Watkins | Geister, Cowboys | E-Book | sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Reihe: Ullstein eBooks

Watkins Geister, Cowboys

Stories
12001. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8437-0306-2
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Stories

E-Book, Deutsch, 304 Seiten

Reihe: Ullstein eBooks

ISBN: 978-3-8437-0306-2
Verlag: Ullstein HC
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein alter Mann findet in der Wüste ein junges Mädchen und rettet sie vor dem sicheren Tod, ihre Anwesenheit verändert für eine kurze Zeit sein Einsiedlerleben. Ein Fremder betritt den Mikrokosmos eines Bordells und bringt die fragile Ordnung aus Emotion und Kalkül durch einander. Ein Haus in Nevada wird über Jahrzehnte hinweg Zeuge, wie seine Bewohner lieben und leiden, hoffen und scheitern, sich neu erfinden und gefunden werden. In dieser Erzählung greift die Autorin, Tochter von Charles Mansons rechter Hand Paul Watkins, auch ihre eigene Familiengeschichte auf. In zehn beeindruckenden Stories erzählt Claire Vaye Watkins den Mythos des Wilden Westens neu. Sie handeln von Verlassenden und Zurückgelassenen, Suchenden und Verfolgten, sie spielen vor der gewaltigen Landschaft des Westens, unter dem weiten amerikanischen Himmel, in der Glitzerhölle von Las Vegas und in entlegenen Geisterstädten.

Claire Waye Watkins wurde 1984 im Death Valley geboren und ist in Nevada aufgewachsen. Geister, Cowboys ist ihr Debüt. Sie unterrichtet an der Bucknell University in Lewisburg, Pennsylvania.
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Geister, Cowboys

An dem Tag, als Mom den Löffel abgab, zog Razor Blade Baby ein. Am Ende kann ich nicht aufhören, über Anfänge nachzudenken.

Die Stadt Reno, Nevada, wurde 1859 gegründet, als Charles Fuller eine Holzbrücke über den Truckee baute und von den Schürfern, die ihr Comstock-Silber über den schmalen, aber reißenden Fluss bringen wollten, Brückenzoll verlangte. Zwei Jahre später verkaufte Fuller die Brücke an den ehrgeizigen Myron Lake. Dieser fügte seinem Silver Queen Hotel and Eating House kurz entschlossen eine Schrotmühle, einen Darrofen und einen Mietstall hinzu, und da er nicht gerade bescheiden war, nannte er den Ort Lake’s Crossing und ließ den Namen in einem Blau, so leuchtend wie der Himmel, auf die Brücke schreiben.

Im Westen des Utah Territory waren die 1860er Jahre eine Zeit des Booms – die Amerikaner hatten noch immer den Geschmack der brackigen Erde rings um Sutter’s Mill auf der Zunge, in ihren Augen glitzerte zehn Jahre altes Gold. Der Fluch der Comstock-Mine war noch nicht aus der Silberader ins Grundwasser eingesickert. Das Silber war noch nicht aus den Bergen gerissen worden, kochendes Wasser war noch nicht in die Stollen geströmt. Henry T. P. Comstock – König der Opportunisten, gieriger Landaneigner, unersättlichster Claimbetrüger aller Zeiten – hatte Adelaide, seine Cousine ersten Grades, die im Lake Tahoe ertrunkene Liebe seines Lebens, noch nicht verloren. Er hatte seinen Anteil an der Mine noch nicht für eine Flasche Whiskey und eine alte blinde Stute verkauft und sich noch nicht in Bozeman, Montana, mit einem geliehenen Revolver das Gehirn rausgeblasen.

Zeiten des Booms.

Lake’s Crossing wuchs. Als Nevada 1864 zum Bundesstaat erklärt wurde, legte man die Bezirke Washoe County und Roop County zusammen. In diesem neuen Bezirk war Lake’s Crossing inzwischen die größte Stadt. Der mit dem ausgegrabenen Silber freigesetzte Fluch hatte durch das schwere Erz an Gewicht gewonnen und legte sich über den jüngsten freien Staat der Nation.

Oder hier:

1881 kam der Architekt Himmel Green aus San Francisco nach Reno, um sich diskret von Mary Ann Cohen Magnin scheiden zu lassen, Inhaberin von I. Magnin & Co., einem Damenoberbekleidungsgeschäft für den gehobenen Geschmack. Himmel gefiel es in Reno. Er beschloss zu bleiben und entwarf Häuser für seine Freunde, neureiche Silberfamilien.

