E-Book, Deutsch, Band 2, 168 Seiten
Reihe: Kölner Sudelbücher
Walter Deutschland plant den Frieden
1. Auflage 2026
ISBN: 978-3-6951-1531-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kölner Sudelbücher NO. 2
E-Book, Deutsch, Band 2, 168 Seiten
Reihe: Kölner Sudelbücher
ISBN: 978-3-6951-1531-0
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Wolfgang Walter, Jahrgang 1957, wuchs im Ruhrgebiet auf, arbeitete in Berlin als Journalist und Zeitungsredakteur, später dann in Köln als Produktionsleiter und Fernsehredakteur. Heute schreibt er als Buchautor und Essayist über deutsche Erinnerungskultur, politische Ethik, die Sprache des Krieges und die digitale Öffentlichkeit. Wolfgang Walter lebt seit 1994 in Köln und ist mit dem Kunst- und Lerntherapeuten Joachim Walter verheiratet.
Autoren/Hrsg.
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KRIEG & ERINNERUNG: VERDRÄNGTE WAHRHEITEN, FALSCHE HELDEN UND WAHRE HUMANISTEN
Die Medusa des Krieges
Am Anfang jedes Krieges steht eine Erzählung – selten wahr, oft mörderisch. 1914 beschwor das Deutsche Reich, man verteidige Kultur und Ehre, während es zugleich mit dem Osmanischen Reich den sogenannten „Dschihad-Plan“ schmiedete: Muslime in Afghanistan, Persien und Nordafrika sollten zum Aufstand gegen andere Kolonialmächte angestiftet werden1. 1939 inszenierte die SS den Überfall auf den Sender Gleiwitz, um Hitlers Angriff auf Polen zu tarnen2. 1964 rechtfertigten die USA ihren Krieg in Vietnam mit dem Tonkin-Zwischenfall, der so nie in der behaupteten Form stattgefunden hatte3. 2003 marschierte eine Allianz unter US-Führung in den Irak ein – auf der Suche nach Massenvernichtungswaffen, die nicht existierten4.
Der deutsche Autor Steffen Kopetzky arbeitete die letzten Jahre hauptsächlich an historischen Romanen - auch zu den zwei Weltkriegen. Kopetzkys Romane bewegen sich auf diesem Untergrund aus Täuschung, Propaganda und geopolitischem Kalkül – und stellen zugleich Figuren ins Zentrum, die, ob zufällig oder wider Willen, zum Widerpart der Lüge werden.
AFGHANISTAN 1914: EIN DEUTSCHER DSCHIHAD
In seinem Roman „Risiko“ gräbt Kopetzky eine historische Episode aus, die in den Schulbüchern kaum vorkommt: die Expedition unter Oskar von Niedermayer nach Kabul, inspiriert von Max von Oppenheim, dem Archäologen, Diplomaten und Orientalisten. Dieser entwarf 1914 eine Denkschrift, die in ihrer Systematik erschreckend modern wirkt: detaillierte Anweisungen zu Waffenschmuggel, Aufständen, Brandanschlägen – ein „Handbuch des Terrors“ avant la lettre5. Ziel war es, die Muslime der Kolonien gegen Frankreich, Großbritannien und Russland aufzuwiegeln, um die Gegner des Deutschen Reichs von innen zu schwächen.
Kopetzkys Protagonist Sebastian Stichnote, Marinefunker aus bescheidenen Verhältnissen, wird Teil dieser Expedition. Sein Weg führt durch Syrien, Bagdad, Teheran und Isfahan bis in die afghanische Wüste. Der Roman verbindet akribische Recherche mit epischer Breite und macht sichtbar, wie früh religiöse Energien als geopolitische Waffe instrumentalisiert wurden. Dass dieser „deutsche Dschihad“ scheiterte, ändert nichts an seiner Bedeutung: Er zeigt, wie die globale Dimension des Ersten Weltkriegs weit über die Schützengräben Flanderns hinausreichte.
HÜRTGENWALD 1944: DIE ALLERSEELENSCHLACHT ALS MENETEKEL
Kopetzkys Roman „Propaganda“ führt ins Herz der Finsternis des Zweiten Weltkriegs. Der Hürtgenwald, südlich von Aachen, wurde zwischen September 1944 und Februar 1945 zum Schauplatz einer der verlustreichsten Schlachten der US-Armee. Über 30.000 amerikanische und deutsche Soldaten starben oder wurden verwundet – ohne nennenswerten strategischen Gewinn6. Die Allerseelenschlacht im November 1944 gilt als Symbol für militärische Ignoranz, für den Preis sinnloser Beharrlichkeit - aber auch als Symbol für den geradezu übermenschlichen und zutiefst humanistischen Einsatz eines deutschen Hauptmanns und Truppenarztes. Der damals gerade 25jährige Arzt Günter Stüttgen behandelte – wie von den Genfer Konventionen vorgesehen – auch amerikanische Kriegsverwundet. „Zeitweise arbeitete er in seinem Sanitätsunterstand mit amerikanischem Sanitätspersonal zusammen. Hunderte von Soldaten beider Seiten verdankten Stüttgens engagiertem Einsatz ihr Leben.“ (Wikipedia).
