E-Book, Deutsch, 216 Seiten
Walsh BEI NACHT IM CENTRAL PARK
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7554-3318-7
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Der Krimi-Klassiker!
E-Book, Deutsch, 216 Seiten
ISBN: 978-3-7554-3318-7
Verlag: BookRix
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Nachher kam es Mr. Malone so vor, als sei die ganze Geschichte von Anfang an mysteriös, aber gleichsam schicksalhaft und unentrinnbar gewesen. Zum Beispiel: das junge Mädchen. In der letzten Zeit hatte sie jeden Morgen dort oben am Fenster, der Leihbibliothek gesessen, wenn er um halb zehn in dem von seiner Firma gestellten Wagen mit Chauffeur unten vorbeifuhr, dann reckte er den Hals und drehte sich auf dem Vordersitz um, als wolle er eine seiner Dollarzigarren zum Fenster hinauswerfen, und spähte zu dem dunklen, schmalen Köpfchen hinauf, zu dem angenehm wärmenden Lächeln (das leider nicht Mr. Malone, sondern den Bücherwürmern dort oben galt) und dem einfachen dunklen, Kleid, von dem aller Schick und alle Eleganz der Welt ausstrahlten wie ein edles Parfüm. Ja, es war, recht sonderbar. Der Roman Bei Nacht im Central Park des US-amerikanischen Kriminal-Schriftstellers Thomas Walsh (* 19. September 1908 in New York; ? 21. Oktober 1984 in Danbury) erschien erstmals im Jahr 1959; eine deutsche Erstveröffentlichung erfolgte 1961 (unter dem Titel Nachts im Central Park ).
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Zweites Kapitel
Halb fünf in der Maddock-Garage war aber die denkbar schlimmste Zeit, die Chrissy Fitzgerald sich aussuchen konnte, um irgendwelche Auskünfte über die Aktentasche einzuholen. Dort waren in diesem Augenblick hundert Dinge gleichzeitig zu ordnen, und alle lasteten sie auf Mr. Malones Schultern. Und als er merkte, dass der Starter Red Leary sich unten am Straßeneingang mit einem Frauenzimmer unterhielt und zu ihm hinaufdeutete, kehrte er der durchaus unerwünschten Besucherin den Rücken; und er drehte sich auch nicht um, als sie ihm zögernd vom Rampenabsatz aus das eine oder andere zu erklären begann. Er ignorierte sie jedoch nicht ganz und gar. Bei solchen Gelegenheiten hatte er Augen im Hinterkopf und auch Ohren. Und das hielt Mr. Malone für sehr angebracht. Er konnte sie brauchen. »Na schön, na schön, na schön!«, warf er schließlich ein, als er begriffen hatte, während er mit ruckartigen Bewegungen des rechten Armes und ungeduldigen Randbemerkungen in wild urwüchsigem Englisch die abfahrenden Taxis antrieb. »Sie tragen nach einem Chauffeur mit Mütze und karierter Jacke... einer Art karierter Jacke. Heiliger Strohsack! Das nenne ich eine gute Beschreibung, prima. Wie heißen Sie denn, Kleine?«, »Kleine?«, sagte die Stimme, anscheinend ein wenig unsicher. »Chrissy – das heißt, Christina Fitzgerald. Aber nicht ich habe die Aktentasche verloren – mein Vater hat sie verloren. Sehen Sie...« »Dalli, dalli – schneller, schneller!«, brüllte Mr. Malone, sie abermals ungeniert unterbrechend. »Leary! Was ist denn dort unten los? Mach, dass es vorangeht. Wer hält dich denn auf?« Drohend blickteer hinunter, die Hände in die Hüften gestemmt, die stämmigen Beine gespreizt. Dann drehte er sich endlich um und sah ein zierliches, sehr distinguiertes junges Mädchen mit schwarzem Haar, wirklich ungewöhnlich blauschwarzen Augen und schmalen Zügen vor sich stehen. Kannte er sie nicht von irgendwoher? Vielleicht, dachte Mr. Malone, aber nicht mit diesem Hut. Er winkte ihr ziemlich herrisch mit dem rechten Zeigefinger. »Okay, Christina, okay! Kommen Sie mal her. Ich werde Ihnen was zeigen.