Walter | Das Leben ist ein Vogelnest | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 1, 164 Seiten

Reihe: Kölner Sudelbücher

Walter Das Leben ist ein Vogelnest

Kölner Sudelbücher No.1
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-6951-2120-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Kölner Sudelbücher No.1

E-Book, Deutsch, Band 1, 164 Seiten

Reihe: Kölner Sudelbücher

ISBN: 978-3-6951-2120-5
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Wolfgang Walter schreibt mit Herz und Kante über das Ich, die Macht und die Hoffnung. Ein Appell gegen die scheinbare Ohnmacht des Einzelnen und gegen Mutlosigkeit. Ohne Umwege und ohne Schonung schreibt der Autor über das fragile Zusammenspiel unserer gesellschaftlichen Gegenwart, über die Fallstricke des Selbstbildes und die Zumutungen einer Ich-Gesellschaft im digitalen Dauerrauschen. Er verwebt persönliche Beobachtungen mit politischer Analyse, von gescheiterten Machtfiguren und europäischer Zensur bis zur Erosion demokratischer Verantwortung. Seine Texte umfassen die Spannungsfelder kultureller Identität, queerer Selbstbehauptung und gesellschaftlicher Ausgrenzung, beleuchten wirtschaftliche Ungleichheit, soziale Blindstellen und die Zerstörung öffentlicher Solidarität. In Vorbereitung ist ein zweiter Band der Kölner Sudelbücher mit dem Titel: Deutschland plant den Frieden. Darin wendet der Autor Wolfgang Walter den Blick auch auf Krieg, Militär und geopolitische Heuchelei und sucht inmitten von Doppelmoral, Gewaltbereitschaft und Desillusion nach gesundem Menschenverstand, Hoffnung und Zuversicht.

Wolfgang Walter, Jahrgang 1957, wuchs im Ruhrgebiet auf, arbeitete in Berlin als Journalist und Zeitungsredakteur, später dann in Köln als Produktionsleiter und Fernsehredakteur. Heute schreibt er als Buchautor und Essayist über deutsche Erinnerungskultur, politische Ethik, die Sprache des Krieges und die digitale Öffentlichkeit. Wolfgang Walter lebt seit 1994 in Köln und ist mit dem Kunst- und Lerntherapeuten Joachim Walter verheiratet.
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Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


ERSTES KAPITEL: DAS UNBEWUSSTE & DAS ICH


Lieber einen Umweg gehen als den Rückwärtsgang

Ich wollte immer zielstrebig sein. Stattdessen wurde mein Leben ein Parcours aus Umwegen, Irrwegen, Sackgassen – und Anekdoten. Bereue ich das? Vielleicht. Ein bisschen. Aber es gibt Kuchen.

Manchmal fragt man sich ja beim Blick in den Rückspiegel des Lebens: Was, zum Teufel, habe ich da eigentlich gedacht? Und warum hat mir niemand gesagt, dass man in einer Neunzig-Grad-Kurve besser nicht die Augen zumacht?

Seien wir ehrlich: Das Leben verläuft selten wie eine gut ausgeschilderte Autobahn. Eher wie ein navigationsloser Roadtrip bei Nebel, mit einem betrunkenen Beifahrer, der „rechts!“ ruft, wenn er „links!“ meint – und einem Navi namens „Erfahrung“, das immer erst dann spricht, wenn man längst falsch abgebogen ist.

Wir stolpern in Beziehungen, die wir schon beim ersten Date hätten abbrechen sollen („Er hat seine Mutter mitgebracht – das war irgendwie süß… oder?“). Wir studieren das Falsche („Japanologie mit Nebenfach Finanzrecht – irgendwas mit Kultur und Geld“). Wir ziehen in Städte, in denen uns niemand versteht – weder sprachlich noch menschlich.

Kurz: Unser Leben ist ein Labyrinth mit Hecken aus Humor. Und ausgerechnet an den tiefsten Sackgassen hängen die schönsten Postkarten. „Hier war ich – es war schrecklich – aber unvergesslich.“

Natürlich könnten wir sagen: Ich bereue. Ich hätte es besser wissen müssen. Ich hätte früher umkehren sollen, den Richtungswechsel wagen, den One-Night-Stand absagen, das Tofu nicht roh essen. Aber bereuen ist wie ein Sitzplatz im falschen Zug: Man kommt trotzdem nicht schneller ans Ziel.