In Renos Viertel Newlands Heights stößt man überall auf Greens Häuser. 1909 wurde das Anwesen Lake Street 315 errichtet, ein solides Backsteingebäude, eines von Himmels ersten Wohnhäusern, mit schlichten Markisen und einer kleinen Veranda nach hinten – ein bescheidener Entwurf und in jeder Hinsicht durch und durch mittelmäßig. Manche sagen, der Bau habe den verfluchten Staub der Comstock-Mine aufgewirbelt. Obwohl dieser Staub alle kontaminierte (und wir Einwohner von Nevada ihn heute noch einatmen), legte er sich, wie es heißt, besonders über Himmel, seine Entwürfe, seine Kleider und bildete eine mikroskopisch dünne Silberschicht auf seiner Haut. Aber ob er nun silbrig glänzte oder nicht – nachdem die Scheidung rechtskräftig war, zog Himmel bei Leopold Karpeles ein, dem Herausgeber des B’nai Brith Messenger. Man sagt, ihre Beziehung sei turbulent gewesen, durchsetzt mit Untreue und Übergriffen. Dennoch blieben sie bis 1932 zusammen, als sie bei einem Brand in Karpeles’ Haus ums Leben kamen – der Rauch, der von dem Feuer aufstieg, wird wohl ähnlich gerochen haben wie die Bergarbeiter, die in den Stollen unter Virginia City bei lebendigem Leib gekocht wurden.

Oder hier. Man könnte ebenso gut hier beginnen:

Im März 1941 überschrieb George Spahn, ein Milchbauer und Amateurimker aus Pennsylvania, seine sechzig Morgen große Farm an seinen Sohn Henry, lud vier Koffer, seine Frau Helen und ihre fünfjährige, ziemlich reizbare gescheckte Katze Bottles in den Wagen und fuhr nach Kalifornien, an den Pazifischen Ozean.

Er wollte sich zur Ruhe setzen, sich von der Landwirtschaft verabschieden und die müden Füße im warmen Sand des Westens vergraben. Aber der Ruhestand gefiel ihm nicht. Nach zwei Monaten trat er in ihre schäbige Mietwohnung am Strand und präsentierte Helen seinen Plan, eine 511 Morgen große Ranch an der Santa Susana Pass Road 1200 in den Santa-Susana-Bergen zu kaufen. Sie wurde von ihrem Besitzer angeboten, dem alternden Stummfilmstar William S. Hart.

Die Santa-Susana-Berge sind trockener als die pittoreskeren Santa-Monica-Berge entlang der kalifornischen Küste. Weil sie nicht von den feuchten Winden profitieren, die vom Meer heranwehen, gibt es dort häufig Buschbrände. Santa Susana Pass Road 1200 liegt nördlich von Los Angeles, tief in den Santa-Susana-Bergen und nicht weit von der Straße, die jetzt Ronald Reagan Freeway heißt. 1941, als George seine Frau überredete, noch einmal umzuziehen, als er ihre knotige Hand nahm und sie bat, die feinen Wurzeln, die sie im losen gelben Sand von Manhattan Beach geschlagen hatte, wieder herauszureißen – Diesmal nur ein paar Kilometer, Schätzchen –, gab es in Chatsworth wenig mehr als eine Baptistenkirche, eine staubige Tankstelle und das Hauptgestüt der Palomino Horse Association of America, Geburtsort von Mister Ed. Jahre später, 1961, legte mein Vater, damals noch ein Junge, ein Buschfeuer in den Hügeln über den Koppeln der PHAA. Er war damals elf, hockte im ausgetrockneten Gebüsch und rauchte eine geklaute Zigarette. Aber wir sollten nicht zu weit vorgreifen.

Das Zentrum der Ranch war eine Filmkulisse, die Hauptstraße eines Wildweststädtchens: Bank, Saloon, Schmiede, Bretterweg, Seitenstraßen und Gassen, ein Gefängnis. Vielleicht ließ Helen sich davon blenden. Vielleicht erinnerte sie – eine Frau, die schon in mittleren Jahren mit Arthritis zu kämpfen hatte – sich an die beißende Kälte der Winter in Pennsylvania. Vielleicht war sie, wie ihre Kinder behaupten, ihrem Mann gegenüber zu nachgiebig. Jedenfalls legte sie ihm die Hand auf die Stirn und sagte: »Na gut, George.« Und obwohl Einigkeit darüber herrscht, dass es Helen im Lauf der Zeit dort gefiel, schrieb sie an dem Tag, an dem George ihr die Ranch zum ersten Mal zeigte, in ihr Tagebuch:

Der Besitz ist sehr groß und von Bergen umschlossen. G. aufgekratzt wie ein kleiner Junge. Die Aussicht ist aber nicht so schön wie am Strand. Die Zufahrtsstraße ist schmal und kurvig, zu beiden Seiten steile Felswände. Wie es aussieht, muss ich mich wieder vom Meer trennen. Was für eine kurze Liebesgeschichte! Ich sah nach Westen und spürte einen Schmerz, als hätte man mir etwas genommen, etwas, das ein Teil von mir war, mir aber nie ganz gehört hat.

