E-Book, Deutsch, 387 Seiten
Wassermann Herrin zweier Länder
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-96215-169-0
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Historischer Roman
E-Book, Deutsch, 387 Seiten
ISBN: 978-3-96215-169-0
Verlag: Edel Elements - ein Verlag der Edel Verlagsgruppe
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Die Pharaonin und Priesterin der Löwengöttin im Kampf um die Macht über das Ägyptische Reich - das aufregende Schicksal einer Frau, die eiskalte Herrscherin und leidenschaftlich Liebende zugleich ist. Ägypten um 2200 vor Christus: Nach dem Tod des Pharaos Pepi erringt dessen Neben-Sohn Merenre mit Hilfe fremdländischer Truppen die Macht. Zu seiner Frau macht er Neith, eine Tochter des Pharao und Priesterin der Löwengöttin Sachmet. Ihre leidenschaftliche Liebe steht unter keinem glücklichen Stern: Neith kann keine Kinder bekommen, und Merenre wird nach nur einem Jahr der Herrschaft von seinen einstigen Verbündeten ermordet. Neith reißt den Thron an sich und regiert gemeinsam mit ihrem Wesir und Geliebten Ankhmahor das gewaltige Nil-Reich. Doch die Fürsten Ägyptens dulden keine Frau auf dem Pharaonenthron. Als Verrat droht, bereitet Neith einen Racheplan vor, wie ihn nur die Priesterin der Löwengöttin ersinnen kann.
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1.
Als die Pyramide vor vielen Jahren fertiggestellt worden war, hatte niemand daran gedacht, dass der Wasserstand des Nils einmal so niedrig sein könnte. Zwischen den beiden Rampen des Taltempels und dem Wasser war ein breiter Streifen nackten, feuchten Bodens, den die Tempeldiener mit Bastmatten belegt hatten, damit sich die Begleiter des verstorbenen Pharaos nicht die Füße beschmutzten. Zehn Männer trugen die Kultbarke mit dem hölzernen Sarkophag hinauf in den Tempel. Dahinter folgten die Priester und die königliche Familie. In ihrer Mitte schritt der zukünftige Herrscher, ein zehnjähriger Junge mit erhaben gerecktem Kinn und verkrampften Schultern. Neith, seine um neun Jahre ältere Schwester, schickte ihm ein aufmunterndes Lächeln, das er hilflos erwiderte. Er hat Angst, dachte sie, aber das sollte er nicht. Wie gerne wäre ich an seiner Stelle.
Die Rampe war schmal, und so musste sie sich ein Stück zurückfallen lassen, um den ranghöheren Mitgliedern der Königsfamilie Platz zu machen. Ihr kleiner Bruder betrat die Halle des Tempels, aus dem der Weihrauch stieg und sich mit dem Morgennebel mischte. In der Ferne, verborgen vom Dunst, erhob sich die Pyramide Neferkare ist standhaft im Leben. Mit ihrer Höhe von hundert Königsellen hatte sie nichts gemein mit den drei Pyramiden weiter nördlich, diesen herrlichen weißen Sternen, die zu einer längst vergangenen, einer für Ägypten weitaus glücklicheren Zeit gehörten.
Ob ihr kleiner Bruder fähig sein würde, den beiden Ländern wieder jene Gunst zu verschaffen, welche die Götter ihnen seit vielen Jahren verweigerten? Neith glaubte es nicht. Neferkare-Tereru wurde nicht aufgrund seiner Befähigung Pharao. Sondern weil es niemand anderen gab.
Ein leiser Ruf erklang. Unten am schlammigen Ufer hatte zwischen den Schiffen ein winziges Papyrusboot festgemacht. Ein Mann sprang heraus und zog es ein Stück herauf. Neith blieb auf dem untersten Stein der Rampe stehen, während die königliche Familie bereits über die Terrasse schritt und in den Totentempel drängte. Niemand hatte bemerkt, dass sie zurückblieb. Der Mann hastete mit schlammverschmierten Füßen über die Bastmatten und blieb vor ihr stehen.
»Warum bist du hier?« Atemlos wischte er sich den Schweiß von der Stirn.
