Walsh | DAS TIEFE SCHWEIGEN | E-Book | www2.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

Walsh DAS TIEFE SCHWEIGEN

Der Krimi-Klassiker!
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7554-3530-3
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

Der Krimi-Klassiker!

E-Book, Deutsch, 208 Seiten

ISBN: 978-3-7554-3530-3
Verlag: BookRix
Format: EPUB
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Der junge katholische Priester Ed McDonald weiß zu viel über den Mord an seiner Schwägerin. Er glaubt sogar, den Mörder zu kennen... Was soll er der Polizei erzählen? Wenn er aussagt, besteht die Gefahr, dass ein Unschuldiger vor Gericht kommt! Und wenn er lügt, schützt er damit vielleicht einen Schuldigen...    Der Roman  Das tiefe Schweigen  des US-amerikanischen Kriminal-Schriftstellers Thomas Walsh (* 19. September 1908 in New York; ? 21. Oktober 1984 in Danbury) erschien erstmals im Jahr 1961; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1962 (unter dem Titel  Das Nadelöhr ).

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  Erstes Kapitel
    Es war genau zehn Minuten nach zwei, als Kaplan Edward McDonald den U-Bahnhof verließ. Der Regen hatte soeben aufgehört – den ganzen Vormittag über hatte er aufgehört und wieder eingesetzt. An der Ecke stand ein wartendes Taxi, und gleich gegenüber befand sich eine Haltestelle des Riverdale-Busses. Kaplan McDonald aber brauchte nur eine Sekunde, um zu beschließen, keines dieser öffentlichen Verkehrsmittel zu benützen. Bewegung, sagte er sich – einen flotten kleinen Spaziergang. Das war das Gegebene. Also ging er zu Fuß. Aber trotz der Ermahnung, die er sich selber soeben erteilt hatte, marschierte er keineswegs munter voran, sondern eher langsam und widerwillig – ein magerer, ernstblickender junger Mann, der im vergangenen Monat siebenundzwanzig geworden war und erst vor zwei Jahren die Priesterweihe erhalten hatte. Damit wollte er törichterweise das Unvermeidliche hinauszögern, weil er wusste, dass es im Haus der McDonalds, im Haus seines Bruders Frank, wieder Scherereien gab – diesmal, nach Kittys langem und aufgeregtem Anruf zu schließen, vermutlich recht tiefgehende und beunruhigende Scherereien. Nun lichtete sich im Westen für kurze Zeit der Himmel. Von der reinen, goldenen Oktobersonne beglänzt, deren Strahlen wunderlich durch den verweilenden Regendunst drangen, wanderte er die lange Steigung nach Riverdale hinauf. Nie hatten sie es verstanden, weder Frank noch Kitty, sich in eine gute, christliche Ehe einzuleben, ja, sie hatten es nicht ein einziges Mal im Verlauf der drei Jahre auch nur versucht. Warum nicht? Man will immer gern helfen, besonders als Priester, da einem diese Aufgabe zugewiesen ist, aber es besteht ein gewaltiger Unterschied zwischen dem Wunsch, in solchen Fragen helfend einzugreifen, und dem Vermögen, etwas auszurichten. Außerdem schien noch, überlegte er betrübt, immer dann, wenn die Schwierigkeiten sich im Schoß der Familie, zwischen den Brüdern McDonald abspielten, ein böser Geist dem armen Kaplan einen Knüppel zwischen die Beine zu werfen. Anderen Leuten gegenüber, mochten sie ihn noch so sehr reizen, gelang es ihm stets, eine gelassene, geduldig taktvolle und durchaus verständnisvolle Haltung zu wahren, während bei Frank, der ihm unter allen Menschen auf Gottes Erdboden am nächsten stand und der liebste war... Er seufzte. Schmerzlich war er sich seiner jähzornigen Veranlagung bewusst. Frank geriet ebenso leicht in Rage. Er schickte ein kurzes Stoßgebiet zum Himmel, bat um Beistand und Führung. Aber im Augenblick spürte