E-Book, Deutsch, 236 Seiten
Wanning Underwood 5
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7693-8628-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 236 Seiten
ISBN: 978-3-7693-8628-8
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Frank Wanning (*1959) studierte Literaturwissenschaften in Hannover, Bremen und Paris und arbeitete mehrere Jahre an verschiedenen europäischen Universitäten. Seit der Jahrtausendwende war er bei verschiedenen IT Unternehmen im Bereich Spracherkennung und Stimmbiometrie tätig und widmet sich im Ruhestand u.a. dem Schreiben von Science-Fiction-Romanen.
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Kapitel 1: Der irisierende Kegel
Als er das abgegriffene Leinenband nach unten zog, schepperte und quietschte die Metalljalousie wie gewöhnlich. Er musste mehrfach nachgreifen und konnte sie stets nur etwas mehr als eine Handbreit nach oben bewegen. Wie oft hatte er sich schon vorgenommen, die Scharniere und Laufschienen zu fetten? Für Jan van Dijk waren diese Handgriffe im Laufe der Jahre zu einem festen Ritual geworden: Drei bis vier Mal musste er von oben ansetzen, bis die Lamellen an den Gelenken schmale Schlitze freigaben, durch die sich das Sonnenlicht den Weg in den Laden bahnte. Scharf konturiert zeichneten sich die Lichtstreifen auf den zahllosen Gegenständen ab, die scheinbar wahllos im vorderen Bereich des Amsterdamer Antiquitätengeschäfts herumstanden und den Kunden nur schmale Wege ließen, um sich einen Überblick über die Vielzahl von großen und kleinen Habseligkeiten zu verschaffen. Auf ihrem Weg zu den dunkelgrau bis schwarzen Oberflächen zeichneten die harten Kontraste der Lichtstrahlen lange Geraden in die staubige Luft, die wie schwerelose Gitter im Raum zu schweben schienen. Mit jedem weiteren Zug glitten die Lichtgitter weiter nach oben und gaben den Blick auf immer neue Objekte und Kunstgegenstände frei. Von der Unterseite der großen Scheiben her erschien schließlich ein heller Lichtbalken, der mit jedem Zug am Seil wuchs und in grellem Lichtschein den vorderen Bereich des Geschäfts vom hinteren trennte.
Jan van Dijk musste blinzeln als er aus dem Schatten trat und ihm das gleißende Tageslicht unvermittelt in die Augen fiel. Draußen hatte sich die Sonne bereits zwischen den gegenüberliegenden Giebeln hindurchgezwängt und warf ihre %Strahlen direkt auf den um diese frühe Stunde noch ruhigen Wasserspiegel der Gracht, von wo sie durch die inzwischen vollständig freigelegten Schaufensterscheiben direkt in sein Gesicht gelenkt wurden. Hätte er die Scheiben öfter geputzt, wäre der Effekt sicher noch unangenehmer gewesen. Zum ersten Mal in diesem Jahr spürte er trotz der frühen Morgenstunde die Wärme der Märzsonne auf seinen Wangen. Wie an jedem Werktag genoss er die Ruhe und Friedfertigkeit des Tagesanbruchs und lauschte für einen Moment den Sperlingen, die den Baum schräg vor seiner Ladentür als Domizil auserkoren hatten. Die schmalen Geh- und Radwege waren noch fast menschenleer, was sich in der nächsten halben Stunde rasch ändern würde. Der Staub kitzelte in seiner Nase als er die Ladentüre aufschloss und sie mit einem kleinen Ruck öffnete. Die vier Glöckchen, die am oberen Rahmen mit einem kleinen Galgen befestigt waren, klingelten ihren vertrauten Vierklang, der neue Kunden ankündigte und Jan van Dijk spürte die kühle Morgenluft, die sich durch die Türspalt hereinschob. Ganz unwillkürlich atmete er tief durch, ließ die Tür dann zufallen und bahnte sich den Weg in seine Kammer, einen kleinen Nebenraum, der sich durch einen dichten Vorhang vom Verkaufsraum abtrennen ließ und in dem er alle buchhalterischen Aufgaben und kleine Reparaturen erledigte. Außer dieser Kammer gab es noch einen weiteren fensterlosen Raum, den er als Lager verwendete, in dem er Dinge verwahrte, die noch repariert oder gesäubert werden mussten, bevor sie in den Verkaufsraum wechseln durften. Von seinem Schreibtisch aus gewährten ihm mehrere geschickt angebrachte Spiegel einen Blick in die meisten Ecken des ansonsten eher unübersichtlichen Geschäfts. Das war zum einen wichtig, um Ladendieben auf die Schliche zu kommen, deren Zahl langsam aber stetig anwuchs, aber auch, um Kunden im passenden Moment ansprechen und bei ihrer Kaufentscheidung beraten zu können.