John Glueck, die Hauptfigur des Romans, ist kein klassischer Kämpfer, sondern Propagandaoffizier – ein Spezialist für psychologische Kriegsführung. Er verehrt Hemingway, liebt die deutsche Kultur seiner Vorfahren und stößt zugleich auf den Abgrund der eigenen Mission: Worte als Waffe in einem Krieg, der sich der Sprache entzieht. Kopetzky verwebt historische Figuren – Hemingway, Salinger, Bukowski – mit der fiktiven Handlung, um zu zeigen, wie sehr Kriegserzählung und Literatur ineinandergreifen.
VON DER WALDSCHLACHT NACH VIETNAM 1965: DIE WAHRHEIT ALS VERRAT
Der Bogen des Romans endet nicht 1945. Zwei Jahrzehnte später findet sich John Glueck im Vietnamkrieg wieder, inmitten einer neuen Propagandaschlacht. Hier wird er – inspiriert von der Figur des realen Daniel Ellsberg – zum Whistleblower, der die Lügen der Mächtigen nicht mehr hinnimmt. Kopetzky macht damit deutlich, dass Kriege im 20. Jahrhundert nicht nur durch Waffen, sondern durch Narrative entschieden wurden. Die Veröffentlichung der Pentagon Papers 1971 zeigte, dass die US-Regierung die Öffentlichkeit systematisch über Ausmaß und Perspektiven des Krieges getäuscht hatte7.
HELDEN WIDER WILLEN
Die Romanfiguren Stichnote und Glueck sind keine strahlenden Sieger, sondern Getriebene, Suchende. Ihr „Heldentum“ besteht darin, den Mechanismen der Propaganda nicht zu erliegen – oder sie schließlich gegen die Mächtigen zu wenden. Kopetzky führt vor Augen, dass in der Moderne nicht der Sieg, sondern die Weigerung, an der Lüge mitzuwirken, zum entscheidenden Akt von Menschlichkeit wird.
WAHRHEIT ALS WIDERSTAND
In den Kriegsromanen Kopetzkys verbinden sich literarische Imagination und historische Genauigkeit. Er erzählt von Expeditionen in der Wüste, von Waldschlachten im Nebel, von der Sprache als Waffe – und immer auch von der Frage: Wer erzählt die Geschichte?
Die Antwort ist unbequem. Kriege werden von Lügen entzündet, aber sie bleiben nicht unwidersprochen. Kopetzkys Figuren zeigen, dass Heldentum in der Moderne dort beginnt, wo einer sich weigert, die Lüge weiterzutragen. Und dass die Wahrheit, so zerbrechlich sie auch ist, den längeren Atem hat.
Der kleine Frieden im großen Krieg
Heiligabend 1914. Über den Feldern Flanderns hängt Nebel, so schwer, dass er selbst den Schrei der Kanonen dämpft. Die Erde riecht nach Eisen, Blut und Frost. Zwischen zwei Schützengräben, kaum hundert Schritte voneinander entfernt, liegt das Niemandsland – eine gefrorene Wunde im Körper Europas.
Die Männer, die dort ausharren, sind jung, erschöpft, von der Kälte entstellt. Sie hatten geglaubt, Weihnachten daheim zu sein. Stattdessen sitzen sie in Schlamm und Dunkelheit, die Gewehre wie Krücken gegen die eigene Angst. Und dann geschieht das Unerhörte: Stille. Kein Schuss, kein Befehl. Nur eine Stimme, irgendwo aus einem deutschen Graben: „Stille Nacht, heilige Nacht“.
Drüben antwortet eine andere, gebrochen von der Entfernung: „Silent Night, Holy Night“. Zwei Melodien, die einander finden, wie zwei verirrte Brüder im Nebel. Die Front verwandelt sich in ein Flüstern. Und plötzlich wird gesungen – gemeinsam, auf beiden Seiten des Todesstreifens.
Was hier geschieht, ist kein geplanter Waffenstillstand, sondern eine spontane Rebellion gegen die Logik des Krieges. Männer, die sich tags zuvor noch beschossen, treten einander entgegen, tauschen Zigaretten, singen Lieder, spielen Fußball. Es ist, als hätte das Gewissen für einen Moment das Kommando übernommen.
DER GEIST DER MENSCHLICHKEIT
Leutnant Kurt Zehmisch, Lehrer aus Plauen, hat seinen Männern befohlen, an Heiligabend nicht zu schießen, „wenn es zu umgehen ist“. Ein unauffälliger Satz, und doch ein Sprung aus der Logik des Krieges. Sie stellen kleine Weihnachtsbäume auf, Kerzen brennen in leeren Patronenhülsen, die Sterne darüber wie Löcher im Himmel.
Zwei Sachsen klettern...