« Und er zeigte ihr eine riesenhafte, hallende Höhle voller Chauffeure und Taxis. Die Wagen standen Stange an Stange vor den Benzinpumpen, die wartende Schlange erstreckte sich bis an ein Seitentor. Alle paar Sekunden kreischten Bremsen, von allen Seiten her wurde gehupt, Scheinwerfer blitzten und funkelten unter grünlichem Auspuffdunst. Ferner wurde rechts von Mr. Malone ein Name nach dem anderen durch den Lautsprecher ausgerufen, und dieser Aufforderung folgend, stellte sich eine Horde von Fahrern in Windjacken und Pullovern, in Lederjacken und langen, abgetragenen alten Mänteln am Abfertigungsschalter an. Dreiviertel dieser Männer trugen Mützen, der Rest war barhäuptig. Mit einer weit ausholenden Gebärde deutete Mr. Malone auf die Mützen und die bunte Vielfalt der Kleidung. »Nun schauen Sie mal selber hin!«, sagte er schroff. »Dann sagen Sie mir, wie viele Tuchjacken und wie viele Mützen Sie sehen. Dort drüben meldet sich die Tagschicht ab – wir haben gerade Schichtwechsel, ja? – und dort unten an der anderen Seite sehen Sie die Nachtschicht antreten, nachdem Jimmy die Namen aufgerufen hat. Und meine Aufgabe«, seine Stimme war jetzt voll schwerfälliger Ironie, tja, ich habe weiter nichts zu tun, als Abend für Abend vierhundert Maddock-Taxis zu expedieren – sie abzunehmen, mit Benzin zu füllen, die Fahrer zu bezahlen, die Wagen wieder loszuschicken –, aber Sie scheinen sich einzubilden, ich kann Ihnen einen bestimmten Fahrer aus vierhundert oder, wenn man die Nachtschicht mitrechnet, achthundert Mann im Handumdrehen herausgreifen. Ausgeschlossen. Ich kann’s nicht. Und das gebe ich ruhig zu. Suchen Sie sich den Mann. Los! Das möchte ich nämlich gerne erleben.« »Ach«, sagte Christina verzagt. Sie spielte nervös mit ihrer Handtasche. »So viele! Ich verstehe allmählich, was Sie meinen, Mr. Malone.« »Sicher«, sagte Mr. Malone und klatschte auf das Blech eines in der Nähe, stehenden Maddocks in der brüsken und doch zugleich salopp liebevollen Art, mit dem ein Stallknecht seinem Lieblingshengst eins auf die Kruppe haut. »Aber ich will Ihnen etwas sagen: Morgen früh lasse ich durch zwei meiner Kontoristinnen im Büro die Fahrtenkarten kontrollieren, das sind die Karten, auf die der Taxichauffeur schreibt, wo er einen Fahrgast mitgenommen hat, zu welcher Zeit, wie viel es gekostet und wo er ihn abgesetzt hat. Dahn vergleichen wir die Angaben und stellen fest, mit wem der Herr Papa heute Nachmittag gefahren ist. Im Augenblick aber... Tja, wer war es denn? Einer von der Tagschicht, der gerade aufhörte, öder einer von der Nachtschicht, der gerade anfing? Verstehen Sie den Pfiff, Christina? Unmöglich zu sagen. Harte Nuss, was?« Aber wer ist denn die junge Dame?, fragte sich Mr. Malone nach wie vor. Er begann sie insgeheim zu beäugen. Sehr adrett und damenhaft, gute, graziöse Haltung, schöne Frisur – und dabei kam sie ihm so bekannt vor, so irritierend bekannt... Dann ging ihm ein Licht auf. Einen Augenblick lang war er sprachlos. Hastig nahm er die Zigarre aus dem Mund. »Heiliger Strohsack!«, rief er. »Aber natürlich! Ich wusste, ich muss Sie schon mal gesehen haben. Sie sind das Mädchen aus der Bibliothek. Das Mädchen am Fenster...« Seine Miene änderte sich jäh und war nun von einer so verdutzten und unverkennbar männlichen Bewunderung erfüllt, dass Miss Christina Fitzgerald merklich errötete, vom Hals bis zum Haaransatz. »Natürlich. Was hat mich denn nur getäuscht...? Passen Sie auf, Christina. Damals vor zwei Wochen, als ich dort war, trugen Sie eine Brille, eine süße Brille. Richtig.« »Wie?