Praxishandbuch zur Suizid-Postvention für Einsatzkräfte, Care-Teams, Pflege-, Gesundheits- und Seelsorgeberufe
E-Book, Deutsch, 248 Seiten
ISBN: 978-3-456-76136-7
Verlag: Hogrefe AG
Format: EPUB
Kopierschutz: Adobe DRM (»Systemvoraussetzungen)
Zielgruppe
Einsatzkräfte, Care-Teams, Pflege-, Sozial- und Seelsorgeberufe
Autoren/Hrsg.
Fachgebiete
- Medizin | Veterinärmedizin Medizin | Public Health | Pharmazie | Zahnmedizin Pflege Psychiatrische Pflege
- Medizin | Veterinärmedizin Medizin | Public Health | Pharmazie | Zahnmedizin Pflege Unfall- und Notfallpflege
- Sozialwissenschaften Soziologie | Soziale Arbeit Soziale Arbeit/Sozialpädagogik Soziale Arbeit/Sozialpädagogik: Kranken-, Alten- und Behindertenhilfe
Weitere Infos & Material
|17|Einleitung
In diesem Kapitel erfahren Sie, was Suizid ist und worum es in diesem Buch geht. Sie werden informiert über Risiken, Auswirkungen und falsche Vorstellungen im Zusammenhang mit Suizid und über die Wirkung von Worten und Einstellungen. Ich werde erklären, was Suizid-Postvention ist und wie sie in akuten Stresssituationen genutzt werden kann, um das Gefühl der Machtlosigkeit zu mildern. Dieses Buch wendet sich an alle, die mit der Zeit unmittelbar nach einem Suizid konfrontiert sind und die in diesem Bereich arbeiten. Als Polizist begegnen Ihnen im Laufe Ihres Berufslebens wahrscheinlich Dutzende von Suiziden. Auch die Besatzung von Krankenwagen, Feuerwehrleute, Ärzte und ärztliche Leichenbeschauer werden nach einem Suizid gerufen. Auch Kriseninterventionsteams und Kollegen aus der Notfallseelsorge werden gegebenenfalls geschickt. Dies sind nur ein paar Berufe, die mit Suizid zu tun haben, doch es gibt noch viele andere Berufe, die involviert sind, wenn sich jemand das Leben genommen hat: Schullehrer, Arbeitgeber, Kollegen, Geistliche, Bestattungsunternehmer, Allgemeinmediziner, Sozialarbeiter, Krankenhausmitarbeiter und das Gefängnispersonal sind häufig in Mitleidenschaft gezogen und/oder involviert. Dieses Buch richtet sich an alle, die mehr darüber wissen wollen oder müssen, worauf es in der Zeit nach einem Suizid ankommt. Ich war in den beinahe 20 Jahren meines Berufslebens bei vielen Suiziden als Ersthelferin tätig. Doch am Anfang war ich auf das, was ich erlebte, in keiner Weise vorbereitet. In diesem Buch werde ich Fragen beantworten, die mir oft gestellt werden und mein Wissen weitergeben. Einen Großteil dessen, was ich damals gebraucht hätte, konnte ich in der Literatur nicht finden. Für mich gehört dies zum Grundwissen und sollte in die Grundausbildung integriert werden, denn es ist traurige Realität, dass jeder Ersthelfer mit Suiziden konfrontiert wird. |18|Das Thema Suizid ist so komplex, dass ich keine schnellen Lösungen und einfachen Antworten anzubieten habe. Ich hoffe, dass ich Sie befähigen kann, eigene Lösungen und Möglichkeiten zu finden, die Ihr persönliches Instrumentarium erweitern. Sie werden lesen, dass Sie selbst das Instrument sind. Aber: Lesen und lernen Sie und passen Sie das erworbene Wissen an Ihre persönlichen Werte und Erfahrungen an. Bitte nutzen Sie das Quellenverzeichnis am Ende des Buches oder kontaktieren Sie mich, wenn Sie mehr Informationen brauchen. Ich bin in den Niederlanden geboren und lebe zurzeit in Deutschland. Ich bin Pflegefachfrau mit Schwerpunkt Psychiatrie und habe mich auf Psychotraumatologie spezialisiert. Später wurde ich Ersthelferin und Fachberaterin im Bereich kritische Ereignisse (critical incident manager). Ich halte Vorlesungen und Lehrveranstaltungen in verschiedenen Ländern ab und berate nationale und europäische politische Entscheidungsträger, wenn es um psychosoziale Probleme sowie strategisches und taktisches Notfallmanagement geht. Ich bin Leiterin des Krisenunterstützungsdienstes Suicide Bereavement UK (SBUK), der Beratung und Training in Suizid-Postvention anbietet. SBUK hat das weltweit erste evidenzbasierte Suizid-Postventionstraining entwickelt. In Studien mit Hinterbliebenen, Betroffenen, Hausärzten und in einer internationalen Studie mit Einsatzkräften entwickelten wir ein evidenzbasiertes PABBS Training (Postvention; Assisting those Bereaved By Suicide). Das Training wurde tausendfach unterrichtet und evaluiert. In diesem Jahr starten wir mit unserem evidenzbasierten ESPR-Training (Emergency Services Postvention Response), das wir spezifisch mit und für Einsatzkräfte entwickelt haben. Wir halten alljährlich eine internationale Konferenz in Manchester ab und führten die größte wissenschaftliche Erhebung durch, die jemals zum Thema suizidale Todesfälle durchgeführt wurde. Sie können sich unsere wissenschaftlichen Publikationen und die Hinterbliebenenstudie (mit über 7?000 Teilnehmenden) kostenfrei herunterladen. Während meiner mehr als zwanzigjährigen Tätigkeit in diesem Bereich habe ich gelernt, demütig zu sein; es gibt so viele Dinge, die wir noch nicht wissen und die es zu erforschen gilt. In meinem Beruf haben Weiterbildung und ständiger Austausch zwischen Theorie und Praxis oberste Priorität. Gemeinsam können wir sehr viel mehr schaffen! Bevor wir anfangen