»Weil mein Vater, der göttliche Neferkare-Pepi, zu Grabe getragen wird«, antwortete sie ungeduldig. »Sollte ich, seine Tochter, nicht dabei sein?«
Er war nicht weniger ungeduldig. »Du bist die Tochter irgendeiner seiner Nebenfrauen; du hast ihn in deinem Leben drei oder viermal zu Gesicht bekommen. Niemand wird dich vermissen, wenn du jetzt mit mir gehst.« Er deutete auf den Nachen. »Wir könnten nach Iunu fahren. In den Häusern der Sonnenpriester wird man uns aufnehmen.«
Zweifelnd betrachtete Neith das schmale Gefährt. Iunu, die heilige Stadt des Sonnengottes Re, war nicht weit, aber in diesen armseligen Nachen würde sie keinen Fuß setzen. Überhaupt begriff sie nicht ganz, wovon Ipui sprach. O ja, von der Bedrohung durch die Aamu, ein Volk von Nomaden jenseits des Türkislandes, das brandschatzend durch die Lande zog, das wusste sie durchaus. Aber war es nötig, augenblicklich in dieses Boot zu steigen?
»Ach, Ipui.« Sie legte eine Hand auf seine schweißglänzende Brust. »Mein Vater war der Lebende Horus auf Erden, und er wird jetzt zum Sternbild des Osiris geschickt, um ihm gleich zu sein. Ich kann doch nicht einfach weglaufen.«
Ipui hielt ihre Hand fest. »Aber das ist dumm!«, beharrte er. Sie runzelte die Stirn und wollte ihm die Hand entziehen, aber er hielt sie entschlossen fest. »Wenn fünftausend aamuritische Krieger auf die Stadt zumarschieren, ist es einfach nur dumm, hierzubleiben. Wundere dich nicht, wenn fremde Eindringlinge den Palast besetzt haben, wenn du und die königliche Familie zurückkehren.«
Er sprach in letzter Zeit ständig von der Bedrohung durch die Aamu. Angeblich redeten die Leute in den Straßen der Stadt von nichts anderem. Ipui hatte damit sogar den Wesir belästigen wollen. Aber er war nun einmal nur ein Tempeldiener, der zu einem solch hohen Mann nicht vordringen konnte, und so war Neith die einzige aus dem Hofstaat, der er seine Warnung vor den Aamu ins Ohr träufeln konnte. Aber allmählich hatte sie genug davon.
»Das ist doch nur eine Bande von Sandbewohnern«, sagte sie ärgerlich. »Sie sind bestimmt keine Krieger, und sie werden niemals die Stadt bedrohen können.«
»Wirklich nicht? Immerhin haben sie vor zehn Tagen die größte unserer Grenzfestungen mitsamt ihren fünfhundert Soldaten einfach überrannt. Überrannt! Fast alle ägyptischen Soldaten sind getötet worden, so sagt man.« Plötzlich packte er Neith so fest an den Schultern, dass sie erschrocken den Atem anhielt. »Sie sind schon fast hier! Begreifst du das nicht?«
Sein Griff schmerzte, und das machte sie wütend. Sie versuchte ihn zu ohrfeigen, aber ihre Fingerspitzen streiften nur sein Kinn. Er machte einen Schritt zurück und ließ die Arme hängen. Seine Sorge um sie hatte etwas Rührendes. Ipui war ein aufrichtiger Mensch, der es nicht verdient hatte, von so hoffnungsloser Liebe erfüllt zu sein.
»Wer könnte Ta-Meri, unserem geliebten Land, gefährlich werden?« Sie machte einen Schritt die Rampe hinauf. Die königliche Familie befand sich sicher schon im überdachten Aufweg, der den Taltempel mit dem Totentempel am Fuß der Pyramide verband. »Es hat sicherlich Neider. Aber keine Feinde. Es hat noch nie Feinde gehabt. Warum vertraust du nicht der Macht des Pharaos?«
»Weil es derzeit keinen gibt! Bitte, Neith, so höre mir doch zu. Die Aamu haben in ihren Reihen einen Mann, der behauptet, Anspruch auf die Doppelkrone zu haben …«
»Ein Aamu?«, rief sie verächtlich.