Jan van Dijk genoss diese Augenblicke am Morgen, in denen ihm der Laden noch ganz allein gehörte. Vor zwölf Jahren hatte er das Geschäft vom Vorbesitzer zu relativ günstigen Konditionen übernommen. Damit hatte er sich einen schon länger in ihm schwelenden Wunsch erfüllt. Bereits vor seinem Geschichtsdiplom an der Pariser Sorbonne hatte er beschlossen, sich dem Handel mit Antiquitäten zu verschreiben. Er musste nicht lange suchen, bis ihm die Zeitungsannonce zur Geschäftsübernahme in die Hände fiel. Unter den beiden gebürtigen Amsterdamern wurde man sich schnell handelseinig. Der Handel mit Antiquitäten war ihm eine Herzensangelegenheit und bot zahlreiche Anknüpfungspunkte zu seinem historischen Wissen. Und viele Stammkunden, die seinen Laden regelmäßig aufsuchten, hatten fraglos eine intensivere Beziehung zur Vergangenheit als die meisten seiner Kommilitonen und akademischen Lehrer, deren Buchgelehrsamkeit ihm immer schon befremdlich gewesen war. Das Geschäft lief gut und van Dijk hatte keinen Grund, sich zu beklagen, abgesehen vielleicht von vereinzelten Migräneattacken, die ihn seit einigen Tagen plagten. Sein Hausarzt konnte keine spezifische Ursache finden und hatte ihm ein mittelstarkes Schmerzmedikament verschrieben. Besonders heftig waren diese stechenden Schmerzen im Laden und kündigten sich auch an diesem Morgen wieder an. Van Dijk nahm vorsorglich eine Tablette mit einem Glas Wasser ein und beschloss, nicht weiter über das Thema Migräne zu grübeln.
Der Vierklang der Türglöckchen unterbrach seine Gedanken. Als er zur Tür sah erblickte er ein älteres Ehepaar, das sich durch die Art der Kleidung und die umgehängte Digitalkamera als Touristen zu erkennen gab. Jan van Dijk schnappte ein paar englische Sprachbrocken auf und rief seinen Besuchern ein fröhliches ‚Good Morning‘ entgegen. Sie grüßten lächelnd zurück und bewegten sich mit forschenden Blicken im Zickzack durch den Laden. Aus Erfahrung wusste van Dijk, dass ältere Touristen häufig spontane Kaufentscheidungen trafen, die sie dann oft auch in die Tat umsetzten, insbesondere wenn sie etwas besser betucht waren, wie offensichtlich diese hier. Er beschloss, die beiden zunächst ungestört mit dem Angebot der kleinen Leuchtenabteilung allein zu lassen. Die mit den besonders markanten Lampenschirmen hatte er bereits beim Betreten des Ladens eingeschaltet. Sie erwiesen sich häufig als erster Anziehungspunkt für potentielle Käufer. Die Glocke klingelte erneut und eine Schar von sechs oder sieben Schülern betrat kichernd den Laden. Hier war weder mit spontanen noch mit zielsicheren Kaufabsichten zu rechnen, und er beschloss, die Gruppe im Auge zu behalten, was mit den gewölbten Spiegeln, die an verschiedenen Stellen unter der Ladendecke hingen, kein Problem war. Im Falle einer Rangelei oder übermäßigem Lärm würde er die Gruppe sofort zur Ordnung rufen. Doch während sich die Gruppe Richtung ‚Technikabteilung‘ mit allerlei mechanischen Küchen- und Büromaschinen bewegte, verblieb der Geräuschpegel auf dem Niveau eines leisen Kicherns, und auch von Rempeleien oder ähnlichem war nichts zu bemerken. So richtete er seine Aufmerksamkeit erneut auf das ältere Ehepaar, das sich nun schon eine kleine Weile diskutierend vor einer kleineren Tiffanyleuchte aufhielt, die sicher keine Transporthindernisse in den Heimatort, wo immer der sein mochte, in den Weg legen würde. Auf Englisch sprach er die beiden an: »Ein wirklich schönes Stück. Wurde um die Jahrhundertwende in der Werkstatt von Louis Tiffany persönlich hergestellt, wie Sie an der Prägung an der Unterseite erkennen können.« Er deutete auf das kleine Siegel an der Schirmunterseite. »Ich habe es bei einer Haushaltsauflösung in Delft erstanden…« Eine individuelle Geschichte erhöhte nicht selten das Kundeninteresse und trug oft zur Kaufentscheidung bei. Bevor van Dijk allerdings richtig mit seiner Rede ansetzen konnte, fiel ihm auf, dass das Kichern der Schüler verstummte und etwas lauteres Rufen an seine Stelle trat: »%Wassoll das denn sein?«, »Das ist doch wohl ein Witz, oder?« Mit einem knappen »Entschuldigen Sie mich bitte« wandte er sich vom älteren Ehepaar ab und der Schülergruppe zu. Nach ein paar Schritten hatte er sie in der Abteilung für mechanische Geräte erreicht. »Kann ich Euch irgendwie helfen?« fragte er freundlich und blickte in leicht errötende Gesichter. Die Rufe der Kinder verstummten. Schließlich wagte sich eines der größeren Mädchen nach vorn: »Naja, wir fragen uns nur, wozu dieses blaue Teil an der alten Schreibmaschine hier gut sein soll…« Es trat einen Schritt zu Seite und zeigte auf eine massive schwarze Schreibmaschine, die leicht zugestaubt in der zweiten Reihe des Auslagetischs stand. »Ah, Ihr meint die Underwood 5. Das war mal ein echtes Erfolgsmodell, die bis in die dreißiger Jahre des letzten Jahrhunderts hergestellt …« Dabei ließ er seinen Blick über das Metallgehäuse der Maschine schweifen und hielt plötzlich inne. Er blickte über den Rand seiner Brille und ging mit dem Gesicht näher an die Seitenverkleidung heran. Auf der rechten Seite, gleich neben der Halterung des beweglichen Wagens sah er einen kegelförmigen Fortsatz von etwa 12 Zentimeter Länge, der in einem Winkel von etwa 30 Grad nach schräg hinten emporragte. Es erinnerte entfernt an einen Kegel mit verdicktem Kopf, dessen Fuß schräg abgesägt und an der Schreibmaschine befestigt war. Das metallisch irisierende Blau setzte sich deutlich vom ansonsten schwarzen Lack...