« Wieder wurde sie unsicher. Brille, mochte sie sich sagen – eine süße Brille. Du lieber Gott, was sollte das bedeuten? Aber nun war Mr. Malone verdattert. Was hatte er bloß auf sie für einen Eindruck gemacht? He, Kleine – so hatte er sie angeredet –, komm mal her, mach gefälligst die Augen auf! Autsch! Wo ist der Revolver? Mr. Malone hätte sich auf der Stelle eine Kugel in den Kopf schießen mögen. »Jeden Morgen sehe ich Sie dort sitzen«, blubberte er hervor, in verzweifeltem Bemühen, alles wieder schön glatt zu kriegen und keine Missverständnisse bestehen zu lassen. »Ich fahre eigens dort vorbei, nur um zu... Passen Sie auf. Sie haben mir damals zwei Bücher gegeben – da stand allerlei drin über den Erfolgreichen Chef von heute. Wie er sich eine einnehmende Art zulegt, wie er mit den Leuten redet, ja sogar, wie er sich kleidet. Ich habe die Bücher gelesen, Christina – oder mir zumindest große Mühe gegeben. Vorige Woche bin ich losgezogen und habe mir alles gekauft, was dort empfohlen wird – sogar den Homburg, Wie schaue ich aus? Glauben Sie, es hat genützt?« Und mit sichtlichem, eigentlich peinlichem Eifer präsentierte er sich von Kopf bis Fuß. Inzwischen aber war ihm Miss Christina Fitzgerald irgendwo weit hinten in einer Kurve abhandengekommen. Sie konnte sich nicht fassen. »Ja...«, sagte sie. »Leider kann ich nicht ganz...« Malone unterbrach sie, plötzlich ein wenig deprimiert. »Freilich nicht. Natürlich nicht. Hopfen und Malz verloren, ha? Na ja...« Er merkte, dass Onkel Hymie und einige andere Fahrer ihn anstarrten, verdutzt und ungläubig, als ob ein verlegener und stotternder Mr. Malone unter allen Umständen jedes menschliche Begriffsvermögen übersteige. Wieder begann er zu babbeln. »Aber wissen Sie was? Ich bin neugierig, was Sie sonst noch für Bücher haben. Ich habe darüber nachgedacht. Vielleicht was Schönes über die Taxibranche?« »Das weiß ich im Augenblick nicht«, erwiderte Christina Fitzgerald mit einem unsicheren Lächeln. »Das kann ich Ihnen nicht sagen, Mr. Malone.« Mr. Malone stellte fest: kein Ring am Finger, kleine, zarte Ohren, genauso, wie er sie in Erinnerung hatte, ein reiner, hellbrauner Teint und alles an ihr so nett und freundlich – irgendwie warm und doch für einen Menschen wie Mike Malone so fern, so kühl und unberührbar, da es ihm wieder tief drinnen weh zu tun begann. Schnell muhte er seine Lippen befeuchten. Sie, fuhr fort: »Ich könnte im Katalog nachsehen. Aber im Augenblick muss ich sagen, dass das ein – ja, ein sehr enges Spezialgebiet ist, finden Sie nicht auch, Mr. Malone?« »Ha?«, sagte Mr. Malone. Dieser dumme Straßenjargon, den er sich angewöhnt haue. Ha? So – so dumm! Er nahm den Hut ab, sah sich nach einem rettenden Hafen um und bugsierte sie dann in einen kleinen Büroraum, der ihm noch nie so durch und durch schäbig und abscheulich vorgekommen war. »Da haben. Sie etwas sehr Interessantes gesagt«, fuhr er atemlos fort. »Spezialgebiet. Junge, Junge! Vielleicht sollte ich mal was darüber schreiben. Glauben Sie, dass ich das schaffe? Aber im Augenblick«, er drehte sich um, sah Onkel Hymie verstohlen und neugierig hereinglotzen und knallte die Tür zu, »im Augenblick muss ich Ihnen raten, sich wegen der Aktentasche mit Ihrem Polizeirevier ins Benehmen zu setzen, denn die Sache ist die, Christina, es gibt da gewisse behördliche Vorschriften; Gegenstände, die in einem Taxi gefunden werden, müssen dem nächstgelegenen Polizeirevier gemeldet und dort hinterlegt werden. Wie ist Ihre Adresse?« Sie gab sie ihm. Mr. Malone notierte sie, schrieb ihr auf einem zweiten Blatt Firmenpapier das zuständige Revier auf und ertappte sie dabei, wie sie schnell und diesmal recht konsterniert den Blick von einem der pikanten Kalender Red Leary abwandte: Rückansicht eines goldenen Frauenkörpers mit einem kurzen, restlos durchsichtigen schwarzen Nachthemdehen, einem...