Sollte irgendein Teil des Buches bei Ihnen suizidale Gedanken auslösen, seien Sie vorsichtig. Sprechen Sie mit jemandem oder suchen Sie im Internet nach Unterstützung, die Ihren persönlichen Bedürfnissen gerecht wird. In jedem Land gibt es |19|zahlreiche vertrauenswürdige Einrichtungen, die kostenlos Unterstützung anbieten. Am Ende des Buches finden Sie entsprechende Links. Es ist O.?K., nicht O.?K. zu sein, doch bitte bedenken Sie: Selbsttötung schließt nicht die Wahrscheinlichkeit aus, dass das Leben schlimmer wird – Selbsttötung schließt die Möglichkeit aus, dass es jemals besser wird. Das erste Kapitel gibt einen allgemeinen Überblick über das umfangreiche Gebiet der Suizidologie. Es ist bewusst knapp gehalten, aber Sie finden am Ende des Buches Literaturempfehlungen, falls Sie sich weiter informieren möchten. Es gibt viele gute Bücher und Links über Hintergründe und Suizidforschung. Was ist Suizid?
Das Wort Suizid stammt aus dem Lateinischen und wird oft übersetzt als „gezielte Selbsttötung.“ Sui bedeutet „selbst“ und …zid ist abgeleitet von caedere, was „erschlagen“ oder „schlagen“ heißt. Nach der Lektüre des Buches werden Sie einsehen, dass sowohl gezielte Selbsttötung als auch Tötung anders übersetzt werden muss. Es gibt eine Menge Literatur zum Thema Suizid und in Kap. 5 erfahren Sie, wie unsere Einstellung gegenüber Suizid sich im Laufe der Jahrhunderte gewandelt hat. Es wurde der Versuch unternommen, das komplexe Thema Suizid aus soziologischer, psychologischer, epidemiologischer, historischer und biologischer Sicht darzustellen. Ich habe mich mit vielen Texten auseinandergesetzt, doch ich halte die Arbeit des Suizidologen Edwin Schneidman für die wichtigste. Er untersuchte Suizide seit mehr als 50 Jahren, analysierte die Literatur und, was wichtig ist, arbeitete direkt mit Betroffenen, also den Menschen, die ihr Leben beenden wollten, jedoch überlebt haben. Es existiert keine Definition von Suizid, die seiner Komplexität in vollem Umfang Rechnung trägt. Ich werde zeigen, dass der Vergleich verschiedener Suizide bestimmte Faktoren und Ähnlichkeiten offenbart und dass die Menschen, die durch Selbsttötung sterben, sich nicht bewusst für den Tod entscheiden, sondern ihr Leid beenden wollen. Worum es in dem Buch nicht geht
Als Niederländerin kenne ich die vielen Probleme im Zusammenhang mit dem Thema ärztliche Sterbehilfe. Allein dieses Thema ist äußerst komplex und wird in verschiedenen Ländern sehr unterschiedlich bewertet. Ich lebe derzeit in Deutschland, wo ich nicht einmal den Begriff Euthanasie benutzen kann, weil sei|20|ne negative Konnotation die Menschen an die Gräuel des Zweiten Weltkriegs erinnert. Ärztliche Sterbehilfe ist in Deutschland noch keine Option. Im Februar 2020 kippte das Bundesverfassungsgericht das Verbot auf Sterbehilfe und derzeit wird politisch diskutiert, ob es eine Ausweitung der Möglichkeiten in Deutschland geben soll. Auch in Österreich findet derzeit ein ähnlicher Wandel statt. In der Schweiz gibt es schon länger mehr Möglichkeiten. In den Niederlanden, die nur durch eine offene Grenze von Deutschland getrennt sind, wird Euthanasie täglich offen ermöglicht und diskutiert – was für ein gewaltiger Unterschied. Für mich ist Euthanasie ein Teilbereich der Suizidologie. Jede Diskussion über das Thema sollte die Richtlinien für die Suizid-Berichterstattung (Medien) berücksichtigen (s. Kap. 4). Auch wenn bestimmte Informationen dies suggerieren, geht es in diesem Buch nicht um ärztliche Sterbehilfe. In dem Buch geht es auch nicht um ein anderes komplexes Forschungsgebiet; es geht nicht um Selbstverletzung, Parasuizid, indirekten Suizid oder um unbeabsichtigte Todesfälle. All diese Begriffe können Sie zusammen mit den entsprechenden Definitionen und Hintergründen in der Literatur finden. Sie beziehen sich auf Fälle, in denen...