E-Book, Deutsch, 208 Seiten
Wang Die Ferien
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-910372-49-8
Verlag: Kjona Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman. »Sehr komisch!« Elke Heidenreich
E-Book, Deutsch, 208 Seiten
ISBN: 978-3-910372-49-8
Verlag: Kjona Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Weike Wang hat Chemie in Harvard studiert und dort auch promoviert. Fu?r ihre Bu?cher wurde sie u.a. mit dem PEN/Hemingway Award ausgezeichnet. Sie lebt in New York. »Die Ferien« ist ihr erstes Buch in deutscher Übersetzung.
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TEIL 1
Keru hatte ihre Recherche im Winter begonnen. Sie hatte sich im Internet durch Seiten mit Ferienhäusern geklickt, empfohlen von Freunden, die ihre Sommer schon zigmal woanders verbracht hatten. Die Freunde kannten die Städtchen mit den saubersten Stränden am Cape, die kinderfreundlichsten Orte auf Nantucket und den Lieblingseisstand der Obamas auf Martha’s Vineyard. Keru notierte sich die Tipps auf einem Block. Martha’s Vineyard = Obamas = Eis. Die kinderfreundlichen Orte markierte sie vor allem, um sie zu meiden. In den fünf Jahren ihrer Ehe hatten sie und Nate immer wieder in Erwägung gezogen, ans Cape zu fahren, es aber in fünf Jahren nie getan. Man beschloss, dass es diesen Sommer endlich so weit sein sollte. Sie würden Manhattan den Rücken kehren und einen Monat in Fußnähe zum Atlantik verbringen, in einem klassischen New-England-Cottage mit Giebeln, Fensterläden und zwei Schlafzimmern. Zwei Schlafzimmer, damit ihre und seine Eltern sie besuchen konnten, nacheinander.
Man müsse realistisch bleiben, hatte Nate bis zur Abreise mehrmals angemerkt. Nur ein Jahr zuvor war noch Pandemie gewesen. Sie hatten kaum das Haus verlassen, geschweige denn die Eltern besucht. Und obgleich Nate das Leben in ihrer kleinen Blase bevorzugte, wusste er, dass man es sich darin nicht zu gemütlich machen durfte. Wenig später fuhren sie in einem Mietwagen gen Norden. Der Kofferraum war vollgepackt mit Proviant, Kleidung und Reinigungsmitteln, auf der Rückbank hockte kerzengerade ihr riesiger vierjähriger Hirtenhund Mantou. Während die idealistische Vorstellung von einem gemeinsamen Urlaub mit den Eltern von Keru stammte, kam die Idee, einen Hirtenhund in einer Wohnung in der Stadt zu halten, von Nate. Mit Mantou erfüllte sich Nate einen Kindheitstraum. Ein ungefähr gleich großer Freund, in dessen dichtem Fell man sich mit den Händen festkrallen kann. Nate war in einem kleinen einstöckigen Haus mit dunklem Teppichboden aufgewachsen. Seine Mutter hatte zwei Ratten erlaubt, eine Menge Fische, eine Schlange, aber keine Hunde. »Diese reinrassigen Viecher sind teuer und spießig«, hatte sie gesagt. »Wozu Geld verschwenden, wenn’s da draußen so viele Streuner gibt, die ein Zuhause brauchen?« So viele Streuner, von denen seine Mutter nie einen aufnahm.
Über Mantous Namen hatten sich Keru und Nate ordentlich in die Haare gekriegt.
»Mantou bedeutet auf Chinesisch Hefebrötchen«, hatte Keru erklärt, die als Kind mit ihren Eltern nach Amerika eingewandert war.
»Ich weiß, was es bedeutet«, erwiderte Nate. Weil er in Gesellschaft von Keru und ihren Eltern immer nur Bahnhof verstand, hatte er angefangen, Chinesischunterricht zu nehmen.
»Und was hast du dann gegen Mantou?«, fragte Keru.
Nate wies darauf hin, dass vor allem Yuppies ihre teuren Hunde nach stärkehaltigen Grundnahrungsmitteln benannten. Mantou stammte ebenfalls von einem angesehenen Züchter. Zwei Jahre hatten sie auf der Warteliste gestanden und für dieses Privileg eine nicht unwesentliche Anzahlung geleistet.