In der ersten Woche nach ihrem Umzug in die Santa Susana Pass Road 1200 lief Bottles weg.

George war anpassungsfähiger als Bottles und hatte mehr Glück. 1941 waren Western noch Hollywoods Hauptgeschäft. George betrieb seine Filmranch, wie er seine Milchfarm betrieben hatte: Er baute gute Verbindungen zu Entscheidungsträgern auf und unterbot die Konkurrenz. Es schadete auch gewiss nicht, dass der Trankas Canyon mit seinen zahlreichen Filmkulissen dem offiziellen Naherholungsgebiet von Malibu zugeschlagen wurde, so dass Spahns Ranch im Umkreis von hundert Kilometern der einzige Filmset war, der sich in Privatbesitz befand und wo man daher keinerlei behördliche Drehgenehmigung brauchte. Die Spahns hatten beständige Einnahmen von den größeren Studios, denen sie für Pferde und Kulissen hübsche Sümmchen in Rechnung stellten. Hier entstanden unter anderem 12 Uhr mittags, Die Comstock Boys und David O. Selznicks Klassiker Duell in der Sonne mit Gregory Peck in der Hauptrolle. Auch Fernsehfilme wurden auf der Ranch gedreht, darunter die meisten Folgen von The Lone Ranger und Bonanza – jedenfalls bis Warner Brothers, verlockt durch die steuerlichen Anreize des Bundesstaats Nevada und die Vorlieben ihrer berühmten Regisseure, die Produktion zur Ponderosa Ranch am Lake Tahoe verlegte.

Wir könnten auch bei der frühesten Erinnerung meiner Mutter beginnen:

Es ist 1960, sie ist drei. Sie sitzt auf dem Schoß ihres Stiefvaters auf einem Plastikliegestuhl auf dem Dach ihres Trailers. Ihr Bruder und ihre Schwester, beide älter als sie, sitzen im Schneidersitz auf einem Badetuch, das sie auf dem schäbigen beschichteten Sperrholzdach ausgebreitet haben, der grobe Stoff prägt sich in ihre Haut ein. Jeder hat eine der übergroßen Jackie-O.-Sonnenbrillen ihrer Mutter – meiner Großmutter – aufgesetzt. Der Abend senkt sich herab, am östlichen Himmel kommen die Sterne zum Vorschein – ja, damals konnte man über Las Vegas noch Sterne sehen –, doch die Familie sieht nach Nordwesten, genau wie ihre Nachbarn und die Jungen, die den Rasen auf dem neuen Golfplatz mähen und wässern, wie die Linienbusfahrer, die am Straßenrand angehalten haben, und die Touristen, die in ihren Hotelzimmern stehen und die Gesichter an die Fensterscheiben drücken. Wie die ganze Stadt.

Ihr Stiefvater zeigt in Richtung Wüste. »Da«, sagt er. Ein Lichtblitz von jenseits des Beckens. Eine orangerote, pilzförmige, wallende und wabernde Wolke erhebt sich. Wie bei einem Feuerwerk hört meine Mutter erst Sekunden später den Donner, und der Trailer beginnt zu schwanken. Es erscheint unmöglich, und doch spürt sie die Wärme auf ihrem Gesicht. »Da kommt man ins Nachdenken, was?«, sagt ihr Stiefvater ihr leise ins Ohr....


Watkins, Claire Vaye
Claire Waye Watkins wurde 1984 im Death Valley geboren und ist in Nevada aufgewachsen. Geister, Cowboys ist ihr Debüt. Sie unterrichtet an der Bucknell University in Lewisburg, Pennsylvania.

Claire Waye Watkins wurde 1984 im Death Valley geboren und ist in Nevada aufgewachsen. Geister, Cowboys ist ihr Debüt. Sie unterrichtet an der Bucknell University in Lewisburg, Pennsylvania.



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