er keinen Trost. Er ging weiter. Es gab Zeiten – und nun war es offensichtlich wieder einmal soweit gekommen –, da der junge Kaplan zu der lästigen und unerwünschten Überzeugung gelangte, aus irgendeinem Grunde sei buchstäblich ein Babelturm errichtet worden und bis heute nicht verschwunden, ein irres Durcheinander konfuser Gedanken und Regungen, die dem Menschen nicht auf der Zunge liegen, sondern weit tiefer und unzugänglicher in ihm verwurzelt sind, nämlich in seiner Seele. Auf jeden Fall leuchtete ihm ein, dass er in letzter Zeit nicht mehr fähig war, seinen Bruder Frank zu begreifen, während selbstverständlich Frank seinerseits ihn nicht begreifen konnte. Und Kitty? Er schauderte ein wenig im warmen und angenehmen Sonnenschein der Nachmittagssonne, wartete an einer Verkehrsampel und bog an der nächsten Ecke in die mit den Schatten und Lichtern der belaubten Baumwipfel gesprenkelte Dunkirk Avenue ein. Nun tauchten vertraute Wegzeichen auf. Gleich dort drüben lag der Bonbon- und Papierladen, in dem die alte Mrs. Mandelbaum die Abendzeitungen genauso zurechtlegte wie damals vor siebzehn Jahren, wenn der kleine Eddie McDonald von der Schule nach Hause ging. Einen Schritt weiter: das schwedische Feinkostgeschäft, in dem die Familie McDonald seit jeher den kalten Braten und den Kartoffelsalat fürs sonntägliche Abendbrot eingekauft hatte. Und nach einer Weile, gleich um die Ecke in der Avenue selbst, kam Charley Foleys Shamrock-Bar mit ihrer schummrigen Stille hinter dicht vorgezogenen Gardinen zum Vorschein. Nun war er schon fast angelangt – aber wusste er denn, was er in ein paar Minuten zu sagen gedachte, sobald er vor dem Bruder stand? Wusste er bereits, wie er es anpacken würde, ihm in seiner momentanen Klemme, was auch immer dahinterstecken mochte, behilflich zu sein – ihm und auch Kitty? Anscheinend nicht. Deshalb wurden seine Schritte noch schleppender, als er an der anderen Seite der Dunkirk Avenue den von Unkraut überwucherten leeren Bauplatz erblickte, auf dem eines Sommers er und Frank zusammen mit Ray Mitchell aus der Amberley Avenue und dem Hanswurst McGoffin aus der 238. Street aus Holzresten ein Clubhaus zurechtgezimmert hatten. Sie hatten auch den zugehörigen Club gegründet – den Bund der Guten Kameraden –, und Frank hatte ein feierliches Einweihungsritual ersonnen oder vielmehr zum größten Teil aus den Sherlock-Holmes-Geschichten kopiert. Nun fielen dem Kaplan wieder einige der Wendungen ein: Was opfern wir? Alles, was unser ist. Warum opfern wir es? Um der Pflicht willen... Um der Pflicht willen... Ach ja, dachte er wieder mit kläglichem Missmut, allzu schnell ist die Zeit da, kindische Scherze und damit die unbefleckte selige Unschuld des Kindes von sich abzutun. Und dann weiß man auch gar nicht mehr, wem die Pflicht gilt und wem das Opfer... Also... Nun aber erblickte er an der nächsten Ecke das Haus, ein großes, altmodisches, grün-weiß angestrichenes Gebäude, mit einem runden Fächerfenster über der Eingangstür, einem Erkerfenster im Wohnzimmer zur Rechten und einem zweiten im Esszimmer zur Linken. Die Zufahrt war neu angelegt, und an der Südseite, gegen die Forest Avenue zu, war im vergangenen Jahr ein völlig neuer Flügel errichtet worden, um die ständig wachsende Ortspraxis Dr. med. Frank McDonalds zu beherbergen; aber' abgesehen von solchen modernen Neuerungen war es in den Augen des Kaplans noch immer das behagliche Elternhaus, an das er sich liebevoll erinnerte. Immer, wenn er dorthin zurückkehrte, stieg ein warmes, frohes Gefühl in ihm auf, und auch jetzt überfiel es ihn mit einem Mal: Es muss