Es gab keine Obst- oder Gemüsesorte, die Keru gut genug schmeckte, um ihren Hund danach zu benennen. Und ganz sicher würde sie ihm keinen Menschennamen wie Stacey geben. Huajuan war noch im Gespräch, wie die extravagant gezwirbelten Dampfbrötchen. Nate kaute ein wenig auf dem Wort herum, und als Keru entgegen seiner eigenen Einschätzung meinte, er spreche es keinesfalls richtig aus, auch wenn sie ihm nicht erklären konnte, was genau der Unterschied zwischen ihrer und seiner Aussprache sein sollte, stimmte er schließlich zu: »Ja, in Ordnung, Mantou ist okay.«
Die erste Woche im Cottage blieben Keru und Nate unter sich. Zweimal am Tag gingen sie mit Mantou in der kleinen eingezäunten Ferienhaussiedlung Gassi, ansonsten bingten sie auf dem Sofa Serien über die Luxusvillen der Superreichen. Sie sprachen darüber, wie verrückt es wäre, sich in der Stadt ein Haus zu kaufen, eine Stadt, die sie beide liebten, aber auch mit vielen Problemen, wie zu hohe Lebenshaltungskosten, Wohnungsnot, ein ständiges, nie enden wollendes Chaos im öffentlichen Nahverkehr und eine hohe Anzahl an reichen Einwohnern, die aus dem Schwärmen gar nicht mehr rauskamen und die Stadt dafür feierten, wie günstig sie doch sei. Irgendwann rissen sich Nate und Keru aus ihrer Lethargie, kochten einfache Gerichte mit Hackbraten-Fix und tranken in rauen Mengen Gin. Wenn Mantou ein Spielzeug anschleppte, spielten sie mit ihr Tauziehen, bis die riesige Hündin müde war. Sie hatten zu willkürlichen Tageszeiten Sex, in verschiedenen Stellungen, unter gelegentlicher Zuhilfenahme von Kerus Reisevibrator, den sie, bevor die Eltern kamen, in einer Socke in den Tiefen ihres Koffers versteckte.
In Chatham gab es keinen Straßenlärm. Kein durch wimmelnde Menschenmassen verursachtes Chaos. Und so wurde die Stille zum Gesprächsthema zwischen ihnen – war das fehlende Sirenengeheul ein Grund zur Besorgnis, ja waren denn alle hier mausetot, oder wie ließen die Anwohner hier Dampf ab, wenn nicht durch Hupen oder Brüllen?
Andere Gespräche drehten sich um die Frage, welche Eltern schwieriger seien. Jeder von ihnen plädierte nachdrücklich für die eigenen, sie machten ein Spiel daraus, das aber nur ihrer Anspannung geschuldet war, denn natürlich ging es keineswegs darum, jemanden zu verurteilen.
Sie hatten die Reihenfolge der Besuche strategisch festgelegt. Kerus Eltern waren geradezu obsessiv auf Sauberkeit und Sicherheit bedacht und hatten ihr Haus seit der Pandemie nie ohne doppelte Maske, Handschuhe und Pfefferspray verlassen. Waren sie zuvor vielleicht höchstens zweimal im Jahr in ein Restaurant gegangen, auf Kerus Drängen hin, denn so gehörte es sich ihrer Meinung nach für eine amerikanische Familie, würden sie dies, wie sie sagten, nun ganz sicher nie wieder tun. Essen bestellen würden sie auch nicht mehr, genauso wenig wie ein Flugzeug besteigen, es sei denn, sie müssten im Sterben liegende Verwandte besuchen oder die Gräber ihrer Eltern, und auch das würden sie nur tun, wenn China seine Grenzen wieder vollständig öffnete. Kerus Eltern lebten mitten im Bundesstaat Minnesota, den Keru nie als ihre Heimat betrachtet hatte, wenngleich sie dort auf die Highschool gegangen war. Um eine Übernachtung in einem Hotel zu vermeiden, wechselten sich ihre Eltern auf der Fahrt nach Chatham ab, Pausen legten sie ausschließlich an offiziellen Rastplätzen ein und aßen im Auto zubereitete Ramen-Nudeln. Sie würden als Erste zu Besuch kommen oder gar nicht. Nie im Leben würden sie in einem Bett übernachten, das bereits von einem anderen Paar benutzt worden war, selbst wenn sie dieses Paar kannten.
