich darauf, dass man als Zuschauer einen schönen Schal umhaben sollte.

Mit ungefähr sechs durfte ich zum ersten Mal mit Max und Dad ins Arsenal-Stadion. Ich bekam einen alten Schal von Max und trippelte beklommen mitten in einer Horde von brüllenden, rauchenden, lachenden Männern in cremefarbenen Jacken und Mützen hinterdrein. Meine Begeisterung für das Spiel hielt sich in Grenzen, doch ich hatte das starke Gefühl, in der Achtung dieser Leute steigen zu können, wenn ich es schaffte, Gefallen daran zu finden. In den engen Straßen um den Fußballplatz wurde das Gewühl immer dichter, und seltsame Ingredienzien gesellten sich dazu: plärrende Verkäufer von Stadionheften, Polizisten auf riesigen Pferden. Es war, als würden sie alle nicht zur Unterhaltung ins Stadion drängen, sondern aus einem ernsten und beängstigenden Grund. Max, der sich angeberisch über verschiedene Spieler ausließ, ignorierte mich nach Kräften und seufzte jedes Mal, wenn Dad mich am Arm fasste, um mich um ein Hindernis zu lenken.

Dann deutete Max auf ein Straßenschild: Victoria Street. »Die ist nach unserer Schwester benannt.«

»Wirklich?«

»Natürlich nicht.« Er schnaubte. »Mein Gott, du hast echt ein Brett vor dem Kopf.«

»Das muss nicht sein, Max«, mahnte Dad, aber so mild, dass es keinen Eindruck auf meinen Bruder machte. Unsere Eltern erhoben so gut wie nie die Stimme, und schon gar nicht, um Max zurechtzuweisen, der Klassenbester und ein talentierter Cricketspieler war und später in Oxford studieren sollte.

Er war ein launischer, durchtriebener Bursche mit fettigen Locken und einer gerissenen Miene, die sich kaum je entspannte. Es heißt, wenn man einen Jungen mit sieben gesehen hat, kennt man auch den späteren Mann, oder so ähnlich. (Je älter ich werde, desto mehr entgleiten mir diese Sachen.) Auf Max traf das jedenfalls zu. In dem verblichenen Lederalbum mit meinen Babyfotos taucht auch Max auf, der mit Sorgenfalten im Gesicht kalkuliert, wie viel an Aufmerksamkeit ich ihn kosten werde. Es ist ein fuchsartiges Gesicht, unkindlich nuanciert und berechnend, das bereits vorauszublicken scheint auf sein zukünftiges Leben auf der Überholspur: die Nadelstreifenhemden und Stifte mit Monogramm, die Finanzoperationen, das oberflächliche, zynische Geschäker mit geschiedenen Blondinen in Nachtclubs im West End.

Nach dem Betreten des Stadions gewann die Menschenmasse für mich noch an Schrecken: Tausende von weißen Gesichtern, die sich so dicht zusammendrängten, dass man unmöglich sagen konnte, welches davon zu welchem Körper gehörte. Dad verschwand zu seinen Kollegen in die Pressekabine. Ich hörte zwar noch, wie er Max im Weggehen bat, auf mich aufzupassen, aber ich wusste ganz genau, dass Max nicht die leiseste Absicht hatte, dieser Aufforderung nachzukommen. Die Tribüne war vollgestopft mit Leibern und Gliedmaßen; ein ungefähr sechzehnjähriger Junge hinter mir benutzte meine Schulter als Stütze, um einen besseren Blick zu bekommen. Als die Mannschaften das Feld betraten, entstand ein lautes Tosen, das im Verlauf des Spiels immer weiter anschwoll. Jede neue Lärmwelle hatte etwas Bedrohliches an sich; es fühlte sich an, als wäre das Geschrei außer Kontrolle geraten und könnte mich jederzeit von den Beinen reißen. Heiser fiel Max ein, und seine Halbwüchsigenstimme erhob sich zu einem selbstbewussten Johlen. Ich musste dringend pinkeln, konnte meinen verachtungsvollen Bruder aber nicht nach dem Weg zur Toilette fragen, zumal ich auch nie allein zurückgefunden hätte.

Als schließlich ein Tor fiel, brüllten die Männer um uns herum lauter denn je und schaukelten vor Begeisterung. Die Menschenmenge brandete hin und her über die Tribünen wie ein Pantomimepferd, dessen Darsteller sich in verschiedene Richtungen bewegen. Auf einmal verlor ich den Halt und schlug mir auf dem Beton das Knie auf. Tränen schossen mir in die Augen, als mich ein Unbekannter hochzerrte. Angewidert schaute Max herüber und winkte mich mit einem demonstrativen Seufzen zu sich. Ohne den Blick vom Spiel abzuwenden, führte er mich eine lange, steile Treppe hinauf und lieferte mich an der Pressekabine ab. Dad saß über sein Notizbuch gebeugt da und kritzelte die merkwürdigen Hieroglyphen, die Journalisten im Zeitalter vor den Computern verwendeten.

»Was ist los, Dominic? Gefällt dir das Spiel nicht?«

Kläglich schüttelte ich den Kopf.

»Dann hilfst du mir eben bei der Reportage.«

Die Atmosphäre von Fleiß in der Pressekabine war tröstlich. Die Journalisten schlürften Earl Grey aus Bechern und berieten sich. »Wer hat da geschossen?« »Danns, glaube ich.« »Ach, egal«, meinte Dad, »sie können es ja nicht wissen, schließlich waren sie nicht hier.« Allgemeines Gelächter. Sämtliche Journalisten trugen eine Brille und hatten ein freundliches Gesicht, genau wie er. Noch längere Zeit danach dachte ich, dass alle Reporter die gleiche Brille aufhätten, so wie Feuerwehrleute Helme. Zwischen seinen Notizen unterhielt mich Dad damit, dass er mit verschiedenen Scheinfiguren unter dem Schreibtisch redete. »Ein Tor, Herr Mohr!« Zwei andere Reporter wollten mitmachen: »Knapp daneben, Herr Mohr!«

»Das reimt sich nicht«, wandte ich ein.

»Da hat er recht, Herr Specht«, bemerkte Dad, und wieder lachten alle. Ich war begeistert darüber, dass Dad an seinem Arbeitsplatz so sehr im Mittelpunkt stand.

»Vielleicht kommst du erst wieder mit, wenn du ein bisschen größer bist«, schlug er vor, als er sich schließlich mit einem Händedruck von jedem seiner Kollegen verabschiedete und die Kabine verließ. Dankbar nickte ich. Doch wonach ich mich wirklich sehnte, war keine Gnadenfrist vom Fußball, sondern die rätselhafte Fähigkeit, mich daran zu erfreuen, die alle anderen zu besitzen schienen.

Beim nächsten Heimspiel von Arsenal blieb ich zu Hause und schaute Victoria zu, die sich auf eine Party vorbereitete. Dazu probierte sie eine Kopfbedeckung nach der anderen aus ihrer beeindruckenden Sammlung an. In der Küche war meine Mutter mit Kuchenbacken beschäftigt und...


Watson, Mark
Mark Watson, geboren 1980 in Bristol, ist Romanautor, Kolumnist, Radio- und Fernsehmoderator und international erfolgreicher Stand-up-Comedian. Er ist außerdem Fußball-Experte, studierter Literaturwissenschaftler und Umweltaktivist. Er ist bekannt für Marathonauftritte, die 24 Stunden und länger dauern. Mark Watson lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in London. »Ich könnte am Samstag« (Hardcover: »Elf Leben«) war sein erster ins Deutsche übersetzter Roman, zuletzt erschien von ihm »Hotel Alpha«.



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