Was bringt’s, wenn man in der Vergangenheit herumkramt wie in einer alten Besteckschublade? „Ach, hier ist noch die alte Entscheidung vom April 2007. Vollkommen falsch! Hätte ich damals doch den anderen Weg genommen!“ Vielleicht. Aber dann wärst du heute jemand anders – und würdest womöglich diese Entscheidung bereuen.

Reue ist nämlich ein Trick unseres Gehirns, das sich einbildet, es gäbe so etwas wie den richtigen Weg. Als gäbe es für unser Dasein eine Masterroute, die wir nur hätten erkennen müssen – wenn wir klüger, nüchterner, vorsichtiger gewesen wären. Doch das ist ein Mythos. Der Mensch ist nicht zum Geradeausgehen gebaut – er ist ein Kurvenwesen, ein Umweg-Erfinder, ein Serpentinenliebhaber.

Im Rückblick wirken viele Irrwege sinnvoll – weil sie uns verändert haben. Nicht immer zum Besseren, aber immerhin zum Anderen. Wer nie falsch gegangen ist, hat auch nie die versteckten Cafés des Lebens gefunden. Oder diese ganz besondere Kreuzung, an der zuerst alles schiefging – und plötzlich alles besser wurde.

Vielleicht sollten wir die Reue einfach durch etwas Produktiveres ersetzen: die Pointe. Statt: „Ich hätte es anders machen sollen“, sagen wir: „Es war ein Desaster – aber ich habe jetzt eine gute Geschichte.“ Vielleicht ist das die eigentliche Reife: nicht fehlerlos zu leben, sondern aus Fehlern Anekdoten zu machen.

Also, was tun mit den vielen Irrwegen, den stummen Sackgassen, den bitteren Umwegen? Nichts. Einfach weitergehen. Schmunzeln. Und notfalls ein Schild aufstellen: „Hier stand ich. War nicht mein stolzester Moment. Aber meiner.“ Und zur Belohnung gibt’s jetzt erstmal Kuchen.

Ich bereue nichts. Außer die Sache mit dem Tofu. Aber das ist eine andere Geschichte.

Der Feind in meinem Kopf


Ich kann mich gut an Zeiten erinnern, in denen wir gerne und herzlich gestritten haben: über Fußball, Atomkraft, Vegetarismus, die Pille oder den Umgang mit Safer Sex und AIDS. Cafés und Kneipen waren für uns alles in einem: Treffpunkt, Podium und Bühne – für Ansichten und Akteure jeder Couleur. Rechts, Mitte und Links galten als verlässliche Koordinaten unseres „Ich-hab-den-Durchblick-Wettbewerbs“. Keine Nacht war zu lang für endlose Diskussionen über die Zukunft im Allgemeinen oder Liebe und Sex im Besonderen. Die Community war unser Wohnzimmer, jede Demo ein Rockkonzert, unsere Haltung ein Manifest.

GUTE ZEITEN – MERKWÜRDIGE ZEITEN

Im Land meiner Eltern war die CDU unter Altnazis wie Alfred Dregger und Karl Carstens gefühlt rechter, als die AfD heute. Die FDP folgte noch den liberal-demokratischen Freiheitsidealen eines ethisch gefestigten Gerhart Baum. Die SPD stand mit Willy Brand noch für soziale Gerechtigkeit und Entspannungspolitik.

Als die Grünen 1983 erstmals in den Bundestag zogen, waren sie noch Ausdruck einer neuen Bewegung für Ökologie, Frieden und Feminismus. Nach der Wiedervereinigung zog auch die kritisch beäugte PDS ins gesamtdeutsche Parlament – als Nachfolgepartei der SED und Vorläufer der Linken.

Alle stritten sich. Streiten war Kultur. Eine, die von unterschiedlichen Standpunkten lebte – bis an die ausgefransten Ränder des gerade noch erträglichen. Unsere Wertegemeinschaft – eine „Konsensgesellschaft“. Unser Gegenüber – Gegner, nicht Feind.