»Er soll ein Ägypter sein.« Seine Stimme wurde so eindringlich, dass sie schwieg und abwartend in seine dunklen Augen blickte. »Er behauptet, ein Sohn des Pharaos zu sein. Ich weiß«, er hob rasch die Hand, obwohl sie nichts hatte einwenden wollen, »er dürfte nur ein Lügner sein, der versucht, die Gunst der Stunde zu nutzen. Aber er ist auf dem Weg hierher — hierher, verstehst du?«
Ja, allmählich verstand sie. Ein wenig hilflos blickte sie zum Taltempel hinauf. Die Pyramide war von hier aus nicht zu sehen, aber sie war trotz ihrer geringen Größe mächtig und Ehrfurcht gebietend. Dort in ihrem Totentempel würde das Ritual durchgeführt werden, das dem Ka des verstorbenen Herrschers den Weg zu den Sternen ermöglichte, um auf ewig auf die Welt herabzublicken. Niemand anderer als der Thronfolger sollte dieses Ritual, die Mundöffnung, durchführen.
»Du meinst«, sagte sie langsam, »dass dieser Fremde zur Pyramide kommen wird, weil er den Mund von Osiris Neferkare eigenhändig öffnen will?«
Ipui stieß hart den Atem aus. »Ja. Ich weiß nicht, ob er wirklich ein Ägypter ist oder doch nur ein Aamu. Aber eines ist gewiss: dass er ein Barbar ist, der nicht sanft mit der Trauergesellschaft umspringen wird. Und auch nicht mit dir.«
»Ich bin eine Tochter von Osiris Neferkare-Pepi!«
»Vor allem bist du eine Frau! Neith, du bringst dich nur unnötig in Gefahr, wenn du jetzt bleibst. Was, glaubst du, werden diese aamuritischen Sandbewohner mit dir tun?«
Sie wollte sich nicht von seiner Besorgnis anstecken lassen, doch unwillkürlich verspürte sie Furcht. Nein, dachte sie, das darf ich nicht.
»Wenn es wirklich so ist«, sagte sie zögernd, »dann darfst du nicht nur mich warnen. Ich bin nicht allein hier.« Sowie sie es ausgesprochen hatte, wusste sie, dass es sinnlos wäre. Niemals würden die Priester und die königliche Familie den Totentempel verlassen, nur weil irgendein Diener aus dem Tempel des Gottes Ptah auf seinem schmutzigen Nachen dahergerudert kam. Sie würden ihm erst gar nicht zu sprechen gestatten. Und auch ihr würden sie nicht glauben.
Ipui schüttelte den Kopf und nahm ihre Hand. Noch sträubte sie sich, aber da deutete er flussabwärts. »Ihre Schiffe, die sie auf ihrem Plünderzug gestohlen haben, könnten schon hinter der nächsten Flussbiegung sein oder im Morgendunst verborgen.«
Neiths Blick folgte seinem Fingerzeig. Die aufgehende Sonne hatte den Nebel, der über dem Fluss hing, noch nicht vertrieben. Nichts war zu sehen. Ihre Gedanken huschten zu Neferkare-Tereru. Der Aufweg war lang, aber die Familie dürfte den Totentempel am Fuß der Pyramide jetzt erreichen. Hier im Taltempel brannte noch immer der Weihrauch; der Duft hing in der Luft und vermischte sich mit dem erdigen Geruch des Flusses. Am anderen Ufer standen nur drei, vier neugierige Bauern und schauten herüber. Früher, überlegte Neith, hatte das Volk die beiden Ufer gesäumt, um Zeuge der Nachtfahrt des Osiris zu werden. Heute hockten die Menschen in ihren Hütten und beklagten ihre Armut.
»Damals, noch zu Beginn der Herrschaft meines Vaters, hätte so etwas nicht geschehen können«, sagte sie mit aufwallender Verzweiflung. »Damals besaß Ägypten eine starke Armee, und die Sandbewohner waren nichts als hungrige Nomaden, die sich nur auf Sichtweite an die Grenzfestungen heranwagten.«
»Ich weiß. Aber du musst dich jetzt entscheiden.«
Neith fühlte unbändigen Zorn, so heftig, dass Tränen in ihre Augen traten. Sie wischte sie mit einer ärgerlichen Geste fort. Ihr war der Gedanke unerträglich, vor diesen Aamu einfach fortzulaufen. Aber die Vernunft riet ihr, Ipui zu folgen. Zögernd verließ sie die Rampe, und Ipui hob eine Hand, um ihr über die verschmutzten Matten zu helfen, als Schritte auf der Terrasse erklangen. Neith wandte sich um und erblickte einen der Priester, der die Rampe herunterhastete, die Arme kreuzte und eine rasche Verbeugung andeutete.
»Herrin Neith! Ich glaubte schon, du seist fort. Verzeih mir,...