An ihrem letzten Abend zu zweit war Nate zum Weinladen um die Ecke gelaufen und hatte eine Flasche Roten zum Abendessen gekauft. Er wollte Keru die Möglichkeit geben, sich komplett zu besaufen, denn sobald ihre Eltern eintrafen, könnte sie keinen Tropfen anrühren, ohne von ihnen als Alkoholikerin bezeichnet zu werden. Als er zurückkam, stank es im ganzen Haus, wie erwartet, nach Chlorbleiche. Keru kratzte auf allen Vieren im Bad die Fugen aus und zupfte einzelne schwarze Fitzel vom Boden. Danach nahm sie sich die Küche vor und wischte Wasserflecken von den Geräten. Das Geschirr und Besteck, bereits am Abend zuvor gespült, lud sie ein zweites Mal in die Maschine und ließ sie auf höchster Stufe laufen.
»Erzähl ihnen bloß nicht, dass wir den Geschirrspüler benutzen«, sagte sie.
Diesen Fehler hatte Nate schon einmal begangen, im ersten Jahr ihrer Ehe, damals hatte er seinem Schwiegervater gegenüber scherzhaft erwähnt, dass er und Keru jeden Abend die Maschine laufen ließen, manchmal einfach nur so zum Spaß.
»Du kannst sie gern benutzen, Nate«, hatte sein Schwiegervater gesagt, im Ton eines Anklägers vor Gericht. »Aber Keru soll die Finger davonlassen. Wer eine Spülmaschine benutzt, hat vor dem Leben kapituliert. Niemand ist so beschäftigt, dass er keine zehn Minuten erübrigen kann, um seinen eigenen Dreck wegzumachen. Du bist vielleicht nicht fleißig genug, um Schwamm und Putzmittel zu benutzen, aber Keru schon. Deine Aufgabe ist es, sie zu ermutigen, das auch weiterhin zu tun.«
Nate wusste nicht, wie er reagieren soll. Sein Schwiegervater hatte ihn unverblümt zum Taugenichts erklärt und ihn im selben Atemzug dazu angehalten, Keru wie eine Putzfrau zu behandeln. Unter dem wachsamen Blick seines Schwiegervaters stieß er schließlich ein nervöses Lachen hervor. An jenem Tag hatte er begriffen, dass sein Schwiegervater im Gegensatz zu den Vätern all seiner Exfreundinnen nie sein Freund sein würde. Niemals würde er mit Nate draußen Bier trinken, weder beim Steaksgrillen noch beim Fliegenfischen oder nach einem verlorenen Cornhole-Spiel. Sie würden nicht miteinander Backgammon spielen oder einander mit trivialen Quizfragen aufziehen. Abgesehen von ihrer Sorge um Kerus Wohl würden sie keinerlei gemeinsame Interessen haben.
Während Keru schrubbte, erkundigte sich Nate, was sie essen wolle, bevor ihre Eltern mit Kühltaschen voller selbst gekochter Speisen anrückten und sich die Frage für die kommenden Tage erledigt hatte.
Sie habe keinen Hunger, erwiderte Keru, es sei noch so viel zu tun. Der Müll sei noch nicht ausgeleert, sie müsse die Bettwäsche noch mal waschen, alle Decken, alle Duschtücher, Handtücher, Geschirrtücher, die Fenster putzen, die Böden wischen, die Auffahrt fegen, sich mit der Fusselrolle entfusseln und danach einen letzten Kontrollgang machen.
Während seine Frau einige dieser Dinge erledigte, aß Nate einen Müsliriegel, mit der Hand unterm Kinn. Dann entkorkte er den Wein und stellte die Flasche auf eine Serviette auf dem Esstisch neben einen einzelnen Pappbecher. Er ging noch mal mit Mantou raus, über die ungefegte Auffahrt und den Kiesweg zur...