WENDEPUNKTE

Das hat sich gründlich geändert. „Konsens“ heißt jetzt „Dissens“. Gestritten wird heute hart, aber herzlos. Gegner sind jetzt Feinde. Tritte und Schläge unter die Gürtellinie sind jetzt erlaubt. Gewalt gegen Menschen mit anderen Meinungen gehört wieder zum guten Ton. Dämonisieren, Verleumden und Hetzen haben wieder Konjunktur.

Die Veränderung kam nicht plötzlich. Sie kam als schleichender Prozess, der sich breit gemacht hat in unseren Köpfen. Spätestens mit der Massenflucht aus Syrien, Merkels „Wir schaffen das“, den Ereignissen um Corona und dem Überfall auf die Ukraine hat sich unsere westliche Gesellschaft gespalten und polarisiert.

UNS SELBER SELTSAM FREMD

Niemand ist immun gegen diese ungute Entwicklung. Sie schlägt nicht in eine bestimmte Richtung aus. Sie ist keine Erfindung der extremen politischen Lager. Vorurteile, Tratsch, Denunziation und Hass sind Blüten, die auch in alternativen Communitys und der Subkultur gut gedeihen.

Die sozialen Medien mutieren zu Schlachtfeldern der Befindlichkeiten. „Hatespeech“ statt Argumente. Mobbing statt Gedankenaustausch. Das trägt dazu bei, dass verschiedene gesellschaftliche Gruppen immer weniger miteinander sprechen.

Auch unsere Medien, die sogenannte „Vierte Gewalt“, verstärken häufig den Dissens, indem sie kontroverse Meinungen hervorheben, Polarisierungen fördern und damit die algorithmischen Filterblasen verstärken.

WENN DIE SONNE DER KULTUR TIEF STEHT, WERFEN AUCH ZWERGE GROßE SCHATTEN

Natürlich ist es irritierend, wenn die Vorsitzende der AfD mit einer Frau zusammenlebt. Wenn die Grünen plötzlich mehr Rüstungsausgaben fordern, als die CDU. Wenn mein ältester Jugendfreund immer noch irrational viel Fleisch konsumiert und mein gut aussehender Nachbar mit identitären Ideologien sympathisiert. Mein bisheriges Weltbild hängt schief. Meine alten Koordinaten sind wertlos geworden.

Muss ich mich anpassen? Meine Menschenkenntnisse gegen Mistrauen eintauschen? Meine Lust auf interessante Gespräche von möglichen ideologischen Differenzen meines Gegenübers abhängig machen? So ein Mensch bin ich nicht – und will es auch nicht werden. So eine Gesellschaft will ich nicht. Nicht in meinem Land und auch nicht anderswo.

WAS TUN?

Wie gehen wir damit um? Was können wir tun gegen die eigenen Vorurteile – und die Lust auf sprachliche Verrohung?

Mit dem Finger der moralischen Empörung auf andere zeigen, ist ein untaugliches Ablenkungsmanöver. Ausflüchte helfen nicht. Aber vielleicht Goethe:

Die Redewendung ist eine metaphorische Aufforderung zur Selbstverantwortung und Eigeninitiative: Wenn jeder Mensch bei sich selbst anfängt – sei es in moralischer, sozialer oder praktischer Hinsicht, kann auch das größere Ganze heilen. Unser Gemeinwesen, unsere Gesellschaft, wir selbst.

In einer polarisierenden Gesellschaft tendieren Menschen dazu, komplexe Probleme in einfache „richtig oder falsch“-Kategorien zu unterteilen. Das ist nicht nur intellektuell unredlich. Es ist die Kapitulation vor dem Schreckgespenst der Orientierungslosigkeit.

Eine Gesellschaft, die nur noch aus gegensätzlichen Lagern besteht, kann kaum gemeinsame Ziele verfolgen oder demokratische Entscheidungsprozesse gestalten – und erst recht kein Schutzraum sein für Individuelles und unsere wertvolle bunte Vielfalt. Es gibt eine Lösung.

Der...



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