etwas zu machen sein, sagte er sich, warum denn nicht! Zuweilen sind mit Gottes Hilfe die schwarzen Stunden zu guter Letzt gar nicht mehr so schwarz. Frank würde auf ihn hören, er und Kitty würden sich bewegen lassen, trotz der Schwierigkeiten des Zusammenlebens einen frischen Start zu versuchen, und dann würde bestimmt... Aber das gute Gefühl erlosch ebenso hastig, wie es aufgeflammt war, und blieb weg. Kitty... Er nahm sich zusammen. Dann öffnete er das Gittertor, ging über den Fliesenpfad und klingelte. Drinnen, dicht hinter der Tür, waren Stimmen und gleich darauf Schritte zu hören. Dann machte Kitty ihm die Tür auf. Hinter ihr standen drei Männer in dem sonnigen und freundlichen Vorraum. Der eine war Bruder Frank – groß, mit stumpfer, mürrischer Miene. Den zweiten erkannte der Kaplan sogleich mit Freuden wieder: Das war Ray Mitchell, vor nicht allzu langer Zeit Buck, der Apachenkrieger, nun aber ein kräftiger junger Mann mit braunem Haar, derben Zügen, hellen, klaren blauen Augen. Der dritte war ihm fremd. »Ed!«, rief Kitty aus. Sie machte die Tür weit auf und heuchelte großes Erstaunen, obwohl sie vor einigen Stunden angerufen hatte. Gleichzeitig warf sie einen raschen verstohlenen Blick auf Frank, als wollte sie feststellen, wie er auf den Besuch reagiere. »Das ist eine Überraschung! Komm herein. Du erinnerst dich an Ray Mitchell, nicht wahr?« Aber die beiden drückten einander bereits herzlich die Hand. »Also hast du es endlich geschafft«, erklärte Ray Mitchell, zuerst etwas verdutzt, während er den schwarzen Anzug und den Priesterkragen mit kritischen Blicken betrachtete. »Du heiliger – hm, Strohsack, es sieht wirklich so aus, als hätten wir einen waschechten hochwürdigen Herrn in unserer Mitte. Schau, schau! Erinnerst du dich, Frank, was für ein Teufelskerl dein kleiner Bruder war? Erinnerst du dich, wie...« »Na, setzen wir uns doch!«, warf Kitty in scharfem Ton ein. »Setzen wir uns hin und erinnern wir uns, wie dies war und wie jenes war... Ach, die gute alte Zeit!« Fast boshaft knallte sie die Tür hinter dem Kaplan ins Schloss. Frank musterte sie ausdruckslos, die Lippen fest zusammengepresst. Dann wandte er sich zu seinem Bruder und begrüßte ihn mit einem Kopfnicken, wich aber sofort wieder seinem Blick aus. Nun aber, da sie kaum die ganze Breite des Vorzimmers zwischen sich hatten, trat die physische Ähnlichkeit der beiden Brüder schlagartig zutage. Beide hatten die gleiche für die McDonalds charakteristische hohe, schmale Figur, das straffe pechschwarze Haar, den klaren, gesunden Teint und auch die schönen Augen der McDonalds – von einem warmen, sensiblen Grau, wach und flink, intelligent. Bei dem fünfeinhalb Jahre älteren Frank jedoch hatte sich in der letzten Zeit ein ganz neuer, ominöser Zug entwickelt, eine nervöse Ungeduld und Streitsucht, während für den Kaplan eine edlere, jugendlich asketische Miene kennzeichnend war, eine Miene, die zuweilen von dem schmerzlichen Unbehagen eines hochgesinnten und frommen Menschen zeugte, dem alle die bitteren Fehltritte des Fleisches irgendwie seltsam und unbegreiflich erscheinen – ein düsteres, fremdes Gebiet, beherrscht von unbekannten Mächten. Immer wieder musste Kaplan McDonald sich darauf aufmerksam machen, dass die Menschen schlechter, schändlicher Handlungen fähig sind – auch gute Menschen – Menschen wie Frank. Aber warum? Gibt es denn nicht das Gebet und die göttliche Gnade, die der Mensch in aller Demut erflehen darf? Das bedeutet, dass der Mensch jeder Versuchung widerstehen kann. Warum geschieht es...



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